21.05.1984

JUGOSLAWIENWeißer Riese

Der tote Tito soll nach wie vor eine Geburtstagsfeier bekommen. Doch die Jugend will keine Heldenverehrung mehr. *
Ginge es nach den jugoslawischen Parteifunktionären, dann hätte die Jugend des Landes den Geburtstag ihres 1980 verstorbenen Führers Tito auch in diesem Jahr gefeiert wie einst im Mai.
Aber Jugoslawiens Jugend will nicht mehr mitspielen. In Leserbriefen an die Parteizeitungen hat sie die bisher als Massendemonstration begangenen Geburtstagsfeiern Titos am 25. Mai als "kitschige Heldenverehrung" erklärt und die Veranstalter inzwischen so verunsichert, daß die das Programm zur geheimen Verschlußsache erklärten.
Die Geburtstagsfeiern für den vor vier Jahren verstorbenen Marschall waren schon zu seinen Lebzeiten mehr eine Staatsaktion, mehr auch als die Würdigung eines sehr persönlichen Datums.
Denn geboren ist Josip Broz, im Partisanenkrieg Tito genannt, laut Eintragung im Pfarrbuch der Dorfgemeinde Kumrovec in Kroatien am 7. Mai 1892 als siebtes Kind einer Kleinbauernfamilie, die insgesamt 15 Kinder bekam.
Aber am 25. Mai 1944, also vor genau 40 Jahren, entging der inzwischen zum Partisanenchef aufgestiegene Genosse Tito in seinem felsigen Schlupfwinkel bei Drvar nur mit knapper Not einer militärischen Strafexpedition, die deutsche Besatzer unter dem geheimen Kode "Rösselsprung" mit Unterstützung von Fallschirmjägern gegen die kommunistischen Partisanen angestrengt hatten.
"Ich fühle mich wie zum zweiten Mal geboren" gestand der unter schweren Verlusten gerettete Chef. Titos Genossen, auf Heldenlegenden bedacht, nahmen die Bemerkung nach dem Krieg wörtlich: Seit der kommunistischen Machtübernahme feiert Jugoslawien den 25. Mai als Titos Geburtstag, der zudem auch noch den Titel "Tag der Jugend" bekam.
Denn die Jugend des Vielvölkerstaates, in den frühen Nachkriegsjahren noch zur Mehrheit im kommunistischen Jugendverband organisiert, mußte in dem von Jahr zu Jahr üppiger gestalteten Szenario der Geburtstagsfeiern die Rollen der hunderttausend Statisten übernehmen.
Jedes Jahr startete eine Jugendstafette mit Grußadressen an Tito in einem entlegenen Winkel der Föderation, um so dem Volk die noch immer ungeliebte Gesamtstaatlichkeit zu symbolisieren. Der Stafettenlauf durch die Teilrepubliken endete jedesmal auf einer Zentralfeier im Belgrader "Stadion der Jugoslawischen Volksarmee", wo Tito zu seinen Lebzeiten die Huldigung der Massen entgegennahm.
Auch der Tod des Marschalls am 4. Mai 1980 auf der Intensivstation einer Spezialklinik in Ljubljana änderte wenig an dem pompösen Zeremoniell. Im Gegenteil: Bei dem Versuch, die Wirkung des Vorjahres noch zu übertreffen, fiel den Regisseuren des Tito-Kults stets noch Monströseres ein.
So hatten sie im vergangenen Jahr im Armee-Stadion eine neun Meter hohe Tito-Statue aus Aluminium aufgebaut, mit bläulichem Licht angestrahlt und in künstliche Nebelschwaden eingehüllt. Vor dem weißen Riesen tanzten auf dem Rasen über 7000 Kinder, Jugendliche und Armeekadetten, die in ihren bunten Trikots Kampfszenen aus dem Partisanenkrieg und immer wieder den Namen Titos nachbildeten.
Zum Finale schritt ein Marinesoldat durch ein Spalier von Traditionsfahnen zur Ehrenloge, um dem Präsidenten des jugoslawischen Jugendverbandes, Dragan Ilic, den durch ganz Jugoslawien getragenen Stafettenstab zu überreichen: "Ich bringe die Stafette, in der das Herz der Jugend schlägt."
Der Kitsch der Veranstaltung brachte schon im Vorjahr eine Gruppe von 71 jugoslawischen Wissenschaftlern und Künstlern auf, die in einer Petition an das Staatspräsidium gegen die "kulturelle Primitivität und den Geist der sklavischen Unterordnung" protestierten. Auch dem Präsidiums-Mitglied Cvijetin Mijatovic aus Bosnien war das Schauspiel peinlich. Er habe, so erklärte er, während der Veranstaltung vermieden hinzusehen. Denn das alles erinnere ihn an Praktiken, die man aus anderen Ländern kenne. "Uns sollte der Personenkult fremd sein."
Selbst die Parlamentsabgeordnete Stana Tomasevic-Arnesen, als Präsidentin eines "Staatskomitees für die Verewigung und den Schutz des Namens Tito" kompetent, störte der "religiöse und mystizistische Personenkult": "Als ob der Heilige Geist über dem Stadion schwebte."
Beifall bekamen die Organisatoren angeblich in Form von "vielen Briefen und Anrufen" aus dem Volk und von der bundesdeutschen Fernsehanstalt ZDF. Der dort für Gastarbeiter-Sendungen zuständige Redakteur Hanns Heinz Röll sendete das kitschige Spektakel ausführlich.
So planten die Tito-Regisseure auch für diesen Mai im gewohnten Schema; _(Auf einer Feier zu seinem 65. ) _(Geburtstag. )
über dem Stadion sollten - als Reminiszenz an die Kämpfe vor 40 Jahren - Fallschirmjäger abspringen. Tito, von einem Schauspieler dargestellt, sollte durch die Menge schreiten, Schokoladenbonbons verteilen und zum Abschluß den "Blauen Zug" besteigen, einen Sonderzug, mit dem der Marschall zu Lebzeiten gern durch Jugoslawien fuhr. Die Gleise für die Eisenbahn wollten die Veranstalter eigens zu diesem Zweck bis in das Fußballstadion verlegen.
Doch kaum waren die Pläne bekannt, gab es Krach, vor allem im Jugendverband. "Wir brauchen", so hieß es auf einer Sitzung der Führungskader, "keine Lakirovka", keine lackierte Darstellung Titos, dessen Werk und Erbe den heranwachsenden Jugendlichen ohnehin immer zweifelhafter erscheint: "Wie sollen Sechzehnjährige so etwas akzeptieren?"
Andere Delegierte forderten, statt des "ordinären Kitsches und der Grandomanie" das wahre Leben zu zeigen, "daß Jugoslawien kein reiches Land und der Weg in den Kommunismus nicht leicht ist, weil es Rückschläge gibt" - die für Juni zu erwartenden geplanten Preiserhöhungen eingeschlossen.
Der Streit um die Tito-Feier geriet zur Kritik an Tito selbst. Tito so hinzustellen, als habe er nur große Erfolge gehabt, sei "Verzuckerung und Speichelleckerei", war auf der Funktionärssitzung zu hören.
Der Streit zieht inzwischen Kreise: In Budva an der Adria wurde ein Schulmädchen verhaftet, weil es mit Kreide auf der Schultafel "Tito verächtlich gemacht" habe. Im überwiegend albanisch besiedelten Kosovo wird gegen ein ganzes Lehrerkollektiv ermittelt, weil ein Schulkind ein Tito-Bild von der Wand fallen ließ; die Richter argwöhnen, das sei kein Zufall gewesen.
In der Zeitschrift der jungen Belgrader Schriftsteller, "Knjizevna rec", erschien kürzlich eine Dokumentation, in der Tito für die Ermordung jugoslawischer Kommunisten durch Stalin in den dreißiger Jahren mitverantwortlich gemacht wird. Tenor des Berichts: Tito war ein Verräter.
Was am 25. Mai in Belgrad wirklich geschieht, bleibt vorerst geheim. Ein Kompromißvorschlag des Jugendverbandes, auf die zentrale Feier ganz zu verzichten und es jeder Republik anheimzustellen, auf ihre Weise des Toten zu gedenken, scheiterte an den Ideologen. Eine solche Form widerspreche dem Geist Titos von der "Brüderlichkeit und Einigkeit" aller Jugoslawen.
Damit ist es ohnehin nicht weit her. Als die auch in diesem Jahr gestartete Jugend-Stafette von der autonomen Provinz Kosovo in die Teilrepublik Montenegro wechseln wollte, wurden die Läufer an der Grenze gestoppt. Die Stafette war von Jungen mit roten Fahnen begleitet, auf denen der schwarze doppelköpfige Adler zu sehen war - die Traditionsfahne der Albaner.
Auf einer Feier zu seinem 65. Geburtstag.

DER SPIEGEL 21/1984
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