16.07.1984

Eine Optimistin voller Angst

SPIEGEL-Redakteur Harald Wieser über die Schwedin Karin Boye und ihren Roman „Kallocain“ Die Lyrikerin und Romanciere Karin Boye (1900 bis 1941) ist eine „Heilige“ der lesbischen Boheme. Nelly Sachs übersetzte ihre Gedichte. Peter Weiss erinnerte in der „Ästhetik des Widerstands“ an sie. - Nun liegt ihr Zukunftsroman „Kallocain“ wieder vor, der ihr den Titel einer „Schwester Orwells“ eingetragen hat. *
In den Abendnachrichten des schwedischen Rundfunks gab die Polizei von Alingsas bei Göteborg am 23. April 1941 die Personenbeschreibung einer als vermißt gemeldeten Frau bekannt: "Die Verschwundene ist 40 Jahre alt, mittelgroß und kräftig gebaut. Sie hat schwarzes Haar, auffällig dunkle Augenbrauen, eine kurze Nase und einen breiten Mund mit sehr weißen Zähnen. Sie geht mit langen, festen Schritten. Zuletzt war sie mit einem grauen Mantel und einer Baskenmütze bekleidet; sie trug einen schwarzen Rock, eine graue Bluse und ein buntes Halstuch; die Absätze ihrer schwarzen Schuhe sind niedrig, die Farbe ihrer Strümpfe ist vermutlich braun. Es muß befürchtet werden, daß die Frau unter vorübergehender Sinnesverwirrung leidet und in der Nähe von Alingsas umherirrt."
Vier Tage nach der Radiomeldung entdeckt ein Wanderer aus Bergatorp die verschwundene Frau. Sie hatte sich zwischen den Eichen eines Aussichtsberges nördlich von Alingsas mit einer Dosis Tabletten in den Schnee gesetzt und war erfroren: "die Mütze über das Gesicht gezogen und die Arme auf der Brust gekreuzt". Dieser Freitod aber war weniger die Folge einer Sinnesverwirrung; er war die bei klarem Verstand ausgeführte Verzweiflungstat einer Depressiven, über deren Leben von früher Kindheit an die schwarzen Vögel der (Freudschen) Todessehnsucht kreisten: "Ich bin im Äußeren ein recht fideler Gesellschaftsmensch", hatte sie einmal von sich selber gesagt, "aber ebensooft spaziere ich mit Selbstmordphantasien durch meine traurigen Tage."
Die Tote hieß Karin Boye - und das polizeiliche Protokoll wies sie als eine Lehrerin aus, für Religionskunde, schwedische Sprache und Geschichte. Aber vor dem mit gelben Rosen geschmückten Sarg verneigten sich nicht nur Schüler und Rektoren. Zum Begräbnis in Stockholm fand sich eine schillernde Gemeinde ein: die feine schwedische Gesellschaft und die homosexuelle Halbwelt, die etablierte Prominenz aus Kultur und Wissenschaft und die politisch heimatlose Linke. Diese ungleiche Menschenmenge nahm Abschied von einer exzentrischen Frau und melancholischen Literatin, deren 1940 erschienener Zukunftsroman "Kallocain" in den Literaturlexika als ein "Höhepunkt schwedischer Prosa" angezeigt worden ist, und deren in ihrer Heimat berühmte Lyrik auch in (leider entlegenen) deutschen Ausgaben besichtigt werden kann: in der von Nelly Sachs übersetzten Sammlung schwedischer Gedichte "Von Welle und Granit" und in dem bibliophilen Bändchen "Brennendes Silber".
Nelly Sachs hat Karin Boye als "bedeutende Lyrikerin von tiefem gedanklichem Ernst" gepriesen, "einem reichen, fast männlich zu nennenden Geist". Peter Weiss reservierte ihr im dritten Band seiner "Ästhetik des Widerstands", in der Ahnengalerie des modernen Sozialismus, einen Platz gleich neben Willi Münzenberg, dem roten Zeitungszaren. Die schauerliche Vision eines Polizeistaates im Roman "Kallocain" trug ihr den Titel einer "Großen Schwester George Orwells" ein. Und die subkulturelle Boheme, die sich der bürgerlichen Moral verweigert und "freiere" Lebensweisen ausprobiert, verehrt(e) in ihr eine vergessene "Heilige".
Denn die Schriftstellerin Karin Boye, die als Lyrikerin mit 22 Jahren debütierte ("Moln"= Wolken) und mit noch nicht 30 Generalsekretärin der (schwedischen) Clarte wurde, einem internationalen Literaten- und Intellektuellenzirkel des französischen Pazifisten Henri Barbusse; die T.S. Eliot in ihrer Heimat bekanntmachte und Thomas Manns "Zauberberg" übersetzte und die (1931) eine Zeitschrift namens "Spektrum" redigierte, in der sie auch als Essayistin zur Feder griff ("Die Sprache jenseits der Logik") - diese Frau war eine überzeugte Antiautoritäre und eine nicht feministische Lesbierin.
In einem Brief an ihre Freundin Kajsa Lönngren, eine heiter-verträumte und unorthodoxe Kommunistin, mit der sie 1932 in Berlin-Schöneberg (Landshuter Straße 33) eine Zeitlang eine Wohnung teilte, verriet sie über ihre Berliner Abenteuer: "Insbesondere habe ich mit einer kleinen Athenerin Bekanntschaft gemacht, die ich als Gigolo in einem weniger bekannten Damenclub fand ... Eine Figur, wie ich noch nie vorher ihresgleichen sah, lustig - würdige kleine Person, pessimistisch und jungenhaft, immer in Herrenkleidung."
Die Literaturkritikerin Margit Abenius, die die einzige Boye-Biographie veröffentlich hat (Stockholm 1951), teilt ihren Lesern mit, Karin Boye habe ihren auf alle Konventionen pfeifenden Lebensstil so unideologisch und natürlich vertreten, daß sie ihn "geradezu erfunden haben könnte". Schon in Stockholm war sie nach 1927 (dem Jahr der Trennung von ihrer puritanisch erziehenden Mutter) häufiger Gast in einer Art Kommune gewesen, die über die politisierende Lektüre der Schriften Freuds zusammengefunden hatte und deren Mitglieder nicht nur ihre _(Als Wachsfigur im Londoner Kabinett der ) _(Madame Tussaud bei der Arbeit an seinem ) _(Roman "1984". )
radikalen Ideen und ihr Geld, sondern auch ihre Sexualität miteinander teilten.
Aber Karin Boye, die zu gewissenhaft war, um diese Libertinage kritiklos zu idealisieren (im Romanfragment "Asketen" verlegt sie diese Zeit in einen Kreis jugendlicher Helden: "Sie bewunderten einander mit abgründigem Entsetzen"), war eine Hedonistin mit einem ewig schlechten Gewissen. Sie gehörte, gemeinsam mit ihren Freunden, zu den Pionieren einer Lebenskultur, wie sie später die Apo auf ihre Fahnen schrieb, aber meist quälte sie dabei das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Nicht zufällig schließt der Brief an Kajsa Lönngren mit einer Bitte: "Du darfst von meinen Eskapaden aber niemandem erzählen. Warum? Es schickt sich nun mal nicht."
Diese Individualistin mit den zwei unversöhnlichen Seelen in der Brust - ein Leben lang hatte sie Angst und immer wieder Angst vor (und nach!) dem eigenen großen Mut: Von ihrem ganzen Temperament her war sie eine Gegnerin institutionalisierter Bindungen wie der Ehe, aber 1929 heiratete sie den sieben Jahre jüngeren Leif Björk, einen linksradikalen Clarte-Mann aus Uppsala. Geheimbündlerisch redete sie in den Hinterzimmern der bürgerlichen Gesellschaft der Revolution das Wort (Deckname: "Der große Reigen"), aber bereits mit 17 führte sie ein "Christliches Tagebuch" und glaubte ("Die Moral - das ist Christus") auch in ihrer gottesfürchtigen Lyrik an den "Herrn des Kosmos".
Zu Hause fühlte sie sich nur im Lärm und auf dem Asphalt der Metropolen ("Ich bin in der Stadt geboren, ich gehöre zur Stadt"), aber in ihren den Schönheiten der Natur gewidmeten Gedichten sehnt sich die urbane Nachtschwärmerin nach Ruhe: ist sie "von Schmetterlingen eingehüllt" und besingt sie die "Kinder des Wassers". Vorlaute Rechthaberei war ihr von Herzen zuwider, aber die Freunde aus der Clarte, mit denen sie in den Clubs im Umkreis der Königlichen Bibliothek Debatten ausfocht, erinnern sich ihrer auch als einer Militanten, die "wie das Weltgewissen" auftreten konnte: herrisch und "mit strafendem Blick" und "manchmal geradezu brutal".
Signe Boye, die Mutter, hatte ihrer Tochter einmal irritiert gesagt: "Es ist, als ob du zwei Menschen wärst." Und die Tochter hatte zur Antwort gegeben: "Zwei? Nein, viele, viele Menschen!"
In Berlin traf die in Skandinavien inzwischen bekannte Dichterin ("Gömda land" = Verborgenes Land; "Härdarna" = Feuerstätten) unter dem Eindruck einer schweren seelischen Krise am 31. Januar 1932 ein: die Adresse des jüdischen Psychoanalytikers Walter Schindler im Gepäck. Aber zwischen dem Arzt und seiner Patientin stellt sich nicht das nötige Vertrauen ein: Schindler bringt nur wenig Interesse für ihre literarische Arbeit auf; sie sieht in ihm vor allem "den Mann". Schon nach zwei Monaten (Peter Weiss: "Ihre Schrecken auf dem Sofa des Analytikers") ist sie der Behandlung ihrer "lesbischen Sünden" überdrüssig.
Auf das Scheitern der Psychoanalyse bei Walter Schindler reagiert die Erotomanin mit einer nun erst recht "verwegenen" Lebensart. Ihre Mitschülerinnen hatten das schöne, aber blasse Mädchen einst "Madonna" gerufen. Nun putzt sie sich nach allen Regeln der weiblichen Kunst heraus und tritt, wie sie selber kokett bemerkte, ihre "Streifzüge durch die Unterwelt an": vergnügt sich in den Szene-Kneipen "Eldorado" und "Silhouette" und taumelt von einer Liebesaffäre in die nächste. Sie mischt sich in den lesbischen Kreis um die Malerin Käthe Kollwitz und nimmt die gemeinsame Wohnung mit Kajsa Lönngren in der Landshuter Straße: Während um sie herum die deutsche Demokratie in Scherben fällt, schirmen die beiden Schwedinnen ihr Grammophon vor den Nachbarn mit Decken ab und hören Brechts "Dreigroschenoper".
Die rastlose Fröhlichkeit jedoch, die die Madonna der "sterbenden" Stadt Berlin wie Galgenhumor abgewinnt, verscheucht ihre Selbstzweifel keineswegs: "Ich lebe, als wäre ich geschaffen wie ein
Mann, aber ich bin kein Mann." Lustlos übersetzt sie den "Etzel Andergast" des Caspar-Hauser-Autors und "Simplicissimus"-Redakteurs Jakob Wassermann - und bezahlt mit dem Honorar immer wieder neue Termine bei immer wieder neuen Seelenärzten.
Trotzdem empfand sie die Berliner Wohngemeinschaft mit Kajsa Lönngren als ihre "unbeschwerteste Zeit". Die ganz große Rolle jedoch haben im Leben der Karin Boye zwei andere Frauen gespielt: die Schwedin Anita Nathorst und die Deutsche Margot Hanel. Die Dichterin und Schulrektorin Anita Nathorst, die es in einer zweiten Karriere zur Assistentin des schwedischen Nervenarztes Iwan Bratt brachte (und seit ihrer Kindheit an Hautkrebs litt), hatte Karin Boye bereits mit 18 kennengelernt. Sie schaute zu der sechs Jahre älteren Anita Nathorst auf, taufte sie ihre "geistige Mutter". Aber die Zuneigung zu der mit einem Mann verbundenen Freundin blieb zeitlebens eine platonische Liebe.
Die 19jährige Margot Hanel "erobert" Karin Boye in Berlin: ein mageres Mädchen mit großen, dicken Brillengläsern, dessen einzige Mitgift die seelischen Verwundungen der Prügel und des väterlichen Jähzorns sind. Karin Boye holt Margot Hanel 1933 zu sich nach Schweden und gibt die halbjüdische Geliebte, um bösen Zungen und grinsender Nachrede vorzubeugen, als deutschen Flüchtling aus. Sie schreibt für ihr "Vögelchen" ein Gedicht: "Idyll". Aber die an Unterwürfigkeit gewöhnte Margot Hanel macht sich bis zur eigenen Lebensunfähigkeit von ihrer Retterin abhängig - und die Liaison der verschiedenen Frauen wird zu einer folie a deux aus Himmel und Hölle.
Während Karin Boyes Zeit in Berlin, über die ein schöner, jetzt erschienener Aufsatz der Schwedin Pia Garde _(Pia Garde: "Karin Boye in Berlin oder: ) _(Versuch der Neubewertung einer zur ) _(Heiligen stilisierten lesbischen ) _(Schriftstellerin", in "Eldorado", Verlag ) _(Frölich und Kaufmann, Berlin; 216 ) _(Seiten; 34 Mark. )
Auskunft gibt, kommt es zu einem Ereignis, das der Schriftstellerin meist entweder angekreidet (Peter Weiss) oder umgekehrt, um der Makellosigkeit willen, in ihrer Vita einfach retouchiert wird (Pia Garde). Dabei gibt gerade dieses Ereignis Karin Boye als jene - in leicht überrumpelbares Gefühl und streng kontrollierten Verstand, in vitale Lebenslust und (Selbst-)Vernichtungsobsessionen - gespaltene Persönlichkeit zu erkennen, die sie auf seltene Weise gewesen ist:
Am 12. März 1932 hält Hermann Göring (und nicht, wie Peter Weiss nahelegt: Adolf Hitler) im Sportpalast eine nationalsozialistische Wahlrede. Die Antifaschistin Karin Boye hat with a little help des an der Universität lehrenden Schwedisch-Dozenten Vilhelm Scharp (der durch seine Bekanntschaft mit Görings 1931 verstorbener schwedischer Ehefrau Zugang zu hohen Nazi-Kreisen hatte) einen Zuschauerplatz ergattert - und hebt, vom apokalyptischen Pathos der Rede wie hypnotisiert, ihren Arm zum Hitlergruß.
Die linke Sozialromantikerin aus der Clarte, die bei einem späteren Berlin-Besuch (1938) angesichts der den Juden zugewiesenen gelben Bänke in den Parks
"bitterlich weinte", stimmt ein in die Sieg-Heil-Dämonie. Als hätten sich Robert Louis Stevensons groteske Romanfiguren "Dr. Jekyll" und "Mr. Hyde" in eine wirklich lebende Frau verwandelt.
Mit einem Stipendium der Schwedischen Akademie unternimmt Karin Boye, die Berlin im Oktober 1932 wieder verlassen hatte, im Sommer 1938 eine Griechenlandreise, die sie über Wien führt, und bei der sich ihr Sportpalasterlebnis innerlich wiederholt: Vor einem "unnachgiebige Härte" ausstrahlenden Hitler-Photo in einer Wiener Bank erschrickt sie einerseits "fürchterlich", andererseits findet sie es "ernst asketisch, beinahe schön" und schreibt an eine Freundin: "Wie soll das nur enden für die Wiener mit ihrem sprichwörtlichen Sinn für Muße und Muse?"
"Blitzartig ging mir der Gedanke durch den Kopf, daß die Verbissenheit auf dem Photo und der freundliche Charme der Wiener den Kampf zweier Menschentypen symbolisiert: den Kampf zwischen der Liebe zum Leben und der Liebe zur Macht. Dabei fiel mir ein, was Du über mich zu sagen pflegst: daß nämlich auch ich, wenigstens wenn ich arbeite, zu den Asketen gehöre - und wurde von einer Panik ergriffen, von der ich vermute, daß sie einen glühenden Nationalsozialisten überfallen könnte, wenn er entdeckt, daß er ein hundertprozentiger Jude ist. Verstehst Du das? Ich armer Mensch, wer erlöst mich von meinem sterblichen Leib?"
Im Roman "Kallocain" _(Karin Boye: "Kallocain". Aus dem ) _(Schwedischen von Helga Clemens. Neuer ) _(Malik Verlag. Kiel; 192 Seiten; 29,80 ) _(Mark. )
hat Karin Boye den Schicksalskampf der beiden Menschentypen, die ihrem geistigen Auge vor dem Hitler-Bild in Wien begegnet waren, zum literarischen Thema gemacht: den Kampf der willenlosen und amusischen Marionette gegen das verletzliche und kreative Individuum. Schauplatz des Romans ist ein totalitärer "Weltstaat" im 21. Jahrhundert, dessen unterirdische und mit Stacheldraht abgeschirmten Städte aus den Ruinen aufgebaut wurden, die ein großer Krieg hinterlassen hat.
Die Bürger des Weltstaates heißen "Mitsoldaten" und tragen auch in ihrer Freizeit Uniformen; die beinahe einzige Unterhaltung ist Marschmusik; sogar die Schlafzimmer werden von Kameras und "Polizeiohren" überwacht; die Kinder wachsen ihren Eltern entfremdet in Lagern heran; und auf Plakaten in den Schächten der Untergrundbahnen fordert die Regierung die Mitsoldaten zur gegenseitigen Denunziation auf.
Zur Staatsreligion nämlich hat der Weltstaat die Abschaffung der Privatsphäre gemacht: Ein politisch wankelmütiger Ehemann läßt sich nicht etwa scheiden, wenn seine Frau ihn der Polizei ausliefert, sondern wenn er den Verdacht hegt, daß sie trotz seiner Verfehlungen zu ihm halten könnte. Ein Dienstmädchen hat mit einem Tadel nicht etwa zu rechnen, wenn es an der Tür horcht, wohl aber rigoros dann, wenn es die für seine Herrschaft bestimmte Post nicht aufbricht und hinterrücks liest. Die Groteske an der Macht: Das Vertrauen zwischen Menschen gilt als Verbrechen, der Verrat des besten Freundes wird mit Karrieren belohnt.
Schon haben die Herren des Weltstaates die Seelen der Bürger so sehr verstaatlicht, daß die Nachdenklichen Schlange stehen, um in den "Entschuldigungsstunden" des Rundfunks ihre Nachdenklichkeit zu beichten. Schon steht die Moral so gründlich auf dem Kopf, daß ein "harmloser Privatmord" unter die Kavaliersdelikte zählt und politische Opposition in die Hände des Henkers führt. Aber die Regierung will die Architektin einer Zukunft sein, in der auch das Schweigen unter Anklage gestellt werden kann; sie sinnt auf eine Inquisition, die dem Mitsoldaten auch das letzte "Eigentum" nimmt: seine Gedanken.
Dies ist die Stunde des Helden: des Chemikers Leo Kall. Dem treuen Staatsdiener Kall gelingt die Erfindung einer Droge, die jeden Menschen dazu bringt, seine Geheimnisse preiszugeben. An Versuchspersonen fehlt es Kall nicht. Der "Freiwillige Opferdienst" ist eine Bürgerinitiative von Mitsoldaten, die sich schon in früheren Experimenten ergeben zu Wracks haben verarzten lassen und die für die Ziele des Staates jederzeit "heldenhaft röchelnd" ihr Leben lassen würden. Nun liefern sich die armen Teufel der Gedankenpolizei aus - unter der Rauschwirkung einer Droge, die nach ihrem Erfinder "Kallocain" genannt wird.
Die Schriftstellerin Karin Boye hat ihren Roman "Kallocain" neun Jahre vor Orwells "1984" veröffentlicht. Wie George Orwells "Ozeanien" ist auch Karin Boyes "Weltstaat" keine Schreibtisch-Vision, sondern das literarische Vermächtnis persönlicher Leiden und ein in die Zukunft verlegtes Porträt der Gegenwart:
Karin Boyes Science-fiction des Kollektivstaates haben die demokratische Dämmerung im Berlin der Weimarer Republik und der deutsche Faschismus, aber auch die Enttäuschung Pate gestanden, die die liberal gesinnte Linke 1928 während eines Besuches in der Sowjet-Union erlebte.
Die Miniaturen, in die sie die Tagträume der sich im Kallocainfieber "freisprechenden" Mitsoldaten übersetzt, spiegeln ihre (kenntnisreiche) Haßliebe zur Praxis der Psychoanalyse, die sie am eigenen Leib ungezählte Male als eine Befreiung und neue Ängste stiftende Macht erfahren hat, welche enthüllt, was "der Schleier der Scham und die Kränze der Ehre" verbergen. Und es ist wohl auch wahr, was die Biographin Margit Abenius vermutet: daß nämlich den Masochismus des "Freiwilligen Opferdienstes"
sich nur ein Mensch ausdenken konnte, der selber "den Selbstmord im Blut" hatte.
Von Kaj Bonnier, dem schwedischen Verleger des Romans, ist überliefert, daß er nach der Lektüre des Manuskriptes sagte: "Ich habe gerade ein wirklich großes Buch überstanden, unheimlich und faszinierend, aber die reine Folter." Auch Karin Boye war von ihren "makabren" Phantasien entsetzt: "Bin wirklich ich es, die das zu Papier gebracht hat?" Dabei ist dieser Roman des Schreckens - von dem die Königliche Bibliothek in Stockholm eine nie gedruckte deutsche Übersetzung von Nelly Sachs aufbewahrt - auch ein verkapptes, von Seite zu Seite poetischer klingendes Buch der Freundlichkeiten:
Der Terrorstaat hatte sich von der Wunderdroge des Chemikers Kall die Entlarvung krimineller Existenzen, gefährlicher Spione, rachelüsterner Saboteure erwartet. Aber er hat seine Rechnung ohne die Menschen gemacht. Denn die Geständnisse, die die Roboterbürger ihrer Gedankenpolizei ins Tonband sprechen, sind "Verrücktheiten", die der Staat für "ausgerottet" hielt: Sie erzählen von ihrer Sehnsucht nach Freiheit und Liebe, nach Geborgenheit und Würde in einer farbenfrohen Welt. Und Leo Kall muß entdecken, daß dieses humane Ketzertum auch bei seinem Vorgesetzten Edo Rissen und seiner Frau Linda lebendig geblieben ist.
Nur hat Karin Boye, die "zarte Mitsoldatin" (Peter Weiss), an den Triumph der Utopie über die Realität nicht glauben können. Bei einem Phototermin waren ihr einmal zwei Aufnahmen vorgelegt worden. Die erste zeigte sie gefühlsbetont und weich, die zweite hart und mit straffer Linienführung. Von der ersten sagte sie: "So bin ich." Von der zweiten: "So möchte ich sein." Sie hat das erste Photo ausgewählt.
Im Mai 1941, einen Monat nach Karin Boyes Selbstmord, drehte Margot Hanel den Gashahn auf. Im August desselben Jahres starb Anita Nathorst.
Als Wachsfigur im Londoner Kabinett der Madame Tussaud bei der Arbeit an seinem Roman "1984". Pia Garde: "Karin Boye in Berlin oder: Versuch der Neubewertung einer zur Heiligen stilisierten lesbischen Schriftstellerin", in "Eldorado", Verlag Frölich und Kaufmann, Berlin; 216 Seiten; 34 Mark. Karin Boye: "Kallocain". Aus dem Schwedischen von Helga Clemens. Neuer Malik Verlag. Kiel; 192 Seiten; 29,80 Mark.
Von Harald Wieser

DER SPIEGEL 29/1984
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