16.07.1984

„Ich bin en Tunt, bin kernjesund“

SPIEGEL-Reporter Hans Halter über die Angst der Homosexuellen vor der Seuche Aids *
Welch ein schöner Tag! Polizei leitet die Autos um, der Kudamm gehört der Jugend. Sie ist malerisch kostümiert, violett vor allem und rosa.
Aus den Grabbelkisten sind Samt und Seide ans Licht geholt worden, Schminktöpfe geben ihre leuchtenden Farben frei. Rollschuhläufer gleiten durchs Gewühl, einige Herren gehen auf Stelzen. Vorn schlagen Trommeln den Takt, hinten trinkt man Schampus aus der Flasche. Schampus macht ''nen schmalen Fuß.
Zweitausend Homosexuelle und Lesben feiern mit einer Demonstration den "Christopher Street Day", ein Fest zur Erinnerung an jenen großen Tag in New York, als im Sommer 1969 erstmals militant und erfolgreich Widerstand gegen Polizeirazzien geleistet wurde. In Berlin zelebrieren den Heldengedenktag vor allem Westdeutsche, meist Emigranten aus den kleinen Städten der Republik. Hier gelingt so manchem Schwaben das "coming out", sein öffentliches Bekenntnis zum eigenen Geschlecht. "Natürlich schwul", steht auf den Luftballons, die der Wind in den Himmel trägt. Die Stimmung, an einem Junitag in West-Berlin, ist lustvoll, abends wird eine große Fete steigen.
Nur einige Herren am Rande machen ernste Gesichter. Sie sind von der "Aids"-Hilfe, von der Gruppe "Schwule Ärzte und Therapeuten" und vom Landesinstitut für Tropenmedizin. Sie wollen, die Gelegenheit ist günstig, von möglichst vielen Homos eine Blutprobe nehmen. Gefahndet wird nach den Zeichen der ansteckenden Leberentzündung (Hepatitis B), doch die eigentliche Sorge heißt Aids. Als dunkler Schatten zieht sie herauf, eine heimtückische und grausame Krankheit.
Die Pest, der "schwarze Tod", ließ jeden zweiten überleben. Von Pocken oder Cholera, Tuberkulose und Syphilis sind in den alten Zeiten die meisten Kranken ganz von allein genesen. Wer heutzutage einen Herzinfarkt erleidet oder an Krebs erkrankt, der muß nicht sterben. Nur Aids läßt niemand eine Chance: Bei wem die Krankheit ausbricht, der ist des Todes.
Gegen das "Acquired Immune Deficiency Syndrome", den erworbenen Mangel an körpereigener Abwehrkraft, gibt es kein Heilmittel. Eine Früherkennung _(Ein Physiotherapeut massiert einem ) _(Kranken in fortgeschrittenem Stadium die ) _(Muskeln. )
ist nicht möglich, der Verlauf schmerzhaft, das Ende voller Qualen. An Aids sterben junge und schöne Menschen, ein jeder vor seiner Zeit.
Dieser Tod kommt nie als Freund. Immer drängt er sich auf obszöne Weise zwischen die Lust und das Leben. Den, der die Liebe besonders geliebt (oder doch Eros und die Handreichungen dazu), nimmt Aids in seine Arme. Deshalb sterben an der Seuche vor allem die homosexuellen Männer. 4690 Aids-Kranke sind in den USA gezählt, 2074 von ihnen schon gestorben.
In der Bundesrepublik waren bis Mitte Juni, so eine Statistik des "Deutschen Ärzteblatts" aus der letzten Woche, 31 Menschen an Aids gestorben, bei 76 war bis zu diesem Zeitpunkt die Krankheit eindeutig diagnostiziert worden. Doch an diesem Jahresende - so sagt das Bonner Gesundheitsministerium voraus - werden es 200, vielleicht gar 300 sein. Seriöse Wissenschaftler befürchten, daß es in fünf Jahren weltweit eine Million Aids-Opfer geben könnte. Die Zeit führt eine scharfe Axt.
"Das Problem fängt erst an", urteilt Professor Meinrad Koch, Seuchenexperte des Bundesgesundheitsamtes, "ich sehe die Lage sehr düster." Es gibt keinen Fachmann von Rang, der ihm widerspricht. "Aids", sagt Professor Hans Dieter Pohle, "ist ein völlig ungelöstes Problem. Niemand vermag die Tendenz abzuschätzen." In Professor Pohles Klinik, dem Berliner Rudolf-Virchow-Krankenhaus, ist bereits eine Isolierstation für die Aids-Patienten eingerichtet worden. Wie soll, fragt sich Pohle, "unser Pflegepersonal das seelisch aushalten, wenn hier in den nächsten drei Jahren 300 Menschen an Aids sterben?"
Noch ist Aids eine Krankheit des Gettos und seiner Minderheiten. Aber Mikroben scheren sich nicht um die menschliche Moral. Von den vier Vorhallen des Todes, atria mortis, zu denen die Alten Herz, Hirn, Lunge und Blut zählten, hat sich die Seuche ausgerechnet das Blut erwählt - nun steht die Welt ihr offen. Schon sind chronisch kranke Bluter durch amerikanische Blutkonzentrate mit Aids infiziert worden, auch in Deutschland. Weil der Keim, ein Virus, von unsterilen Injektionsnadeln weitergegeben wird, hat er jetzt auch die Drogensüchtigen erreicht.
Wenn erst Kinder an Aids sterben werden, Frischoperierte, Unfallopfer, Krankenhauspatienten ohne jedes Stigma also, spätestens dann wird der Gedanke nicht mehr tragen, der jetzt noch für Ruhe sorgt. Es ist christliches Gedankengut, Leiden, Schmerz und Tod seien die gerechte Strafe für ein liederliches Leben, das angemessene Opfer für all das, was der Kranke mit der Welt und mit sich selbst angestellt hat. Kurzum: Wen Aids heimsucht, der habe es verdient.
Die alttestamentliche Vorstellung von der Krankheit als Strafe Gottes ist so faszinierend, daß ihr auch einige Opfer erliegen. Schon wird unter Homos diskutiert, ob Aids nicht doch ein Zeichen des göttlichen Zorns sei, weil durch die "schwulen Lebensumstände die natürliche Ordnung ins Wanken geraten ist". Das Stichwort heißt Sittenverfall, genauer: "Promiskuität". Dort, wo der schnelle Wechsel von Mann zu Mann seine Heimstatt hat, im Klo, steht an der Wand schon die Bitte um Barmherzigkeit: "Domine, cum veneris iudicare, noli me condemnare" - Herr, wenn du kommst zu richten, verdamme mich nicht.
Wer sich, wie jetzt die Homosexuellen, einer so mysteriösen Bedrohung konfrontiert sieht, der sucht Gnade, Trost und Ablenkung, um mit dem Schrecken leben zu können. Doch die Furcht hat drei Gesichter, und alle Linderungsmittel sind rar. Da ist die Angst, sich anzustecken und sinnlos, viel zu früh - warum gerade ich? - sterben zu müssen. Weiter verbreitet noch sind die Befürchtungen, daß es mit der Freiheit der Gleichgeschlechtlichen nach einem Jahrzehnt wieder vorbei sein könnte, weil drittens öffentlich und mit Details erörtert wird, was es mit den "schwulen Lebensumständen" auf sich hat.
Wenn, wie die Wissenschaftler einhellig sagen, Promiskuität wirklich das Vehikel der Seuche Aids ist und die Krankheit
sich über kurz oder lang auch unter der heterosexuellen Mehrheit ihre Opfer suchen sollte, dann wird es bald keine homosexuelle Subkultur mehr geben. Keine Bars und Badestuben mehr, keine Klappen, Backrooms und Sauna-Liegewiesen.
Mit Siechenklappern mußten im Mittelalter die Aussätzigen den gesunden Bürger vor möglicher Ansteckung warnen. Die Kirche erklärte die Leprösen noch zu Lebzeiten für tot und segnete sie aus. Als die Pest übers Land kam, 1347 bis 52, verschaffte man sich durch Judenpogrome Erleichterung. Gänzlich Unschuldige starben zu Tausenden durch den mit Stachelspitzen bewehrten Morgenstern. Damals ging es um Sündenböcke, nicht um Mikroben.
Diesmal wird es anders sein? Gewiß. Die Aufklärung gibt der Epidemie eine naturwissenschaftliche Dimension. Jetzt wird bewiesen, daß vor allem promiskes Sexualverhalten den tödlichen Keim weiterträgt. Die meisten der amerikanischen Aids-Opfer hatten im Jahr vor Ausbruch der Krankheit mehr als 100 Sexualpartner, einige brachten es auf tausend, tausend verschiedene, just for fun. In den großen deutschen Städten gibt''s das auch. Was nun?
Logischerweise richtet sich die Hoffnung zuerst auf die Heilkunst. Die Zehntausende von Ärzten mit ihren teuren Kliniken, Forschungsinstituten und Lehrstühlen, dieser gargantueske medizinisch-industrielle Komplex, der in der Bundesrepublik 200 Milliarden Mark im Jahr verschlingt, der müßte doch in der Lage sein, mit Aids fertigzuwerden, denkt sich der Laie. In den USA, wo der Dollar alles kuriert, treibt der Glaube an die Allmacht des Geldes und, davon abgeleitet, der Ärzte besondere Blüten. Die Homo-Organisationen haben alle Gay-Power darauf verwendet, um beim Staat Millionen für die Aids-Forschung lockerzumachen.
Mit viel Geld kann man gut Krieg führen, wird argumentiert, warum nicht auch gegen Aids? Weil Geld allein nichts ausrichtet. Selbst wenn Dollars und Mark sich mit Glück und Forscherfleiß vereinen, wird es Jahre dauern, bis es Schutzimpfungen gibt oder Heilmittel, die den Kranken wirklich nutzen. Gewöhnlich vergehen in der Medizin zwischen dem Beginn einer Kampagne und ihrem Ergebnis fünf bis zehn Jahre.
Mal angenommen, Aids grassierte, aus welchen Gründen auch immer, unter höheren Beamten oder christlichen Pfadfindern. Würden die Ärzte dann mehr ausrichten? Nein. Es mangelt ihnen ja nicht an gutem Willen, es mangelt den Heilkünstlern an Wissen und gesicherten Erkenntnissen.
Natürlich wird weder in den Gesundheitsämtern noch in Hygieneinstituten, auch nicht in der pharmazeutischen Industrie, "fieberhaft" geforscht, womöglich Tag und Nacht, wie sich die Aids-Kandidaten das wünschen. Am Werk sind akademische Beamte, jeder so beweglich wie eine Fliege im Mustopf. Die Stunde ist ihre kleinste Zeiteinheit. Im übrigen ist gar nicht sicher, ob mit Ruckzuck und Holterdiepolter wirklich mehr erreicht werden könnte.
Wie immer, wenn ein deutscher Staat sich durch Bedrohliches herausgefordert sieht, fallen seinen Dienern erst mal administrative Lösungen ein. So wird für Aids und seine Opfer eine lange Liste abgestufter Repressionen bereitgehalten. Ziel aller Maßnahmen ist die soziale Isolierung der kranken Minderheit. Ganz vorsichtig wird schon damit begonnen
Als erstes sollen die Homosexuellen möglichst kein Blut mehr spenden, um die Heteros nicht zu gefährden. Deshalb wird das Blutspendewesen, so gut es geht, umstrukturiert. Aus den großen Städten, im Verständnis der Mehrheit ohnehin Brutstätten von Krankheit, Laster und Verbrechen, ziehen die Blutsammler hinaus aufs flache Land. In Zukunft soll Blut nur noch für Gotteslohn und eine Brotzeit gespendet werden - und dafür, so das Kalkül, tut''s ein Homo nicht.
Bewegt sich die Anti-Aids-Strategie noch in vertretbarem Rahmen? Oder beginnt mit ihr, wie viele Homos fürchten, schon die Schwulenhatz, das Kesseltreiben? Noch sind Mittel und Zweck einsichtig, die Maßnahmen diskret.
Das kann man vom Arsenal der verborgen gehaltenen Waffen nicht sagen. Wenn der Staat Aids mit großem Brimborium den Krieg erklärt, weil die Mehrheit es so will und die Herrschenden sich fürchten, wird es vor allem ein Krieg gegen die Andersartigen sein - mit Meldepflichten, Berufsverboten, zwangsweiser "Absonderung" auf längere Zeit, Schließung der einschlägigen Lokale, "Entwesung" durch den Kammerjäger.
Das Instrumentarium ist im Bundesseuchengesetz vorgegeben. Es wird derzeit in den Amtsstuben schon probeweise herumgereicht. Wenn es soweit kommen sollte, könnten von Amts wegen die "Grundrechte der körperlichen Unversehrtheit, der Freiheit der Person, der Freizügigkeit, der Versammlungsfreiheit und der Unverletzlichkeit der Wohnung" aufgehoben werden. Nicht einmal das Briefgeheimnis muß dann noch respektiert werden.
Die Verfolgungsangst, die sich jetzt in der homoerotischen Subkultur ausbreitet, ist angesichts der rätselhaften Krankheit
und der martialischen "Therapie", die als einzige bereitgehalten wird, verständlich und begründet. Sie ist Realangst. Nur: Hilft sie auch gegen Aids?
Noch flüchten viele Homosexuelle, wenn Aids als Nachtmahr über sie kommt, in Mystik, Sentimentalität und Illusionen. Die Krankheit wird nicht als Teil des eigenen Daseins und seiner Besonderheiten angenommen. Mal wird sie der CIA angelastet, die angeblich versucht, mit dieser bakteriellen Waffe die Andersartigen auszurotten; mal als "Tropenkrankheit" bagatellisiert. An Aids und seiner Ausbreitung fühlt sich die Szene so unschuldig wie ein Kind an der Kinderlähmung.
Besonders die Jüngeren scheinen für jede fröhliche Ablenkung dankbar. Als in Berlin, beim "Christopher Street Day", zu später Stunde in der Technischen Universität die Kölner "Zeltinger Band" den Schwulen aufspielte, entlastete der Jubel nach dem "Tuntensong" das bange Herz: "Ich bin en Tunt, bin kernjesund, mein Popo, der ist ja noch so wund." Zeltinger Frage: "Wat sull ich mache, wat sull ich dun?"
Ein Stockwerk tiefer hatten sich mittlerweile 200 Festbesucher, jeder zwanzigste, Blut für den Hepatitis-Test abzapfen lassen. Ist das eine gute oder eine schlechte Beteiligung? Noch fehlt es, so klagen homosexuelle Aids-Bekämpfer hinter vorgehaltener Hand, den meisten an Einsicht. Weil es daran fehlt, hapert es auch an Konsequenzen: "Schuld sind immer die anderen", sagt ein Berliner Homo, der einen Freund durch Aids verloren hat.
Schuldzuweisungen haben Tradition: Als im Mittelalter die Syphilis, auch ein Import aus Amerika, zum Sterben aufspielte (und die Badehäuser leerte), nannten die Deutschen das Leiden die "Franzosenkrankheit", die Franzosen schoben es den Italienern in die Schuhe, die Portugiesen den Spaniern, die Russen den Polen, die Polen den Deutschen. So kam die Syphilis zu vielen Namen und zu vielen Opfern.
Obgleich Aids, genaugenommen, eine Krankheit der Leidenschaft ist, gelten ihre Opfer nicht wie die Tuberkulösen als edel, empfindsam oder schöpferisch. Im Gegenteil. Aids verzehrt nicht durch innere Glut, es stigmatisiert seinen Mann durch blauviolette Krebsknoten und wiederkehrende Infektionen.
Wenn einer, mit aufgetriebenem Leib, schwanger geht mit seinem eigenen Tode, bleibt ihm der Anspruch auf Liebe und Solidarität von seinesgleichen?
Weil der Homosexuelle selten eine eigene Familie hat, meist keine Kinder und keine Kegel, geht es ihm in den Stunden der Not oft schlechter als einem biederen Frauenfreund. Wo körperliche Attraktivität, Gesundheit und Potenz so entscheidend wichtig sind, gilt schon der Haarausfall als kleine Katastrophe, das Alter allemal als Schiffbruch. Und dann erst Aids! Es ist viel verlangt von den Homosexuellen, daß sie ihre Kranken nicht allein lassen sollen; es ist, in gesunden Tagen, ihr eigener Anspruch, und er wird - darüber zeigen alle behandelnden Ärzte Erstaunen - eingelöst.
"Jeder Aids-Patient bekommt Besuch, jeder", berichtet Professor Pohle. Die Aids-Helfer, die sich bereithalten, Alleingelassene zu besuchen, haben in dieser Hinsicht fast nichts zu tun. Ob sich das, wie in den USA, ändern wird?
Dort haben sich Feuerwehrmänner, Polizisten und Pfleger geweigert, für Aids-Patienten ihre Pflicht zu tun. "Bei uns gibt es keine Hysterie unter dem Pflegepersonal", sagt Frau Professor Eilke-Brigitte Helm, Oberärztin und Aids-Expertin der Frankfurter Uni-Klinik, "und es wird auch keine geben." Bisher hat sich nirgendwo eine Krankenschwester mit Aids infiziert, kein Arzt, kein Pfleger. "Und natürlich steckt sich niemand an einem Aids-Kranken an, der im gleichen Hause wohnt."
Doch die Sprache wird schon strenger, die Fremdbestimmung spürbarer. Während sich die behandelnden Spezialisten um das Vertrauen ihrer Aids-Patienten aufrichtig mühen, weht im "Deutschen Ärzteblatt" der Wind schon von vorn: Sein dringender Rat heißt "relative Keuschheit". Die gibt''s im Ernst ja nicht, entweder man ist keusch oder eben unkeusch. Gemeint ist ein Lebewohl dem Mehrverkehr, "relative Keuschheit" heißt Monogamie. Oder doch schon Enthaltsamkeit?
Daß die Heteros, getrieben von Sexualneid, die Aids-Gelegenheit benutzen werden, um den Homos ihre Promiskuität erst anklagend vorzuhalten, dann zu vermiesen, schließlich zu verbieten - das ist Unisono-Glauben in jeder Schwulenkneipe. Aber sicher ist auch, daß dort wenige, nur weil Aids droht, von der Lust und vom großen und kleinen Bären freiwillig Abschied nehmen. Homosexualität ist kein Hobby, Homosexualität ist Trieb. Am promisken Verhalten hat sich bisher nichts geändert. Also heißt es: Bald und unkeusch zu allen Teufeln fahren - oder in 50 Jahren keusch gen Himmel?
Das Vertrackte liegt für alle darin, daß der Rat zur Keuschheit nicht moralisch, sondern naturwissenschaftlich begründet ist: Je mehr Sexualpartner, desto größer das Risiko, an Aids zu erkranken. Je weniger, je kleiner? Im Prinzip ja, doch hat dieser Umkehrschluß eine häßliche Eigentümlichkeit: Man kann sich Aids im tragischen Ausnahmefall auch durch den einen, den "one wrong fuck" holen; so trivial ist das Leben.
Vorbeugen hieße also keusch bleiben, von jetzt an für drei Jahre. Diese Frist
nimmt sich die Krankheit, denn soviel Zeit kann zwischen der unbemerkten Ansteckung und den ersten Symptomen vergehen. In diesen Jahren gibt der scheinbar Gesunde das heimtückische Leiden womöglich ungewollt weiter. Aids trägt nicht die Trompete vor sich her.
Doch von Gewißheit sind die Aids-Forscher weit entfernt. Niemand vermag zu sagen, weshalb die Infektion bislang nicht unter den Prostituierten grassiert - doch alle fürchten sich davor. "Prinzipiell gibt es die Sexualübertragung auch bei Frauen", erläutert Oberärztin Helm. Womöglich, mutmaßt Professor Koch, resultiert der Schutz aus der landläufigen Verwendung der Kondome, womöglich ist die weibliche Schleimhaut robuster.
Vielleicht versteht man besser, warum viele Homos das promiske Treiben nicht lassen (können), wenn man sich, nur mal gedankenweise, vergleichbare sexuelle Freiheiten für die Heteros vorstellt: Kein Standesamt mehr und kein Trauschein, aber Whirlpools und Champagner und im Ruheraum die schönen Mädchen zur freien Auswahl. Ein Flirt in dunkler Nacht und schon verweht.
So mancher, dem das eine Bein wegen Durchblutungsnot abgesägt ist, kann von den Zigaretten nicht lassen, obwohl er weiß, daß man nicht beides behalten kann, das letzte Bein und die Zigaretten. Wie soll, wer süchtig ist auf Sex, stärker sein als ein Raucher?
Selbst wenn die Einschläge sich häufen und näherkommen: Auch Aids wird nicht jeden Homosexuellen treffen. Es kann sein, daß ererbte Widerstandskraft vor der Seuche schützt; vielleicht muß der Erreger auch mit einem zweiten, noch unbekannten "Co-Faktor" zusammentreffen.
Die größten Pessimisten unter den Heilkundigen rechnen damit, daß jeder dritte promiske Homosexuelle sterben muß. Das wären, in einer Millionenstadt wie Berlin, 5000 bis 10 000 Tote in diesem Jahrzehnt. Und es scheint so, als wähle der Todeskeim sich gerade jene Männer aus, in deren Jahrgängen die Homosexualität (als Kriegsfolge) besonders verbreitet ist. Aids trifft vor allem die Dreißig- bis Vierzigjährigen, nur selten einen Jüngling.
Diese Männer haben ihr Leben gelebt. Sie sind - vor fünfzehn, zwanzig Jahren - nicht nur in der New Yorker Christopher Street mit großem Mut aus der Finsternis, aus Lüge und Verheimlichung ans Licht getreten, haben die rechtliche Diskriminierung beseitigen helfen und ihre eigene Welt geschaffen. Dort war es oft so schön, nun heißt es für viele Abschied nehmen.
Als der Humanist Ulrich von Hutten 1523, nur 35 Jahre alt und von der Syphilis zerfressen (man hat sein Skelett gefunden), zum Sterben kam, trug er den Kopf oben, bis ganz zuletzt. Der Dichter Conrad Ferdinand Meyer hat den Reichsritter, der die Freiheit mehr liebte als sein Leben, zum Abschied trutzig sagen lassen:
"Ich reise. Freund, ein Boot! Ich reise weit. / Mein letztes Wort ... ein Wort der Dankbarkeit. / Was hältst du, Freund, mich an die Brust gepreßt? / Bin ich ein Sklave, der sich fesseln läßt? / Gib frei! Gib frei! Zurück! Ich spring'' ins Boot ... / Fährmann, ich kenne dich! Du bist - der Tod." _(Im West-Berliner ) _(Rudolf-Virchow-Krankenhaus. )
Ein Physiotherapeut massiert einem Kranken in fortgeschrittenem Stadium die Muskeln. Im West-Berliner Rudolf-Virchow-Krankenhaus.
Von Hans Halter

DER SPIEGEL 29/1984
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