20.02.1984

JAPANDoppelter Seppuku

Der Dichter Mishima endete durch Selbstmord - das will Hollywood jetzt verfilmen. *
Der Mann auf dem Balkon des Armeehauptquartiers trägt eine senfbraune Phantasie-Uniform. Wie ein Nachtklub-Portier sehe er aus, spotten Beobachter. Um den kantigen Schädel hat er ein weißes Stirnband geschlungen, mit patriotischen Symbolen darauf.
Unten haben sich rund 2000 Soldaten versammelt. Der Mann in der Phantasie-Uniform redet auf sie ein, erst pathetisch und beschwörend, dann geifernd, verächtlich: Memmen seien sie, die nicht begreifen, daß ihr Land durch Materialismus und Bürokratie vor die Hunde gehe; auf Vorväter Sitte sollten sie sich besinnen, der Macht des Schwertes gedenken und dem Kaiser den größten Platz in ihren Herzen einräumen.
Deshalb, schreit der Mann auf dem Balkon, sollten sich die Soldaten erheben und mit der Gewalt ihrer reinen Herzen einen neuen Staat schaffen!
Die wirre Rede geht unter in schallendem Gelächter der Soldaten, Gegröhle und lautstarken Obszönitäten.
Der Mann bringt ein dreifaches Hoch auf den Kaiser aus, dreht sich wortlos um und geht in den Raum hinter dem Balkon.
Eine gespenstische Szene dort: Vier seiner Vasallen, kanarienvogelhaft kostümiert wie er, umringen einen Vier-Sterne-General, den sie zuvor in seinem Hauptquartier überfallen und an seinen Stuhl gefesselt hatten. Sie haben Entschlossenheit im Blick, blitzende Schwerter in der Hand.
Vor dem regungslosen Offizier kniet der Redner, 45 Jahre alt, nieder; langsam knöpft er seine Jacke auf und entblößt den Oberkörper. Er nimmt ein Kurzschwert, stößt es sich in die linke Bauchseite, zieht die Klinge 13 Zentimeter weit nach rechts herüber, so tief, daß die Eingeweide hervorquellen.
Sein Lieblingsjünger, der neben ihm steht, hebt sein Schwert mit beiden Händen und schlägt zu. Er braucht etliche Hiebe, bis er den Meister enthauptet _(Unmittelbar vor seinem Selbstmord am 25. ) _(November 1970 in Tokio. )
hat. Dann kniet auch der junge Mann nieder, schlitzt sich den Bauch auf - und wird von einem seiner verbliebenen drei Freunde geköpft.
Beide Köpfe werden nebeneinander auf den Boden gestellt - die starren toten Augen auf den gefesselten General gerichtet. Den befreien kurz darauf seine Wachen.
So geschehen am 25. November 1970 im Hauptquartier Ost der japanischen Streitkräfte zu Tokio.
Der bizarre Aufruf zum Staatsstreich und der doppelte Seppuku (ritueller Selbstmord) schockierten die Japaner, stießen weltweit auf Irritation und Unverständnis. Denn der Mann, der sich da so spektakulär in Szene setzte und ums Leben brachte, war weltberühmt: der Schriftsteller Yukio Mishima.
Der exotische "jiken" ("Zwischenfall", wie es die Japaner nennen) soll nun, mehr als 13 Jahre später, mediengerecht aufbereitet werden. Das hat seinen Reiz. Mishima war, nach Kritikermeinung, der bedeutendste japanische Schriftsteller dieses Jahrhunderts, Verfasser von gut 100 literarischen Werken, mehrmals nominiert für den Literatur-Nobelpreis.
Das allein macht''s nicht. Die Bücher und Theaterstücke Mishimas (bürgerlich: Kimitake Hiraoka) waren nur eine Seite seines Seins: Er lebte seine Kunst, war sich selbst letztendlich höchste Vollendung der Kunst.
Er war ein Exzentriker, der seine Ideologie und Lebensform zusammengestoppelt hatte aus Widersprüchen und Ungereimtheiten: Er war ein vorbildlicher, fürsorglicher Vater (zwei Kinder) und Ehemann, aber durchdrungen von homosexuellen Neigungen, aus denen er nie ein Hehl machte und die er lebte.
Vor dem Wehrdienst im Zweiten Weltkrieg hatte er sich durch simulierte Krankheit gedrückt, aber er predigte jahrzehntelang, wie süß und ehrenvoll es sei, fürs Vaterland zu sterben.
Er war unpolitisch, ein Romantiker, aber er organisierte und finanzierte seine eigene paramilitärische Wehrgruppe, die "Tatenokai" (Schild-Gesellschaft), in senffarbenen Kostümen, junge Studenten, die fälschlicherweise als Faschisten galten. Sie waren nicht mehr als verwirrte Träumer.
Mishima war mehr: romantischer Ästhet oder, wie sein Biograph Henry Scott Stokes schreibt, "eine Art ästhetischer Faschist, was am gefährlichsten ist".
Mishimas Leben und Tod gibt Stoff für Film-Alpträume. Verständlich, daß da Hollywood schon früh Interesse zeigte. Roman Polanski hätte sich gern des Sujets angenommen, Revolutions-Altmeister Elia Kazan auch.
Es wurde nichts: Jahrelang blockierte Mishimas Witwe, Yoko Hiraoka, 46, alle Projekte, die ihrem Mann nahekommen wollten. Hollywood schien zu resignieren.
Mishima als Filmheld blieb gleichwohl im Gespräch: Ein amerikanischer Produzent kam vor einem Jahrzehnt gar auf die abstruse Idee, den Erzjapaner Mishima von Marlon Brando darstellen zu lassen.
Nun soll es endlich klappen: "Mishima - 25. November" heißt der Arbeitstitel einer japanisch-amerikanischen Koproduktion, die Dreharbeiten werden wohl schon im Frühjahr in Tokio anlaufen. In die Kinos kommt das Werk frühestens Ende des Jahres.
Illustre Namen haben sich für das Projekt zusammengetan: Produzenten sind Francis Coppola ("Apocalypse Now"), George Lucas ("Krieg der Sterne") und Mataichiro Yamamoto, der bei japanischen Film- und Fernsehgesellschaften die erforderlichen acht Millionen Dollar lockermachte.
Als Regisseur zeichnet Paul Schrader ("Katzenmenschen"), der sich "seit sechs Jahren oder so" um die Genehmigung der Mishima-Witwe bemühte und dazu ein eigenes Büro in Tokio eingerichtet hat.
Drehbeginn soll im März oder April sein. Wer welche Rolle spielen wird, ist bislang unbekannt. "Schauspieler werden noch getestet", sagt Schrader, "aber das Drehbuch liegt vor."
Selbst da gibt es Zweifel. Sie habe es "noch nicht gesehen", sagt Mishima-Witwe Yoko, "deshalb kann ich noch nicht sagen, ob ich für oder gegen das Projekt bin".
Zustimmen aber muß sie, laut Vertrag mit der Filmgesellschaft Toho. Und diesmal wird die Zustimmung wohl erteilt werden, allerdings nur, wenn sich die Filmer an die Abmachungen halten - mehrere Anwälte sollen dafür sorgen.
Abmachung eins: Homosexualität ist tabu; Mishima muß ausschließlich als treusorgender Familienvater auftreten.
Deshalb plant Schrader, der am Drehbuch mitarbeitet, die "indirekte Fixierung". Coppola: Es ist ein "Versuch, das Werk dieses Mannes mit seinem Leben in Einklang zu bringen".
Abmachung zwei, aber nicht vertraglich festgelegt: Mishima war kein Politiker, also sollen seine politischen Beziehungen kein Thema sein.
Daß der damalige japanische Verteidigungsminister ihn in Kontakt mit hohen Offizieren brachte, die es ihm erlaubten, seine "Tatenokai" mit Waffen der japanischen Streitkräfte in deren Ausbildungscamps drillen zu lassen, wird im nachhinein ungern gesehen: Der damalige Minister ist heute Premier, Yasuhiro Nakasone.
Was soll dann ein Mishima-Film noch bringen? Scott Stokes hat sicherlich recht: Es bestehe "ein immenses Wunschpotential" an Romantik im Westen.
Gewiß hat sich Yukio Mishima eine Verfilmung seines Lebens (vor allem aber seines Todes) gewünscht. Seine bitteren Worte, kurz vor dem Tode einem Kollegen anvertraut, könnte der Film aber sehr wohl erfüllen: "Ich trete auf die Bühne, um die Leute zum Weinen zu bringen - und mich empfängt schallendes Gelächter."
Unmittelbar vor seinem Selbstmord am 25. November 1970 in Tokio.

DER SPIEGEL 8/1984
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