16.01.1984

THEATERKroetz sucht Brecht

In seinem neuen Stück, der Szenenfolge „Furcht und Hoffnung der BRD“, knüpft der Dramatiker Franz Xaver Kroetz nachdrücklich an den Stückeschreiber Brecht an. *
Im deutschen Exilverlag Malik in Prag wurden 1938 Brecht-Szenen vorbereitet, die schlaglichtartig den Alltag in Hitlers Deutschland beleuchten sollten. Ihr Titel: "Furcht und Elend des Dritten Reiches".
Die bereits gedruckten Texte konnten in Prag nicht mehr verbreitet werden, die Nazis waren, März 39, schneller da. Erst im kalifornischen Exil konnte Brecht die Szenen aus dem "Privatleben der Herrenmenschen" (so der amerikanische Titel) publizieren und in New York und San Francisco aufführen lassen.
"Furcht und Elend des Dritten Reiches" handelt in 24 kurzen, filmischen Aufblendungen von dem Spitzel- und Denunziantentum im Deutschland nach der "Machtergreifung", von der Brutalität der ersten KZs und Arbeitslager und davon, wie die Schlägerkommandos der SA das Recht außer Kraft prügelten.
Es sind die Theaterszenen Brechts, die am wenigsten von "Verfremdung" und nichts von parabolischer Überhöhung wissen wollen, naturalistische Volkstheaterszenen mit propagandistisch aufklärerischer Funktion. Es gibt darin eine so eindrucksvolle psychologische Studie wie die Telephongespräche der jüdischen Frau, die sich von ihrem Mann verabschiedet, und eine so makaber komische Slapstick-Nummer wie die vom Richter, der noch nicht weiß, wie er perfekt Unrecht spechen soll.
Jetzt, Ende Januar, werden zwei der tonangebenden deutschen Bühnen, das Düsseldorfer Schauspielhaus und Peymanns Bochumer Theater, gleichzeitig eine Szenenfolge vorstellen, die schon im Titel den Anklang an Brecht sucht.
Das Stück heißt, das "Elend" ist der "Hoffnung" gewichen: "Furcht und Hoffnung der BRD", der Verfasser ist Franz Xaver Kroetz, 37, Volkstheater-Autor auf den Spuren Horvaths und der Marieluise Fleißer und erfolgreichster Dramatiker des zeitgenössischen deutschen Theaters.
Und die gesuchte Parallelität zu Brecht geht so weit, daß auch Kroetz, wie Brecht, eine Mitverfasserin vorstellt, "Mitarbeit: Alexandra Wallner-Purocker" heißt es da; bei Brecht war Margarete Steffin der "Mitarbeiter".
Die "Hoffnung" im Titel trügt. Die insgesamt 15 "Szenen aus dem deutschen _(Mit Gerd Kunath und Anneliese Römer. )
Alltag des Jahres 1983" handeln fast auschließlich von der lähmenden, ja tödlichen Hoffnungslosigkeit, die von der Arbeitslosigkeit ausgeht.
Unter dem Weihnachtsbaum denkt ein abgehalfterter "Arbeitnehmer" daran, sich mit Benzin zu übergießen - nicht ohne daß er und seine Frau noch einmal den Christbaum geschmückt haben, "same procedure as every year".
Und auch das Osterfest wird von Kroetz lediglich als hohnvoller Kontrast zur Arbeitslosigkeit eingesetzt.
Die Szenen tragen, ebenfalls nach Brechtschem Muster, sarkastisch verdeutlichende Titel. Heißt eine Szene bei Brecht, in der mit Kommunisten aufgeräumt wird, "Volksgemeinschaft" oder eine, bei der KZ-Häftlinge mißhandelt werden, "Dienst am Volke", so nennt Kroetz eine Szene "Heimkehr". Auch hier geht''s um Arbeitslosigkeit, eine Frau wird von ihrem Mann hämisch wieder im alten Trott des Hausfrauendaseins willkommen geheißen, nachdem sie ihren Arbeitsplatz verloren hat.
Neben das "Kleine-Leute-Elend", für das Kroetz wie kein anderer Dramatiker den bösen Blick und das Ohr für die selbst zur Klage ohnmächtige Sprache hat, stellt das Stück die satirische Beobachtung des Kulturbetriebes.
In der Szene "Der arme Poet" versucht ein Schriftsteller mit mächtigem Wortschwall einem Anrufer zu verbergen, daß er aus Angst eine Resolution nicht unterschreiben will - weil dann, so nimmt er in Panik an, der Bayerische Rundfunk sein Hörspiel nicht senden würde.
Und in einer Szene, die wie ein Echo darauf wirkt, lehnt ein Rundfunkredakteur mit viel liberalem Getöse eben das Hörspiel eines Autors ab, weil es von einer Demonstration gegen die Schließung des Agfa-Werkes in München handelt:
"Schreiben Sie von denen, die daheim geblieben sind, ... der arbeitenden Bevölkerung, die nicht mitdemonstriert hat ... Schreiben Sie von sich und Ihrer innersten Sehnsucht und Schwäche oder schreiben Sie von den daheim Gebliebenen, Heimgefahrenen, Gleichgültigen - (schaut den Schriftsteller an, weich) aber schreiben Sie nicht von den wenigen, die handeln - (kleine Pause) - das kann ich nicht senden (Pause ...)".
Von den fünfzehn Szenen dürfen die Theater in Düsseldorf und Bochum am 27. Januar, so Kroetz im Vorwort, eine freie Auswahl vorstellen: Ungekürzt würden die wortschwallartigen Kaskaden des neuen sozialen Elends sechs bis sieben Stunden dauern.
In Bochum inszeniert der Regisseur Horst Siede die Szenenfolge "Furcht und Hoffnung der BRD". In Düsseldorf wird sich der Brecht-Anklang auf der Bühne wohl noch verstärken. Hier inszeniert der bekannteste Schüler des Stückeschreibers, Peter Palitzsch.
Mit Gerd Kunath und Anneliese Römer.

DER SPIEGEL 3/1984
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