16.01.1984

KUNSTSAMMLERJeder bedient

Ante Topic-Mimara, der einst Kunst-Raubgut der Nazis nach Jugoslawien schaffte, bedenkt die Republik Kroatien mit einer fragwürdigen Sammlung.
Im Umgang mit Kunstsammlern von mäzenatischer Gesinnung sind immer wieder leidvolle Erfahrungen zu machen.
Geht man auf ihre Wünsche nicht bereitwillig ein, so sind die Leute imstande, ihre Wohltaten zurückzunehmen. Diese Lektion hat letztes Jahr der Aachener Peter Ludwig der deutschen Öffentlichkeit erteilt. Als er sich mit einem substantiellen Stiftungsangebot über Gebühr hingehalten fühlte, verkaufte er einen Hauptteil seiner Kollektion in die USA - und manchem Kritiker, der Ludwigs Offerte vorher nicht sehr hoch eingeschätzt hatte, erschien der Verlust plötzlich als ein nationales Unglück.
Daß andererseits auch allzu großes Entgegenkommen mißliche Folgen haben kann, wird durch eine ältere, gleichwohl unvergessene Geschichte belegt. Hans Klenk in Mainz, gelegentlicher Förderer der Universität am Ort, stellte dort 1968 seine Sammlung alter Bilder aus. Beamtete Kunsthistoriker aber hatten sich im Bewußtsein, "was Klenk finanziell für die Universität bedeutet", von dessen Bilder-Etikettierungen mit großen Meisternamen nicht gleich angemessen distanziert.
Die Irreführung war rasch durchschaut, die Blamage beträchtlich, und sie wurde nur peinlicher, als der Sammler die hohe Einschätzung seiner aus trüben Quellen bezogenen Gemälde noch durch dubiose Gutachter stützen ließ.
Aus sicherem Abstand können deutsche Betrachter nun ein aktuelles Paradebeispiel für die Problematik von öffentlichem Interesse und Sammler-Empfindlichkeit verfolgen. In Zagreb, Hauptstadt der jugoslawischen Teilrepublik Kroatien, wird bis auf weiteres eine Auswahl aus einer großen privaten Kunstsammlung gezeigt, die insgesamt Kroatien als Geschenk zugedacht ist.
Auch hier ist ein hochherziger Mäzen im Spiel, ein undurchsichtiger Händler und gleichfalls ein waghalsiger Experte. Nur sind diesmal sämtliche Rollen mit ein und derselben Person besetzt.
Das ist Ante Topic-Mimara, 86. Der alte Herr, Bauernsohn aus dem Adria-Hinterland, hat viele Jahrzehnte im Ausland zugebracht. Mit jugoslawischem und österreichischem Paß versehen, ist er vor gut zehn Jahren heimgekehrt, und seit 1977 bewohnt er mit Leibwächter, Chauffeur und Dienstmädchen ein ihm auf Lebenszeit überschriebenes Zehn-Zimmer-Haus in der Zagreber Altstadt. Außerdem besitzt er bei Salzburg, wo seine deutsche Frau Kunstgeschichte lehrt, ein Schloß und verfügt auch über "Unterkünfte" in Zürich und in München.
Mit Stolz blickt Topic-Mimara auf eine Ansammlung von Kunstgegenständen, die er selber als "die größte private Kollektion der Welt" bezeichnet. Während er sich zu Hause üppig mit alten Möbeln, Tapisserien, Leuchtern und Skulpturen umgibt, sind in der Villa "Zagorje" am Stadtrand, einem einst als Zagreber Domizil für Tito errichteten, von ihm aber kaum benutzten Prachtgebäude in einem weitläufigen Park, 332 Gemälde, Plastiken und Objekte angewandter _(In der Tito-Villa Zagorje in Zagreb. ) _(Vorn rechts: Hölzerne Wölfin. )
Kunst öffentlich ausgestellt, dazu noch 47 ostasiatische Stücke wie Bronze- und Porzellangefäße. Im Keller sollen weitere 2000 Kunstwerke lagern.
Insgesamt wird die Sammlung Topic-Mimara in kaum nachprüfbaren Meldungen auf über 3800 Nummern beziffert. Als Wertangabe kursiert sogar die aberwitzige Summe von sechs Milliarden Dollar, was einen durchschnittlichen Stückpreis von mehr als 150 000 Dollar voraussetzt. Welches Museum kann sich solcher Schätze rühmen?
Museumsrang ist allerdings auch das mindeste, was Topic-Mimara der Sammlung nachsagt. Er selber zeichnet für alle Zuschreibungen in der Ausstellung und in dem für Landesmaßstäbe luxuriösen zweisprachigen (kroatisch-englischen) Katalog verantwortlich, und dabei hält er sich nicht zurück. Ob es um Raffael, Michelangelo, Leonardo, El Greco, Rembrandt, Rubens, Holbein oder Cranach geht - die besten Namen sind gerade gut genug. Doch dem Betrachter können rasch Zweifel kommen.
"Was für ein Kramladen! Wo hat er das ganze Zeug bloß her?", so zitiert Thomas Hoving, Ex-Direktor des New Yorker Metropolitan Museum, eine Kollegin, mit der er 1961 in einem Zürcher Bank-Tresorraum einen Teil der eigenartigen Sammlung besichtigt hatte. Eine "nahezu endlose Prozession geschmackloser Objekte", zu denen sich "kein Fälscher mit einem Funken Selbstachtung" bekannt hätte, sei ihnen, so Hoving, präsentiert worden. Darunter: "das abstoßende Zerrbild eines Kunstwerks", nämlich eine "hölzerne Nachbildung der römischen Bronzewölfin" aus etruskischer Zeit.
"Widerwärtig" hatte laut Hoving ein anderer amerikanischer Museumsmann, Hanns Swarzenski aus Boston, eine gleichfalls hölzerne Imitation jener berühmten Petrus-Skulptur gefunden, die im Petersdom zu Rom steht. Topic-Mimara wollte ihm "weismachen, das Stück sei das Originalmodell für die faszinierende Statue aus dem frühen 13. Jahrhundert".
Beide Holz-Ausgeburten, Petrus und Wölfin, werden jetzt - beide ins "4. Jahrhundert" datiert - in Zagreb gezeigt, zusammen mit weiteren Merkwürdigkeiten. Ein Marmorbildnis des Lorenzo Medici, Leonardo da Vinci zugeschrieben, ist leicht als kleinere Variante einer florentinischen Stuck-Büste im Ost-Berliner Bode-Museum zu erkennen. Angebliche Raffael- und Michelangelo-Gemälde haben mit den derart bezichtigten Künstlern ungefähr soviel zu tun wie Eklektik mit Elektrik. Zuschreibungen an Bosch und Cranach, Degas und Leibl wirken schon auf den ersten Blick absurd.
Daß ein Bild unter Rembrandt-Einfluß, das keinesfalls den Meister selber darstellt, zum Rembrandt-Selbstporträt erklärt wird, mag da als läßliche Panne durchgehen und die Datierung eines "Maria Stuart"-Konterfeis ins 14. Jahrhundert ein bloßer - allerdings zweisprachiger - Druckfehler sein.
Alles Bluff, alles Schund? Der Schluß wäre voreilig. Bei Hoving und seinen Gewährsleuten steht Topic-Mimara zwar als ein Mensch "von sehr geringer Urteilskraft Kunstwerken gegenüber" da. Was ihn jedoch überhaupt erwähnenswert, ja zur Hauptfigur einer romanhaften Buchstory macht, ist der Umstand, daß er zumindest ein von den Fachleuten als echt und sogar als überragend anerkanntes Stück zu verkaufen hatte: ein reich geschnitztes romanisches Elfenbeinkreuz. _(Thomas Hoving: "Das ) _(Millionen-Dollar-Kreuz". Scherz Verlag, ) _(Bern und München; 288 Seiten; 36 Mark. )
Nach langen, zähen Verhandlungen ging es schließlich 1963 für 600 000 Dollar, einen Rekordpreis damals, an das Metropolitan Museum über.
So dürfte in Topic-Mimaras noch unzureichend gesichteter Kollektion manches stecken, was für die öffentlichen Kunstsammlungen seines Heimatlandes ein ernsthafter Gewinn wäre. Demgemäß diplomatisch, wenngleich auf Distanz bedacht, äußern sich Zagreber Kunsthistoriker zu der Bescherung.
"Ich habe keine einzige Fälschung gesehen", behauptet - vielleicht doch allzu freundlich - der Universitätsprofessor Radovan Ivancevic nach einer ersten Inspektion der Ausstellung. Wohl drohe eine "internationale Blamage", wenn Topic-Mimaras Zuschreibungen sämtlich für bare Münze genommen würden. Doch auch bescheidener eingestuft, sei die Sammlung noch immer die wertvollste wohl in ganz Jugoslawien. Einen "echten Kleinmeister" zu haben, zähle da mehr, als sich Illusionen über einen "falschen Michelangelo" zu machen.
Davon will Topic-Mimara nichts hören. "Ich werde nichts ändern, ich weiß mehr als sie", giftet er in einem Interview mit der Zeitung "Vjesnik" gegen die Kritiker. Nur auf Ivancevics mokante Bemerkung, eine ins erste Jahrhundert angesetzte Marien-Ikone müsse dann wohl vom heiligen Lukas persönlich stammen, reagiert er flexibel: "Jedenfalls" sei die Tafel vor dem Konzil von Ephesus im Jahr 431 gemalt worden.
Doch Mäkelei an seinen kunsthistorischen Urteilen ist nicht der einzige Undank, über den der Sammler zu klagen hat. Besonders erbost ihn vielmehr die Schwerfälligkeit, mit der - in seinen Augen - staatliche Organe auf seine Wünsche eingehen.
Denn Mäzene, das wissen auch deutsche Politiker, pflegen zwar Kunst bereitzustellen,
dann aber Museumsbauten zu verlangen. Topic-Mimara ist schon unzufrieden, daß von rund 70 Kunstwerken, die er vor einem Jahrzehnt der alten Zagreber Gemäldegalerie überlassen hat, dort nur ein Teil ausgestellt ist (übrigens von Fall zu Fall bescheidener etikettiert als anfangs).
So soll auch die Unterbringung der großen Sammlung in der Villa Zagorje, wo gerade ein Zwölftel davon gezeigt werden kann, nur provisorisch sein. Und das, obwohl die ausgepowerte Republik schon 500 Millionen Dinar (sogar noch nach heutigem, stark gefallenen Kurs rund elf Millionen Mark) in den Umbau eines Zagreber Klostergebäudes zum Museum gesteckt hatte, bevor der Gönner die Bedingungen dort als unzumutbar erklärte. Jetzt will er über eine Erweiterung der Tito-Villa mit sich reden lassen - und überlegt zugleich, ob er seine Gabe nicht zumindest teilweise "zurücknehmen" soll.
Zwar spricht Topic-Mimara selbst davon, das Ganze sei "geschenkt", sagt aber auch: "Das gehört mir." In einem Vertrag mit der Republik Kroatien hat er wohlweislich Zürich als Gerichtsstand festgelegt.
Nebelhaft bleibt für Außenstehende nicht nur die juristische Lage. Ein Rätsel ist vor allem der Mann Topic-Mimara und damit das Problem, wie er derart viel Kunst zusammenraffen konnte. Denn, so sinniert er selbst, "wachsen wertvolle Sachen etwa auf den Bäumen?"
Topic-Mimara, der sich "Maler und Restaurator" nennt (dann aber auch wieder betont, er habe stets nur Werke in eigenem Besitz restauriert), gibt nicht viel Biographisches preis. Immerhin: Er sei im Ersten Weltkrieg an der Piave gefangen worden, nach Kriegsende in einer römischen Malerwerkstatt beschäftigt gewesen und habe die Jahre 1924 bis 1927 in Paris verbracht. Von da an bis 1952 lebte er nach eigener Darstellung in Deutschland und überstand auch eine Nazi-Haft. Schon 1938 will er eine Kunstsammlung von rund 300 Stücken besessen und angefangen haben, sie planmäßig zu verstecken.
Just damals, so recherchierte Hoving, sei bei einem Berliner Museumsmann der "finstere Jugoslawe", der ihm früher schon allerlei "Balkankram" angeboten hatte und der auffälligerweise frei durch Europa zu reisen schien, mit dem (heute New Yorker) Elfenbeinkreuz aufgetaucht. Er habe das Kunstwerk aber nur vorzeigen können: Es gehöre einem Privatsammler, der es nie verkaufen werde. Von Topic-Mimara hörte Hoving, er habe 1928, "von Osten her auf dem Weg nach Deutschland", das Kreuz in einem "kleinen Kloster hoch in den Bergen" aufgestöbert. Ende der Auskunft.
Dabei wirft es nicht nur ein zweifelhaftes Licht auf den Händler und Sammler, es mindert auch den Wert der Kunstwerke selbst, wenn ihre Herkunft verschleiert wird. Schließlich kann auch die Besitzer-Geschichte eines Bildes oder einer Skulptur aufschlußreich sein.
Doch Topic-Mimara hält sich da prinzipiell zurück. Ausnahmsweise enthüllt er einmal, er habe jene fabelhafte Ikone, die jetzt in Zagreb ausgestellt ist, 1926 in Berlin von der russischen Prinzessin Xenia Demidow (deren Familie mit dem jugoslawischen Königshaus versippt war) erworben. Mit Kunsthistorikern indes mag er sich schon darum nicht treffen, weil die ihn doch "nur ausfragen wollen: Woher haben Sie Ihre Bilder?"
"Habe ich sie etwa gestohlen?" Diese Frage ist schon früher gekommen. 1967, als Topic-Mimara mit dem Großteil seiner Kollektion in Tanger residierte, hielt Interpol Haussuchung bei ihm - doch ohne Anhaltspunkte für einen Verdacht zu finden. Heute erklärt der Sammler mit großer Geste, wer begründbare Ansprüche auf irgendein Stück vorbringe, könne es gleich mitnehmen.
Den Argwohn, bei seinen Kunst-Erwerbungen könne es bisweilen unlauter zugegangen sein, stützt Topic-Mimara noch selbst durch schwadronierende Erinnerungen. Vor dem Zweiten Weltkrieg, so seine Darstellung, hatte er Kontakt zu jugoslawischen Kommunisten bekommen. 1949 war er dann in offizieller jugoslawischer Mission am Münchner "Collecting Point" tätig, wo die Siegermächte Nazi-Raubgut an Kunst zusammentrugen, um es den rechtmäßigen Eigentümern zurückzugeben.
"Dort hat sich jeder bedient", schwärmt (im "Vjesnik") Topic-Mimara fröhlich. Da er freien Zugang zum Deport gehabt habe, sei für ihn die Gelegenheit besonders günstig gewesen: Dank detaillierter Kenntnis der Bestände war er in der Lage, eine Liste vorzulegen, die er - "Heute kann ich es ja sagen" - selbst angefertigt hatte. Auf diesem Papier waren bestimmte Bilder als jugoslawische Kriegsverluste beschrieben und ihre Maße "zentimetergenau" verzeichnet.
Ein amerikanischer Bilder-Bewacher, überdies durch Whisky, Sliwowitz oder Dollars leicht günstig zu stimmen, habe nur den Zollstock zur Hand genommen - und siehe da: Die Sache hatte ihre Richtigkeit. Im plombierten Wagen konnten die Schätze nach Belgrad rollen. Nur allerdings: Nicht zu seiner, Topic-Mimaras Bereicherung sei das geschehen, sondern ausschließlich zugunsten des jugoslawischen Staates.
Wieviel auch immer im Detail auf solche Schwänke zu geben ist - daß der Allerweltskerl, der in München "eine recht prunkvolle Uniform spazierenführte" und "mit Geld nur so um sich warf" (so ein Hoving-Gewährsmann), sich
vaterländische Verdienste erworben hat, ist unbedingt glaubhaft. Ebenfalls 1949 gab ein enttarnter jugoslawischer Agent seinen französischen Befragern zu Protokoll, "ein gewisser Topa alias Mimara, von Beruf Museumskonservator", sei Chef des jugoslawischen Nachrichtendienstes in Deutschland.
Geheimsache bleibt vieles an diesem Mann, der sich jetzt in Zagreb kaum auf die Straße traut aus Furcht, ihn könnte "die Dunkelheit verschlucken". Seine Meriten um sein Land waren zumindest groß genug, daß Staatschef Tito den Kunsthändler auf seiner Luxus-Ferieninsel Brioni empfing, ihm einen hohen Orden verlieh und, nach Topic-Mimaras Aussage, seine Übersiedlung nach Jugoslawien anregte.
"Dieser große Mann liebte die Kunst", sagt der Heimkehrer und fügt hinzu: "Ein Mann dieses Formats verdient allein die volle Wahrheit." Nur ihm habe er deswegen alle Fragen rückhaltlos beantwortet und freiwillig den Rest erzählt. Andere Leute, die auch gern wissen möchten, unter welchen Umständen Topic-Mimara welche Kunstwerke erworben hat und wie er an das Geld dafür gekommen war, werden wohl vergebens auf solche Enthüllungen warten.
Auf einen besseren Schutzheiligen und Beichtvater als Tito jedenfalls kann man sich auch im heutigen Jugoslawien nicht berufen. Schon deswegen, weil Geheimnisse bei ihm gut aufgehoben sind.
In der Tito-Villa Zagorje in Zagreb. Vorn rechts: Hölzerne Wölfin. Thomas Hoving: "Das Millionen-Dollar-Kreuz". Scherz Verlag, Bern und München; 288 Seiten; 36 Mark.

DER SPIEGEL 3/1984
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