25.06.1984

Mordsache Röhm

30. Juni 1934: Hitlers Durchbruch zur Alleinherrschaft (IV) / Von SPIEGEL-Redakteur Heinz Höhne *
Im ersten Stock des Palais Borsig, des Amtssitzes des Vizekanzlers Franz von Papen, brannten noch die Lichter bis spät in die Nacht. Übermüdete Sekretärinnen hasteten über den Korridor und schleppten Akten in das Eckzimmer, in dem zwei Männer ein Dossier für den Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zusammenstellten, das nicht in falsche Hände geraten durfte.
Oberregierungsrat Herbert von Bose und Fritz Günther von Tschirschky und Boegendorff, der persönliche Referent Papens, waren angetreten, Hitlers Griff zur totalen Macht in letzter Stunde zu vereiteln. Jeder Satz in ihrem Dossier war darauf gerichtet, bei dem greisen Hindenburg jene Alarmstimmung zu erzeugen, die ihn reif machen sollte für den Entschluß, der Reichswehr die vollziehende Gewalt zu übertragen und Hitler zu "zähmen".
Immer wieder formulierten sie den Text um, damit der Alte verstand, was hier vorgetragen wurde: die Gefahren von Bürgerkrieg und Chaos, ausgelöst durch die "anarchistischen" Umtriebe der SA, gefährlich genug für Volk und Vaterland, um die staatspolitische Verantwortung in die Hände des Reichspräsidenten zurückzulegen.
Bose und Tschirschky besprachen in dieser Nacht des 27. Juni 1934, wie jetzt vorzugehen sei: Papen mußte spätestens am 30. Juni, dem letzten Tag vor Beginn des SA-Urlaubs, dem Reichspräsidenten mündlich erläutern, was in dem Dossier schon festgelegt war. Dann sollte er Hindenburg vorschlagen, zur Erhärtung seiner Angaben einen Vertrauten heranzuziehen: General Werner Freiherr von Fritsch, den Chef der Heeresleitung.
Bestätigte der General die Lagebeurteilung des Vizekanzlers, so mußte folgen, was Bose und Tschirschky programmiert hatten: Ausrufung des Belagerungszustandes, Verkleinerung von SA und NSDAP, Entmachtung Hitlers als Reichskanzler.
Doch es blieb das heikle Problem, an den auf seinem ostpreußischen Gut Neudeck nahezu unzugänglichen Hindenburg heranzukommen. Bose und Tschirschky waren angewiesen auf einen Mann, dessen kümmerliche Intelligenz und besserwisserischer Hochmut ihnen schon manchen Streich gespielt hatte: Oskar von Hindenburg, den Sohn des Reichspräsidenten.
Gleichwohl mußten sie versuchen, den jüngeren Hindenburg für sich zu gewinnen. Einen bevorstehenden Besuch Oskars im Vizekanzleramt wollten Bose und Tschirschky dazu benutzen, ihn über die Lage aufzuklären und ihm das Dossier nach Neudeck mitzugeben, verbunden
mit der Bitte, der Reichspräsident möge Franz von Papen am 30. Juni zum Vortrag empfangen.
Am Vormittag des 28. Juni stiefelte Oskar von Hindenburg die breite Freitreppe des Palais Borsig hoch, empfangen von Papen, Bose und Tschirschky, die keine Zeit verloren, den Besucher zu bearbeiten.
Der blieb, so registriert der Historiker Karl Maria Graß, "zunächst skeptisch, weil er hinter den Klagen und der Forderung auf ein Eingreifen seines Vaters den persönlichen Ehrgeiz Papens vermutete". Am Ende aber erklärte sich Hindenburg bereit, seinen Vater in alles einzuweihen und den Besuch Papens in Neudeck zu arrangieren.
Doch Oskar von Hindenburg hatte wieder einmal nicht richtig verstanden, worum es ging. Er wollte sofort Fritsch in der Heeresleitung aufsuchen. Da Hindenburg aber den General nicht antraf, ließ er sich bei dessen Vorgesetzten melden, und das war kein anderer als der Reichswehrminister Werner von Blomberg, der sich längst auf Hitler festgelegt hatte.
Ausgerechnet diesen Blomberg fragte Hindenburg, was es mit den Besorgnissen des Vizekanzleramtes auf sich habe. Es wird nicht lange gedauert haben, bis auch Blombergs engster Mitarbeiter, Generalmajor Walther von Reichenau, und der mit ihm verbündete Gestapo-Chef Reinhard Heydrich wußten, was die Leute im Palais Borsig vorhatten.
Vor allem Heydrich mußte die Nachricht von dem bevorstehenden Papen-Besuch in Neudeck aufschrecken. Eben erst hatte er die Führer der sieben SD-Oberabschnitte zusammengerufen und sie auf die Aktion gegen die SA vorbereitet, ohne jedoch ein Datum zu nennen. Jetzt aber war für Heydrich plötzlich ein Datum da: der 30. Juni 1934, der Tag, an dem Papen beim Reichspräsidenten intervenieren wollte.
Was immer auch Heydrich über die Absichten Boses wußte, das Gerede des Oskar von Hindenburg genügte ihm, am Nachmittag des 28. Juni SD und SS zu alarmieren.
Die SS-Verbände im ganzen Land erhielten Weisung, die örtliche Reichswehr zu kontaktieren, und auch die Heeresleitung versetzte ihre Truppen in Alarmzustand. Fritschs Befehle waren klar: Überprüfung der Alarmbestimmungen, Voralarm in den Kasernen, Bereitstellung mobiler Kampfgruppen, Mobilisierung zusätzlicher Transportmittel.
Himmler aber beeilte sich, seinen nach Westdeutschland gereisten Führer über die neue Lage zu informieren. Kaum hatte sich der Diktator am frühen Nachmittag jenes 28. Juni zu der Hochzeitsgesellschaft des Gauleiters Terboven in Essen gesellt, da wurde er durch einen Anruf Himmlers aufgeschreckt.
Hitler war von Himmlers Mitteilungen so irritiert, daß er die Hochzeitstafel verließ und sich auf seine Suite im Essener Hotel "Kaiserhof" zurückzog. "Hier auf seinem Zimmer im ''Kaiserhof'' in Essen ging nun auch der Fernsprecher fast ununterbrochen", notierte sich SA-Obergruppenführer Viktor Lutze. "Der Führer überlegte stark, war sich aber scheint''s klar darüber, daß er nun zuhauen wollte."
Ein weiterer Konfident der SA-Gegner platzte in die Führerbesprechung: Paul ("Pilli"") Körner, Faktotum Görings und Staatssekretär im Preußischen Staatsministerium. Er brachte weitere Nachrichten von Himmler: Ein unmittelbar bevorstehender Putsch Röhms und seiner Anhänger sei nicht länger auszuschließen.
Hitler wollte um jeden Preis seinen Gegnern zuvorkommen. Plötzlich erhob er sich von seinem Platz und sagte: "Ich habe genug. Ich werde ein Exempel statuieren."
Die letzte, endgültige Entscheidung war gefallen. Hitler befahl Göring, mit Körner nach Berlin zurückzukehren und dort auf ein von ihm, Hitler, gegebenes Stichwort hin loszuschlagen. Er selber übernahm es, Röhm und dessen Führer in eine Falle zu locken.
Hitler ließ sich daraufhin mit Bad Wiessee verbinden. Am Apparat meldete sich Röhms SS-Adjutant Robert Bergmann, den Hitler erregt mit der Bemerkung anfuhr, SA-Männer hätten im Rheinland einen ausländischen Diplomaten attackiert, so gehe es mit der SA nicht weiter; man müsse sich endlich einmal aussprechen.
Dann gab er eine Weisung durch: Am Sonnabend, dem 30. Juni 1934, elf Uhr vormittags, hätten sich im Ferienquartier von Stabschef Röhm alle Obergruppenführer, Gruppenführer und Inspekteure der SA zu einer Besprechung mit ihm, dem Führer, einzufinden.
Jetzt war wieder das Trio Himmler/ Heydrich/Göring an der Reihe. Es traf die letzten Vorbereitungen für den blutigen Schlag: Die Führer im SD-Amt in München erhielten Weisung, in die Zentrale _(Rechts: Göring. )
der Politischen Polizei im Wittelsbach-Palais umzuziehen, und den höheren SS-Führern ging die Order zu, ihre Alarmeinheiten sofort in Reichswehrkasernen zusammenzuziehen und sie dort bewaffnen zu lassen.
Doch wie weit sollte der Schlag gegen die SA gehen? Darüber schwieg sich Hitler weiter aus: Von einer Liquidierung führender SA-Männer war noch nicht die Rede, sosehr auch sein Groll auf die SA von Stunde zu Stunde wuchs - genährt von Meldungen Himmlers und Görings, die es immer wahrscheinlicher zu machen schienen, daß ein Gewaltstreich der SA unmittelbar bevorstand.
Was Hitler in Essen und in seinem nächsten Quartier, dem Hotel "Dreesen" in Bad Godesberg, erhielt, waren Nachrichten über die steigende Unruhe in der SA, und die trafen sogar meistens zu: In der SA wuchs eine Stimmung der Verzweiflung und des Verfolgungswahns, die sich in bizarren Befehlen und törichten, fast schon selbstmörderischen Aktionen niederschlug.
Natürlich war das nicht der "Putsch", den die Gegner der SA andichteten, aber es waren Protestaktionen einzelner SA-Führer und SA-Männer, denen nicht verborgen geblieben war, daß sich gegen die SA etwas zusammenbraute.
Einzelne SA-Einheiten formierten sich zu Protestzügen und randalierten gegen die Feinde der SA wie jene SA-Patrouille, die am 29. Juni auf der Straße Gleiwitz-Oppeln Nachschubtransporte der Reichswehr anhielt, durchsuchte und deren Waffen beschlagnahmte.
Bei Neufreimann hob die SA Schützengräben für die erwarteten Kampf mit der Reichswehr aus, in München, Traunstein, Augsburg und Bad Tölz wurden SA-Einheiten alarmiert. In Traunstein stürmte ein Stoßtrupp der SA das Meldeamt des Freiwilligen Arbeitsdienstes und verhaftete zwei Reichswehroffiziere.
Vor allem die Alarmierung der Münchner Schützenstandarte 1 mußte Aufsehen erregen. Am späten Nachmittag und frühen Abend des 29. Juni hatte der Führer der Standarte, SA-Obersturmbannführer Barth, alle seine Stürme zusammentrommeln lassen unter der Parole: "Der Führer ist gegen uns, die Reichswehr ist gegen uns. SA, heraus auf die Straße!"
Gegen Mitternacht waren fast alle SA-Männer auf der Straße, eine bewaffnete Streitmacht von etwa 3000 Mann. Sie formierten sich zu Marschkolonnen und zogen randalierend durch die Stadt, sicherlich hier und da mit Anti-Hitler-Sprüchen auf den Lippen. In zwei großen Marschsäulen ging es Richtung Oberwiesenfeld, im Norden Münchens - beobachtet von den inzwischen alarmierten V-Männern des SD-Amtes.
Der Lärm der SA-Demonstranten schreckte auch den Gauleiter und Innenminister Adolf Wagner auf, der sich die beiden höchsten SA-Führer in München, den Obergruppenführer August Schneidhuber und den Gruppenführer Wilhelm Schmid, kommen ließ. Erregt verlangte Wagner Rechenschaft, die drei Männer gerieten heftig aneinander.
Schließlich waren Schneidhuber und Schmid bereit, ihre Leute zurückzuziehen, zumal sie beteuerten, von der ganzen Aktion nichts gewußt zu haben. Schmid beschaffte sich vorsichtshalber noch zwei Exemplare des Alarmbefehls der Standarte, den zumindest er nicht veranlaßt hatte.
Von den Krawallen aber wußte Hitler noch nichts, als er gegen zwei Uhr am 30. Juni mit seinen Begleitern über den Bonner Flugplatz Hangelar stapfte, um nach München zu fliegen. Anderthalb Stunden später rollte die Maschine auf dem Müncher Flugplatz Oberwiesenfeld aus.
Langsam stieg Hitler aus dem Flugzeug, da sah er die düsteren Mienen des Gauleiters Wagner und zweier Reichswehroffiziere, die sich bei ihm meldeten. Die drei Männer zogen Hitler ein paar Schritte beiseite und berichteten, was in München geschehen war: eine mißglückte Demonstration der SA mit Parolen gegen den Führer. Sie stellten, so erinnert sich Hitler-Adjutant Brückner, "die Lage als sehr bedrohlich dar".
Hitler war entsetzt, wütend hörte er sich den Bericht der drei Männer an: Die SA hatte ihn verraten, Röhm die Hand wider ihn erhoben, gegen ihn, der den umstrittenen Freund immer wieder gegen jede Kritik verteidigt hatte.
Er wandte sich an die abseits stehenden Begleiter und sagte erregt: "Den letzten Beweis haben mir die Verräter geliefert. Heute nacht um zwei Uhr ist die SA von München alarmiert und bewaffnet vor der Feldherrnhalle aufmarschiert. Ich warte nicht bis elf Uhr, sondern handele sofort."
Hitler lief noch einmal zurück und sprach heftig gestikulierend auf die beiden Offiziere ein: "Dies ist der schwärzeste Tag meines Lebens. Aber ich werde nach Bad Wiessee fahren und strenges Gericht halten." Er sei dankbar, daß er in dieser schweren Stunde in dem General von Blomberg einen echten Freund gefunden habe.
Dann drängte Hitler seine Begleiter und Wagner in die bereitstehenden Wagen, in rascher Fahrt ging es in das Innenministerium. Dort mußte Wagner seinen Bericht wiederholen. Sofort wollte Hitler wissen: "Wo sind Schneidhuber und Schmid?" Die seien nach Hause gegangen, sagte Wagner.
Hitler wollte sich nicht beruhigen, "laut schimpft er und wartet auf die beiden SA-Führer" (Lutze), deren sofortige Herbeiholung er verlangte, obwohl er meinte, die Verräter seien doch längst ins Ausland geflohen. Von Minute zu Minute steigerte sich Hitlers Wut, ungeduldig lauerte er auf das Erscheinen der zwei SA-Führer, die er innerlich schon längst verurteilt hatte.
Kurz nach vier Uhr kingelte das Telephon den Gruppenführer Schmid aus dem Schlaf. "Ehe er wegging", so berichtet Martina Schmid, seine Frau, "hat er im Schlafzimmer verzweifelt nach zwei Zetteln gesucht und gesagt: ''Die konnten doch beweisen, daß ich mit der ganzen Sache nichts zu tun habe.''" Die Zettel aber waren verschwunden.
Wilhelm Schmid kam jedoch gar nicht mehr dazu, Hitler eine Erklärung abzugeben. Kaum hatte ihn der Führer erblickt,
da stürzte er sich auf Schmid, riß ihm die Rangabzeichen von der Uniform und schrie: "Sie sind verhaftet und werden erschossen!"
Schmid wurde abgeführt und ging den Weg, den wenige Minuten zuvor Schneidhuber entlanggeschleift worden war: den Weg ins Untersuchungsgefängnis Stadelheim.
Erschießen, erschießen - Hitler schien keinen anderen Gedanken mehr zu kennen. Für ruhige Absprachen hatte er jetzt keinen Sinn. Er wollte augenblicklich nach Bad Wiessee, ohne erst das Eintreffen von Sepp Dietrichs SS-Leibstandarte abzuwarten, die inzwischen in Berlin alarmiert worden war und sich auf dem Weg nach Bayern befand.
Wagner ließ drei Wagen kommen. In den ersten stürzte sich Hitler mit Lutze und Heß, der zweite wurde von Polizeibeamten und SS-Männern besetzt, und in den dritten Wagen kletterten Goebbels und ein Konfident Wagners, der Gaustabsführer Hausböck.
Die drei Autos rasten davon, nach einer guten Stunde näherten sie sich Bad Wiessee. Es war mittlerweile 6.30 Uhr geworden.
Noch schliefen die meisten Gäste der Pension Hanselbauer, in die sich Röhm und seine Vertrauten einquartiert hatten. Die Pensionswirtin haspelte etwas von der großen Ehre des hohen Besuches herunter, doch Hitler, Lutze und die anderen Begleiter des Diktators stürmten an ihr vorbei und postierten sich - ihre Pistolen entsichert - an den Türen der Gästezimmer.
Hitler hielt, so notierte sich Lutze, "vor Röhms Tür. Ein Kriminalbeamter hat angeklopft und um Öffnen gebeten. Es dauert eine Zeit, dann öffnet sich die
Tür, die nun sofort aufgestoßen wird. In der Tür steht dann der Führer mit der Pistole in der Hand. Er nennt Röhm einen Verräter, was Röhm lebhaft abstreitet, befiehlt dann, daß er sich anziehe, und eröffnet ihm seine Verhaftung. Kriminalbeamte bleiben zurück."
Hitler hastete weiter. Er hämmerte gegen eine gegenüberliegende Tür, hinter der nach einigem Warten das Gesicht von Edmund Heines und die Figur eines männlichen Schlafgenossen sichtbar wurde. Es war eine jener Szenen, die der Propagandist Goebbels in plötzlich erwachtem Zorn über nationalsozialistische Homosexuelle später zu den "widerlichen und fast Brechreiz verursachenden" Bildern zählte, "die sich dabei unseren Augen bieten".
Hitler rannte ins nächste Zimmer, derweil Lutze in das Zimmer von Heines sprang und den dortigen Spind nach Waffen durchsuchte. "Lutze, ich habe doch nichts getan, helfen Sie mir doch", schrie Heines. Doch Lutze wand sich verlegen: "Ich kann nichts sagen, ich kann nichts tun."
Bald war das "Verschwörernest" (Goebbels) ausgeräumt. Die verhafteten SA-Führer wurden in den Keller der Pension geschafft, wo Polizeibeamte sie einschlossen. Kurz darauf befanden sich auch diese Häftlinge auf dem Weg nach Stadelheim oder ins KZ Dachau.
Inzwischen hatte Wagner zugeschlagen. Am Münchner Hauptbahnhof hielten Polizisten jeden ankommenden SA-Führer an und kontrollierten ihn; stand er auf ihrer Liste, so verhafteten sie ihn. Einer nach dem anderen mußte den Weg nach Stadelheim gehen: Manfred von Killinger, Hans Peter von Heydebreck, Hans Hayn, Georg von Detten - kaum ein Mann der SA-Prominenz fehlte.
Wer den Polizeibeamten entkam und nach Bad Wiessee fahren wollte, stoppte der Führer mitten auf dem Fahrdamm. Hitler erzählte jedem SA-Führer, den er traf, daß er einen neuen Stabschef habe: Viktor Lutze.
"Ich komme eben aus Wiessee", rief Hitler, "und habe Stabschef Röhm verhaften lassen. Dieser hat mit Schleicher einen Putsch gegen mich und die Staatsführung vorgehabt. Alle beteiligten SA-Führer werden erschossen." Er gab Order, seinem Wagen zu folgen und sich für eine Besprechung im Braunen Haus, der Münchner Parteizentrale, bereitzuhalten.
Jetzt entfesselten die Machthaber einen Terror, wie ihn Deutschland noch
nie zuvor erlebt hatte. Gleich nach Hitlers Rückkehr aus Bad Wiessee ging Goebbels ans Telephon und gab Göring das verabredete Stichwort durch. Im ganzen Deutschen Reich machten sich Kommandos von SS, SD und Politischer Polizei auf, den sogenannten Staatsfeind zu "erledigen".
Niemand wußte den politischen Terror fanatischer zu predigen als Hitler. Dem Reichsstatthalter Ritter von Epp, der für seinen ehemaligen Stabsoffizier Röhm ein kriegsgerichtliches Verfahren forderte, erklärte Hitler, der Röhm habe sein Leben verwirkt, sein Verrat sei erwiesen. Epp war über diesen Ausbruch blinder Vernichtungswut so bestürzt, daß er nach Hitlers Weggang murmelte: "Verrückt!"
Ebenso verstört waren die SA-Führer, die sich im Senatorensaal des Braunen Hauses versammelten, als Hitler hereintrat. "Mit einer Stimme, die sich vor Aufregung mehrmals überschlug", so erzählt der SA-Gruppenführer Karl Schreyer, "schilderte er dann die Vorgänge:
"Der größte Treuebruch der ganzen Weltgeschichte hätte sich bei Röhm und seiner Umgebung abgespielt. Röhm habe Hoch- und Landesverrat ihm gegenüber begangen, er habe ihn verhaften und töten wollen, um Deutschland an seine Feinde auszuliefern. (Frankreichs Botschafter) Francois-Poncet sei auf der anderen Seite der Hauptakteur, er habe Röhm, der immer in Geldschwierigkeiten gewesen sei, zwölf Millionen Mark Bestechungsgelder gegeben."
Und dann die entscheidende Mitteilung: "Röhm und seine Konspiratoren würden exemplarisch bestraft, er ließe sie alle erschießen. Die erste Gruppe (mit) Röhm, Schneidhuber, Schmid, Heines, Hayn, Heydebreck, Graf Spreti würde heute abend erschossen. Der Befehl sei von ihm schon erteilt."
Diese Ankündigung griff allerdings den Ereignissen voraus. Röhm wurde nicht am Abend erschossen, und den Exekutionsbefehl für die anderen SA-Führer hatte Hitler auch noch nicht erteilt. Erst am Nachmittag debattierten er und seine engsten Mitarbeiter über das Schicksal der verhafteten SA-Führer.
Es war die große Stunde Martin Bormanns und seines Schwiegervaters Buch, die offen nachholen konnten, was ihnen 1932 insgeheim mißglückt war: die Ermordung Röhms und dessen engster Vertrauter. Einer nach dem anderen stand auf, um die Vernichtung der SA"Verräter" zu fordern; die hohen Parteigenossen wetteiferten um die Genugtuung, die Homosexuellen im Braunhemd zu ermorden. Heß rief: "Mein Führer, es ist meine Aufgabe, Röhm zu erschießen!"
Fassungslos saß der neue SA-Stabschef Lutze dabei und hörte dem mörderischen Gerede der NS-Funktionäre zu. Als ihn Hitler fragte, wer erschossen werden solle, wich Lutze aus mit der Bemerkung, er wisse nichts von Schuld und Mitschuld, er könne keine Namen nennen. Und verließ schweigend den Saal.
Gegen 17 Uhr öffnete sich die Tür des Sitzungssaals. Bormann trat heraus in ein Vorzimmer und steuerte auf den wartenden SS-Gruppenführer Dietrich zu, der inzwischen mit zwei Kompanien seiner Leibstandarte in München eingetroffen war. Bormann führte Dietrich zu Hitler.
Der sagte: "Lassen Sie sich sechs Unteroffiziere und einen Offizier geben und lassen Sie die SA-Führer erschießen wegen Landes- und Hochverrats." Dann reichte Bormann dem SS-Mann eine Liste, auf der die Namen der in Stadelheim eingelieferten SA-Führer standen.
Sechs Namen hatte Hitler mit einem Grünstift abgehakt: August Schneidhuber, SA-Obergruppenführer und Polizeipräsident in München; Wilhelm Schmid, SA-Gruppenführer in München; Hans Hayn, SA-Gruppenführer in Dresden; Hans Joachim Graf von Spreti-Weilbach, SA-Standartenführer in München; Edmund Heines, SA-Obergruppenführer und Polizeipräsident in Breslau.
Der Name Röhm war nicht abgehakt. Kurz darauf fuhr Hitler zusammen mit Ritter von Epp zum Flugplatz, um nach Berlin zurückzukehren. Unterwegs hörte Epps Adjutant den Diktator sagen: "Ich habe Röhm begnadigt wegen seiner Verdienste." Schreckte Hitler doch noch vor dem Freundesmord zurück?
Dietrich fuhr derweil mit einigen SS-Männern nach Stadelheim, um sich seines blutigen Auftrags zu entledigen. Anfangs machte der Gefängnisdirektor Robert Koch einige Schwierigkeiten und verlangte einen schriftlichen Hinrichtungsbefehl von Dietrich, doch dann lieferte er die sechs verhafteten SA-Führer aus.
Als Schneidhuber den herantretenden Dietrich sah, schrie er: "Kamerad Sepp, was ist los, wir sind unschuldig!" Dietrich verkrampfte sich, das Gesicht blieb unbewegt, fast tonlos sprach er: "Sie sind vom Führer zum Tode verurteilt worden. Heil Hitler!"
Ein SA-Führer nach dem anderen wurde in den Exekutionshof geführt. Dort empfing ein Führer der Leibstandarte den Delinquenten mit den Worten: "Der Führer hat Sie zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung wird sogleich vollzogen." Dann peitschten die Gewehrsalven über den Hof.
Nicht einmal Dietrichs Nerven hielten das durch. Er verließ die Szene, ehe alle SA-Führer erschossen waren. Dietrich später: "Bevor Schneidhuber drankam, bin ich weg. Es hat mir gelangt."
Er wartete bis zum Mittag des nächsten Tages und ließ seine Männer in den Zug nach Berlin verladen, dann flog er in die Reichshauptstadt zurück - in das Berlin, das seit dem 30. Juni zehn Uhr die Himmler-Göring-Version der "Niederschlagung des Röhm-Putsches" erlebt hatte.
Es hatte mit einem Anruf im Vizekanzleramt am frühen Morgen begonnen. Am Apparat meldete sich Görings Adjutant, Major Karl Bodenschatz, und richtete aus, Ministerpräsident Göring bitte Vizekanzler von Papen, ihn umgehend in einer äußerst dringenden Staatssache aufzusuchen.
Gemeinsam mit Tschirschky fuhr Papen zum Leipziger Platz, wobei den beiden Männern auffiel, wie unruhig die Stadt war. Verstärkte Polizeiposten standen an wichtigen Straßenkreuzungen, die Zufahrten der Ministerien waren von Uniformierten abgeriegelt, viele Wagen mit Polizei- und SS-Nummernschildern fuhren durch die Straßen.
Kurz darauf betraten Papen und sein Begleiter die Vorhalle von Görings Dienstvilla. Fast im gleichen Augenblick erschien auch Göring und bat Papen, ihm in sein Arbeitszimmer zu folgen. Tschirschky blieb in der Vorhalle zurück, mißtrauisch beobachtet von Körner, dem Göring-Referenten Gritzbach und einigen SS-Führern.
"Etwa zwei Minuten danach", so Tschirschky, "trat Himmler aus Görings Zimmer, tuschelte mit Körner und Gritzbach und verschwand danach in einer Telephonzelle der Vorhalle. Trotzdem Körner und Dr. Gritzbach versucht hatten, mich in die entgegengesetzte Ecke der Vorhalle zu komplimentieren, blieb ich stehen und konnte hören, wie Himmler sagte: ''Nun kann es losgehen.''"
Tschirschky konnte nicht wissen, daß in diesem Augenblick 30 mit Maschinenpistolen bewaffnete SS-Männer unter der Führung von drei Gestapo-Beamten das Vizekanzleramt erstürmten. Sie besetzten das ganze Haus und durchsuchten jedes Zimmer, immer auf der Suche nach einem Mann: Herbert von Bose.
Hastig durchwühlte Bose seinen Schreibtisch, holte einen größeren Geldbetrag hervor und steckte ihn mit seiner Brieftasche und seinem Siegelring den beiden Mitarbeitern Conrad Josten und Wilhelm von Ketteler zu, die im Nebenzimmer arbeiteten.
Plötzlich schoben sich drei fremde Zivilisten in das Vorzimmer Boses, der ihnen entgegentrat. "Wer sind Sie?" fragte einer der Fremden, worauf sich Bose vorstellte.
Was folgte, konnte Josten nie vergessen. "Die Kriminalbeamten", so erzählt er, "baten ihn daraufhin, in das Konferenzzimmer einzutreten. Die Tür wurde geschlossen. Ketteler und ich hatten uns kaum niedergesetzt, als wir in kurzen Abständen zehn Schüsse hörten und dann noch einen elften. Ketteler stürzte sofort auf die Tür zu dem Konferenzzimmer, um Herrn von Bose zu Hilfe zu eilen. Die Tür war jedoch verschlossen."
Bose war tot, brutal niedergeschossen von den Gestapo-Beamten. Sie duldeten die Zeugen ihres Verbrechens nicht mehr lange im Palais Borsig. Die meisten Angestellten des Vizekanzleramtes wurden verhaftet und in das Hausgefängnis der Gestapo-Zentrale abgeführt, Papen hatte ein leichteres Los: Er wurde in seiner Wohnung unter Hausarrest gestellt.
Die Ermordung Boses wurde zum Auftakt einer brutalen "Abrechnung" mit den äußeren und inneren Gegnern des Hitler-Regimes, für die Heydrich noch in der Nacht die letzten Vorbereitungen getroffen hatte. Die Todes- und Verhaftungslisten waren mit Namen des "reaktionären" Gegners ergänzt, der Schlag gegen den Papen-Kreis erst kurz zuvor beschlossen worden.
Die "Aktion" ging los. Durch die Straßen Berlins jagten Wagen der Landespolizei und Lkw mit aufgesessenen SS-Männern. Das Tiergartenviertel wurde abgesperrt, die dort liegenden Dienststellen der SA untersucht. Widerstandslos ließen sich die noch diensttuenden SA-Führer abführen.
Das Personal für die Greifkommandos holte sich Heydrich meist aus der ehemaligen Hauptkadettenanstalt in Berlin-Lichterfelde, die zu einem Zentrum des 30.-Juni-Terrors wurde. Dort befanden sich nicht nur die restlichen Einheiten der Leibstandarte, vielmehr waren hier auch alle Einheiten der SS Berlins zusammengezogen worden.
Von Zeit zu Zeit rief Heydrich ein paar Leute aus der Kadettenanstalt in die Prinz-Albrecht-Straße, dem Sitz des Geheimen Staatspolizeiamtes, und ließ den jeweiligen Anführer in sein Vorzimmer kommen, wo der Mann inmitten einiger Zivilisten warten mußte. Dann trat Heydrich aus seinem Büro und sagte schneidig-knapp, was er an diesem Tag noch oft sagen sollte: Röhm-Putsch, Staatsnotstand, Führerbefehl, sofort handeln.
Dann zog er sich wieder zurück und rief die Wartenden einzeln zu sich. Die Zivilisten, Beamte der Geheimen Staatspolizei, erhielten jeweils eine Liste mit
Namen zu liquidierender Personen und zudem die Anweisung, mit dem wartenden Trupp loszuschlagen.
So erging es auch dem SS-Sturmhauptführer Kurt Gildisch von der Leibstandarte, der sich mit 18 SS-Soldaten bei Heydrich melden mußte. Heydrich: "Sie übernehmen den Fall Klausener, der von Ihnen persönlich zu erschießen ist. Sie begeben sich hierzu sofort in das Reichsverkehrsministerium."
Nur nebenbei fragte er, ob Gildisch den Klausener kenne. Gildisch verneinte. Heydrich sagte: "Heil Hitler!", und Gildisch war entlassen.
Auf der Fahrt zum Reichsverkehrsministerium überlegte Gildisch, wie er Klausener erschießen könne. Am Koppel trug er eine Dienstpistole des Typs "Parabellum", Kaliber neun Millimeter, aber in der rechten Hosentasche - für andere unsichtbar - steckte eine entsicherte Mauserpistole, Kaliber 7,65 Millimeter. Auf diese zweite Waffe baute der SS-Mann seinen Mordplan auf.
War das alles, was Gildisch in diesem Augenblick bedachte? Es war alles. Nicht einen Augenblick überlegte er, was der Katholikenführer Erich Klausener, Ministerialdirektor im Verkehrsministerium und einer der Schöpfer der republikanischen Polizei Preußens, verbrochen haben mochte, daß er ohne Gerichtsurteil und ohne jede Chance einer Verteidigung erschossen werden sollte.
Der Ministerialdirektor trat eben, es war 13 Uhr, aus seinem Zimmer, um sich auf der Toilette die Hände zu waschen, als er einen SS-Mann mit Stahlhelm gegenüberstand. Er lief wieder in sein Büro zurück, bat Gildisch herein, der Klausener eröffnete, er sei verhaftet.
Klausener drehte sich um. Er ging an einen Kleiderschrank und wollte nach einem Jackett greifen, da zog Gildisch seine Privatpistole hervor und feuerte gegen den Kopf des Beamten. Klausener stürzte tot zu Boden.
Gildisch griff zu einem Telephonapparat auf dem Schreibtisch und wählte die Nummer Heydrichs. Der befahl ihm, einen Selbstmord vorzutäuschen. Gildisch legte seine private Pistole neben Klauseners rechte Hand und beorderte gerade einen Doppelposten vor die Tür, als Mitarbeiter Klauseners herbeistürzten, die den Schuß gehört hatten.
Doch der Mörder ließ sich von ein paar bestürzten Beamten nicht aufhalten und verschwand ungerührt. Erst als Gildisch wieder vor Heydrich stand, erfuhr er, wen er erschossen hatte: einen "gefährlichen Katholikenführer".
Heydrich hatte bereits einen neuen Auftrag für Gildisch: Überführung des Berliner SA-Führers und Röhm-Favoriten Karl Ernst, der in Bremen aufgegriffen worden war. Im Fall des einstigen Intimus und Gegenspielers von Göring hatten es die Exekutoren merkwürdig eilig: Kaum hatte Gildisch den gefesselten SA-Mann in der Prinz-Albrecht-Straße
abgeliefert, da mußte er ihn auch schon nach Lichterfelde bringen.
Gildisch übergab seinen Häftling einem SS-Sturmbannführer, der sofort ein Exekutionskommando zusammenstellte. "Ohne jegliche weitere Vernehmung", so Gildisch, "wurde SA-Gruppenführer Ernst von einem Kommando, bestehend aus vier SS-Freiwilligen der Leibstandarte, auf dem Kasernenhof an einer Mauer hinter der Leichenhalle füsiliert." Mit seinen gefesselten Händen soll sich Ernst das Hemd aufgerissen und geschrien haben: "Trefft gut, Kameraden!"
Wie Gildisch und die Männer der Leibstandarte, so jagten an diesem 30. Juni 1934 die SS-Kommandos überall in Görings Preußen den vermeintlichen Staatsfeind. Die menschlichen Automaten Heinrich Himmlers stellten keine Fragen. Sie wollten nur den Namen ihres Opfers wissen, und schon zuckte das Mündungsfeuer ihrer Revolver und Maschinenpistolen.
Nur wer bereit war, alles auf eine Karte zu setzen, konnte dem Morden entkommen. Der Hitler-Gegner Paul Schulz rannte angeschossen seinem Hinrichtungskommando davon und tauchte unter, und der Ex-Minister Treviranus setzte im Tennisdreß über die Gartenmauer, als er in seinem Haus das Klingeln der Himmler-Boten hörte.
Bald löste sich die mörderische Aktivität der Schwarzen von dem offiziell verkündeten Zweck, Beseitigung von Meuterern und Staatsfeinden, und schlug in einen persönlichen Rachefeldzug um. Was immer sich in der Partei, vor allem aber in der SS und SA an persönlichem Konfliktstoff angesammelt hatte, entlud sich jetzt in einer Kettenreaktion von Mord und Unmenschlichkeit.
Den SA-Standartenführer Hermann Mattheiss, den Chef von Württembergs politischer Polizei, ließ Himmler von einem SS-Kommando in Ellwangen nur deshalb erschießen, "weil er schon zu einem früheren Zeitpunkt gegen Himmler opponierte, was dieser ihm als groben Treuebruch auslegte", wie der ehemalige SD-Führer Werner Best berichtet, und ähnlich erging es dem einstigen SS-Oberführer Emil Sembach, der sterben mußte, weil er sich von der SS abgekehrt hatte und Anschluß an die SA suchte.
Rache, Rache - das schien auch das Motto der blutigen Terrorwelle, die Schlesien überspülte. Dort war dem zuständigen SS-Führer Udo von Woyrsch die Kontrolle über seine Einheiten aus der Hand geglitten, die schießend und plündernd Amok liefen.
Die SS-Einheiten Woyrschs hatten sich eigene Todeslisten aufgesetzt, die sie nun mit Revolvern und Maschinenpistolen Zeile um Zeile abhakten: Den SA-Sturmbannführer Engels, Breslaus stellvertretenden Polizeipräsidenten, trieben sie in den Wald und durchlöcherten ihn mit Schrotladungen. Den Hirschberger Rechtsanwalt Förster töteten sie, weil der Advokat an Prozessen gegen Nationalsozialisten teilgenommen hatte. Der Waldenburger Stadtrat Kamphausen mußte sterben, weil er seinem Mörder eine Baulizenz nicht bewilligt hatte.
Dabei wurde auch gleich intern eine "Frontbegradigung" vorgenommen, der öffentlich in Ungnade gefallene SS-Männer erlagen - getreu der Ankündigung des SS-Oberführers Berkelmann: "Bei dieser Gelegenheit wird saubergemacht, und wir werden solche Schweinehunde umlegen, d.h. erschießen."
So wollte ein Zufall, daß die ersten Exekutionsopfer des 30. Juni drei SS-Männer waren, die wegen sadistischer Häftlingsmißhandlung im April 1934 zu mehrjährigen Zuchthausstrafen verurteilt worden waren: der SS-Sturmführer Joachim Hoffmann, ehedem Leiter der Gestapo-Stelle Stettin, und seine beiden Gehilfen Fritz Pleines und Gustav Fink.
Auch der Gestapo-Mann Othmar Toifl, berüchtigt als Vernehmer und zeitweiliger Kommandant des SS-Folterkellers im Berliner Columbia-Haus, geriet vor die Pistolen eines SS-Kommandos. Ebenso wurde der nach Breslau versetzte Gestapo-Mann Karl Belding, ein SA-Standartenführer, liquidiert.
Am Ende traf es auch den Mann, der wie kaum ein anderer Himmler und Göring durchschaute: den ehemaligen Reichsorganisationsleiter Gregor Straßer. Er hatte einmal gewarnt, die größte Gefahr für die Partei seien "die Himmler und Anhimmler", und zu Göring war ihm eingefallen: "Göring ist ein brutaler Egoist, der sich nicht einen Pfennig um Deutschland kümmert, solange sich nur alles um ihn dreht."
Straßer war keine politische Potenz mehr, doch Göring und Himmler mochten nicht ausschließen, daß sich Hitler mit Straßer wieder versöhnte - der Gestürzte rechnete selbst damit. Und das wollten die beiden Drahtzieher um jeden Preis verhindern.
Am frühen Nachmittag holten Gestapo-Beamte Straßer ab, der allen Ernstes glaubte, Hitler habe ihn endlich rufen lassen zum großen Versöhnungsgespräch. Auf ihn wartete jedoch nur die Zelle 16 im Hausgefängnis der Gestapo, in der ihn kurz darauf ein SS-Mann erschoß.
Doch wo blieb der befürchtete Putsch der SA, wo der "größte Treuebruch der ganzen Weltgeschichte", den Hitler den
überlebenden SA-Führern im Braunen Haus angekündigt hatte? Er fand nicht statt. Seine vermeintlichen Drahtzieher verhielten sich, als hätten sie nie von einem Putsch gehört.
In seinem Haus in der Griebnitzstraße in Neubabelsberg saß Kurt von Schleicher am Schreibtisch, als die Köchin Marie Güntel an der Eingangstür mit zwei lästigen Männern verhandelte, die unbedingt den General zu sprechen wünschten. Eben sagte die Frau widerwillig: "Dann werde ich einmal nachsehen!" Daraufhin begab sie sich, wie sie später aussagte, "in das Arbeitszimmer des Herrn Generals, während der fremde Herr auf dem Fuße folgte".
Da geschah es: "Im Arbeitszimmer angelangt, stand der Herr dicht hinter mir und fragte den Herrn von Schleicher, ob er der General Schleicher sei. Herr General von Schleicher wandte seinen Körper etwas um, um den Herrn zu sehen, und sagte jawohl. In diesem Augenblick krachten auch schon die Schüsse.
"Was weiter geschehen ist, weiß ich nicht, denn aus Angst schrie ich und lief aus dem Zimmer. In dem Arbeitszimmer des Generals von Schleicher hat Frau von Schleicher am Radio gesessen. Als ich nachdem das Zimmer wieder aufsuchte, fand ich Frau von Schleicher so mit dem General erschossen auf dem Fußboden wieder."
Kurt von Schleicher war sofort tot, ein herbeigerufener Arzt stellte sieben Schußwunden fest. Seine Frau lebte noch und starb kurz darauf in einem Krankenhaus.
Doch die Gestapo-Fahnder fanden im Hause des Toten nichts, was auf eine Zusammenarbeit des Ex-Kanzlers mit Röhm oder Francois-Poncet hinwies. Mit Röhm war Schleicher zum letztenmal im Juni 1933 zusammengekommen, und zu Francois-Poncet, so wird der Botschafter später schreiben, hatte Schleicher "auch nicht das geringste gesagt, was mich hätte erraten lassen können, daß er an einer Verschwörung beteiligt sei".
Göring und Himmler aber waren beunruhigt. Würde die Reichswehr empört reagieren, würde sie das Bündnis mit Hitler aufkündigen, jetzt, da ihr einst profiliertester General von Mördern aus den Reihen der SS oder der Gestapo niedergeschossen worden war? Keineswegs. Der General von Reichenau war nicht der Mann, wegen eines ohnehin unpopulären Toten eine ganze Konzeption fallen zu lassen.
Als die vom Propagandaministerium verbreitete Mär von einem "Selbstmord" Schleichers immer deutlicher bezweifelt wurde, entwarf Reichenau ein Kommunique: _____" In den letzten Wochen wurde festgestellt, daß der " _____" frühere Reichwehrminister, General a.D. von Schleicher, " _____" mit den staatsfeindlichen Kreisen der SA-Führung und mit " _____" auswärtigen Mächten staatsgefährdende Verbindungen " _____" unterhalten hat. Damit war bewiesen, daß er sich in " _____" Worten und Wirken gegen diesen Staat und seine Führung " _____" betätigt hat. Diese Tatsache machte eine Verhaftung " _____" notwendig. Bei der Verhaftung durch Kriminalbeamte " _____" widersetzte sich General a.D. Schleicher mit der Waffe. " _____" Durch den dabei erfolgten Schußwechsel wurde er und seine " _____" dazwischentretende Frau tödlich verletzt. "
Es war nichts als eine dreiste Lüge und eine Vertuschung der Mordtat, die noch über den Tod hinaus einen Mann verleumdete, dessen Patriotismus auch nicht sein erbittertster Kritiker je in Zweifel gezogen hatte. Nichts stimmte an dieser verbalen Scheußlichkeit: Schleicher hatte weder gegen den Staat konspiriert noch sich der Verhaftung widersetzt.
Gleichwohl offenbarte die Ermordung Schleichers deutliche Unterschiede zwischen den Liquidatoren. Göring behauptete später, er habe den General nur verhaften wollen, aber ein Kommando der Gestapo sei seiner Landespolizei zuvorgekommen und habe sofort geschossen.
Tatsächlich gefiel es Göring plötzlich, die Blutorgie einzudämmen. Die Nachrichten aus Schlesien hatten ihm klar gemacht, daß die SS kein zuverlässiger, steuerbarer Partner mehr war. Und Göring mußte ein Interesse daran haben, gerade an diesem blutigen Tag das Gesicht des Konservativen und Staatsschützers zu wahren, das er der Nation so gerne zeigte.
Die Todgeweihten erkannten, daß sie sich die Unstimmigkeiten zwischen Göring und Himmler zunutze machen konnten. Der SA-Gruppenführer Siegfried Kasche, das sichere Ende vor Augen, redete so lange auf Göring ein, bis ihn dieser freiließ, und den AA-Staatssekretär von Bülow strich Göring von einer Todesliste.
Die Rolle des jovialen Lebensretters aber ließ Göring jäh fallen, als Hitler um 22 Uhr aus München zurückkehrte und eine für Göring und Himmler schlechte Nachricht mitbrachte: Röhm sollte am Leben bleiben.
Dem Diktator mochte der Gedanke gekommen sein, daß es sehr wohl in seinem Interesse liegen könne, Göring und Himmler den Kopf Röhms vorzuenthalten. Der Führer durfte die beiden Gefolgsleute nicht zu mächtig werden lassen, noch war der Hitler des 30. Juni nicht der Hitler der totalitären Führerdiktatur - er wird es erst sein, wenn er das Erbe Hindenburgs angetreten hat. Fiel Röhm ganz fort, dann war das kunstvolle Gleichgewicht der Regime-Hierarchen gestört, das Hitler zur Wahrung der eigenen Herrschaft benutzte und wohl auch förderte.
So begann Hitler ein raffiniertes Spiel: Der Mann, der in Stadelheim kaltblütig die wichtigsten SA-Führer hatte hinrichten lassen, dem das Wort vom "Ausrotten" unentwegt über die Lippen trat, gebärdete sich in Berlin auf einmal als der Maßvolle, als der besorgte Führer, der nicht jeden Schritt seiner Unterführer goutierte.
Das Reichskabinett bekam von ihm zu hören, er übernehme die Verantwortung für die Erschießung der "Verräter", "auch wenn nicht alle standrechtlichen Erschießungen von ihm selbst befohlen worden" seien.
Tatsächlich hatte er die Erschießung der sechs Stadelheimer angeordnet und weitere zehn Exekutionen, die ohne seine Erlaubnis ausgeführt worden waren, "nachträglich anerkannt", wie Lutze das nannte. Die anderen Morde aber (ausgenommen den noch folgenden an Röhm)
gingen auf das Konto anderer: Görings, des Duos Himmler/Heydrich, des Kreises Heß/Bormann/Wagner und untergeordneter SS-Führer.
Mancher Mord mag Hitler überrascht, ja in Verlegenheit gebracht haben: Den SA-Obergruppenführer von Kraußer ließ er rufen und entdeckte plötzlich, daß der erschossen worden war, der Tod Sembachs ärgerte ihn, und auch die Ermordung der Frau von Schleicher erregte seine Kritik.
Es schien Hitler opportun, den Gemäßigten zu spielen, und die Überlebenden unter den SA-Führern, allen voran der schuldbeladene Lutze, waren treuherzig genug, ihrem Führer aufs Wort zu glauben. Phantastisch: Je hektischer die Wut der Geretteten über Himmlers und Görings Mordkommandos wurde, desto heller strahlte der vermeintliche Gerechtigkeitssinn Hitlers.
Was aber auch immer Hitler mit der Rolle des Maßvollen bezweckt haben mag, Himmler und Göring bedrängten ihn, Röhm zu opfern. Noch in der Nacht vom 30. Juni zum 1. Juli begannen sie, auf den Führer einzureden, der sich bisher stets auf die Seite der stärkeren Bataillone zu schlagen gewußt hatte.
Am Vormittag des 1. Juli wollte Hitler das Leben seines Freundes noch erhalten, in der Mittagszeit aber schwenkte er um: SS-Brigadeführer Theodor Eicke, der KZ-Kommandant von Dachau, erhielt den Befehl, Röhm zu erschießen.
Um 15 Uhr stand Eicke in Stadelheim mit seinem Stellvertreter Michael Lippert und einem weiteren SS-Führer vor dem Gefängnisdirektor Koch, der wieder Schwierigkeiten machte. Er wollte den Untersuchungshäftling Röhm nicht auf ein bloßes Wort hin den SS-Männern ausliefern und alarmierte den Justizminister Hans Frank.
Als Frank am Telephon die Bedenken Kochs teilte, riß Eicke dem Direktor den Hörer aus der Hand und brüllte hinein, der Fall gehe den Minister überhaupt nichts an, denn er habe Befehl vom Führer, und das genüge wohl.
Koch gehorchte angesichts solcher Brutalität. Er rief den Gefängnisverwalter Lechler und gab ihm den Auftrag, die drei Besucher zur Zelle 474 zu führen. Dort hockte Röhm mit nacktem, verschwitzten Oberkörper auf einer Pritsche und wendete ein wenig den Kopf, als die Tür aufging und Eicke in die Zelle trat.
Eicke machte es kurz: "Sie haben Ihr Leben verwirkt. Der Führer gibt Ihnen noch eine Chanche, die Konsequenzen zu ziehen." Dann legte er die Pistole auf den Tisch. Beim Hinausgehen sagte Eicke, zehn Minuten Zeit habe Röhm, dann müsse alles vorüber sein.
Eine Viertelstunde warteten die drei SS-Männer auf dem Gang vor der Zelle. Drinnen rührte sich nichts. Eicke blickte auf die Uhr. Er und Lippert zogen ihre Dienstpistolen hervor. Der Brigadeführer stieß die Zellentür auf und rief: "Stabschef, machen Sie sich fertig!"
Er blickte neben sich und sah, daß in Lipperts Faust die Pistole zitterte. Eicke zischte: "Langsam und ruhig zielen." Zwei Schüsse fielen, Röhm sank nach hinten zu Boden und hauchte: "Mein Führer, mein Führer." Eicke höhnte: "Das hätten Sie sich früher überlegen sollen, jetzt ist es zu spät."
Röhm atmete schwer. Einer der beiden SS-Männer schoß dem Schwerverletzten noch einmal in die Brust. Ernst Röhm, Gründer der SA, einziger Freund Hitlers, Rivale der Reichswehrführung, war tot. Seine Sterbestunde: 18 Uhr, 1. Juli 1934.
Das Ende Röhms leitete die letzten Erschießungen ein, am Morgen des 2. Juli war alles vorbei. 85 Menschen hatten den Tod gefunden, ohne Gerichtsverfahren, ohne Gelegenheit zur Verteidigung, Opfer einer brutalen Partei- und Cliquenräson der Nationalsozialisten.
Doch die Toten fochten die Männer und Mächte nicht an, die sich als die Sieger des 30. Juni 1934 fühlten, und um einen Sieg ging es in der Tat: Die Macht der SA war gebrochen und sollte nie wieder restauriert werden, ihre Rivalen aber beherrschten die Szene. Die Reichswehr war die braune Konkurrenz endgültig los, die SS frei von aller Bevormundung durch die SA, von nun an "eine selbständige Organisation im Rahmen der NSDAP", wie ihr Hitler noch im Juli bestätigen sollte.
In den Kasernen der Reichswehr erklangen Hurrarufe, in den Offizierskasinos das Klirren der Sektgläser. "All catched" (alle geschnappt) telegraphierte General von Reichenau in fehlerhaftem Englisch an den Abwehrchef Patzig, als die letzten SA-Führer erschossen worden waren. "Schade, da müßte ich dabei sein", jauchzte Generalmajor Erwin von Witzleben, der Befehlshaber im Wehrkreis III.
Blomberg wurde jedoch allmählich der laute Jubel seiner Offiziere über den 30. Juni unheimlich, er forderte von ihnen mehr Diskretion. Oberst Heinrici vom Allgemeinen Heeresamt notierte Stichworte einer Rede Blombergs: "Truppe hat nicht die Haltung gehabt, die man erwarten mußte. Ungehörig, sich über die Gefallenen zu freuen und im Kasino zu reden."
Immerhin befanden sich auch zwei Reichswehrgenerale unter den Mordopfern des 30. Juni, und Blomberg mußte befürchten, daß die Gegner seines bedenkenlosen Zusammenspiels mit Hitler den Tod von Schleicher und Bredow dazu benutzen würden, Stimmung gegen die Reichwehrführung zu machen.
Doch Blomberg hatte sich umsonst gesorgt, Der Fall Schleicher verlor für die Militärs rasch seine Aktualität, die Öffentlichkeit hatte von ihm ohnehin kaum Notiz genommen - die Toten des 30. Juni erregten nicht Phantasie und Gewissen einer Gesellschaft, deren Rechtsgefühl spätestens seit den Bürgerkriegswirren der Nachkriegszeit, den Fememorden und dem bürgerkriegsähnlichen Polit-Terror der untergehenden Republik erschöpft und zerstört worden war.
Gewiß, es gab Zeitgenossen, die den Massenmord des 30. Juni 1934 als das erkannten, was er war: der Start in das staatliche Verbrechen. Doch das Gros der Gesellschaft sah im 30. Juni nichts _(Auf Schloß Neudeck, 2. August 1934. )
anderes als Befreiung von der Barbarei der Braunhemdenarmee. Die Erleichterung breiter Volksschichten über die gewaltsame Entmachtung der SA, die seit Hitlers Machtübernahme die Straße beherrscht hatte, war größer als das traditionelle Rechtsbewußtsein.
"Rückhaltlose Anerkennung der Energie, der Klugheit und des Mutes des Führers" registrierte der Regierungspräsident von Oberbayern am 4. Juli als vorherrschende Meinung in seinem Gebiet, und es fehlte nicht an jenen zynischen Juristen wie Carl Schmitt, Deutschlands prominentestem Staatsrechtslehrer, der den Massenmord des 30. Juni als einen Hitler-Akt pries, durch den "höchstes Recht" geschaffen worden sei. Schmitt: "Der Führer schützt das Recht."
Die Zustimmung der Bevökerung war so deutlich spürbar, daß selbst linke Widerstandsgruppen, stärker geworden durch die Frühjahrskrise des Regimes, "kaum großes Kapital aus der Affäre schlugen" (so der britische Historiker Ian Kershaw). Wie sollten sie auch, die blutige "Reinigung" der in weiten Kreisen unpopulär gewordenen Staatspartei durch den Diktator selber war kaum ein Thema, das die Menschen gegen Hitler aufbringen konnte.
So günstiges Echo auf die Massenmorde des Regimes bewog nun auch Hitler, sich öffentlich zu rechtfertigen, zumal in den der Reichskanzlei vorliegenden Stimmungsberichten der Wunsch zusehends laut wurde, "der Öffentlichkeit klaren Wein einzuschenken" (so eine Meldung aus Pfarrkirchen).
Am 13. Juli trat Hitler unter dem dumpfen Trommelwirbel eines angetretenen Ehrensturms der Leibstandarte vor den in der Krolloper versammelten Reichstag, doch er wirkte unsicher und müde. Entsprechend schwach war seine Rede, ohne rhetorische Brillanz und voller Widersprüche.
Er breitete vor den Abgeordneten und Diplomaten aus, wie "von gewissenlosen Elementen eine nationalbolschewistische Aktion vorbereitet wurde, die über Deutschland nur namenloses Unglück bringen konnte", und wie er noch rechtzeitig, obwohl schon seit einiger Zeit mißtrauisch geworden, den schändlichen Verrat Röhms durchschaut habe.
Angesichts der Alarmierung von SA-Einheiten in der Nacht zum 30. Juni, so behauptete Hitler, habe es für ihn nur noch den Entschluß geben können, diese Meuterei nach den "ewig gleichen eisernen Gesetzen" sofort im Keim zu ersticken. Hitler: "In dieser Stunde war ich verantwortlich für das Schicksal der deutschen Nation und damit des deutschen Volkes oberster Gerichtsherr."
Hitlers Rede wäre ein Fehlschlag geworden, hätte er sie nicht mit einigen Sätzen über die gestürzten SA-Führer und ihre Gefolgsleute angereichert, die sich zu einem makabren Sittengemälde von SA und Partei zusammenfügten.
Hier seien, so Hitler, "destruktive Elemente" am Werk gewesen, die "überhaupt jede innere Beziehung zu einer geregelten menschlichen Gesellschaftsordnung verloren haben". Für die sei die Revolution ein Dauerzustand, was nur bedeute, daß sie, "ohne es zu ahnen, im Nihilismus ihr letztes Glaubensbekenntnis gefunden haben".
Hitler klagte an: "Unfähig zu jeder wirklichen Mitarbeit, gewillt, gegen jede Ordnung Stellung zu nehmen, erfüllt von Haß gegen jede Autorität, findet ihre Unruhe und Unrast nur mehr Befriedigung in der dauernden gedanklichen und konspirativen Beschäftigung mit der Zersetzung des jeweils Bestehenden."
Das Auftreten der SA-Führer sei "manchesmal geradezu abstoßend" gewesen. Es seien "zahlreiche Anklagen über Verstöße höherer und mittlerer SA-Führer" vorgebracht worden, "von verhetzenden Reden bis zu unerträglichen Ausschreitungen" führe eine "gerade Linie", zu der auch gehöre: "schlechte Aufführung, Trunkenheitsexzesse, Belästigung friedlicher anständiger Menschen", alles dies "im höchsten Maße verabscheuungswürdig".
Es waren diese Passagen, die Hitlers Rede zu einer der folgenreichsten in der Geschichte Deutschlands machten. So hatte noch kein nationalsozialistischer Führer mit seiner Partei oder mit Teilen seiner Partei "abgerechnet".
Destruktive Elemente, Nihilismus, abartige Veranlagungen, Terror, unerträgliche Ausschreitungen, Belästigung anständiger Menschen, Verhöhnung bürgerlicher Werte - das war just jene Kritik, die in den Führungsschichten von Verwaltung, Wirtschaft und Gesellschaft an der NSDAP geäußert wurde, seit sie an der Macht war.
Zwar warfen Skeptiker sofort die Frage auf, wie ein angeblich so "sauberer" Parteiführer jahrelang mit nihilistischen Elementen hatte zusammenarbeiten können, doch Einwände dieser Art verhallten. Was jetzt zählte, war das Trugbild von dem einsamen, mutigen und gerechten Volkskanzler Hitler, das dessen Auftritt in der Krolloper hinterlassen hatte: die Fata morgana von dem Mann aus dem Volk, der es wagte, mit dem Bonzen- und Verbrechertum seiner eigenen Partei aufzuräumen.
Solche Illusion festigte sich noch, je mehr Hitler SA und Partei zwang, sich zu "reinigen". Vor allem die SA wurde _(Vor dem Reichstag in der Krolloper am ) _(13. Juli 1934. )
einem Säuberungsprozeß unterworfen, wie er in der Geschichte der NS-Bewegung einmalig war.
Der Diktator hatte ein Zwölf-Punkte-Programm aufgesetzt, das der SA die Einsetzung von Sondergerichten und Untersuchungsausschüssen auferlegte, die sich befassen sollten "mit allen Angelegenheiten, durch die SA-Führer wegen Lebenswandel, Unmoral, Postenjägerei, Materialismus, Unterschleife, Sauf-Exzessen, Protzen- und Prassertum usw. für das SA-Führerkorps untragbar geworden sind", wie es in einem Befehl hieß.
Eine Inquisition kam in Gang, die sich über Jahre erstreckte und praktisch erst kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zu Ende ging. 1900 SA-Führer fielen ihr zum Opfer, was nach den Berechnungen der Historikerin Mathilde Jamin bedeutet, daß bis zu 18 Prozent des alten, vor 1933 maßgeblichen Führerkorps die SA verlassen mußte.
Die parteiferne Öffentlichkeit aber mußte faszinieren, daß dies eigentlich gar keine politische "Säuberung" war. Hier ging es nicht darum, weitere "Komplizen" Röhms unschädlich zu machen. Was allein schwer ins Gewicht fiel, war jede Verletzung des bürgerlichen Moralkodex: Schon ein Ehebruch genügte, um einen Führer aus der SA auszuschließen, und ganz unakzeptabel erschienen auf einmal Eigentums- und Gewaltdelikte - Beginn "einer totalen Anpassung der ursprünglichen ''SA-Moral'' an die herrschenden bürgerlichen Moralnormen" (Mathilde Jamin).
Zugleich unterzog Hitler auch die Partei einer Säuberungsprozedur. Ihr "Bonzentum", vor allem die Trunksucht und Korruption unzähliger Parteifunktionäre, war ebenfalls von Hitler zur Genugtuung der Bürger gerügt worden, was nun Anlaß gab, ganze Funktionärsschichten auszuwechseln und höchste Amtsträger abzuberufen.
40 153 Kreis-, Ortsgruppen- und Blockleiter mußten bis Anfang 1935 die NSDAP verlassen, etwa ein Fünftel der Parteifunktionäre, die es bei Beginn der NS-Machtergreifung gegeben hatte. Im Gau Schwaben wurden 35,1 Prozent der Politischen Leiter entlassen, im Gau Hessen-Nord 32,8, nur Ost-Hannover lag unter der 30-Prozent-Grenze.
Je eifriger die Kommissare an ihr Werk gingen, desto mehr erstrahlte das gleisnerische Licht des Saubermanns Hitler, den die Volksmeinung weit über seine Partei hinaushob und von allen Verbrechen und Gewalttätigkeiten des Regimes frei wähnte - "ein Führer ohne Sünde", wie er in einem Bericht des Arbeitsamtes Marktredwitz genannt wurde, ein Vollstrecker der Volksjustiz, den man nur genügend informieren müsse, damit er das Krebsgeschwür der Korruption, Unmoral und Machtarroganz ausbrennen könne.
"Wenn das der Führer wüßte!" Eine Legende war geboren, unausrottbar und selbstzerstörerisch wie kein anderer Volksmythos in der Geschichte der neueren Zeit.
Die scheinbar wachsende Distanz Hitlers zu seiner Partei aber verlockte die alte Führungselite zu dem Versuch, den Diktator ganz von der NSDAP zu trennen und ihn auf ihre Seite herüberzuziehen. Vor allem die Führer der Reichswehr dachten in solchen Bahnen. Die Männer um Blomberg bauten allein auf Hitler, denn nur die Partnerschaft mit ihm konnte der Reichswehr Einfluß und Machtteilhabe auch in Zukunft sichern.
Ihnen war kein Anpassungsgestus zu gewagt, um diesen Mann an sich zu binden. So hatte sich in ihren Köpfen schon festgesetzt, was die deutsche Welt grundlegend verändern sollte, als am 1. August die Nachrichten aus Neudeck keinen Zweifel mehr daran ließen, daß es mit Paul von Hindenburg zu Ende ging.
Hitler handelte sofort. Er ließ, noch lebte der Alte, vom Reichskabinett ein Gesetz beschließen, das die Vereinigung der Ämter des Reichspräsidenten und des Reichskanzlers vorsah - nach dem Urteil Klaus-Jürgen Müllers "ein kalter Staatsstreich", widersprach das neue Gesetz doch dem Artikel 2 des Ermächtigungsgesetzes vom März 1933, der festhielt, die Reichsregierung könne verfassungsändernde Gesetze erlassen, soweit sie nicht die Rechte des Reichspräsidenten berührten.
Doch nicht dies war die eigentliche Sensation des Tages. Was wirklich umstürzlerisch war, hatten sich Blomberg und Reichenau allein ausgedacht: eine Eidesformel, die alle Soldaten und Offiziere der Reichswehr an den Führer Adolf Hitler binden sollte. Es war die katastrophalste Fehlentscheidung deutscher Militärgeschichte, Ausgangspunkt jener schuldhaften Verstrickung, in die die Wehrmacht unter Hitler schon bald geraten sollte.
Keine Macht der Erde, auch Hitler nicht, hatte Blomberg und Reichenau gezwungen, diesen fatalen Schritt zu gehen. Für die beiden Generale war die neue Eidesformel nichts als ein taktischer Zug, um Hitler noch fester an sich zu binden.
Nicht einen Augenblick bedachten sie, in welche Abhängigkeit die ganze Reichswehr zu dem Diktator geraten würde, und vollends ignorierten sie, daß die Aktion verfassungswidrig war: Die Reichswehr war immer nur auf die Verfassung, nicht aber auf den Reichspräsidenten vereidigt worden.
Und sie hatten es eilig, diesen Coup sofort hinter sich zu bringen. Kaum war am 2. August 1934 kurz nach neun Uhr die Fahne des Reichspräsidenten in Neudeck auf Halbmast gegangen, da ließ Blomberg die Truppen im ganzen Reich antreten und auf den neuen Führer und Reichskanzler vereidigen, was so hektisch geschah, daß der General Beck von "einer Überrumpelung" sprach.
Der Generaloberst Werner von Blomberg aber ließ es sich nicht nehmen, gemeinsam mit Göring und dem Marinechef Raeder vor dem neuen Obersten Befehlshaber den Eid abzuleisten.
Hitler stand langsam von seinem Schreibtisch auf und las vor: "Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, daß ich dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen." Blomberg und die anderen sprachen die Formel nach.
Adolf Hitler hatte es geschafft, er war alleiniger Herr über Deutschland. Kein Reichspräsident konnte ihn mehr an der Machtausübung hindern, die Reichswehr war auf ihn eingeschworen, die Partei zum Massenmobilisator des Alleinherrschers bestimmt.
Ein paar alte SA-Führer ahnten, was den Deutschen bevorstand. "Wehe, wenn der Führer", hatte Pfeffer von Salomon schon 1930 gesagt, "falschen Ratgebern folgen oder selber seine Ziele übersteigern würde! Sie würden mitlaufen, hinter ihm her, blindlings, auch wenn sie dabei dem sicheren Tod in die Arme laufen müßten."
Ende
Rechts: Göring. Auf Schloß Neudeck, 2. August 1934. Vor dem Reichstag in der Krolloper am 13. Juli 1934.
Von Heinz Höhne

DER SPIEGEL 26/1984
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