20.08.1984

GESTORBENWerner Otto von Hentig

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Werner Otto von Hentig, 98. Kein deutscher Diplomat hat wohl je eine so abenteuerliche und gefährliche Dienstreise unternommen wie der gebürtige Berliner. 1915 machte sich Legations-Sekretär von Hentig auf kaiserliche Weisung auf den Weg von Berlin nach Kabul, der afghanischen Hauptstadt. Ziel der Mission: die Afghanen auf die deutsche Seite zu ziehen und sie gegen England aufzuwiegeln. Das Unternehmen schien aussichtslos, denn Deutschlands Kriegsgegner kontrollierten den Weg. Mit List gelang von Hentig das Bravourstück: Als Wanderzirkus getarnt, kamen der Diplomat und sein Gefolge durch den Balkan, auf selbstgebauten Booten schipperten sie den Euphrat hinab, in 60 Nachtmärschen ging es durch persische Salzwüste. Sie erreichten Kabul, doch die Afghanen ließen sich nicht für die deutschen Pläne begeistern. Den Rückweg nahm der kühne Legations-Sekretär nun vollends um den Globus: Über das Hochland von Pamir schlug er sich nach China durch und erreichte via USA unentdeckt vom Gegner Berlin. Sven Hedin, der berühmte Forscher, nannte von Hentigs Gewalttrip bewundernd die "schwierigste Reise um die Welt". Solche Bewunderung für den "deutschen Lawrence" teilten Hentigs Vorgesetzte im Auswärtigen Amt nicht. Von Hentig galt als schwieriger Mann, der gegen das Comment auf seiner Meinung beharrte. Seine AA-Karriere verlief alles andere als steil. Als Mittfünfziger meldete sich von Hentig 1939 freiwillig zum Militär. Nach dem Krieg kehrte er 1952 als Botschafter in Jakarta in den diplomatischen Dienst zurück. Schon nach zwei Jahren schied der Nonkonformist von Hentig wieder aus. Er mißbilligte Adenauers Politik der Westbindung, weil sie in seinen Augen die deutsche Teilung verewigte. Von Hentig starb vorletzte Woche in Norwegen.

DER SPIEGEL 34/1984
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