25.06.1984

„Guckt mal, da kommt Silberlocke“

SPIEGEL-Redakteur Kurt Röttgen über den Bundestrainer Jupp Derwall *
In geselliger Runde hat Jupp Derwall, 57, gern zur Gitarre gegriffen und gesungen: "Kein schöner Land in dieser Zeit." Das singt er lange nicht mehr.
Nachdem er bei seinem Einstand vor sechs Jahren das Länderspiel in der CSSR gewonnen hatte, spendierte er im Prager Interconti eine Runde Pilsener Urquell und eröffnete die erste Pressekonferenz im neuen Amt mit dem Trinkspruch: "Also dann, meine Herren, ein freundliches Prösterchen." Derwall ist im Dienst auf Kaffee umgestiegen, und der einst legere Umgangston ist Mißtrauen gewichen.
In der vorigen Woche kurvte er mit seinem Fahrrad täglich so selbstvergessen durch das Trainingsgelände in St. Germain-en-Laye, als folge er einem imaginären Drehbuch des kauzigen Filmemachers Jacques Tati - Derwalls kleine Flucht vor einer Welt, die er so nicht mehr mag.
"Stimmungen, die zwischen Verdrossenheit, Passivität und Leutseligkeit ganz schnell schwanken", hat seine unmittelbare Umgebung während der Fußball-Europameisterschaft in Frankreich bei Derwall ausgemacht. Er lacht nur noch, wenn eine Kamera in der Nähe ist oder wenn er Besuch vom Kanzler hat.
Egidius Braun, Schatzmeister des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und Derwalls Weggefährte seit über 30 Jahren, sagt: "Es führt kein Weg daran vorbei, der Jupp ist psychisch angeschlagen."
Ob die Nationalelf siegt oder nicht: Die Fans wollen, daß endlich der Mann abtritt, unter dessen Regie der deutsche Fußball zur "Kraftmeierei" (so die Schweizer Zeitung "Blick") erstarrt ist.
Auch DFB-Chef Hermann Neuberger hat das längst erkannt. Zwar will er den auf 1986 datierten Derwall-Vertrag selbst nicht kündigen, doch die elegantere Lösung eines vom Bundestrainer eingereichten Abschiedsgesuches schließt er keineswegs aus. Neuberger noch vor Beginn des Turniers in Frankreich: "Selbst wenn wir die Europameisterschaft gewinnen, werden einige weiter gegen Derwall holzen. Dann ginge das Theater von neuem los." Rücktrittsspekulationen setzten sofort ein, als die Deutschen durch ein 0:1 an Spanien gescheitert waren.
"Derwall in die Muppet-Show" haben sie in Straßburg nach dem Remis gegen Portugal gegrölt, und als sich der Bundestrainer nach dem Sieg gegen Rumänien zeigte, scholl es ihm entgegen: "Guckt mal, da kommt Silberlocke." Derwall winkte zunächst noch freundlich und erkannte erst am hämischen Gelächter der Leute, daß er die Situation falsch eingeschätzt hatte.
Er schätzt Situationen immer dann falsch ein, wenn sie nicht seinem Urbedürfnis nach Harmonie entsprechen. Als ein Mann ohne persönliche Souveränität braucht er die Stimmigkeit der Umwelt. Er erkennt nicht mal, daß seine Konfliktscheu ihm die Konflikte zuhauf erst eingebracht hat.
Kritik an seiner Sache ist für Derwall stets Kritik an seiner Person. Wird er auf den balltechnisch minderbemittelten Bernd Förster hin angesprochen, entgegnet er beleidigt: "Wir sind mit rechten Verteidigern auch nicht so gesegnet."
Den Besten, Manfred Kaltz vom Hamburger SV, hat er trotz Intervention von Kapitän Karl-Heinz Rummenigge nicht mit nach Frankreich genommen. "Ich habe mich bemüht", so Rummenigge, "Derwall zum Einlenken zu bewegen, doch es war vergeblich. Zwischen den beiden ist ein Bruch entstanden, der offenbar nicht zu kitten ist."
Derwall hatte Kaltz gestützt, als er in der Krise war. Dafür erwartete der Bundestrainer Verständnis, als er ihn zu einem Länderspiel einmal nicht einlud. Aber Kaltz maulte öffentlich, sprach von Rücktritt und signalisierte schließlich doch wieder Bereitschaft, als er den einstigen Leistungsstand wieder erreicht hatte.
Kaltz hat sich verhalten wie jeder egoistische Profi, der zunächst einmal den eigenen Vorteil sucht. Könnte Derwall das nachvollziehen, würde er sein eigenes Spiegelbild zertrümmern. Das Muster seiner Familie, die er schützt und von der er geschützt wird, hat er auf den Beruf übertragen. Die Spieler sind seine Söhne, und wenn schon einmal Meinungsverschiedenheiten aufkommen, geht man immer noch lieb miteinander um.
Derwall ist eigens nach Mailand gefahren, um die Form des Italien-Profis Hansi Müller zu überprüfen, und er hat in Hamburg versucht, Felix Magath für eine Rückkehr in die Nationalelf zu gewinnen.
Als ihm in den ersten Tagen der Europameisterschaft die französischen Champagner-Fußballer als Beispiel für prickelnden Spielgenuß vorgehalten wurden, sagte er mit der ehrlichen Entrüstung des "Fußball-Ästheten, der ich seit jeher bin": "Was soll ich denn machen, ich habe keine besseren Spieler."
Er hätte sie haben können, wenn er seinerzeit mit Müller und Magath die kontroverse Diskussion gewagt und es
nicht bei einer unverbindlichen Plauderei belassen hätte.
Müller fühlte sich brüskiert, weil er mit Verspätung aus den Zeitungen erfahren mußte, "was Derwall mir ins Gesicht hätte sagen sollen": daß er an seinen Leistungen einiges zu bemängeln habe.
Magath resignierte vor Derwall, weil der Genscher des Fußballs auch in der letzten Verhandlungsrunde noch nach einem Kompromiß suchte, anstatt sich auf die Rollenverteilung im Mittelfeld festzulegen.
Als Wolfgang Rolff den Bundestrainer am Tag vor dem Rumänien-Spiel beim Frühstück traf, wunderte er sich über dessen Verschlossenheit. Rolff: "Er sagte zwar, daß einer von denen, die gegen Portugal dabei waren, aus der Mannschaft fliegen würde, aber er sagte nicht, wer."
Das erfuhr er dann zwei Stunden später auf dem Trainingsplatz, wo die 20 Frankreich-Fahrer täglich in zwei Klassen eingeteilt werden: Stammspieler und Reservisten. Rolff fand sich unversehens in der zweiten Klasse wieder.
Der HSV-Spieler verweigerte nicht einmal grundsätzlich die Einsicht. Es war die Art der Degradierung, die ihn "sehr verdroß" und die ihn im ersten Ärger zu der Aussage bewegte: "Im Verein bin ich eine andere Art der Vorbereitung gewohnt."
Solange "mehr die Verbreitung guter Laune als Konfliktbewältigung" (Magath) gefragt war, hatte Derwall Erfolg. In den ersten 23 Länderspielen unter seiner Regie blieb die Nationalelf unbesiegt, und wenn Derwall wissen ließ, es sei ihm "egal, ob die Spieler anschließend in die Kirche oder ins Freudenhaus gehen", wurde ihm das als zeitgemäßer Umgang mit erwachsenen Männern angerechnet.
Sein tiefer Fall begann, als die Spieler bei der Mini-Weltmeisterschaft 1981 in Montevideo nachts wirklich ausrissen - nicht in die Kirche. Die amouröse Extratour machte Wirbel in der Weltpresse, aber anstatt sich zum einmal bezogenen Standpunkt zu bekennen, gab Derwall sich als Moralist: "Mir tun ihre Frauen und Bräute leid."
Er ließ sich die Rückkehr seines Intimfeindes Paul Breitner in die Nationalelf so lange aufschwatzen, bis er selber glaubte: "Die Mannschaft braucht eine Führerpersönlichkeit, auf dem Spielfeld und auch außerhalb."
Das Wichtigste dabei für ihn: Er konnte die eigene Verantwortlichkeit delegieren. Als die Deutschen bei der WM 1982 in Spanien die Algerien-Partie verloren und sich das Skandal-Spiel gegen Österreich geleistet hatten, glaubte Derwall allen Ernstes, dafür nicht geradestehen zu müssen, weil er ja Breitner zum "Manager der Mannschaft" ernannt hatte.
Vor zwei Jahren in Spanien hat Derwall allen Kredit verspielt. Auch Trainern wie Ernst Happel, Branko Zebec, Udo Lattek und dem verstorbenen Hennes Weisweiler blies der Wind oft ins Gesicht. Aber sie genossen immer Fachautorität, auf die sie sich in Krisenzeiten verlassen konnten. Derwall hat sie nicht.
Er ist nicht wie fachkundigere Kollegen imstande, aus Handwerkern wenigstens eine solide funktionierende Mannschaft zu formieren. Hinter den Freiräumen, die Derwall seinen Spielern auf dem Platz gewährt, steht allein die eigene Inkompetenz. Erfolge der Nationalelf basierten nie auf Derwalls taktischer Planung, sondern auf individueller Stärke einzelner Spieler.
Derwall geht stets vom Loyalitäts-Prinzip aus und begreift nicht, daß die eigenen Interessen mit denen eines Stars durchaus nicht immer identisch sein müssen.
Selbstverständlich ist auch Rummenigge nach Frankreich gereist, um Europameister zu werden. Daß ihn dabei weniger nationaler Korpsgeist trieb als das egoistische Bemühen, sich den Fans als der Top-Mann des Kontinents zu präsentieren, paßt für alle zusammen - nur für Derwall nicht.
Er könne getrost ein bißchen mehr für die Mannschaft tun, moserte der Bundestrainer im kleinen Kreis über den im Fernduell mit dem Franzosen Michel Platini verkrampfenden Kapitän.
Als durchsickerte, daß der FC Barcelona Rudi Völler ein Millionen-Angebot gemacht hat, klagte Derwall: "Das ist nun mal so, wenn eine freie Marktwirtschaft das zuläßt. Das stört immer, aber mittlerweile haben wir uns ja auch daran gewöhnt."
Dabei hatte er selbst erlaubt, daß Hans-Peter Briegel im Trainingslager drei Stunden lang mit den Gesandten aus Verona verhandeln und seinen Wechsel nach Italien perfekt machen konnte. Ein Trainer, der nicht alles unter den grünen Rasenteppich kehrt, hätte die Herren hochkant aus dem Camp geworfen.
Kohl-Freund Derwall, dem Kanzler verbunden durch gelegentliche Telephonate, beharrliches Aussitzen von Konflikten und der irrigen Selbsteinschätzung, partout eine Mannschaft führen zu müssen, kommt bei Freunden keineswegs in den Verdacht, etwa ein Gegner der freien Marktwirtschaft zu sein. Es ist seine Art, Dinge mitunter leichthin auszusprechen und dann ehrlich empört zu sein, wenn man ihn beim Wort nimmt.
Er meint es ernst, wenn er von "Schafott-Journalismus" spricht, Interviewfragen "ekelhaft", Zeitungsartikel "gemein, hinterhältig und brutal" findet, Reporter mit "Judas" vergleicht und sie als "ernstlich krank" disqualifiziert. Rationale Auseinandersetzung ist bei Derwall immer Defätismus: zersetzend, bösartig, vor allem: ihn bedrohend.
Daß sich seine erfolgreichen Vorgänger Sepp Herberger und Helmut Schön mit "Bild"-Schlagzeilen wie "Herberger hat uns eingemauert" oder "Laßt doch mal den Merkel ran" abgefunden hatten, vermittelte ihm keineswegs die Erkenntnis, daß Urteile in seinem Gewerbe schnell gefällt und verworfen werden.
Der Bundestrainer ist wutentbrannt nach Hamburg gereist, um den "Bild"-Bossen wegen ihrer Überschrift: "Derwall, sei gnädig, geh!" die Leviten zu lesen. Im Gespräch, typisch für Derwall, wurde das brisante Thema nicht mal erwähnt.
"Macht meinen Jupp nicht kaputt", bat Ehefrau Elisabeth vor EM-Beginn die Fans. Eine Illustrierte präsentierte Bilder einer Familienidylle im saarländischen Dudweiler, die ganz bestimmt nicht nur für den Photographen gestellt waren: Elisabeth und Jupp Derwall, Tochter Angelika, Studentin, und Sohn Patrick, Abiturient, in harmonischer Übereinstimmung.
"Die Leute", sagt Patrick, "die immer über meinen Vater herziehen, können sich überhaupt nicht vorstellen, wie besorgt er um uns ist und wie rührend er sich um uns kümmert." Weil für ihn der Name Derwall zur untragbaren Belastung geworden war, hat Patrick das Fußballspielen aufgegeben.
Vielleicht können es sich die Leute doch vorstellen. Der freundliche, aufgeschlossene, charmante Derwall ist ganz der Typ Kumpel von nebenan, mit dem man abends gern in der Eckkneipe steht, ein Bierchen trinkt und erzählt.
Es muß ja nicht über Fußball und Menschenführung sein, davon versteht er zu wenig.
Von Kurt Röttgen

DER SPIEGEL 26/1984
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