25.06.1984

„Jetzt kommt euer erstes Fronterlebnis“

SPIEGEL-Redakteur Hans-Joachim Nesslinger bei gewalttätigen deutschen Fans in Frankreich Ein harter Trupp deutscher Fans zerschlug die Hoffnung auf eine friedfertige Fußball-Europameisterschaft. Französische Bereitschaftspolizei mußte wiederholt eingreifen und nahm schon in Straßburg nach Straßenschlachten 80 Rowdys fest; zwei der Krawallmacher wurden zu je zwei Wochen Gefängnis verurteilt. *
Als Fußballfan Hoppy aus Wuppertal nach Straßburg kam, ging ihm Deutschland über alles.
Die deutsche Fahne, wenn er sie nicht gerade schwenkte, deckte ihn auch beim Schlaf zu. "In der Fremde ist das meine Heimat", sagte er und wischte Brotkrumen vom schwarz-rot-goldenen Tuch. "Meine Fahne muß sauber bleiben."
Dann zog Hoppy vom Bahnhof aus ins Stadtinnere und ließ seine Stimme erschallen: "Deutschland - Deutschland - Deutschland." Ein älterer Herr blieb stehen und winkte Hoppy zu. Doch der Fahnenträger strebte vorwärts. Der Mann lief neben ihm her und erzählte, daß er aus Mülhausen und daß diese Gegend früher mal deutsch gewesen sei.
Hoppy blickte nur kurz zur Seite und schrie weiter: "Deutschland - Deutschland - Deutschland." Der Mann berichtete im Weitergehen aus seinem Leben. Er erzählte, daß Mülhausen 1871 deutsch geworden war und 1918 wieder französisch. Hoppy schwenkte seine Fahne nur noch hektischer und verstärkte sein Stakkato "Deutschland".
Der Begleiter hielt nur mühsam Schritt, als er berichtete, wie 1940 Mülhausen wieder deutsch und 1944 abermals französisch geworden sei. "So wird es wohl bleiben, solange ich lebe", sagte der alte Mann und betrachtete Hoppys Fahne. Der junge Mann aus Wuppertal blieb stehen, das wallende Fahnentuch schlaffte ab, bedeckte den Kopf des alten und des jungen Mannes, bis Hoppy erklärte: "Mülhausen sagt mir nichts, ich sage nur: Deutschland vor, noch ein Tor."
Doch dann stockte Hoppys Stimme, vor ihm hüpfte ein anderer, und dessen Haar drittelte sich in drei Mähnen, die eine schwarz, die andere rot und die letzte gold. Hoppy breitete seine Arme aus und jubelte: "Das hat die Welt noch nicht gesehen, Klasse."
Der Junge mit dem Dreifarbenhaar hieß Horst Kurschat, kam aus Essen und sagte zu Hoppy: "Nenn' mich Kurschi." Kurschi dachte wie Hoppy, vor allem im Fußball. Seine Träume bewegten sich darum, ob Deutschland besser mit drei oder nur zwei Sturmspitzen angreifen sollte.
In der "Rue de la Premiere Armee" liefen Hoppy und Kurschi Skinheads und Rockern in die tätowierten Arme. Einer griff in Kurschis Mähne, ruckte, bis ein Haarbüschel in seiner Faust prangte, und rief im Ruhrgebiets-Idiom: "He, Jungs, guckt mal, sind keine Federn von so'nem Papagei, is allet echt."
Dann drehte sich der Westfale mit den nackten Armen, die aus einer Lederweste ragten, auf der es von Hakenkreuzen und Totenköpfen wimmelte, wieder Kurschi zu, deutete mit dem Zeigefinger auf den Hosenschlitz und fragte: "Is dat da auch so toll bunt?"
Kurschi verneinte und schämte sich. Hoppys Fahne hing bewegungslos den Rücken hinunter. Der Tätowierte riß die Fahne an sich, trennte das Tuch von der Stange und knotete es Kurschi um die Hüften. "So hast du die Hände frei, wir sind von der Borussenfront, und ihr Scheißer gehört jetzt zu uns."
Bevor Hoppy und Kurschi noch nachdenken konnten, schloß sich ein Kreis von etwa 30 Borussen so eng, daß sie auf Widerworte verzichteten. Der Tätowierte nannte sie "Freiwillige", die Borussen renommierten, sie hätten über 100 Mann in Straßburg, und drückten den beiden selbstgebastelte Raketen in die Hände.
So erreichte die Gruppe die Place Kleber. Der Tätowierte, Gruppenführer genannt, wies auf das Denkmal in der Mitte und herrschte die neuen an: "Jetzt kommt euer erstes Fronterlebnis. Schmeißt eure Heuler dorthin, wo die Leute am dichtesten stehen."
Drei Minuten später zischte es, das Denkmal verschwand hinter Rauchschwaden, Menschen liefen schreiend auseinander. Dann warnte einer mit Punkerfrisur: "Die Blauen kommen,
haut ab." Von vier Seiten drangen etwa 200 Beamte der Bereitschaftspolizei (CRS) mit gezückten Knüppeln auf die Borussen ein. Sekunden später war das Denkmal freigekämpft. Ringsherum lagen zertrümmerte Flaschen und abgebrannte Raketen. Einige Menschen hatten Schnittwunden im Gesicht, an Armen und Beinen. Auf dem Denkmalssockel stand mit Kreide geschrieben: Borussenfront und SA, SS, verbunden durch ein Hakenkreuz. Später klirrte es noch mehrmals. Die Borussenfront hatte beim Abzug in einer Geschäftsstraße ein Dutzend Schaufenster zertrümmert.
Zwei Stunden später bestiegen sie unter Anführung des Tätowierten und in geschlossener Formation den Bus 26 zum Meinau Stadion. Hoppy und Kurschi waren dabei. Als portugiesische Fußballfans zusteigen wollten, bekamen sie Tritte in die Bäuche und flogen auf die Straße. Der Tätowierte lobte: "Für den Anfang ganz gut."
Einheimische Fahrgäste wagten nicht aufzumucken. Als die Bereitschaftspolizei das Stadion abriegelte, befahl der Borussenchef: "Verteilen, Treffpunkt eine Stunde nach dem Spiel, von jetzt ab nur noch Anmache für die deutsche Mannschaft."
Nach dem 0:0-Spiel sank die Stimmung rapide. "Die Mannschaft hat uns im Stich gelassen", jammerte Hoppy. Der Tätowierte legte ihm die an allen fünf Fingern beringte Hand segnend auf den Kopf und sprach: "Du sagst es. Trotzdem, wir gehen am 17. Juni zum Rumänienspiel nach Lens, Tag der Deutschen Einheit, das ist unser Bier."
70 000 deutsche Fußballfans hatten ursprünglich Karten für das Europameisterschafts-Turnier in Frankreich bestellt. Nur 40 000 bekam der Deutsche Fußball-Bund zum Verkauf in seinem Einzugsgebiet. Aber die Borussenfront organisierte "Einsätze zur Kartenbeschaffung" und litt nicht unter Kartenmangel.
Die Bereitschaftspolizei konzentrierte ihre Sicherheits-Vorkehrungen auf die "Wilden Deutschen", wie ein Einsatzleiter in Lens sie nannte. Die CRS schätzte die Stärke der deutschen Krawallmacher auf mehrere Hundert, nicht einmal 100 waren es wirklich.
Aber die Horde war aufeinander eingespielt, übte Disziplin untereinander, gebärdete sich nationalsozialistisch, schützte Fußballbegeisterung vor und richtete doch alle Energie auf Randale.
Der harte Kern der Randalierer konnte immer im Heerwurm der deutschen Fußballfans untertauchen. Niemand beschimpfte sie, oft bekamen sie Beifall, gemeinsame Gesänge gehörten zur Tagesordnung.
"Die Deutschen, die sind wieder da", hallte es rund um das Stadion Felix-Bollaert in Lens. Zwischendurch schmetterte der Borussen-Chor, im Schutze Zehntausender Fans, die fast so zahlreich eingefallen waren, wie das Kohlebergbau-Städtchen Einwohner zählt, sein Kampflied: "Die Blauen, die Blauen, denen werden wir heut' den Arsch verhauen."
Erste Raststätte war ein Stand für Fußball-Utensilien. Davor warb ein deutscher Händler ("Ich bin der Horst aus Gütersloh") mit Horn und Sprechtüte und rief den Fans zu: "Hier ist die deutsche Bekleidungskammer." Auf die Frage nach seinem Namen antwortete er: "Horst". Nachname, bitte: Er zog seine Schirmmütze tiefer in das vom Biergenuß gerötete Gesicht und dröhnte: "Horst Wessel."
Die Hitze stieg zur Mittagszeit auf fast 25 Grad, die Randalierer kamen auf Touren. "Deutschland ist ein schönes, schönes, schönes Land", sangen die Marschierer. Die Borussenfront sammelte tatsächlich Claqueure. "Und Frankreich ist ein armes Land, armes Land, armes Land", fiel die Menge ein.
Je näher das Spiel um 17.15 Uhr rückte, desto spürbarer breitete sich im Ort High-Noon-Stimmung aus. Einwohner verschlossen sich in ihren Häusern, die Straße gehörte den Deutschen. Auf einem riesigen Schotterplatz hatte der Circuit de Ricard ein riesiges Zelt errichtet und feierte eine Kermesse.
Alle Plätze, drinnen und draußen, hielten die Deutschen mit ihren Papphüten in Schwarz-Rot-Gold besetzt. "Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein", grölten sie nach ein paar Bieren. Der Zeltbesitzer setzte Rockmusik aus gewaltigen Stereoanlagen dagegen - vergebens.
Die Bereitschaftspolizei biwakierte in einem Wäldchen am Stadion. Ein Dutzend Mannschaftswagen und etwa 20 Grüne Minnas der CRS hatten sich wie zu einer Wagenburg zusammengeschlossen.
Die Borussenfront bedrückte vor dem Spiel nur ein internes Problem. Einer der Kahlköpfe mit grün-braun-gesprenkelter Rangerhose hatte seine Eintrittskarte verloren. Der Tätowierte ordnete eine Sonderaktion an.
Vor dem ersten Eingangstor stand ein Schwarzhändler. Er hielt zehn Eintrittskarten wie ein Skatblatt in der Hand und bot sie "einzeln und im Bündel" an. Die Skinheads und Rocker zogen einen Kreis, verengten ihn, der Händler bekam kein Wort über die Lippen.
Der Tätowierte setzte zu seinem Spruch an: "Wat denn, wat denn, 200 Franc pro Blüte, das ist schlimmer Wucher. Sei froh, Junge, daß wir dich nicht den Blauen im Tausch für eine Bleitrompete abgeben."
Das Fußballspiel begann. Doch das 2:1 über Rumänien gab nichts her. Mit mattem Triumphgeheul zog die deutsche Fan-Armee ab. Am Festzelt begannen die ersten Bierfeten. Immer noch kämpfte Rock in Stereo gegen das Heideröslein aus Männerbrust an.
Plötzlich klirrte es. Tische fielen um, schwarz-rot-goldene Mützen kullerten auf die Straße. Einer mit Punkerfrisur, Mittelscheitel und superengen Jeans tanzte auf den Tischen und spielte mit Biergläsern Fußball. "Deutschland-Deutschland-Deutschland", ertönte das Stakkato, mit Hoppys Stimme im Diskant.
Da stürmten aus dem Festsaal acht Männer herbei, zückten Spraydosen und sprühten mit der chemischen Keule. Tausende der saufenden Fans heulten brennende Tränenbäche. Die Borussenfront antwortete mit einem Steinhagel und erbeutete eine Spraydose.
Als fünf Minuten später die Bereitschaftspolizei aufmarschierte, fand sie den Kampfplatz leer. Den Weg bis zu den Bussen und zum Bahnhof säumten zertrümmerte Imbißbuden. Eine Stunde später gab der Tätowierte den nächsten Tagesbefehl aus. "Heute Tag der Einheit zur eigenen Verwendung, es lebe Großdeutschland, die nächste Sause findet in Paris statt, beim Spanien-Spiel."
Das Wort Paris weckte Träume. Drei Wochen Frankreich-Feldzug, da gelüstete es einige Borussen "nach Weibern". Doch der Tätowierte hielt auf Disziplin. "Die Truppe bleibt zusammen, auch im Puff, falls ich den Trip genehmige."
Kurschi wechselte das Thema: "Wenn wir nach Paris kommen, muß ich noch mein Haar neu einfärben." Der Tätowierte griff ihm in die Mähne, zwirbelte das Haar steil in die Höhe, schnüffelte, verzog das Gesicht und sagte: "Das stinkt widerlich, heute kriegst du 'ne Glatze verpaßt, mit 'nem Stups über der Stirn, so wat steht dir irre."
Von Hans-Joachim Nesslinger

DER SPIEGEL 26/1984
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