23.01.1984

Die vier vum Jeneral

Minister Wörners schillernde Kronzeugen gegen General Kießling *

Aufgeregt rief am Donnerstagabend letzter Woche Verteidigungs-Staatssekretär Lothar Rühl in Düsseldorf an. Er bat den nordrhein-westfälischen Innenminister Herbert Schnoor um Beistand. Rühl hektisch: "Herr Minister, ich muß wohl so formal sein, Herr Minister, ich trage Ihnen ein Amtshilfe-Ersuchen vor." Zwei Zeugen, so der Staatssekretär, sorgten sich um Leib und Leben, Personenschutz sei dringend vonnöten.

Als Schnoor daraufhin beim Kölner Polizeipräsidenten Jürgen Hosse nachfragte, war der perplex: "Die spielen wohl verrückt auf der Hardthöhe."

Wohl wahr. Denn während Rühls Alarmruf saßen die beiden Zeugen bereits im Vorzimmer seines Ministers - bestens beschützt. Kölns Kripochef Manfred Gundlach hatte ihnen Beamte des Mobilen Einsatz-Kommandos (MEK) zur Seite gegeben.

Udo J. Erlenhardt und Gerhard August hatten bei ihrem Trip nach Bonn ein spezielles Anliegen. Sie wollten Verteidigungsminister Manfred Wörner "persönlich versichern", daß sie den Vier-Sterne-General Günter Kießling noch am Mittwochabend in der TV-Sendung "Brennpunkt" wiedererkannt hätten - als häufigen Besucher im Kölner Homo-Lokal "Tom-Tom".

Kaufmann Erlenhardt und Versicherungsagent August sind, gemeinsam mit "Tom-Tom"-Büffetier Micha Lindlahr und dessen Chef Hans-Albert Wichert, die Kronzeugen, auf deren Aussagen sich Wörner seit Tagen beruft. Das Quartett war bereits Sonntag letzter Woche mit einer Sondermaschine der Bundeswehr zwecks Gegenüberstellung mit Kießling nach München gejettet worden. Der General lehnte ab, weil er die Identität der Belastungszeugen nicht kannte - und er war wohl gut beraten.

So anrüchig das Homo-Stück von Köln ist, so schillernd sind die Komparsen. Büffetier Lindlahr und Bar-Chef Wichert waren es, die die Story vom Doppelgänger in die Blocks der Reporter diktierten. O-Ton Micha, als ihm Journalisten ein Kießling-Photo vorlegten: "Ne, ich weiß das nicht so hundertprozentig ... irgendwie kommen mir doch da Zweifel, daß er dat nich ist." Der "Jürgen" könne das sein, der "als Wachposten bei der Bundeswehr" arbeitet.

Auf diesen "Jürgen von der Bundeswehr" hatte die halbe Nation gewartet. Die Kölner Standortverwaltung überprüfte alle Jürgen im Alter von 45 bis 60 (Kießling ist 58), die als Zivilisten Wache schieben und im Umkreis der Domstadt wohnen.

Während das Amt noch ermittelte, meldete sich der Langgesuchte bei der Polizei: Jürgen Bürger, _(Name der Redaktion bekannt. )

Jahrgang 37, Stammgast im "Tom-Tom", der bis Ende letzten Jahres tatsächlich Wachmann eines Munitionsdepots nahe Gummersbach war und heute bei einer Abfallbeseitigungsfirma beschäftigt ist. Sein Lieblingsgetränk im "Tom-Tom": Doornkaat-Cola.

Allerdings, um den Herrn Bürger für Kießling zu halten, "muß man", so ein Polizeioffizier, "reichlich Doornkaat gesüffelt haben". Denn "Jürgen von der Bundeswehr" ist nicht nur jünger als der General, sondern auch größer und dicker, hat nicht den knappen Bw-Haarschnitt, dafür aber, was dem geschaßten Nato-Offizier fehlt, einen Schnäuzer, von Stimme und Habitus ganz zu schweigen. Immerhin, er ist wenigstens männlichen Geschlechts.

Jürgen B. setzte sich Mitte letzter Woche aus dem Bergischen in ein kleines Hotel an den Rhein ab, und die Erfinder des Kießling-Doppelgängers sind arg in der Klemme. Das nordrhein-westfälische Justizministerium bestätigte, die Kölner Staatsanwaltschaft prüfe derzeit, ob gegen die beiden und andere ein Ermittlungsverfahren wegen versuchter Erpressung eingeleitet werden muß.

Im "Tom-Tom" soll, nachdem die ersten Meldungen über einen möglichen Doppelgänger raus waren, der Plan durchgespielt worden sein, sich die Doppelgänger-Version von Kießling bezahlen zu lassen - eine Rechnung, die nur dann hätte aufgehen können, wenn Kießling tatsächlich mal im "Tom-Tom" gewesen wäre.

In der Szene gilt der angebliche Komplotteur Micha als gutgläubig, ja naiv. Bis vor anderthalb Jahren verdiente sich der blonde Junge sein Geld mit Männerbekanntschaften, dann wurde er an den Zapfhahn vom "Tom-Tom" geholt, wo er letzten Donnerstag noch Stammgästen versicherte, der General sei "nie im Lokal" gewesen. Die Polizei freilich gab tags drauf bekannt, Micha habe ihr bestätigt, er kenne Kießling doch aus der Kneipe.

Auch sein Boß Hans-Albert Wichert (Spitzname: "Hans Albers") ist in seiner Aussage nicht sonderlich gradlinig. Mal will der den General als seinen Gast ausgemacht haben, dann doch wieder nicht.

Wichert gibt sich gern als Jeck. Vor der Kießling-Affäre war er schon einmal halbwegs populär: Mitte der 60er Jahre trug er im Erftkreis nahe Köln zu Karnevalszeiten Frohgesinntes vor, und er machte auch eine Platte. Titel: "Ming Tant, die hätt ene Elefant".

Danach wechselte er die Jobs - Künstleragentur in Bergheim, Reisebüro in Bedburg, Immobilien, eine Bar und als Gefährt einen weinroten Mercedes 450, alles ein bißchen zu schnell und zu groß.

Während selbst die Hardthöhe diesen beiden nicht alles abnimmt, baut Verteidigungsminister Wörner vor allem auf den Kaufmannn Erlenhardt und den Versicherungsmann August, zwei Männer mit noch ungewöhnlicherer Vita und ausgeprägterem Geltungsdrang.

Udo J. Erlenhardt, 39, vor Wichert mal eine Zeitlang Geschäftsführer im "Tom-Tom" und vergangene Woche als "Ex-Mönch Frater Andreas" (das Kölner Boulevardblatt "Express") eingeführt, holte nach einer Ausbildung zum Textilkaufmann das Abitur in den katholischen Abendgymnasien von Bad Driburg und Neuss nach und trat im Juli 1965 der - kirchenrechtlich so genannten - klerikalen Kongregation der Passionisten als Novize bei, um Ordenspriester zu werden.

Tatsächlich schickten ihn die Oberen, nachdem er Armut, Keuschheit und Gehorsam gelobt hatte, zum Theologiestudium an die Jesuitenhochschule

St. Georgen in Frankfurt, ein Semester später nach Regensburg und schließlich 1967/68 in ein sozialpädagogisches Praktikum nach Mainz.

Im Dezember 1968 mußte er den Orden verlassen. Seine Oberen verdächtigten ihn, mit einem 18jährigen homosexuelle Beziehungen zu haben. Von da an ging''s bunt zu im Leben des Udo J.

Als Chefredakteur des ersten deutschen Homophilen-Magazins ("du und ich - Magazin für Freunde von heute") machte er Ende 1969 erstmals öffentlich von sich reden. Erlenhardt-Erkenntnis damals: "In keiner Minderheit" befänden sich "so viele Leute von Ethik und Intellekt" wie unter Homophilen.

Bereits 1970 entließ Verleger Egon-Manfred Strauß ihn wegen "vertraglicher und finanzieller Unkorrektheiten" fristlos. Erlenhardt verzagte nicht. Im selben Jahr wurde er wieder Chefredakteur, diesmal beim neuen Homophilen-Magazin "him", doch auch das nur kurz.

Er machte als Gründer einer Partei der Homophilen von sich reden, beantragte die Konzession für ein "Liebeshaus" mit Männern für Männer in Hamburg. Aus beidem wurde nichts. In den folgenden Jahren versuchte er es mit Theater in Aachen und Köln sowie als Verkaufstrainer für Kaufhauslehrlinge.

1979 klafften Wunsch und Wirklichkeit in Erlenhardts Leben bereits so weit auseinander, daß er - damals gerade Geschäftsführer der Night-Club-Disco "Montgolfiere" in Frankfurt - einem Reporter der "Abendpost" gegenüber ins Fabulieren geriet: Er sei als Diakon in der außerordentlichen Seelsorge eingesetzt gewesen, habe vor Studenten, Homosexuellen und Gastarbeitern gepredigt. Einen "neuen Pater Leppich" habe man ihn danach genannt. Ein schöner Zeuge.

Nicht minder einschlägig muten die Szenen aus dem Leben des vierten Kronzeugen an. Freunden hatte der Kölner Versicherungsvertreter Gerhard August Ende der 60er Jahre anvertraut, daß er früher in Ost-Berlin für den Staatssicherheitsdienst gearbeitet habe und dort für die Anwerbung von Homosexuellen zuständig gewesen sei. In der Szene heißt er "August mit der Macke".

In der Bundesrepublik versuchte August, der als Kind in ärmlichen Verhältnissen gelebt hatte, mit aller Macht nach oben zu kommen - Leute, die ihn kennen, beschreiben ihn als "Typ Berliner Schnauze, noch rechter als die CSU". August gilt als flexibel. Er besaß Mitgliederausweise von FDP und CSU zugleich.

Geld hoffte Macken-August, der seine eigene Homosexualität nie verschwieg, mit zwei Homolokalen zu machen: "Maxim" in Köln und "Yes Sir" in Bonn-Beuel. Beide erwiesen sich als Flop. Die Schulden allerdings hatte ein 18jähriger Komplementär am Bein. "Den als Kronzeugen anzuführen", sagt ein alter August-Partner, "ich lach'' mich tot."

Die wie immer erfinderische Szene hat dem Stück bereits einen Titel gegeben: "Die vier vum Jeneral".

Eine Illustrierte bot inzwischen 100 000 Mark für ein eindeutiges Photo Kießlings im "Tom-Tom".

Das bringt die Kölner Szene in Bewegung. So versicherte ein junger Mann an Eides statt, ein MAD-Mann habe ihm "unter Vorlage des Dienstausweises" 20 000 Mark geboten, wenn er zugebe, "mit General Kießling Geschlechtsverkehr gehabt zu haben".

Wörner stellte Strafantrag. Seither ermittelt auch die Kölner Staatsanwaltschaft. Doch schon jetzt hat sie einen Verdacht, daß in der Hühnergasse vor dem "Tom-Tom" ein Spaßvogel am Werk war. Die Kölner Polizei tippt auf den bekannten Rocksänger Jürgen Zeltinger, ein Idol der Szene. Zeltinger will davon nichts wissen: "Ich bin froh", meint er vieldeutig, "daß wenigstens ich mit der ganzen Affäre nichts zu tun habe."

Dennoch setzt Verteidigungsminister Manfred Wörner alle Hoffnung auf die Kölner Front. Der Oberbefehlshaber der zweitgrößten Nato-Armee Europas feuert telephonisch Kripochef Gundlach an, die Kölner City nach denen abzuklappern, die sein Militärischer Abschirmdienst bislang nicht auftreiben konnte. NRW-Innenminister Herbert Schnoor: "Ich habe das Gefühl, Wörner hat kein Vertrauen mehr zum MAD."

Name der Redaktion bekannt.

DER SPIEGEL 4/1984
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