23.04.1984

„Der Weltenplan vollzieht sich unerbittlich“

Peter Brügge über die deutschen Anthroposophen (l) *
Wer verleiht Geld ohne Zinsen? Wer verzichtet freien Willens auf den Lohn seiner Arbeit? Wer strebt klaren Verstandes in eine Lebensgemeinschaft mit Geistesgestörten? Welcher Fabrikherr vertauscht seinen Platz mit dem eines Sozialarbeiters? Welcher Arzt beschneidet seine Honorare selber? Wer teilt ungebeten seinen Hausbesitz mit Nichtbesitzenden?
In den Ohren einer sogenannten Ellenbogen-Gesellschaft klingen solche Fragen wie ein utopisches Quiz. Doch die richtige Antwort lautet: So etwas und mehr tun Anthroposophen. Öffentlich ist davon kaum die Rede.
Das soziale Handeln von Anthroposophen verlangt nicht nach dem Scheinwerferlicht. Wo es in dieses jedoch unvermeidlich gerät, wird von allen Bewunderern der Frage ausgewichen, die sonst überall vordringlich geworden ist für die Bewertung schlechter wie guter Taten: der Frage nach dem Motiv.
Nach den Motiven der Anthroposophen getraut sich kaum einer zu fragen. Und den Anthroposophen ist es auch lieb, wenn man sie ungefragt machen läßt. Ihre Antworten nämlich kämen von weit her und würden von den meisten Zeitgenossen erst einmal abgewehrt oder belächelt. Anthroposophen wähnen sich da den Urchristen ähnlich: einer noch nicht begreifenden Epoche denkend und handelnd voraus ...
Nach diesem Muster wurde vor einem Jahr in Witten/Herdecke die erste staatsfreie Universität in der Geschichte der Bundesrepublik eröffnet, eine eindeutig anthroposophische Gründung. Und zwar eine, nach der Rudolf Steiner (1861-1925), der hellsichtige Vordenker dieser anthroposophischen Bewegung, der Schöpfer der Waldorfschule, der biologisch-dynamischen Landwirtschaft und der Idee einer organischen Neugliederung der Industriegesellschaft, bereits nach dem Ende des Ersten Weltkriegs dringlich gerufen hatte.
Doch seiner und seiner Anthroposophie ("Weisheit vom Menschen"), in der dies Streben nach einem freien Bildungssystem in Wahrheit wurzelt, gedachten die Universitätsgründer in ihren Eröffnungsreden mit keinem Wort. So behutsam, so auf leisen Sohlen verfolgen sie ihren Weg, auf dem die Wahrzeichen anthroposophischer Baulust, diese seltsam hügeligen Dachformen und abgeschrägten Fenstermaße mittlerweile kaum noch zu übersehen sind.
59 Jahre nach Steiners Tod verfügen seine Anhänger in der Bundesrepublik über eigene Ansiedlungen, Bühnen, Altersheime, Forschungsinstitute, Lehr- und Heilstätten. Sie betreiben eigene Banken und ein eigenes Kreditwesen, dazu ein Geflecht einander zuarbeitender Unternehmen mit besonderer Tarif- und Sozialordnung. Ihre großen Gemeinschaftskrankenhäuser, ihre Dorfgemeinschaften für Behinderte gelten als Vorbilder heilsamer Brüderlichkeit.
Anthroposophische Kapital-Sammelstellen kaufen Bauernland auf, um es für immer von Chemie und Spekulantentum zu befreien - Boden einer utopischen neuen Agrargemeinschaft. Nach den von Anthroposophen aus dem Extrakt der Mistel gewonnenen Krebsbekämpfungsmitteln fragen Hunderttausende von Ahnungslosen bereits zur Vorsorge. Zu den Anwendern gehören an die 15 000 deutsche
Ärzte, die von Anthroposophie und der mysteriösen Weise, wie sie Heilmittel findet, keinen Schimmer haben.
Es ist, als würden die 20 000 Bundesbürger mit dem Mitgliedsausweis der Anthroposophischen Gesellschaft für eine Bruderschaft geheimer Art erachtet, deren Motive besser im dunkeln blieben. Dabei wächst zusehends die Zahl derer, die von den Bemühungen dieser in Wahrheit jedermann zugänglichen Steiner-Bewegung profitieren oder an ihnen indirekt teilhaben: Grob geschätzt treffen auf jedes Mitglied mindestens 50 Sympathisanten, die von Steiner kaum etwas gelesen oder begriffen haben.
Die Wartelisten für die nach dem Krieg gegründeten 170 Kindergärten und 80 Schulen der von Grund auf anthroposophischen Waldorfbewegung sind endlos. Jedes Jahr gründen Eltern, ohne sich um das für diese Pädagogik verbindliche Menschen- und Weltbild Rudolf Steiners sonderlich zu scheren, mindestens ein Dutzend neuer Initiativen: Selber wollen sie unter Opfern so eine Zuflucht vor dem öffentlichen Schulsystem bauen und sich dazu die im Sinne Steiners unentbehrlichen besonderen Lehrer besorgen, an denen ebenfalls Mangel besteht.
Seit ihrer Wiederbelebung nach dem Kriege ist Rudolf Steiners Pädagogik zu einem Fluchtbereich geworden, der scheinbar Unvereinbares aufnimmt und hervorbringt. Die Terroristinnen Ulrike Meinhof und Susanne Albrecht haben eine Waldorfschule besucht. Der Grüne Otto Schily und dessen Bruder Konrad, Sozialdemokrat und einer der Universitätsgründer von Witten/Herdecke, sind von Anthroposophen erzogen worden wie auch der Märchenschreiber Michael Ende. Außerdem haben Bundeskanzler Helmut Kohl, Hamburgs Regierender Klaus von Dohnanyi - vormals Bundes-Bildungsminister - oder der Mannesmann-Boß Egon Overbeck für ihre Kinder die legendäre Geborgenheit einer Waldorfschule zu schätzen gewußt.
Und im Kuratorium der freien ("anthroposophischen") Universität Witten/ Herdecke sitzen ausschließlich Repräsentanten des Systems, das Rudolf Steiner total neu zu gliedern wünschte: etwa Alfred Herrhausen vom Vorstand der Deutschen Bank, Hans Joachim Knieps vom Vorstand der Bank für Gemeinwirtschaft, der Luftfahrt-Unternehmer Ludwig Bölkow, Detlev Rohwedder, Chef des Stahlgiganten Hoesch, und Rudolf Judith aus dem Vorstand der IG Metall.
Es wäre ein Trugschluß, anzunehmen, daß sich dieser Personenkreis ausreichende Kenntnis über das okkult-phosphoreszierende Werk Rudolf Steiners verschafft hat. Über Karma, das unauslöschliche Schicksalskonto des Menschen, von dessen Vorhandensein Steiners Denken und Pädagogik ebenso absolut ausgehen wie von der Annahme der Wiedergeburt, haben die Freiheitsgaranten und Geldbeschaffer dieser Anthroposophen-Gründung sich nicht unterrichten müssen.
Anthroposophen sind nämlich keine Missionare. Sie versichern ja auch, die Waldorfschule, obschon in Wahrheit eine Schule für Wiedergeborene, sei dessen unerachtet keine Einrichtung zur Aufzucht kommender Anthroposophen.
Wieso wird das alles so wenig erkundet? Was veranlaßt so viele, die pädagogischen,
sozialen oder medizinischen Konsequenzen von Steiners Denken zu akzeptieren und sich um die Begegnung mit seinen Gedanken herumzudrücken? Vollzieht sich hier Wünschenswertes nach unerwünschten Antriebsgesetzen? Schreckt die Mehrheit, einschließlich der von Steiner Profitierenden, vor der ockulten und mystischen Dimension seines Werkes zurück?
Derartiges trifft zweifellos zu. Insbesondere sträubt sich eine Art Aufklärungstradition gegen Steiner und die Folgen: Denn über die seit Newton und Descartes weitgehend sakrosankten Regeln wissenschaftlicher Wahrheitssuche will seine Anthroposophie in einer für unser Zeitalter aufreizenden Weise hinaus.
Wo alle allenthalben Stoffliches und weiter nichts erkennen, suchen Anthroposophen auf okkultem und spirituellem Wege dem ihrer Überzeugung nach in und hinter aller Materie letztlich wirkenden Geist auf die Spur zu kommen. Für eine seit den Tagen der Alchimisten und christlichen Mystiker zunehmend unwillkommene kosmische Gesamtschau möchten sie der vom Wissenschaftsglauben beherrschten Epoche das innere Auge öffnen.
Anthroposophie sei, so hat Rudolf Steiner es zu erklären versucht, "ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltall führen möchte". So etwas ist zweifellos schwerer zu begreifen als eine regenerierende Körnerkost, die sich von Anthroposophen ebenfalls beziehen läßt. Und wenn dann noch vom Lichtbringer Luzifer und von Ahriman, dem düsteren, ihm entgegenwirkenden Geist der Verfestigung, die Rede ist, von Widersachern, die sich bis hinein in das für den Waldorfschüler untersagte Blendwerk des Fernsehens bekämpfen, so erklären sich schlichtere Zeitgenossen meist für bedient.
Doch ausgerechnet naturwissenschaftlich, mathematisch und philosophisch disziplinierte Köpfe öffnen sich für solche Überlegungen zusehends. Sie sind bereit, sich auf Steiners schwierigen Erkenntnisweg zu begeben. Aber nur mit Gleichgesinnten reden sie darüber. Was für einen Vers sollte wohl ein Uneingeweihter sich darauf machen, wenn etwa der Anthroposoph Peter von Siemens, Atomkraft-Exporteur, Vorsitzender der Weltenergiekonferenz, auf einmal anfängt, sich der Kultsprache seiner Überzeugung zu bedienen?
Den notabene von Tausenden deutscher Anthroposophen verurteilten Kernkrafthandel des Hauses Siemens hat er vor fortgeschrittenen Steiner-Lesern folgendermaßen verteidigt: _____" Der Weltenplan, von dem Rudolf Steiner gesprochen " _____" hat, vollzieht sich unerbittlich. In der Mitte des " _____" vierten Jahrtausends ... wird die Erde beginnen, sich zu " _____" astralisieren, das heißt, sie wird in eine Form der " _____" Schwerelosigkeit übergehen. Wenn wir jetzt in sehr " _____" vorsichtiger Form gewisse erste Stufen ... der Dritten " _____" Kraft für Energiezwecke verwenden, so vermag ich darin " _____" nichts Verwerfliches ... zu sehen. "
Peter von Siemens liest seit 40 Jahren Steiners Werke. Dank der für ihn damit außerdem verbundenen "meditativen Beschäftigung", sagt er, habe er in sich "den klaren Eindruck fundiert", daß der "Herrscher der festen Materie, Ahriman" die Elektrizität, den Magnetismus und die Atomenergie "eingemacht hat". Kernkraftnutzung, darauf läuft die Siemenssche Elektro-Mystik hinaus, sei durchaus im Sinne Rudolf Steiners, damit "die Erde stufenweise in neue Daseinsformen überführt werde".
Laien versetzt so ein Text in aussichtslose Nachdenklichkeit. Leute aus der "Ersten Klasse" der Anthroposophischen Gesellschaft - diese höhere Stufe öffnet sich verbürgt spiritualisierten Mitgliedern - dürfen es sich so einfach nicht machen. Behutsam weisen sie die Aussage des Herrn von Siemens zurück.
"Da hat er gewiß etwas mißverstanden", sagen sie, "Rudolf Steiner hat mit der Dritten Kraft doch nicht Kernenergie gemeint! Er hat überhaupt nicht gesagt, was er damit gemeint hat!" Selbst bei längerer Beschäftigung mit dem geistig höchst verwobenen Stoff kann gewissenhaften Steiner-Lesern derlei widerfahren. Da hilft auch nicht, wenn sie sich, wie Peter von Siemens, einen anthroposophischen Sekretär genehmigen.
Auf Vertreter streng geregelter Denk- und Arbeitsdisziplin scheint die spirituelle Wahrheitssuche des österreichischen Telegraphistensohnes Rudolf Joseph Lorenz Steiner eine wunderliche Anziehungskraft auszuüben. Sie wendet sich zuvörderst an den Verstand. Steiner selbst hatte, nach Knabenjahren, während deren ihm zum Unmut seines Vaters bereits okkulte Erscheinungen begegneten, bei einem naturwissenschaftlichen Studium in Wien "synthetische Geometrie" für einen linearen, sozusagen seriösen Weg ins Übersinnliche erkannt.
Daß eine Linie, "die nach rechts ins Unendliche verlängert wird, von links wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurücckommt", sah er da vor seiner "Seele". Daraus erlaubte er sich die Überlegung abzuleiten, auch die Vorstellung von Zeit könnte sich so wie die Raumvorstellung auflösen: "Fortschreiten in die
unendlich ferne Zukunft" enthalte womöglich "ideell in sich" ein "Zurücckommen aus der Vergangenheit".
Somit hatte der Studiosus Steiner eine zweieinhalbtausend Jahre früher schon den Griechen Heraklit bewegende Idee wiederaufgenommen und etwas vorausgespürt, was mitten im 20. Jahrhundert Werner Heisenberg ähnlich aus seinem immer tieferen Eindringen in die Physik der Elementarteilchen folgerte.
Allerdings begnügte sich Steiner in jenen Studienjahren nicht mit mathematischen Grenzüberschreitungen. Er bezog seine Weisheiten außerdem bei einem vielwissenden Kräuter-Sammler namens Felix Koguzki und schließlich bei einem Eingeweihten uralter Geheimlehren, dessen Namen er niemals preisgab. Lediglich als "Agent d. M." (des Meisters also) tauchte dieser Wegweiser in Steiners Lebensnotizen auf. Daß man einer von Wissenschaftlichkeit berauschten Gesellschaft logisch kommen müsse, hat jener Unbekannte ihm gewiesen.
So, zwischen hermetischem Geheimwissen und empirischer Naturforschung, zwischen Hellsicht und Hegel, Geometrie und Goethe pendelte der werdende Weisheitslehrer und Vielschreiber, der "lunatische Steiner", wie ihn der Marxist Ernst Bloch verachtend nannte, sich ein: auf seine beispiellose Laufbahn des geistigen Grenzgängers zwischen Materialismus und Okkultismus.
Womöglich liegt gerade darin die Faszination Steiners für eine zunehmende Zahl sinnsuchender Verstandesmenschen. Ich habe höchst qualifizierte Anhänger der Anthroposophie im Göttinger Max-Planck-Institut für Strömungsforschung ebenso gefunden wie in Münchens Amt für öffentliche Ordnung.
Heinz Dietrich Stark, der bislang experimentiermutigste Leiter des Strafvollzugs in Hamburg-Fuhlsbüttel, handelte als Anthroposoph, indem er Straftätern Urlaub auf Ehrenwort bewilligte. Professor Ernst Schuberth, der in Bielefeld Mathematik lehrt, erklärt regelmäßig in überfüllten Sälen Seelenwanderung mit den Methoden seiner Wissenschaft.
Joseph Beuys, der auch erst nach einem mathematischen Studium zum Künstler und Anthroposophen wurde, schilderte mir ohne Zaudern die in seinem Leben immer wiederkehrende, ihm stets bewußte Erscheinung aus dem Bereich des Übersinnlichen, die ihm seinen bisherigen Weg gewiesen habe. Eine immaterielle Gestalt sei das gewesen, "einmal sehr hell und durchsichtig, einmal schwarz, man könnte sagen, ein Engel". Aufgetaucht sei die schon früh, längst bevor er, als Kriegsheimkehrer, Steiner lesen lernte. Von diesem habe er die Gewißheit seiner Wiedergeburt nicht erst einholen müssen.
Bislang visionslos sitzt im Management der Pegulan-Werke, Frankenthal, der 35jährige Anthroposoph Hans-Peter Schreiner. Ihn hat, steigender Nachfrage wegen, der Verlag S. Fischer verpflichtet, aus dem Büchergebirge des in Dornach in der Schweiz gehüteten Steinerschen Schrifttums eine modernisierte Ausgabe von Hauptwerken herauszuschälen. Sogar er hat da vieles noch zu lesen und vom Gelesenen vieles noch nicht verstanden.
Von Steiner überzeugt, kann er freilich (ohne Zuhilfenahme einer Religion) die landläufige materialistische Vorstellung zurückweisen, Seele und Geist seien einzig Reflexe des Körperlichen. Sterbliches und Unsterbliches sieht Steiner in der Menschenexistenz verwoben, und zwar vierfach: Erstens gibt es den physischen Leib, der ohne Leben in seine stofflichen Bestandteile zerfallen wird; zweitens wirkt darin ein "Lebensleib" oder "Ätherleib", dem vergleichbar, was in jeder Pflanze atmet; drittens kommen mit einem "Astralleib" die Seele und jene bereits höhere "geistige" Organisation ins Spiel, die sich bei Tieren, von der Ameise bis zum Zebra, mitteilt; all dies gipfelt viertens im "Ich", aus dem sich die allein dem Menschen mögliche Fähigkeit zum Denken und zur Freiheit entfaltet.
Ein Anthroposoph wie Schreiner ist dann so frei, sich zu denken, sein Ich sei ein zur Wiedergeburt bestimmtes geistiges Potential, sei, wie Goethe von sich behauptet hat, "schon tausendmal dagewesen" und werde "wohl noch tausendmal wiederkommen".
354 Bände umfassen noch nicht alles, woraus die Anhänger des "Doktors" ihre Denkansätze und Handlungsvollmachten
schöpfen. Er hat bis zu seinem Tode insgesamt 5965 Vorträge gehalten, philosophische, theosophische, anthroposophische, sozialkritische, Vorträge über nahezu alles außer Sexualpraktiken. Fast jeglicher Bewegungsmöglichkeit von Materie wie Geist hat er sich ohne langes Fragen, immer eigentlich schon wissend, häufig aus dem Stegreif denkend, angenommen. Selbst Anthroposophen, denen dieses Werk aus meditationsgelichteten Augen brennt, verblüffen einander stets aufs neue mit ihren, solcher Unerschöpflichkeit entrissenen oft widersprüchlichen Zitaten.
Durchnumeriert haben sie die Absätze der Gesamtausgabe (GA), als sei es die Bibel. Das erhöht den Gebrauchswert wie ihre Zuversicht, sich handelnd und denkend auf Steiners Kurs zu halten. Es sieht nicht aus, als verlaufe so der wahre Weg. In seinem ersten Hauptwerk, seiner "Philosophie der Freiheit", hat er die "voraussetzungslose Selbsttätigkeit des Denkens" zum obersten Gebot der Ich-Findung erhoben. Und einzig durch die Befreiung des höheren Ichs - von vorgegebener Moral, von sittlichen Zwängen - steigt der Anthroposoph empor zur "vollen, wahren Menschennatur", die das Gute will aus absoluter Freude am Guten.
Andererseits hat Steiner später, in seinem Lehrbuch "Theosophie", doch wie ein Guru die Denk-Demut des Schülers von den Adepten seines Erkenntniswegs erwartet. Was nämlich der Lehrer gesehen habe, müsse der Schüler, solange er selber es noch nicht sehen könne, für eine hilfreiche Vorgabe nehmen. Auf dem schmalen Grat zwischen Denken und Glauben müssen Anthroposophen sich folglich halten - geistige Höhenwanderer in einer an Trugbildern reichen Stratosphäre.
Selbst jene, denen die strenge Sezier- und Beweispflicht moderner Naturwissenschaft beruflich auferlegt ist, versuchen in Steiners Nachfolge organische Natur immer wie Lehrlinge Goethes sinngewiß zu betrachten: als eine aufsteigende Folge von Metamorphosen, mit dem Menschen ganz oben, höher und und höher sich wandelnd. Ihr Meister war es, der die ihm als knapp Volljährigem in Weimar anvertraute Neuedition der naturwissenschaftlichen Schriften Goethes mit dem Satz eröffnete: "Goethe ist der Kopernikus und Kepler der organischen Welt."
Goethe, nicht Steiner, heißt der Allvater auf dem Stammbaum der Anthroposophie. Der architektonischen Hochburg der Bewegung, weithin sichtbar auf einen geschenkten Jurahügel zu Dornach bei Basel gesetzt, hat der Gründer vor dem Ersten Weltkrieg einen dementsprechenden Namen verliehen: "Goetheanum". Die bereits Goethe vorschwebende Aussöhnung östlichen und westlichen Geistes bedenkend, hat der architektonische Dilettant Steiner ihr Symbolgestalt verliehen: Zwei Kuppeln schienen wie siamesische Zwillinge aneinandergewachsen. Alles bestand aus Holz und wurde zu Asche, als ein Unbekannter in der letzten Nacht des Jahres 1922 Feuer legte. In dem von Steiner eigenhändig mit ausgemalten Kuppelinneren hatte ein einziges Wort gestanden: ICH.
Das zweite Goetheanum hat mit jenem ersten die Fundamente, den Namen, auch den obersten Bauherrn und Formgeber gemeinsam. Was jedoch Baustoff und Form anbelangt, folgte der schöpferische Wiedererbauer Steiner 1924 völlig anderen Eingebungen. Beton entzückte ihn nun, weil sich mit ihm das von Hand Modellierte imposant nachformen ließ.
Was er modellierte, wuchs sich aus zu einer Mischung aus Kathedrale und Bunker, zu einer monumentalen Nachblüte von Jugendstil - zu etwas, was von Le Corbusier bis Hans Scharoun (Berliner Philharmonie) viele moderne Architekten inspiriert hat und manche noch immer verfolgt.
Steiners Urne und die des anthroposophischen Dichters Christian Morgenstern sind hoch oben in dem betonierten Geistes-Pantheon beigesetzt. Zwei Etagen tiefer residieren die Vorstände der in der ganzen Welt weiterwirkenden Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft (50 000 Mitglieder), einer Institution in vorwiegend deutscher Hand. Tonangebende Hochschule in sämtlichen Sachgebieten der Steinerschen Geisteswissenschaft muß das Goetheanum sein, dazu Kunsttempel für die Mysterienspiele und Faust-Interpretationen im Geiste des Erbauers, was immer heutige Anthroposophen darunter verstehen.
Dort in Dornach vor allem wird gehütet, exerziert und gelehrt, was goetheanistisch Forschen heißt: Das in der Natur sich Formende, sei es nun ein Löwenzahn oder ein Milchzahn, gilt es in "anschauendem Denken" zu erfassen, keinesfalls in der Manier materialistischer Fliegenbeinzähler. Intuitiv sollte das sein und bestrahlt von Goethes Lehrsatz: "In der lebendigen Natur geschieht nichts, was nicht in Verbindung mit dem Ganzen steht."
Für das, was mit dem lebendigen Anthroposophen geschieht und in ihm, soll das natürlich ebenfalls wahr sein: Dem Ich begegnend, hofft er dem All-Einen zu begegnen. Wie mit seinen Augen Farben und mit den Ohren Töne, so will er mit seinem Denken die von Rudolf Steiner für gleichfalls wahrnehmbar erklärten Botschaften einer geistigen Wirklichkeit auffangen, erkennend, was die Welt im Innersten zusammenhält.
Ein Schulungsweg soll ihn auf dieses in einem Leben schwerlich erreichbare Ziel in geistiger Übung zuführen. Über die Selbstwahrnehmung weit hinaus, in den Bereich des "denkenden Selbstbestimmens" windet der Weg sich empor.
Geduldige, regelmäßige Versenkung dient dazu, leiblich-sinnliche Einflüsse beim Denken zurückzudrängen.
Die dafür erforderliche Meditation unterscheidet sich fundamental von der indischer Gurus. Während jene ihre Schüler zum Ich-Vergessen anleiten, verlangt es die Anthroposophen nach Ich-Verwirklichung.
Rudolf Steiner hat viele dabei hilfreiche deutsche Meditationsworte (Mantren) hinterlassen, darunter geheime für die Mitglieder der "Ersten Klasse". Unberufen konnte die höchstens die Gestapo lesen, als sie Material für das Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft sammelte.
Unter anderem riet Steiner zur wiederholten geistigen Versenkung in ein garantiert keimfähiges Samenkorn auf dem Tisch. Dabei, heißt es, könnten die im Korn gespeicherten Wachstumskräfte in der Phantasie zur Pflanze entfaltet und danach plötzlich eine "kleine Lichtwolke" um das Samenkorn wahrgenommen werden. In der Regel ist diese Erscheinung leider eine Selbsttäuschung.
Aus solchem Stoff besteht das Instrumentarium des Erkennens, mit dem Anthroposophie sich anheischig macht, die überprüfbare Methodik der materialistischen Wissenschaft jenseits des sinnlich Wahrnehmbaren zu ergänzen. Die auf diesem eigenen Wege erreichbaren Forschungsergebnisse, heißt es, seien "auf ihre Art so exakt wie die Ergebnisse der wahren Naturwissenschaft".
Wörtlich so steht es in den noch von Steiner mitgestalteten Grundsätzen der "Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft". Von Beweisen ist nicht die Rede. Was wahr ist und was nicht, darüber zu befinden erlaubt die, wie sie sich nennt, "durchaus öffentliche Gesellschaft" allein noch ihren in "stufenweiser" Schulung im Goetheanum aufwärts entwickelten Eingeweihten.
Weiter oben also ist die Gesellschaft geschlossen, und von mancher ihr erwünschten Wirksamkeit schließt sie sich damit selber aus. Geistiger Hochnebel zieht durch die kanonisierte Sprache dieser Goethe mitunter arg auswalzenden, ja manchmal sogar für kritische Anthroposophen nervgoethenden Denker. In ihrem Deutsch "kraften schaffende Wirklichkeiten", vom "schöpferischen Weltengrund" werden "Gedanken abgezogen", und der "Gottesgrund" ist "jeder Ichheit eingeborenes Eigentum".
Eine ohnehin esoterische Lehre bedient sich der Sprache oft ganz ohne Not wie einer Jalousie, mit der sie sich hermetisch abschirmt. Dabei hat der Gründer einst vorgelebt, wie einer mit so hohem geistigem Anspruch sich der übrigen Gesellschaft Schicht um Schicht erklären kann.
Von Weimar nach Berlin übergesiedelt, wandte Steiner sich erst im Klub der "Kommenden" den Literaten und Intellektuellen zu. Stefan Zweig hat ihn bewundert und beschrieben: "In seinen dunklen Augen wohnte eine hypnotische Kraft." Dann diente der "Geistesforscher" ein halbes Jahrzehnt lang in der von Wilhelm Liebknecht begründeten "Arbeiterbildungsschule". Er hat dort doziert, nicht agitiert, wie bald darauf Rosa Luxemburg, und die Proletarier drängten zu ihm, einem bilderreich erzählenden Geschichtslehrer.
Schließlich verdingte er sich der "Theosophischen Gesellschaft", wurde Vertrauter einer nach östlicher Geheimwissenschaft und Guru-Weisheit ausspähenden Bildungs-Bourgeoisie.
Übersinnliches, Mythisches, Magisches, dazu östliche Weisheit waren schon bei Goethe reichlich zu beziehen. Unter Theosophen lehrend, vollendete Steiner die Geistes- und Geistermischung seines abend- und morgenländischen Pandämoniums. Im Feuerofen seiner Phantasie vermengten sich Elemente der Alchimie und der christlichen Mystik, das Wissen von Freimaurern, Naturheilern und Darwinisten, Hinduistisches und Buddhistisches, alle Urmythen der Menschheit und Schlußfolgerungen der idealistischen Philosophie.
Luzifer und Ahriman samt ihren Urgeistern finden wir in der Besetzung seines Kosmos, dazu die Engel und Erzengel der Christenheit, unter denen die Anthroposophie Michael zur zeitgenössischen Bezugsfigur erhoben hat: den Bezwinger des Drachens (Materialismus).
Steiners esoterische Werke und Vorträge überfluten den denkwilligen Wegsucher mit Bildern, Schilderungen, Farben, Auren - einer vom hellsichtigen Lehrer geschauten "höheren Wirklichkeit". Sein Schulungsweg mutet den Schülern zu, all dies nicht so buchstäblich zu nehmen: eher für die anregende,
in einem höheren Sinne gegenstandslose Wiedergabe einer Erkenntniserfahrung, die sich der Sprache wie der Bebilderung entzieht. Selber sollen sie sich mit Hilfe dieser Impulse meditierend und denkend neue, verfeinerte Begriffe bilden von einer "geistigen Welt", welche, fand Steiner, "aus Verstehen, aus Licht, aus Logos" besteht.
Viele Anthroposophen, aus gutem Grund, konsumieren Rudolf Steiners Schilderungen dennoch uneingeschränkt passiv und außerdem wörtlich. Sie berufen sich darauf, daß dem Geist Entkeimendes niemals bloß Sinnbild sein könne.
Und am Schnittpunkt aller Unendlichkeiten in sich suchen die Schüler Christus. Streit um ihn war es, was Steiner und seine inzwischen etwa 2000 Anhänger 1911 zum anthroposophischen Exodus aus der Theosophie getrieben hat. Den kurz zuvor entdeckten indischen Knaben Krischna (später Krischnamurti) hatten hellsichtige Theosophen, seiner Aura wegen, aufpäppeln wollen zur Reinkarnation Christi. Das war zuviel für Steiner.
Seines Erkenntnisweges sicher, war er längst zu seinem Damaskus gekommen, nämlich introspektiv, war einer dem Johannes-Evangelium entsprechenden Christos-Logos-Lichtgestalt begegnet. (Auf der Basis solch anthroposophischer "Christologie" gründete später ein Pastor namens Friedrich Rittelmeyer die "Christengemeinschaft" und wurde mit Steiners Segen deren "Erzoberlenker".)
Das Schisma von 1911 hatte ein Siechtum theosophischer Geheimzirkel zur Folge. Organisierte Anthroposophie nahm dafür ihren Anfang. Es beschleunigte sich die Verbreitung eines über viele Jahrhunderte hin in verschworenen esoterischen Zirkeln gehegten Geheimwissens. Steiner war ein Eingeweihter, der nicht schwieg.
Sogar in der "Akasha-Chronik" habe er gelesen, dessen sind sich viele gescheite Anthroposophen sicher. Zumindest hat er diesen angeblich nur mit Hilfe übersinnlicher Fähigkeiten aus dem All zu empfangenden Generalbericht über alle vergangenen wie kommenden Stufen und Taten der gesamten Menschheit in Bilder gefaßt und herausgebracht. Auch gedruckt liest sich das noch fremd genug: _____" Als die noch mit dem Monde vereinigte Erde sich aus " _____" der Sonne herausspaltete, gab es noch nicht innerhalb der " _____" Menschheit ein männliches und weibliches Geschlecht. " _____" Jedes Menschenwesen vereinigte in dem noch ganz feinen " _____" Leib die beiden Geschlechter ... Die niederen Triebe " _____" wirkten mit einer maßlosen Energie, und von einer " _____" geistigen Entwicklung war noch nichts vorhanden. "
Wenige Wochen nach dem Ersten Weltkrieg hat der so Sehende in Dornach bei einer Erörterung der sozialen Frage sich zu einem Hinweis auf eine künftige "okkulte" Geburtenregelung veranlaßt gesehen. Diesen Text hat 1983 "die Drei", das Hausblatt der deutschen Anthroposophen, wohl seiner Aktualität wegen, präsentiert. Steiner 1918: _____" Innerhalb der Bevölkerung des Ostens wird sich ... " _____" ein instinktiv helles Wissen entwickeln ... wie man ... " _____" im Einklange mit gewissen Sternkonstellationen die " _____" Empfängnis einrichtet, dadurch Veranlassung gibt, " _____" gutgearteten oder übel gearteten Seelen den Zugang zur " _____" Erdenverkörperung zu verschaffen. "
Diese nicht übermäßig sittlich anmutende Seelenauslese nennt sich "eugenetischer Okkultismus" und wird von kaum einem lebenden Anthroposophen verstanden.
Sehr viel diesseitiger und sozialer hatte der nämliche Geistes-Lehrherr ein Jahr zuvor sein unter heutigen Grünen immer noch nachwirkendes Rezept einer rettend anderen, nämlich naturgerechten Dreigliederung der Industriegesellschaft zu Papier gebracht: Kultur, Staat und Wirtschaft sollten auseinandergeflochten werden, ihrer Eigenart gemäß funktionieren dürfen. Im Bereich des Geistigen habe Freiheit, im Staat Gleichheit, in der Wirtschaft Brüderlichkeit einzukehren - und zwischen diesen Segmenten eine säuberlich geregelte Distanz.
Gerüstet mit dieser Idee des hellsichtigen Eisenbahnersohnes aus der Donau-Monarchie, sollten die Mittelmächte sich geistig und sozial der von Ost und West gleichermaßen dräuenden Umwälzungen innerlich erwehren können, der marxistischen wie der von Präsident Wilson angekündigten demokratischen. Vor letzterer scheute Steiner wegen der ahrimanischen Macht zurück, die er da vorab schmeckte. Eine Entfesselung von "Volksegoismus" sah er da kommen statt der von ihm, dem hehrsten aller Anarchisten, ersehnten "Menschenbefreiung".
Dreigliederung der ganzen Gesellschaft, so fand er, entspreche einer Trias, die er in der Natur des Menschen für vereint wirkend erklärte: dem "Nerven-Sinnes-System" (Denken), dem "Rhythmischen System" (Fühlen) und dem "Gliedmaßen-Stoffwechsel-System" (Wollen). Dieses menschliche Funktionsschema liefert eine Grundlage für die Pädagogik, Heilkunst und Heilmittelsuche der Anthroposophen.
Den Staatssekretär von Kühlmann aus dem AA Kaiser Wilhelms II. hatte die Einsicht in den Dreigliederungsvorschlag zu der richtigen Bemerkung veranlaßt: "Dann müßte ja Seine Majestät zurücktreten." Trotzdem trug er das, 1917, als eine Art Evolutions-Spickzettel in die deutsch-russischen Friedensverhandlungen zu Brest-Litowsk, ohne sich damit hervorzuwagen. Auf der Gegenseite saß immerhin Leo Trotzki, der an der marxistisch-materialistischen Beschaffenheit des von ihm bevorzugten Gesellschaftsentwurfes keinen Zweifel aufkommen ließ.
Ein "Bund für Dreigliederung des sozialen Organismus" wurde erst 1919 in Stuttgart gegründet. Anthroposophen forderten von der Regierung Württembergs, Rudolf Steiner mit dem sofortigen Vollzug der Dreigliederung zu beauftragen, was auch immer das heißen sollte. Fixiert auf ihres Meisters alldurchdringende Weisheit, waren die meisten kaum in der Lage, über die gewünschte Umwälzung recht Bescheid zu geben.
Hätte nicht Emil Molt, der Chef der Stuttgarter Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria, die Mittel für eine erste, durch Rudolf Steiner selber zu gestaltende _(Vierte von links: Rosa Luxemburg; ) _(fünfter von links: August Bebel; linke ) _(Bankreihe auf der zweiten Bank links: ) _(Wilhelm Pieck. )
freie Schule gegeben, vom damaligen Anlauf zur "Dreigliederung" wäre nichts Funktionierendes hinterblieben. So aber nahm die Waldorf-Pädagogik ihren Anfang.
Folgen von Rudolf Steiners Menschenweisheit erlebt am schnellsten einer, der sich mit den von ihr angerührten Menschen einläßt. Unbeirrbar folgen viele der "Philosophie der Freiheit" und handeln jenseits aller sittlichen Imperative und ohne alle Lichtreklame vorbildlich. Krampflos, auf eine sie selber ersichtlich ebenso aufrichtende wie aufzehrende Weise, bemühen sie sich um Hinfällige, Behinderte, Kranke, Lernende.
Unausweichlich begegnen einem andererseits Steiner-Leser, die von Mißdeutungen dieses OEuvres befremdlich umwölkt sind. Hehr geben sie sich, herb und hären: Brahmanen einer Industriegesellschaft. Einer von geistiger Blindheit geschlagenen Umwelt schenken sie nur ein erhabenes Lächeln.
Eine keineswegs arme Anthroposophin aus München schickte ihren Sohn zum Cellounterricht, ausgestattet mit einem Instrument, von dem die Cellolehrerin überzeugt war, es sei die Heimarbeit eines Hobbyschreiners. Da sie den Jungen für ungewöhnlich begabt hielt, nahm sie die Mutter beiseite, flehte sie an, für ein ordentliches Instrument zu sorgen. "Was soll denn das?" sagte da die Mutter mit großem Ernst. "Wir wünschen, daß unser Kind nach innen spielt."
Es geschah bei einer Jahrestagung deutscher Anthroposophen in Stuttgart, daß eine dieser Erwählten unter Mißbrauch der vorherrschenden Duldsamkeit das Mikrophon ergriff und eine halbe Stunde lang vor der angeblich geistfeindlichen Erfindung des Elektrorasierers warnte. Sanft ermahnend nahm eine anthroposophische Zimmervermieterin in Dornach der von ihr beherbergten Studentin aus dem Goetheanum die Dusche aus der Hand: Verabsäumt habe sie, vor dem Bad die Lemniskate, das Unendlichkeitszeichen der liegenden Acht, in die Wanne zu sprühen.
Wasser gar durch Turbinen zu jagen, was für Unheil mag das heraufbeschwören? Der Turbinen-Fabrikant Hanns Voith aus Heidenheim hat an dieser Frage, weil er Anthroposoph war, bis an sein Ende gelitten. Ein auf seine Kosten gegründetes Institut im Schwarzwald sucht noch immer, was, zum Ausgleich, für die Heilung des versehrten Elementes getan werden muß.
Es gibt reichlich Anthroposophen, die so etwas bloß rührend finden. Sie machen ihren Steiner wahr, indem sie vieles von ihm Überlieferte unter Berufung auf ihn selber ruhen lassen. Hat er nicht immer wieder davor gewarnt, aus der Flut seiner Aussagen Dogmen herauszusieben? Seine Skepsis sogenannten Jüngern gegenüber war beträchtlich und hat ihn unter anderem bis kurz vor seinem Ende gehindert, Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft zu werden.
"Ständig schwirrten um ihn Leute, die ihm was abverlangten", bedauert der Mathematiker Ernst Schuberth, "aus dem Stegreif von ihm Hingesagtes hat man für ewig notiert." Nachwirkungen beiläufiger Bemerkungen glimmen wie magischer Zunder bis auf den heutigen Tag. Auf dem Potsdamer Platz in Berlin hatte Steiner, um sich blickend, Anno 23 vorweg bedauert, daß dies alles in wenigen Jahrzehnten in Trümmern liegen werde. Konnte man danach später überhaupt noch irgend etwas von ihm Gesagtes für nebensächlich nehmen?
Beispielsweise seine Bemerkung über das Mikrophon? Begleitern, die ihm die Wirksamkeit von Radio-Übertragungen schmackhaft ausmalten, hat er seinen Anschluß an diese Neuheit mit dem Hinweis verweigert: Allenfalls in ein "Flammen-Mikrophon" würde er sprechen. Er bezog sich dabei auf indische Gurus, die ihre Mantren in den Rauch _(Das Cafe "Uhlandshöhe" 1916, das zur ) _(Waldorfschule umgebaut wurde. )
eines Opferfeuers zu hauchen pflegten.
Lang ist es noch nicht her, da wurde einigen Auserwählten der Anthroposophischen Gesellschaft im Göttinger Max-Planck-Institut für Strömungsforschung von einem dort arbeitenden Anthroposophen bewiesen, wie von Steiner sogar damit Wahres angedeutet worden sei. Eine Gasflamme ließ sich tatsächlich wie eine höchst sensible Membrane verwenden. Lediglich die Frage der Verstärkung hätte noch gelöst werden müssen.
Es zeichnet den subtilen Steiner-Leser aus, sich in Gesprächen dieser Richtung tüchtig Selbstironie abzuverlangen: verstandesklar und dennoch unverbesserlich okkult. "Denken Sie nur", gestand mir einer belustigt beim Anblick meines Tonbandgerätes, "so ein ahrimanisches Zeug habe ich jetzt selbst gekauft."
Einige nennen ihren Steiner "Rudi" und führen einen gleich von der Flurgarderobe weg vor die TV-Ecke, das Ausmaß ihrer Liberalität anzudeuten. Ja, sie unterbrechen sogar für einen Schluck die von Rudolf Steiner, des puren Denkens wegen, vorgelebte Alkoholabstinenz. Mühelos kann selbst dies ja mit einem Hinweis auf den vorübergehend unheimlich trinkenden Meister begründet werden. Ein Bewunderer aus der Arbeiterbildungsschule rühmt sich, ihn sogar im Besitz einer als Steiner verkleideten Schnapsflasche gesehen zu haben. Und bei einer Befragung hat er während seiner Boheme-Zeit jedenfalls noch völlig unmißverständlich "Frankfurter Würste und Cognac" für seine "Lieblingsnahrung" ausgegeben.
Luzide Anthroposophen sehen beinahe eine Zumutung darin, kategorisch für ernst und edel erachtet zu werden. Einer hat ein Bein verloren und erläutert mir an seiner Lage die durch Verstümmelung nicht zu beeinträchtigende höhere Leiblichkeit Steinerscher Schule. "Ich genieße das Privileg", sagt er, "unangenehmen Leuten in den Hintern treten zu können, ohne daß sie davon was merken."
Auch Besessene haben sich meiner angenommen. Solche, die keinen unbelehrt entlassen. "Begreifen Sie erst einmal, was goetheanistisch forschen heißt", sagt ein alter Waldorf-Lehrer, der das mit jedem macht, und legt vor mich wie zum Examen zwei scharf kontrastierende Schneckengehäuse hin. "Anschauend denken" soll ich nun, wie Goethe es genannt hat, soll die Feinheiten und die Kontraste in mich aufnehmen: das eine Schneckenhaus tiefdunkel, mit Mustern von verschwommener Helligkeit; hell das andere, doch dafür dunkel gesprenkelt.
Mein Goetheanist ist erfüllt von der Überzeugung, aus solcher "Polarität" bilde die Natur ihr Nächsthöheres, und wie, das möge ich bitte mal entwerfen: Darauf spielen wir Schnecken-Metamorphose. Den wunderbaren Beweis dafür, wie goetheanistisch die Natur selber es gemacht hat, zieht er zum guten Ende aus der Hosentasche: ein Schneckenhaus, aufs prächtigste leopardisch gemustert, eine ersichtliche Edelmischung aus den zuvor besichtigten Kontrasten - eine Lösung, von der ich Anfänger mit meinem anschauenden Denken weit entfernt geblieben war.
Von der Schnecke auf weitere Naturbereiche - auch menschliche, gesellschaftliche, ja selbst kulturelle und geistige - spielen das Anthroposophen analog hinauf. Gestaltwandel ist ein Prinzip ihrer Hoffnung. Freilich ist Hoffnung ein vielen nicht ausreichendes Wort. Goetheanistische Geisteswissenschaft versorgt sie mit einem, wie sie meinen, Passepartout für alle Natur. Mein Schneckenlehrer lacht nur Hohn über den Einwand, daß weder Goethe noch Steiner die Anerkennung der herrschenden Naturwissenschaft gefunden habe.
Einen allgemeinen Wandel des menschlichen Bewußtseins glaubt Michael Ende zu spüren. Zeitlich fast parallel zum Erfolg seiner Märchen-Romane hat das eingesetzt. Und er glaubt, ein "einschneidender Bewußtseinsumschwung" werde das sein, "wie derjenige in der Zeit um Galilei". Er, der Waldorfschüler, der später tatsächlich ein Anhänger Steiners geworden ist, erfährt das nicht bloß vermittels seiner Antennen. Fragende, sagt er, drängten an ihn heran. Vor allem junge Leute seien es, die da fragen - "nach dem Menschenbild, nach einer Weltvorstellung, nach dem Sinn". Ende schließt daraus, diese "junge Generation" suche nach der Konsequenz aus der Erkenntnis, daß all dies bisherige "rein begriffliche, vor allem das kausale Denken nicht mehr weiter führt".
Kräftig lädt das den Magnetismus von Steiners Lehren auf. Was das rumorende Sinnbedürfnis anbetrifft, haben die herrschenden Gruppen ja einfach keine Ideen. Anthroposophen haben die wohl. Aber es sind keine einfachen Ideen.
Alles hat bei ihnen seinen Sinn, seine sich vielfach gar für urnotwendig ausgebende Form. Einem kosmisch geweiteten Bezugssystem unterwerfen strenge Steiner-Interpreten letztlich alles: Sprache und Sprechen, Nahrung und Forschung, Töne und Tanz, Architektur und Design, Arbeit und Zins.
Geisteswissenschaftlich durchaus unbelesene Mütter fügen sich und ihren _(Von Rudolf Steiner gestaltete Plastiken ) _(im Goetheanum. ) _(Von Rudolf Steiner gestaltete Plastiken ) _(im Goetheanum. )
Säugling ahnungsvoll in diesen Kosmos ein, rüsten Kinderwagen und Kinderzimmer mit Vorhängen in einem gewissen, der Seelenformung freundlichen Purpur aus dem Steinerschen Naturfarbenspektrum aus und ziehen gummierten Windelhosen solche aus kaum waschbarer Schafwolle vor. In kunstvoll primitiven Puppen, teuer geschreinerten Kinderrollern oder in den, Kristallines bloß vortäuschenden Lampenverkleidungen aus Acryl äußert sich das beiläufige Fortwirken geisteswissenschaftlicher Impulse. Anthroposophie nährt ein Geflecht ganz eigener Produktivität, was wiederum Arbeitsplätze nach ihrem Geschmack erzeugt.
Was die erhabene Freundlichkeit ihrer Innenarchitektur anbelangt, die glühende Farbigkeit von Bezugsstoffen und Wandanstrich, die augenfällige Erdenschwere der Tischlerarbeiten, ähneln anthroposophische Zentren einander wie die Glieder einer Motelkette. Der ins Übersinnliche ausgreifende Sinn der Sache soll sich den Sinnen mitteilen.
Bei "Kunst und Spiel" in Münchens Leopoldstraße, einem stark frequentierten Bazar für den anthroposophischen Geschmack, verführt täuschende Naturnähe mitunter Frauen aus der grünen Szene dazu, vor aller Augen ihr Baby zu stillen. Aber das im Sinne Steiners eingearbeitete Personal, das sich vor jedem Werktag in einer Viertelstunde der Besinnung vereint, erklärt ein solches Übermaß von Natürlichkeit für unerwünscht.
Formlose Freiheit ist nicht gemeint. Der sich frei Denkende findet sich vielmehr umfangen und kultiviert durch veredelte Formen oder Formalitäten, die sich von Erkenntnissen des Doktors herleiten. Und Naturgesetzlichkeit wohnt letzteren nach anthroposophischer Auffassung wohl inne.
Architektur führt das vor. Auf deutschem Boden jedenfalls geben sich noch fast sämtliche Neubauten anthroposophischer Gemeinschaften und Zweige wie erstgradige Abkömmlinge des vor 56 Jahren entschalten Dornacher Beton-Goetheanums. Ähnlich herrschaftlich gliedern sie sich unter ihren gekünstelt urigen Dachformen. Das übertrifft an Originalität immer noch die Betonwaben amtlicher Fertigteil-Architektur. Doch genormt wirkt es auch.
Dieses Bauen repräsentiert eine wohlweislich andere Gesellschaft: Feierstätten theatralischen Zuschnitts erweisen fast überall den im Innersten musischen, kultischen Anspruch der auf Steiner bezogenen Gemeinschaftsarbeit.
Anthroposophische Architektur huldigt einer Vorliebe für möglichst handwerkliche Variationen im Detail, für abgeschrägte Ecken und andere Abweichungen von den Perspektiven der Rechtwinkligkeit. Im Großen jedoch bevorzugt sie Symmetrie.
Eine nach Steiners Vorbild in Wachs oder Ton vormodellierte, somit ursprüngliche Form bedeutet den anthroposophischen Bauherren bei der Gestaltung von Säulen oder Trägern noch immer so viel, daß sie sich vom Beton kaum losreißen können, ja in ihm wider alle ihnen geläufigen Argumente der Baubiologie geradezu schwelgen. Säulen und Träger sollen die Schwere des auf ihnen Lastenden dem Auge plastisch mittteilen. Die ersichtliche Leichtigkeit heutiger Bauelemente gerät in Widerspurch zu dem von Steiner übernommenen Bedürfnis, "Gewachsenes" hinzustellen.
Er hatte einst bereits nach der eigenständigen Ausgestaltung der Säulen seines ersten Goetheanums die Überzeugung gewonnen, er handle so im Bunde mit "der schaffenden kosmischen Welt selber". Ornamente formend, fühlte er sich "in das Naturschaffen hineinverwoben" und glaubte, selber zu schaffen - "wie die Natur".
Metamorphose in Zement. Feierliches Wahrzeichen für die Gefahr einer kulturellen "Versteinerung". Gegen den gepriesenen Gestaltwandel, dem Spontaneität, Improvisation, das leicht Bewegliche dienlicher wären, sperren sich die von zu vielen nur nachgebeteten Kulturanweisungen eines Meisters, der, Ewigkeit im Augenblick ergreifend, auf sein Gesamtkunstwerk zustrebte. Wie er sich zutraute, das Elementare, das in ewigem Fluß Befindliche formend dingfest zu machen, so unternahm er seine Art von Durchstich zu dem, was er für die Ursprünge von Sprache und Bewegung erachtete. Vokale, fand er unter anderem, reflektierten innere Empfindungen, Konsonanten äußere Vorgänge. Und das wahre, urmenschliche Sprechen, das sei ein künstlerisches, ein rhythmisches.
Dokumente einer demgemäß bemühten Sprachkultur haben wir in den Texten seiner Mysterien-Dramen. Bei deren Aufführung verausgaben sich anthroposophisch geschulte Schauspieler heute noch in einer an längst vergangene Zeiten des Burgtheaters erinnernden Sprechtechnik. Die Wiedergabe eines jeden Vokals oder Konsonanten, jedes Hinauf oder Hinab der Stimme, jegliche Geste des Redenden oder Angeredeten sind vorbestimmt durch eine auf Steiner gründende Seelen-Dramaturgie. Den dabei im gewöhnlichen Zeitgenossen entstehenden Eindruck vollkommener Künstlichkeit hatte offenbar auch der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt: "Es gibt nichts Komischeres, als uneingeweiht in den Mysterienspielen der Anthroposophen zu sitzen."
Ein aus ähnlichen Brunnenschächten gehievtes Kunstprodukt ist die Eurythmie.
Diese durch Rudolf Steiner erdachte Leibesbewegung soll Seelisches vors Auge heben und entstand auf Anfrage einer Verehrerin, die sich vom Meister für ihre Tochter eine Art musische Gymnastik gewünscht hatte.
Seine Antwort war unwiderstehlich: ein Kult. Für jeden Schritt, jede Bewegung von Haupt oder Händen war er überzeugt, zwingende Impulse aus Urquellen menschlichen Ausdrucksdranges beziehen zu können. Jeder Buchstabe wurde durch ihn übersetzt in den angeblich einzig gemäßen Körperausdruck. Daraus setzen die Eurythmisten, von farbigem Tüll ätherisch umflort, Gedichte in Szene.
Ein durch Steiners Sprachschule gegangener Rezitator trägt diese Poesie in lautmalendem Pathos wie ein Musikstück vor.
Entsprechend werden auch, Ton für Ton, musikalische Werke vorgeführt in streng gefügter Leichtigkeit, die auf körperlicher Schwerstarbeit beruht. Die Lauflinien künstlerischer Eurythmie-Darbietungen sind auf dem Papier vorgezeichnet und muten an, als habe man den Lebensweg eines Glühwürmchens mitgeschrieben.
Kranken und Behinderten beinahe jeder Art hingegen hilft die notfalls auf schwächste Handbewegungen therapeutisch reduzierbare Ausdrucksskala einer medizinischen Variante von Eurythmie. Tiefer eingeweihte Anthroposophen aus dem medizinischen und dem pädagogischen Bereich bedienen sich ihrer bei der Einschätzung von Seelenbefunden oder Charaktereigenschaften.
Bis zur mindesten Tauglichkeit im medizinischen Bereich oder sogar bloß zur eurythmischen Bühnenreife führt eine siebenjährige Ausbildung. Zu deren Übungen gehört es, mit den Zehen Spiegelschrift zu schreiben.
Wo sie Musik und nicht bloß pathetisch deklamierte Verse in Körpersprache übersetzt, erreicht Eurythmie allmählich über den Kreis der Anthroposophen hinaus ein allgemeines Publikum. Das Ensemble des Stuttgarter "Eurythmeums" etwa hat mit seiner Choreographie von Griegs "Peer Gynt" Erfolg wie ein Weltstadt-Ballett.
Selbst Japaner und Chinesen fangen an, sich nach den von Rudolf Steiner formulierten Ausdrucksgesetzen zu bewegen. Im Eurythmeum Stuttgart, unter der beschwingten Autorität der aus Neuguinea stammenden Mulattin Else Klink, schreiten und schweben sie zu einer im Tonfall des 19. Jahrhunderts zelebrierten deutschen Dichtkunst.
So ein zeitfremdes Pathos tönt aus zahlreichen Steiner-Jüngern bereits, sobald sie an ein Rednerpult treten, und sei es zu einem Rechenschaftsbericht. Der Drang zur Wortgebärde behängt noch das bürokratische Deutsch mit Schleiern der Gründerzeit. Öffentlich verklärt ein anthroposophischer Bankprokurist aus Bochum eurythmisch das Wort Risiko: "Im krönenden Schlußbuchstaben deutet das Allumfassende des O in seiner Stille auf etwas Überpersönliches hin."
Auch solch bewegte, an Stefan George gemahnende Abwendung von der Sprachwirklichkeit signalisiert, wie der zementierte Formen-Kanon anthroposophischer Architektur, Erstarrung; esoterische Abkapselung ohne Not. Kritische Anthroposophen beunruhigt das entsprechend. An sich selber beobachten sie einen geradezu unwiderstehlichen Drang zu diesem, neben ihrem tadellosen Umgangsdeutsch gravitätisch einherstolzierenden Herrschaftsidiom, einer Kunstsprache eben. Mit ihr verständigen sie sich untereinander als Eingeweihte in den subtilen Fragen höherer Spiritualität, doch nicht minder über Banalitäten.
Der Stuttgarter Waldorf-Spezialist Stefan Leber ist Absolvent des Berliner Otto-Suhr-Instituts. Mit seinen sieben Kindern oder mir spricht er völlig leger. Tritt er vor Kollegen hin, hebt, auch wo nur über Schulwerkstätten diskutiert werden soll, wie von selbst das Hohepriesterliche an: "In der muskulären Gestalt wirken vergangene Schicksale. Denn unser Gliedmaßen- und Muskelsystem ist es, das uns zur Begegnung mit anderen Menschen, zum schicksalmäßigen Ausgleich hinträgt ..."
Muß das so sein? Es müsse, sagt Leber. "Diese Sprache wird erwartet." Andererseits lobt der ebenso eingeweihte Schriftsteller Christoph Lindenberg vor Anthroposophen einen Autor: Der schreibe "wie ein Nichtanthroposoph ... und dadurch originell". Und der Münchner Altanthroposoph Walter Beck, der noch selber an Steiners Dramatischem Kurs teilgenommen hat, schwört sogar, dort sei dieses Pathos abgelehnt worden. "Das Gesäusel hat erst unter Steiners Witwe angefangen."
Die Beengung wird empfunden. Zur Metamorphose reicht das nicht aus. Allenfalls einem Original-Genie wie einst dem Steiner-Leser Wassily Kandinsky oder einem Joseph Beuys mag diese gelingen wie ein natürlicher Vorgang. Beuys insbesondere erweist Steiners Gesamtkunstwerk Reverenz, indem er einfach, ohne Rückspiegel, in sein eigenes fortschreitet. Darin werden wie von seiner berühmten "Honigpumpe" auf der Documenta 1977 Steiners Ideen umgewälzt - frei von Steiners Formalismus. Auf "Dreigliederung" als einen Schlüssel gesellschaftlicher Neubesinnung bezieht sich ein großer Teil der Arbeit von Beuys. Dies ist für ihn die längst wirkende "Grundgestalt allen sozialen Geschehens".
Gern hätte er seine zwei Kinder in die Düsseldorfer Waldorfschule geschickt. Doch sie tragen seinen Namen, und der, glaubt Joseph Beuys, hätte auf den gutbürgerlichen "Freien Schulverein" am Ort gewirkt wie ein rotes Tuch. Die Beuys-Kinder absolvierten eine öffentliche Schule. Einen fortgeschrittenen Anthroposophen verkraftet heutzutage manche Waldorfschule gar nicht mehr.
Im nächsten Heft
Verzicht auf eigenes Einkommen - Gemeinsamer Hausbesitz - Kreditwesen ohne Zins - Ein neuer Leistungsbegriff - "Freigekauftes" Land
Vierte von links: Rosa Luxemburg; fünfter von links: August Bebel; linke Bankreihe auf der zweiten Bank links: Wilhelm Pieck. Das Cafe "Uhlandshöhe" 1916, das zur Waldorfschule umgebaut wurde. Von Rudolf Steiner gestaltete Plastiken im Goetheanum. Von Rudolf Steiner gestaltete Plastiken im Goetheanum.
Von Brügge, Peter

DER SPIEGEL 17/1984
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