27.02.1984

AUSLÄNDER Dramatische Szenen

In Duisburg demonstrieren die Mannesmannwerke, wie sich das neue Rückkehrhilfe-Gesetz anwenden läßt. 4000 Türken haben die Stadt schon verlassen. Bis zum Herbst sollen bundesweit 200 000 folgen. *
Ercan Bulut, 47, ist seit zwanzig Jahren ein Mann von Mannesmann. Im Duisburger Werk des Stahlkonzerns malocht der Türke mit deutschen Kollegen und Landsleuten "immer gut zusammen". Bulut: "Ercan gerne hier."
In einigen Wochen muß der Kranführer aus Sivas in Anatolien seine Koffer packen und zurück in die alte Heimat. Wie mehr als 900 andere Mannesmänner aus der Türkei hat Ercan Bulut mit einer Abfindung seinen Arbeitsplatz geräumt und sich zudem verpflichtet, die Bundesrepublik zu verlassen.
Im Arbeiterviertel Hüttenheim, das Deutsche längst "Türkenheim" nennen, haben die meisten Bulut-Kollegen mit ihren Familien die Werkswohnungen schon geräumt, ganze Häuserzeilen sind verwaist. Insgesamt, so schätzt der türkische Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Faruk Sen, haben "bereits rund 4000 Landsleute die Stadt verlassen".
Der Exodus aus der von Arbeitslosigkeit geplagten Stahl-Stadt, in der gut 46 000 Türken ein Elftel der Bevölkerung stellen, ist die bislang bundesweit krasseste Reaktion ausländischer Bürger auf das im November verabschiedete Bonner "Gesetz zur Förderung der Rückkehrbereitschaft von Ausländern".
Seither dürfen Arbeiter aus Tunesien, Marokko, Portugal, aber auch und vor allem aus der Türkei mitunter gleich zweimal Reisegeld kassieren: *___Sie können die Rückerstattung ihrer ____Arbeitnehmer-Beiträge zur gesetzlichen ____Rentenversicherung beantragen, und *___sie erhalten, wenn sie nach dem 31. Oktober 1983 wegen ____Betriebsstillegung von Arbeitslosigkeit oder aber von ____andauernder Kurzarbeit betroffen sind, zusätzlich 10 ____500 Mark sowie für jedes minderjährige Kind noch einmal ____1500 Mark aus der Bundeskasse.
Als Gegenleistung für die Bundeshilfe verpflichten sich die Geldempfänger, die Bundesrepublik binnen vier Wochen nach der Antragstellung zu verlassen. Wer die Frist überzieht, dem werden für jeden Monat 1500 Mark abgezogen.
Doch das von Bundesarbeitsminister Norbert Blüm als Zeichen der "Fürsorge" für die "Heimkehrer" gepriesene Angebot hat bei den Angesprochenen unterschiedlich Anklang gefunden. Zwar rechnet Bayerns Sozialminister Fritz Pirkl bis Ende September allein bei den 560 000 türkischen Arbeitnehmern mit
bundesweit 50 000 Eingaben auf Auszahlung des Arbeitnehmer-Rentenbeitrags; Familienangehörige mitgezählt, leben in der Bundesrepublik dann gut 200 000 Türken weniger. Und schon haben 25 000 türkische Arbeiter bei den Landesversicherungsanstalten die entsprechenden Anträge eingereicht.
Wesentlich geringer ist hingegen die Zahl der Türken, die sich für 10 500 Mark verpflichten, bereits innerhalb eines Monats über die Grenze zu gehen. Statt der erwarteten 20 000 Anträge sind bei der Bundesanstalt für Arbeit in Nürnberg erst gut 4000 eingegangen. Fast ein Viertel davon haben allein die Mannesmann-Türken gestellt.
Für die Antragsflut aus Hüttenheim, mit der die türkische Belegschaft von rund 1300 Arbeitern auf fast ein Viertel reduziert wird, hat nicht nur die für dieses Jahr beschlossene Umstrukturierung gesorgt, durch die etwa 1000 Arbeitsplätze vernichtet werden. Unter Druck gesetzt fühlen sich die Türken vor allem durch einen firmeninternen Test, mit dem ihre Sprachkenntnisse überprüft wurden. Angeblich sollte herausgefunden werden, wer nach der Umstrukturierung des Werkes für höher qualifizierte Arbeiten eingesetzt werden könnte.
"Nach den Prüfungen, die der Großteil der Landsleute nicht bestanden hat", beschreibt der türkische Sozialarbeiter Kalender Dogan den Test-Effekt, "haben die meisten geglaubt, morgen ihren Arbeitsplatz zu verlieren."
Die von Mannesmann-Bossen mit Inkrafttreten des Gesetzes nachgeschobene Abfindungsofferte nahmen Bulut und viele Kollegen bereitwillig an. "Die Chefs und die deutschen Arbeiter", erklärte Ercan Bulut seine Entscheidung, hätten "gesagt: Besser jetzt mit Geld gehen als später Kündigung ohne Geld".
Auf Computerbögen hatte die Werksleitung nicht nur die konzerneigene "Abfindung bei Aufhebungsvertrag" ausdrucken lassen, sondern gleich noch die "Beitragsrückerstattung aus der gesetzlichen Rentenversicherung" und die Bonner Rückkehrhilfe. "Bei manchmal 100 000 Mark, die so zusammenkamen", beobachtete Betriebsratsmitglied Hermann Mahler, "wurden die Kollegen reihenweise schwach."
Viel Bedenkzeit hatte der Konzern den Türken ohnehin nicht gegeben. Spätestens sechs Wochen nach der offiziellen Unterbreitung des Angebots sollten sich die Arbeiter nach Möglichkeit entschieden haben. Mahler: "Aus Angst, der Zug könnte ohne sie abfahren, haben viele schnell unterschrieben."
Nur wenige Türken hatten bedacht, welche schwerwiegenden Konsequenzen ein plötzlicher Auszug aus Hüttenheim hat - besonders für ihre Kinder. Zwar läßt das Gesetz den Angehörigen der Antragsteller noch bis zum September für die Ausreise Zeit. Doch weil viele Väter nicht ohne ihre Familie zurückkehren wollten, haben sie ihre Söhne und Töchter kurzerhand mitten im Schuljahr aus der Ausbildung gerissen.
In der Hauptschule an der Heinrich-Bierwes-Straße kommt mittlerweile in der 5. und 6. Klasse die Hälfte der Schüler nicht mehr zum Unterricht. Dabei handelt es sich, so Schulleiter Bernd Mendorf, nur um "die erste Welle".
In etlichen Familien ist es zu harten Auseinandersetzungen gekommen. Die 15- und 16jährigen, die zumeist Deutsch beherrschen, sich aber mit der türkischen Sprache schwertun, wollten nicht emigrieren in ein Land, das viele von ihnen nur im Sommerurlaub besucht hatten. In den Familien, weiß Türken-Kenner Hans-Walter Schuster von der Duisburger Arbeiterwohlfahrt, "spielen sich dramatische Szenen ab, bis hin zu Selbstmorddrohungen".
Ob sich die Rückwanderung wenigstens wirtschaftlich lohnt, ist für Faruk Sen "auch noch die große Frage": "Den Sprung in die erfolgreiche Selbständigkeit schafft nur jeder Sechzehnte." Auf einen Job als Arbeiter "kann ebenfalls kaum einer hoffen" - in der Türkei liegt _(In Duisburg-Hüttenheim. ) _(In Duisburg-Hüttenheim. )
die Arbeitslosenquote bei gut 18 Prozent, etwa so hoch wie in Duisburg mit knapp 17 Prozent.
Während die ersten ausreisepflichtigen Mannesmänner ihre Entscheidung schon wieder bereuen, ziehen die Duisburger Thyssenwerke eine ähnliche "Anpassungsmaßnahme" (Firmenrundschreiben) durch: In einigen Wochen müssen 200 weitere Türken-Familien die Stadt verlassen.
In Duisburg-Hüttenheim. In Duisburg-Hüttenheim.

DER SPIEGEL 9/1984
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