23.01.1984

FORSCHUNGBarbarei mit Deodorant

Das Bergwerk Messel in Hessen, eine der weltweit bedeutendsten Fundstätten für Fossilien, soll mit Müll zugeschüttet werden - trotz internationaler Proteste. *
Vor rund 50 Millionen Jahren fraßen Pferde kein Gras, sondern Laub und Blütenblätter. Die Erkenntnis gewannen Forscher aus einem Fund in der hessischen Grube Messel - außer dem Skelett des Urpferdchens Propalaeotherium messelense war auch noch dessen Mageninhalt gut erhalten.
Fossilien aus dem stillgelegten Ölschieferbergwerk bei Darmstadt belegen auch, daß die Kontinente Amerika und Europa einmal zusammenhingen. Denn ein Knochengerüst des Krokodils Diplocynodon darwine aus dem Frühtertiär, wie es sich in Messel fand, war auch im US-Bundesstaat Wyoming ausgegraben worden.
Paläontologen entdeckten in der 700 000 Quadratmeter großen und sechzig Meter tiefen Senke zudem, besser erhalten als irgendwo sonst, die Gerippe des Riesenlaufvogels Diatryma und des Insektenfressers Macrocranion tupaiodon.
Die Grube Messel, stellten Säugetierforscher bei einem internationalen Kongreß in München fest, nehme aufgrund einzigartiger geologischer Gegebenheiten "in der Erforschung des europäischen Alt-Tertiärs eine Schlüsselstellung ein".
Alsbald werden in dem Becken statt der Gebeine aus Urzeiten allenfalls Ölsardinenbüchsen und Heringsgräten zu finden sein. Denn das Land Hessen will die paläontologische Schatzkammer von internationalem Rang zu einer der größten Müllkippen Europas degradieren - einer zentralen Deponie für Haus- und Industrieabfälle aus der gesamten Rhein-Main-Region.
Am Freitag letzter Woche gab auch das Verwaltungsgericht Darmstadt den Weg für die Müllablagerung frei. Es wies die Klagen besorgter Anwohner ab, weil eine unzumutbare Beeinträchtigung oder gar Gefährdung der Umgebung nicht zu erwarten sei.
Gegen den "unglaublichen Akt kulturpolitischer Barbarei", wie es der linke Bund demokratischer Wissenschaftler nennt, hat sich zwar schon vor Jahren, bald nach der Offenlegung des Vorhabens 1974, ein Sturm der Entrüstung erhoben: Ein "Unglück für die Wissenschaft" sah der amerikanische Paläontologe Wann Langston heraufziehen, die "Neue Zürcher Zeitung" wetterte über den "irreparablen Verlust für die Erforschung unserer stammesgeschichtlichen Herkunft".
Die Regierung in Wiesbaden aber verstand es, zumindest die Forscher im eigenen Lande zur Ruhe zu bringen - durch einen geschickten Schachzug.
Statt die Grube als "Bodendenkmal" auszuweisen und sie vor Müllablagerungen zu bewahren, trieb Kultusminister Hans Krollmann (SPD) mit finanzieller Unterstützung mehrere Ausgrabungen des Landesmuseums und des Frankfurter Forschungsinstituts Senckenberg voran, die "bedeutende wissenschaftliche Erkenntnisse zu Tage förderten".
Und Ministerpräsident Holger Börner ist noch immer "stolz auf mein persönliches Verdienst", daß die Grube gegen "Raubgräber geschützt ist". Für mindestens zwanzig Jahre hatte der Regierungschef den Forschern "geordnete Grabungsrechte" in einem Teil des Geländes zugesichert. Weiterhelfen können nun aber allenfalls noch die Grünen: Sie fordern bei ihren Verhandlungen über eine Zusammenarbeit mit der SPD, die Grube von Abfällen ganz zu verschonen.
Bundesdeutsche Wissenschaftler hingegen geben sich mit den begrenzten Schürfrechten zufrieden. Die hannoversche Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe ließ ihren Einwand fallen, daß womöglich "ein uns überliefertes und unserer Obhut anvertrautes kostbares Gut unwiederbringlich verschüttet" werde. Frühgeschichtler Jens Franzen vom Senckenberg-Institut, der lange Zeit gegen die Verfüllung des Fossilienreservoirs gekämpft hatte, kündigte an, jetzt "mit dem Kompromiß leben" zu wollen.
Im Streit vor dem Verwaltungsgericht Darmstadt, in dem der Planfeststellungsbeschluß für die Mülldeponie überprüft wurde, fehlten folglich die Forscher. Die haben, argwöhnt der Messeler Schulleiter Harald Tegel, "den Schwanz eingezogen, weil sie von den Regierenden abhängig sind".
Für das Gericht war die Zurückhaltung der Wissenschaftler erheblich. Da die ausgrabungsberechtigten Verbände nicht gegen die Deponie geklagt hätten, argumentierte Richter Rainer Eckert, habe der paläontologische Aspekt auch nicht im Mittelpunkt der Entscheidung gestanden. Die zwanzig Jahre Grabungsrechte seien "ein vertretbarer Kompromiß".
Gegen das Projekt hatten die Gemeinde Messel und 55 Einwohner geklagt - vor allem wegen der zu befürchtenden Belastungen für das Grundwasser und die Luft, die den Ort "zum größten Drecknest Europas für die nächsten 100
Jahre machen". Selbst Gutachter, die das Hessische Oberbergamt, die Genehmigungsbehörde, bemüht hatte, haben den Standort lediglich als "technisch realisierbar", wenn auch "nicht sehr gut", eingestuft. Die insgesamt drei Milliarden Kubikmeter Gas, die nach Berechnungen der Kläger aus der Müllgrube über die umliegenden Dörfer ziehen werden, ließen sich, erklärte der Stuttgarter Professor Oktay Tabasaran vor Gericht, "desodorieren".
Paläontologen übrigens haben Gasen, die einst aus dem Urwaldsee von Messel aufstiegen, wichtige Erkenntnisse zu verdanken: Giftwolken, das entnahmen Forscher des Senckenberg-Instituts den gut erhaltenen Fossilien, haben vor fünfzig Millionen Jahren zum plötzlichen Tod von etwa hundert Fledermäusen geführt.
Die Säuger waren, folgerten die Forscher aus den Mageninhalten, noch kurz vor ihrem Tod "sehr vital" gewesen.

DER SPIEGEL 4/1984
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