23.04.1984

BRASILIENMänner mit Masken

Im Amazonas-Urwald ließ eine Elektrizitätsgesellschaft die Trasse ihrer Hochspannungsleitung mit Herbiziden besprühen, Menschen und Vieh starben - das Entlaubungsmittel enthielt Dioxin. *
Der Oberst, der sich lieber "Doktor" nennen läßt, legte den Text seines Vortrages resigniert auf das Podium und blickte in die Menge. Nicht einmal die erste Seite seiner Rede hatte Douglas Souza Luz, Präsident der staatlichen brasilianischen Elektrizitätsgesellschaft Eletronorte, vorlesen können, bevor er unterbrochen wurde.
"Was ist mit dem 'Agente Laranja' los, Herr Doktor?" wollte ein Zwischenrufer wissen. Seit Monaten ging das schon so: Bei jedem öffentlichen Auftritt des Elektro-Chefs lärmte es aus den hinteren Reihen. Und immer die gleiche Frage nach dem tödlichen "Agent Orange", dem hochgiftigen, von den US-Truppen in Vietnam tonnenweise versprühten Entlaubungsmittel, das bei Betroffenen Krankheit, Mißgeburten und Tod hervorruft.
Nach den Dschungeln Vietnams nun auch im Urwald des Amazonasbeckens: Dort versuchte Eletronorte, mit Chemie üppiges Gewächs von ihren Hochspannungsleitungen fernzuhalten. Dabei brachte sie Menschen und Tiere um - so jedenfalls die Anklagen von Ökologen und lokalen Behörden.
Der Tod mehrerer hundert Rinder, so der Vorwurf der Viehzüchter, die nun Entschädigung fordern, brachte die Geschichte erst aus dem Hinterland des Bundesstaates Para an die Öffentlichkeit. "Tod im Urwald", "Chemischer Krieg", "Genozid", klagten die lokalen Zeitungen.
Der Sprühmittel-Lieferant, US-Chemiegigant Dow Chemical, sowie Eletronorte leugnen, den gefährlichen Kampfstoff verwendet zu haben - wohl zu Recht, denn noch ist das auch von Dow an die US-Streitkräfte gelieferte tödliche Gemisch "Agent Orange" nicht in Brasilien gefunden worden.
Dennoch könnte das weiße Pulver, das Terror unter die Bauern von Para säte, einen der giftigsten Bestandteile des US-Kampfstoffes enthalten: Dioxin.
In Tailandia, einem gottverlassenen Nest an der Landstraße PA-150, 190 Kilometer südlich von Belem, der Hauptstadt des Bundesstaates Para, tauchten 1980 erstmals "Männer mit den Masken" auf. Sie kamen von der Firma Agromax in Sao Paulo, im Auftrag von Eletronorte. Mit Traktoren, Sprühgeräten und Schutzanzügen durchfuhren sie die Felder der Bauern, um einen 300 Meter breiten Streifen unter der Hochspannungsleitung mit einem in Wasser gelösten weißen Pulver zu besprühen.
Bald fingen die Menschen an, krank zu werden. Die einjährige Raimunda Maciel aß eine in der Nähe eines Hochspannungsmastes gepflückte Camapu-Frucht und starb. Die 13jährige Juciene Gomes da Silva wusch ihre Kleider im selben Tümpel, in dem ein Sprühtrupp die Schutzanzüge gespült hatte, auch sie starb danach.
Bisher gesunden Bauern zitterten plötzlich die Knie aus unerklärlichen Gründen. Sie bekamen Schwindelanfälle, Kopfschmerzen und erbrachen ständig. Etwa zwölf Kilometer nördlich von Tailandia starb ein Mann nach einem Bad in einem verseuchten Tümpel. Ein Hund, der an der Leiche nagte, bevor die Polizei sie wegschaffen konnte, verendete.
Zunächst brachte niemand die Todesfälle mit dem weißen Pulver unter der Leitung in Verbindung. "Hier sind die Menschen oft halb verhungert und schwach", so der aus Venedig stammende Pater Lino Zucci, der seine Kirche des Heiligen Franziskus von Assisi eigenhändig aufgebaut hat, "wir dachten, es sei eine Epidemie von Malaria, Cholera oder Hepatitis".
Doch das wird inzwischen von Ärzten einer Untersuchungskommission ausgeschlossen - noch nirgendwo ist eine Seuche aufgetreten, die gleichermaßen Menschen, Tiere und Pflanzen befiel.
Für den Bauern Jonas Lima dagegen war es eindeutig Hexerei. Als seine ganze Familie erkrankte, seine Haustiere starben und seine Frau dann noch ein mißgebildetes Kind bekam, baute er 50 Meter neben seiner Lehmhütte eine neue Behausung. Von der alten Wohnung verwendete er nur Teile des Daches. Bestätigung für den Zauber fand er, als aus dem nun der Witterung ausgesetzten Boden des verlassenen Hauses mißgebildete Pflanzen wuchsen.
Jonas Lima hatte, so erzählte er im letzten November einer Untersuchungskommission von Ärzten und Wissenschaftlern, einem Sprühtrupp erlaubt, Wasser aus seinem Brunnen zu schöpfen. Dazu war ein leeres Faß benutzt
worden, das Sprühmittel enthalten hatte.
Solche Blechkanister sind im Dschungel viel wert - einige Arbeiter der Agromax verschenkten die leeren Behälter, anstatt sie vorschriftsgemäß zu vergraben. Einen fand der Agronom und in der Bundesrepublik ausgebildete Spezialist für Pestizide, Sebastiao Pinheiro, an der Kochstelle einer Bäuerin - voller Maniok-Mehl. "Dow" stand auf der Dose, und "Tordon 101 BR".
"Das Produkt ist ungefährlich", so Dow-Sprecher Marcelo Lins zum SPIEGEL, "es wird seit 20 Jahren in Brasilien verwendet und ist beim Landwirtschaftsministerium registriert." Auch das stärkere Tordon 155, das ebenfalls von der Agromax versprüht wurde, könne die Vergiftung nicht verursacht haben.
Doch einer der wichtigsten Aktivstoffe des Tordon 155 (wie auch des Agent Orange) ist Trichlorphenoxyessigsäure, kurz 2.4.5.-T genannt. Bei der Massenproduktion dieses Gifts entsteht Tetrachlordibenzoparadioxin (TCDD), das gefürchtete Dioxin.
Dow Chemical versichert zwar, daß die vom Gesetz vorgeschriebenen TCDD-Höchstwerte von 0,1 Teilen zu einer Million im Tordon 155 nicht überschritten werden, mithin keinen Schaden anrichten könnten.
Doch entlang der Eletronorte-Leitung in Para sind inzwischen 50 Menschen nach Vergiftungssymptomen gestorben, 30 Frauen bekamen mißgebildete Kinder. Mindestens 2000 Rinder sowie unzählige Kleintiere gingen ein. Die menschlichen Opfer allein hätten wohl niemals großes Aufsehen erregt - das Amazonas-Gebiet ist der "Wilde Westen" Brasiliens. Die Pioniere müssen damit rechnen, von der Welt unbemerkt im Urwald umzukommen.
Der Viehzüchter Valdecyr Palhares wollte sich jedoch nicht mit dem unerklärten Tod seiner Rinderherde abfinden und schlug in Belem sowie bei den Umweltbehörden in Brasilia Alarm. Acht Untersuchungskommissionen schickte die von der Oppositionspartei PMDB geführte Landesregierung von Para ins betroffene Gebiet. Ärzte, Agronomen und Chemiker untersuchten die Eletronorte-Leitung.
Seither tobt lautstarker Streit. Eletronorte, Agromax und Dow Chemical weisen alle Anschuldigungen scharf zurück. An der Land- und Viehwirtschafts-Fakultät von Jaboticabal bei Sao Paulo fraß eine Kuh im Auftrag von Dow Chemical (weit über dem erlaubten Grenzwert) Tordon-101-verseuchtes Futter. Sie erlitt keinen Schaden, nahm sogar an Gewicht zu.
Dies war nur eine von vier Untersuchungen, die Dows Unschuld beweisen sollten. Tatsächlich litt das Vieh des Züchters Palhares unter Verminose und Mineralien-Mangel. Der Tod der Rinder, so Dow, sei demnach der Krankheit und allgemeinen Schwäche der Tiere zuzuschreiben.
"Auch die Menschen waren schon krank, bevor wir nach Tailandia kamen", so Agromax-Geschäftsführer Klaus Wende, "das einzig Gute an dieser ganzen Geschichte ist, daß die Behörden nun auf das Elend der Menschen dort aufmerksam geworden sind."
Doch die Ökologen und Ärzte aus Belem hegen Zweifel an den von Dow veranlaßten Untersuchungen. Zu geballt seien die Fälle von plötzlicher Vergiftung und Tod. "Tordon 101 alleine kann keine Kuh und keinen Menschen umbringen", gibt Sebastiao Pinheiro zwar zu. Doch Zeugen in der Gegend von Tailandia sagen aus, Agromax-Arbeiter hätten noch ein zweites Pulver aus nicht markierten Packungen dem Tordon beigemischt - was Agromax-Chef Wende wiederum bestreitet.
Pinheiro aber hat Proben aus sechs Säcken, die dieses mysteriöse Pulver enthielten, zur Analyse nach Schweden und Finnland geschickt. Die Untersuchungen werden im August abgeschlossen sein.
"Die Gegenwart eines ausländischen Dow-Angestellten, der sich 'Doktor' nannte, läßt uns vermuten, daß etwas außer Kontrolle geraten war", schreibt Pinheiro in seinem Untersuchungsbericht.
Ein noch nicht bekannter Zusatz zum Tordon 101? Stärker als erlaubt dioxinhaltiges 2.4.5.-T im Tordon 155, verursacht durch Witterung, Temperatur oder zu lange Lagerung? Die Möglichkeiten, daß etwas schief gegangen ist, sind zu mannigfaltig, als daß sie leicht ausgeschlossen werden könnten.
"Sobald die Regenzeit vorbei ist, setzen wir die Untersuchungen fort", sagt der Landwirtschaftsminister von Para, Jose Batista de Melo Bastos, "wir werden diese Sache bis zu den letzten Konsequenzen aufklären."
[Grafiktext]
100 Kilometer Amazonas Belem Tocantins Moju Tailandia Tucurui Hochspannungsleitung BRASILIEN Landstraße PA-150 Maraba Kartenausschnitt
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 17/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 17/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BRASILIEN:
Männer mit Masken

Video 01:27

Überschwemmte Straße in England Die einen schaffen's - und die anderen...

  • Video "Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: Das ist das Risiko nicht wert" Video 02:11
    Neuseeländischer Bauer gibt Waffe ab: "Das ist das Risiko nicht wert"
  • Video "Internat für junge Kriminelle: Wadims wundersame Wandlung" Video 12:31
    Internat für junge Kriminelle: Wadims wundersame Wandlung
  • Video "Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband" Video 00:48
    Virales Video: Elfjähriger dribbelt auf dem Laufband
  • Video "Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino" Video 01:17
    Überwachungsvideo: Trennzaun-Domino
  • Video "AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen" Video 06:44
    AKW-Abriss: Mit Flex, Kärcher und Wischlappen
  • Video "Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist" Video 01:47
    Schüsse in Utrecht: Was über den Attentäter bekannt ist
  • Video "Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger" Video 01:05
    Türkei: Wasserwerfer gegen PKK-Anhänger
  • Video "Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert" Video 04:28
    Videoanalyse zu 737 Max: Wie Boeing sich selbst kontrolliert
  • Video "Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung" Video 02:29
    Mays Brexit-Deal: Unterhaussprecher verhindert erneute Abstimmung
  • Video "Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber" Video 00:35
    Grasen first! Stoische Schafherde ignoriert Kampfhubschrauber
  • Video "Dieselskandal: Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?" Video 06:20
    Dieselskandal: "Warum soll ich jetzt dafür geradestehen?"
  • Video "Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten" Video 02:27
    Terror in Christchurch: Ein Haka für die Toten
  • Video "US-Dashcam-Video: Wo bitte ist die Straße hin?" Video 01:01
    US-Dashcam-Video: Wo bitte ist die Straße hin?
  • Video "Abstürze der Boeing 737 Max: US-Regierung überprüft Flugaufsichtsbehörde" Video 00:57
    Abstürze der Boeing 737 Max: US-Regierung überprüft Flugaufsichtsbehörde
  • Video "Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen..." Video 01:27
    Überschwemmte Straße in England: Die einen schaffen's - und die anderen...