23.04.1984

KRIEGSGEFANGENEFritz Ritz

Über 370 000 deutsche Kriegsgefangene lebten 1945 in den USA: über 2000 versuchten, aus den Lagern zu entkommen - nur einer wurde nicht gefaßt. *
Das Gerücht machte rasch die Runde in Camp Crossville, einem Lager für deutsche Kriegsgefangene im US-Bundesstaat Tennessee.
Seit Tagen hatten sich die Deutschen, meist Angehörige des Afrika-Korps, geweigert, Küche und Speisesaal des Lagers aufzuräumen: Protest gegen Gefangenen-Alltag. In den Ecken häufte sich der Dreck; die amerikanischen Aufseher fürchteten den Ausbruch von Krankheiten. Bitten und Drohungen des Lagerkommandanten ließen die Prisoners Of War (POW) unbeeindruckt.
Doch dann belauschte ein Deutscher das Gespräch zweier US-Offiziere. Die beiden unterhielten sich über die bevorstehende Ankunft eines hochrangigen deutschen Gefangenen, für den eine angemessene Unterkunft im Camp vorbereitet werden müsse.
Aus der täglichen Lagerroutine aufgescheucht, begannen die Kriegsgefangenen über Namen und Rang des erwarteten Neuankömmlings zu spekulieren und bedrängten ihre Bewacher mit der Bitte um Einzelheiten. Schließlich verriet ein Wächter das Geheimnis, nicht ohne vorher seinen deutschen Gesprächspartner zu strengstem Stillschweigen vergattert zu haben. Wenig später wußte jeder im Lager, wer angeblich erwartet wurde: Erwin Rommel, Generalfeldmarschall und Chef des Deutschen Afrika-Korps.
Das Lager erwachte zu ungewöhnlicher Aktivität; es wurde geputzt und geschrubbt. Schon bald glänzten nicht nur Küche und Speisesaal. Camp Crossville präsentierte sich zur Freude der Amerikaner in blitzblanker Sauberkeit.
Der hohe Gefangene kam freilich nicht, und bald war den Lagerinsassen klar, daß sie von den Amerikanern ausgetrickst worden waren, damit sie endlich ihr Lager in Ordnung brächten.
Die Episode aus dem Kriegsjahr 1943 förderte der amerikanische Historiker Arnold Krammer in der ersten Untersuchung über die deutschen Kriegsgefangenen in den USA zutage. _(Arnold Krammer: "Nazi Prisoners of War ) _(in America". Stein and Day Publishers, ) _(Briarcliff Manor, N.Y.; 338 Seiten; ) _(21,95 Dollar. )
Ihre Geschichte beginnt im Mai 1942 mit der Ankunft der ersten 31 Nazi Prisoners of War, wie die gefangengenommenen Deutschen genannt wurden, auf dem amerikanischen Kontinent und erreichte ihren Höhepunkt im Mai 1945, als in 155 Haupt- und 511 Zweiglagern insgesamt 371 683 Deutsche auf US-Territorium hinter Stacheldraht saßen.
Vom Sommer 1943 an fielen den US-Truppen so viele deutsche Landser in die Hände, daß selbst der britische Premierminister Winston Churchill auf einer Reise zu Besprechungen mit dem amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt in Washington mit einem Schiff vorliebnehmen mußte, das mehrere tausend deutsche Kriegsgefangene über den Atlantik transportierte.
Zunächst einmal behalfen sich die US-Behörden damit, angesichts der Gefangenenflut jene seit vielen Jahren leerstehenden Lager zu aktivieren, die während
der großen Wirtschaftskrise überwiegend in ländlichen Gebieten errichtet worden waren, um arbeitslosen Jugendlichen aus den Großstädten Arbeit und Unterkunft zu verschaffen. Aber auch Sporthallen von Universitäten wurden für die Deutschen requiriert und ganze Zeltstädte aufgerichtet.
Dann entstanden neue Lager, nach einem Standardplan für jeweils 2000 bis 4000 Gefangene ausgelegt. Vom Speisesaal über Werkstatt und Kaufladen bis zum Sportplatz sahen sie den Ausbildungslagern der US-Army sehr ähnlich - bis auf die Stacheldrahtzäune und die Scheinwerfer.
Nicht wenigen Amerikanern erschienen die Lager zu fein für die gefangenen Gegner. Und in Anspielung auf ein Pariser Luxus-Hotel und den Spitznamen der Deutschen bürgerte sich die Bezeichnung "The Fritz Ritz" für die Lager ein.
Das Unbehagen über die unerwünschten Gäste wurde durch Pressebilder verstärkt, auf denen der Trauerzug für einen im Lager verstorbenen General Hans Schubert zu sehen war.
Uniformierte Gefangene trugen den von der Hakenkreuzflagge bedeckten Sarg hinter einer Musikkapelle durch ein Spalier von Soldaten, die dem Toten den Deutschen Gruß entboten. Dem Sarg wurden auf einem Kissen die Auszeichnungen Schuberts nachgetragen, dann folgten Truppen in Reih und Glied. An Hitlers Geburtstag, dem 20. April, wurden mit US-Genehmigung die in Deutschland üblichen Führer-Gedenkfeiern auch in den Lagern abgehalten.
Mit Beginn des Jahres 1943 konnten sich dann zahlreiche Amerikaner selbst ein Bild von den Nazi-Prisoners machen, die überall im Lande einsaßen. Wehrpflicht und gestiegene Anforderungen an Landwirtschaft und Kriegsindustrie hatten Amerikas Arbeitskräftemangel so sehr verschärft, daß man sich der unbeschäftigten und wohlgenährten Kriegsgefangenen entsann.
Vor allem in der Landwirtschaft, aber auch in der Holz- und Fleischwarenindustrie, bei der Eisenbahn und in den Schreibstuben der Army traten deutsche POW an die Stelle der eingezogenen und an die Fronten in Europa und im Pazifik abkommandierten Amerikaner. "Die
Kriegsgefangenen", so fand Autor Krammer, "erfüllten eine lebenswichtige Rolle beim Ausgleich des akuten heimischen Mangels an Arbeitskräften."
Den amerikanischen Arbeitgeber kostete ein Kriegsgefangener nicht weniger als eine heimische Arbeitskraft. Während die Deutschen nur 80 Cent pro Tag erhielten, mußte die Differenz zum Normallohn ans Finanzministerium in Washington abgeführt werden. Bis Juni 1945 erarbeiteten die Kriegsgefangenen so insgesamt 22 Millionen Dollar für die Kasse des Kriegsgegners.
So unentbehrlich war "Fritz" mittlerweile gerade für die US-Farmer geworden, daß der US-Oberkommandierende in Europa, General Dwight D. Eisenhower, Ende Februar 1945 aufgefordert wurde, sofort weitere 150 000 Gefangene als Arbeitskräfte nach den USA in Marsch zu setzen, obwohl das Ende des Krieges in Europa längst abzusehen war.
Fast gleichzeitig mit Beginn des Arbeitsprogramms Anfang 1943 setzten die Lagerverwalter ein anderes Vorhaben in Gang, dem weit weniger Erfolg beschieden war: Sie versuchten die Anti-Nazis von den Nazis zu trennen. Dabei gingen sie davon aus, daß sich die Anti-Nazis rasch als solche zu erkennen geben oder aus den vorhandenen Listen der militärischen Geheimdienste hervorgehen würden. Eine Definition des Begriffs versuchten sie erst gar nicht.
Bereits vier Monate später, im Juli 1943, wurden die Kategorien in "Nazis" und "andere" verändert. Im Sommer darauf war das Kriegsministerium zu der Erkenntnis gelangt, daß der Begriff Nazi nicht ausreichte, um zwischen den geschätzten acht bis zwölf Prozent "harter Nazis" und den weiteren 40 Prozent Nazi-Sympathisanten unter der Lagerbevölkerung zu unterscheiden. Neue Kennzeichnungen wurden verordnet: "Pro-Nazis" und "Nicht-Nazis".
Während amerikanische Offizielle unter den 325 000 deutschen Kriegsgefangenen, die sich im September 1944 auf US-Gebiet befanden, etwa 45 000 Nazi-Sympathisanten ausgemacht haben wollten, befanden sich zu diesem Zeitpunkt im Speziallager Alva in Oklahoma, wo diese POW-Gruppe isoliert werden sollte, lediglich 3392 Soldaten. Das Programm war unter anderem daran gescheitert, daß den oft schlecht qualifizierten Camp-Verwaltern keine vernünftigen Richtlinien für das Aussortieren der Fremdlinge an die Hand gegeben werden konnten.
Nach Adolf Hitlers Selbstmord und der Kapitulation des Deutschen Reiches am 8. Mai 1945 gaben die US-Behörden schließlich öffentlich zu, daß sie schon seit einiger Zeit gutwillige deutsche Gefangene einem Programm der Umerziehung (Reeducation) unterwarfen, das aus Untertanen schließlich selbstbewußte Demokraten machen sollte.
Prominentester Absolvent solcher Programme war Konrad Adenauers außenpolitischer Chef-Gehilfe und späterer Präsident der Brüsseler EG-Kommission, Walter Hallstein. Auch Bonns gegenwärtiger Botschafter in London, Rüdiger von Wechmar, lernte als POW seine ersten demokratischen Lektionen.
Als das Dritte Reich zusammengebrochen war, schlugen sich viele Kriegsgefangene, die zunächst die Entwicklung des Krieges abwarten wollten, auf die Seite der Sieger. So schickten Insassen des als Pro-Nazi-Lager von den US-Behörden eingestuften Camps Florence in Arizona zum Tode von US-Präsident Roosevelt ein herzliches Kondolenzschreiben an die amerikanische Armee.
Einige tausend deutsche Gefangene, so Autor Krammer, boten sich sogar an, als Freiwillige in die Army einzutreten, um zusammen mit den Amerikanern gegen die vordem mit Deutschland verbündeten Japaner zu kämpfen. Dabei
ging es den Fernost-Freiwilligen freilich weniger um eine Fortsetzung ihrer militärischen Karriere - sie sahen vielmehr eine Chance, nicht ins zerstörte Mitteleuropa zurückkehren zu müssen, sondern sich in den USA, das sie mittlerweile schätzengelernt hatten, niederlassen zu können.
Die Zuneigung zur neuen Heimat war bei vielen im Sommer 1945 durch die Ankündigung des Kriegsministeriums in Washington noch gesteigert worden, alle in den USA festgehaltenen deutschen Kriegsgefangenen würden an die französische Regierung übergeben, damit sie zum Wiederaufbau des zerstörten Landes beitragen könnten.
Vor dieser Aussicht sahen eine Reihe von europamüden POW ihr Heil in der Flucht. In einer mittlerweile vertraut gewordenen Umgebung hofften sie untertauchen und schließlich unter falschem Namen ein neues Leben als US-Bürger führen zu können.
Doch die Erwartungen erfüllten sich nicht. Am 23. November 1947 gab Washington bekannt, daß von den insgesamt 2222 entflohenen deutschen Kriegsgefangenen nur noch 17 auf freiem Fuß lebten. Vier Jahre später waren elf weitere entdeckt und festgenommen worden. Am 10. Mai 1959 stellte sich der vorletzte Flüchtling, der ehemalige Panzer-Offizier Kurt Rossmeisl, freiwillig im Büro des FBI in Cincinnati, Ohio.
Nur einer wurde bislang nicht entdeckt. Er flüchtete am 21. September 1945 aus einem Gefangenenlager in New Mexico; seinen Namen geben die US-Behörden mit Georg Gaertner an. Das FBI stellte die Suche nach ihm im Jahre 1963 offiziell ein. Und wenn er nicht gestorben ist, dann ist er heute 63 Jahre alt.
[Grafiktext]
WASHINGTON OREGON MONTANA IDAHO NEVADA KALIFORNIEN WYOMING UTAH ARIZONA N. DAKOTA S. DAKOTA NEBRASKA COLORADO NEW MEXICO MINNE-SOTA WIS-CONSIN IOWA KANSAS OKLAHOMA TEXAS LOUIS-IANA MISSIS-SIPPI AR-KANSAS MIS-SOURI ILLINOIS MICHIGAN INDI-ANA KENTUCKY OHIO W. VIRGI-NIA TENNES SEE ALABAMA FLORIDA GEORGIA S. CAROLINA N. CAROLINA VIR-GINIA MARYLAND DELAWARE NEW JERSEY CONNECTICUT RHODE ISLAND MASSA-CHUSETTS PENNSYL-VANIA NEW YORK MAINE VERMONT NEW HAMPSHIRE Kriegsgefangenenlager in den USA im Juni 1944
[GrafiktextEnde]
Arnold Krammer: "Nazi Prisoners of War in America". Stein and Day Publishers, Briarcliff Manor, N.Y.; 338 Seiten; 21,95 Dollar.

DER SPIEGEL 17/1984
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