27.08.1984

„Es lebe die Deutsche Demokratische ...“

Manni der Große steuert den Friedensrat der DDR *
Bis zu meiner Flucht, also über zwanzig Jahre lang, war ich Präsidiumsmitglied im Friedensrat der DDR. Mit großer Leidenschaft und Überzeugung habe ich mich dieser Aufgabe gewidmet.
Der Friedensgedanke wurde und wird in der DDR von Volk und Führung ernstgenommen. Die Parteiführung ist sich sehr wohl bewußt, daß ein nuklearer Krieg das Ende ihrer Macht und des realen Sozialismus überhaupt bedeuten würde.
Sie weiß auch, daß im Rüstungswettlauf der reale Sozialismus mit aller Wahrscheinlichkeit den kürzeren ziehen muß. Seine Arbeitsproduktivität ist wesentlich geringer, deshalb ruiniert die Rüstungsspirale seine Wirtschaft schneller, der reale Sozialismus wird immer unattraktiver und damit auch politisch instabil. Der von der Parteiführung gesteuerten offiziellen Friedensbewegung im realen Sozialismus geht es also nicht nur um den Frieden, sondern auch um die Macht der Diktatur.
Ich habe diese Widersprüchlichkeit und auch Doppelzüngigkeit der offiziellen Friedensbewegung in der DDR erst voll begriffen, als mir die Rolle klar wurde, welche die Diktatur ihr zugewiesen hat. Für diese Friedensbewegung gilt dieselbe Regel wie für alle anderen organisierten Bewegungen im realen Sozialismus: Alles bewegt sich nur so, wie es der Parteiapparat will.
Die Tagung des Friedensrates beginnt. Oben auf dem Podium sitzt Manfred Feist. Daneben, rechts und links von ihm, der Präsident des DDR-Friedensrates Professor Günther Drefahl und Werner Rümpel, der Generalsekretär. Hinter ihnen die Vizepräsidenten und Präsidiumsmitglieder und unten im Saal die Mitglieder aus den verschiedensten Schichten der DDR-Bevölkerung.
Offiziell sind sie alle höchst demokratisch gewählt worden, in Wahrheit wurden sie alle ausnahmslos von Manfred Feist ausgewählt. Feist entscheidet nicht nur über die Auswahl, er entscheidet auch über die Abwahl. Sollte der Präsident oder irgendein anderes Mitglied des Friedensrates ihm nicht mehr tragbar erscheinen, dann wird er kurzerhand durch einen anderen ersetzt.
Der Präsident liest sein Referat Wort für Wort vom Blatt ab. Es ist ein Aufguß der letzten Rede des Generalsekretärs Erich Honecker und von Feist und seinen Mitarbeitern erarbeitet worden. Dann treten etwa zwanzig Redner ans Pult: erst ein Arbeiter - es ist immer derselbe Arbeiter, wir nannten ihn den Friedensarbeiter -, anschließend meldet sich ein Genossenschaftsbauer zu Wort. Es folgen ein Offizier, ein antifaschistischer Widerstandskämpfer, ein Arbeiterveteran, ein Mitglied der FDJ, eine Lehrerin, ein Akademiker, ein Künstler, ein Gewerkschaftsfunktionär, eine Repräsentantin der Frauenbewegung und Vertreter der politischen Parteien.
Dieses Schema "F" (für Feist) wird auf allen Tagungen des Friedensrates peinlich genau eingehalten. Wie der Präsident sprechen alle übrigen Redner säuberlich vom Blatt. Auch ihre Diskussionsbeiträge wurden entweder von den Mitarbeitern Feists geschrieben oder von ihnen vorher zensiert. Selbstredend bestimmt ausschließlich Feist, wer auf dieser Friedensratstagung einen von Feists Artikeln ablesen darf.
Die Diskussion ist beendet. Eine Grußbotschaft an den größten Friedenskämpfer der DDR, an unseren hochverehrten Freund, den Generalsekretär der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik, Erich Honecker, wird vorgeschlagen. Die Mitglieder des Friedensrates erheben sich von ihren Sitzen. Lang anhaltender Beifall braust auf. Die Fernsehkameras surren.
In ein paar Stunden weiß es die Weltöffentlichkeit: Der Friedensrat der DDR hat getagt. Eine aufgeschlossene, begeisterte Diskussion! Alle Schichten der Bevölkerung der DDR waren repräsentiert! Grußbotschaft an den Generalsekretär der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR, Erich Honecker, einmütig verabschiedet!
Wer ist dieser Mann, der die Friedensbewegung in der DDR bewegt? Manfred Feist ist Leiter der Abteilung Auslandsinformation im Zentralkomitee. Dem Großen Haus geht es, was den Frieden betrifft, nicht um eine Friedensbewegung in der DDR, sondern vor allem darum, das Ausland über die Friedenspolitik der SED zu informieren.
Manfred Feist ist ein ungebildeter, sektiererischer Bully, ein Apparatschik. Von seinen Mitarbeitern im Großen Haus und den Mitgliedern des Friedensrates wird er höhnisch "Manni der Große" genannt.
Eine seiner größten Ideen, an die ich mich erinnern kann, war folgende: Als sich eine demokratische Massenbewegung für den Frieden im Westen entwickelt hatte und große Demonstrationen, insbesondere in der Bundesrepublik, stattfanden, erhielt Feist den Auftrag, ähnliches in der DDR zu organisieren.
Feist gab die Order an die FDJ weiter. Wochenlang mußten ausgewählte FDJler üben, wie sie auf der geplanten Friedensdemonstration an der Tribüne der Funktionäre vorbeizumarschieren, welche Losungen sie ihnen zuzujubeln hätten. Um der Begeisterung ein wenig nachzuhelfen, ordnete Feist an: Es müssen Winkeinheiten aufgestellt werden - Mitglieder der FDJ, die auf dieser Demonstration nichts anderes tun sollten, als den Funktionären zuzuwinken.
Als die "Winkeinheiten" in Aktion traten, wandte sich Feist mit einigen Worten an die begeisterte Menge. Ich stand ganz in seiner Nähe und konnte ihn genau beobachten. Er las einige der üblichen Phrasen vom Blatt ab: "Es lebe die Deutsche Demokratische ..." Feist war am Ende seines Blatts angekommen. Er drehte es um und las weiter: "Republik!"
Wie ist es möglich, solch einen Mann zum absoluten Herrscher der staatsoffiziellen Friedensbewegung zu machen? Kann selbst ein noch so diktatorisch-bürokratischer Apparat wirklich so kurzsichtig sein? Er kann es, wenn dieser Mann der Bruder von Margot Honecker, der Gattin des Generalsekretärs der SED, ist.

DER SPIEGEL 35/1984
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