23.01.1984

MUSIKGESCHÄFTGlitzernder Schrott

Musikvideos brachten 1983 die ARD-Hitparade „Formel Eins“ zum Erfolg. Jetzt wollen die Plattenfirmen für ihre Werbe-Clips kassieren. *
Fünf schöne junge Männer posieren vor paradiesischer Kulisse - die Sonne lacht, und Palmen wiegen sich im Wind. An Plätzen wie aus dem Reiseprospekt, in Sri Lanka und auf der Karibik-Insel Antigua, schieben die glücklichen Beaus eine ruhige Kugel - als ob dort sonst nichts Beunruhigendes los wäre. Die Traumkulisse ist der Hintergrund eines Werbefilms, der nicht Campari oder Rum, sondern Popmusik an die Kundschaft bringen soll. Und so begleitet mild und störungsfrei ein Song der englischen Band "Duran Duran" die Filmbilder der Tropen-Szenerie.
Geschönten Video-Illusionen wie solchen Filmen verdanken die fünf Musiker aus der Gegend von Birmingham ihren Welterfolg. Vorbei sind die Zeiten, als Popbands sich in den internationalen Konzerthallen präsentieren mußten, um auf sich und ihre Platten aufmerksam zu machen - ein Videoclip von drei bis fünf Minuten Länge, in einer knappen Woche abgedreht und dann an die TV-Stationen vieler Länder verschickt, garantiert schnelle Promotion ohne mühsames Reisen. Außerdem sichern Clips überall dasselbe verkaufsgünstige Image - die weltweite Marktstrategie der Plattenindustrie bleibt effektvoll.
Die enormen Erfolge neuer britischer Bands wie "Duran Duran", "Culture Club" oder "Big Country" sind ohne den Einsatz clever gefertigter Musikvideos nicht denkbar. Clips haben sich in den letzten Jahren zum wirkungsvollsten Werbemittel für den Verkauf von Schallplatten entwickelt. Superstars wie der schwarze US-Sänger Michael Jackson, der außerhalb von Videoclips kaum in Erscheinung trat, wuchsen durch das Medium zu internationalen Berühmtheiten.
Die Teenager sind verrückt nach den pittoresken Traumwelten, die in Videoclips offeriert werden, und TV-Stationen in vielen Ländern greifen gern nach dem aufregenden Augenfutter, weil sie für dieses Programm so gut wie nichts bezahlen müssen.
So avancierte im letzten Jahr eine TV-Serie in der Bundesrepublik zum Publikumsrenner, die fast ausschließlich mit den Werbespots der Plattenindustrie bestückt war: "Formel Eins", die "ARD-Hitparade".
Die mit großem Aufwand von der Musikindustrie hergestellten Clips verschafften der attraktiven TV-Hitliste hohe Einschaltquoten. Die Münchner "Bavaria" produzierte, für den WDR, die "Formel Eins" 27mal im wöchentlichen Turnus; über die dritten Programme der ARD wurde die Sendung dann flächendeckend ans bundesdeutsche Teenagerpublikum gebracht.
Dank "Formel Eins" hatten die Promotion-Abteilungen der Plattenfirmen ihren Fuß so weit im Programm der öffentlich-rechtlichen Sender wie nie zuvor. Jede Woche eine dreiviertel Stunde lang Werbung pur für neue Hits, gebührenfrei placiert, retteten das krisengeschüttelte Musikgeschäft vor dem Einbruch.
Diese segensreiche Zeit scheint für die Plattenverkäufer nun vorerst wieder passe zu sein, denn als die "Formel Eins" Anfang Januar 40 neue Folgen startete, gab es kaum noch Clips zu sehen. Die im hektischen Schnittwirbel über den Bildschirm tobenden Drei-Minuten-Videos fehlten, bis auf ganz wenige Ausnahmen.
"Formel Eins" hatte einen Gang runtergeschaltet und besaß jetzt nur noch das Temperament einer Querfeldein-Rallye. Die flotte Sendereihe lieferte TV-Musikunterhaltung wie gewohnt: Moderator Peter Illmann riß seine Witzchen, ein Fernsehballett tanzte in poppigen Klamotten durch den pittoresk im Münchner Studio ausgebreiteten Autofriedhof,
und von Plattenfirmen zur Aufnahme eingeflogene Musiker ödeten sich durch die übliche Playback-Routine.
An solcher Magerkost trugen die deutschen Plattenfirmen die Schuld, denn vorläufig rücken sie keine Video-Clips mehr heraus für "Formel Eins". Denn sie möchten für den TV-Einsatz ihrer Werbefilme auch noch kassieren. Doch es sieht aus, als hätten sie sich damit selbst ins Knie geschossen, indem sie sich der Wirkung ihres erfolgreichsten Werbematerials berauben.
ARD und ZDF heben schon seit längerer Zeit reichlich unbekümmert das Werbematerial der Schallplattenindustrie unbezahlt in ihr Programm. Sendungen wie "Ronny's Pop-Show" und, bis Ende 1983, "Thommy's Pop-Show" im ZDF und "Formel Eins" in der ARD zeigten regelmäßig die teuer hergestellten, aber für die TV-Anstalten nahezu kostenfreien Videos.
Schon immer hatte die Plattenindustrie gegenüber den öffentlich-rechtlichen Sendern und ihren Redakteuren in vielfältiger Weise Großzügigkeit bewiesen und mit ihren Programm-Offerten die Budgets der Popmusik-Abteilungen in einer Art entlastet, die chronische TV-Finanznöte generös lindern half. Künstler wurden sozusagen frei Haus ins Studio geliefert, Reisekosten und Hotelrechnungen von der Industrie beglichen, und Videoclips gab es zunächst, so schien es, fast umsonst.
So wirkte es paradox, daß die Plattenfirmen die Senderechte an Videoclips der Hamburger "Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten" (GVL) übertrugen und die GVL mit den öffentlich-rechtlichen TV-Anstalten über eine Vergütung für die Ausstrahlung von Clips verhandelte.
Mit der Forderung von 1500 Mark pro Werbeclip-Minute stieg die GVL im letzten Jahr in die Verhandlungen ein. Als sich bei ARD und ZDF nichts rührte, steckte die GVL zurück auf 1200 Mark für jede erste und 600 Mark für jede weitere Video-Minute. Auch diese Forderung stieß auf taube Ohren, und die GVL ging dann noch weiter herunter, ohne Ergebnis.
ARD und ZDF argumentierten, die Musik-Clips seien Werbung, und deshalb sei der Preis zu hoch. Für seine Anstalts-Kollegen vertrat NDR-Justitiar Klaus Berg die "Auffassung, daß der Promotionscharakter der Videoclips so stark ist, daß er hier besonders berücksichtigt werden muß bei einer Festsetzung der Vergütung".
Nach altem Prinzip darf zwar unbezahlte Werbung im öffentlich-rechtlichen Programm nicht sein, aber wenn schon, so der Gedanke der TV-Verwalter, dann möchte man nicht auch noch soviel dafür bezahlen, wie die Herstellung eigener Sendungen kostet. Beim ZDF hilft man sich über dieses Dilemma hinweg, indem man die Videoclips nicht als "knallharte Werbung" versteht.
Inzwischen wächst bei den Plattenfirmen, die zunächst mit blinder Entschlossenheit auf Konfrontationskurs gegangen waren, die Einsicht, man habe mit den Vergütungs-Forderungen für die Clips ein Eigentor geschossen. "Wir haben unsere Position wohl überschätzt", räumt der CBS-Mann Jochen Leuschner ein, und Udo Lange von der Firma "Virgin" zeigt sich ungeduldig: "Wir haben die Clips hergestellt, um Platten zu verkaufen, und nicht, um dafür ein paar tausend Mark zu kassieren."
Daher fand der Produzent von "Formel Eins", Andreas Thiesmeyer, im Ausland bereitwillige Firmen, die keine Rechte an die GVL übertragen hatten. Und so brauchten Teenager auf den Anblick von Videoclips in "Formel Eins" nicht ganz und gar zu verzichten: Sie bekamen in den ersten beiden Sendungen des Jahres die neuesten visuellen Kapriolen von Boy George, Mike Oldfield, den Flying Pickets oder Gazebo serviert.
Viel deutet darauf hin, daß die Parteien sich nach einer neuen Verhandlungsrunde im Februar einigen werden. Die Plattenfirmen, die auf Bergen neuer Clips sitzen, werden ihre Wünsche noch einmal kräftig herunterschrauben, damit ihr Singles-Geschäft wieder in Gang kommt. Dann wird auch das gelegentlich von Plattenverkäufern ins Spiel gebrachte Argument, Musikvideos seien Kunstwerke, wieder verstummt sein.
Das sind die trivialen Wegwerf-Filme nicht, denn ihr einziger Zweck ist Werbung für Platten, und dafür werden sie, mit ständig wachsenden Produktionskosten von etwa 100 000 Mark an, hergestellt.
Zwischen Kino und Commercial haben Musikvideos inzwischen ihre eigenen ästhetischen Regeln entwickelt. Schnell müssen sie sein und ein hohes Schnitt-Tempo vorlegen, denn zur Überrumpelung des Zuschauers bleibt ihnen nicht viel Zeit.
Schnell werden sie auch gedreht von einer Riege junger Regisseure, die, der Nachfrage entsprechend, ständig größer wird. Diesen Filmern ist jedes Mittel recht, um in der Clip-Flut mit ihren
Einfällen noch aufzufallen. Von der cineastischen Platitüde bis zum exzessiven formalen Experiment, vom hemmungslosen Plagiat bis zum surrealistischen Bilder-Bombast, vom überraschenden Schock bis zum übelsten Edelkitsch reicht die Ausdrucksbreite des neuen Video-Genres. Was zählt, ist der in wenigen Minuten zündende Kaufimpuls.
Wie die Zeichner von Comic-Strips sind die Musikvideo-Macher anonym. Und ihnen liegt auch kaum etwas daran, sich in der Filmgeschichte zu verewigen, obwohl die Gattung inzwischen herausragende Talente entwickelt hat. Sehr sophisticated und voller ironischer Spielereien mit dem Medium sind die Videos der Engländer Julien Temple (Rolling Stones: "Undercover Of The Night") und Kevin Godley/Lol Creme (Police: "Every Breath You Take", Herbie Hancock: "Rockit"), des Schweizers Dieter Meier ("Yello") oder des Sängers David Byrne ("Talking Heads") aus den USA.
Die Musikvideos richten sich in ihrem Zuschnitt immer stärker nach dem amerikanischen Fernseh-Kabelkanal MTV, der nichts anderes als Clips sendet, 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche. MTV braucht den Plattengesellschaften für ihre Videos nichts zu bezahlen. Weil 17 Millionen Haushalte quer durch die USA angeschlossen sind, half MTV mit seinem Clip-Bombardement der US-Musikindustrie im vergangenen Jahr nach langer Dürrestrecke erstmals wieder zur Konsolidierung.
Um sich in diesem permanenten Bildersalat zu behaupten, greifen immer mehr Plattenfirmen zu Riesen-Produktionsbudgets. Mini-Epen wie der Clip zum Song "Say, Say, Say", in dem Stars wie Paul McCartney und Michael Jackson zusammenwirken, werden mit dem Aufwand großer Hollywood-Produktionen gedreht. Und "Victims", die jüngste Single von Boy Georges "Culture Club", wurde in der verschwenderischen Pracht einer Kino-Revue von Busby Berkeley bebildert.
Aus dem visuellen Clip-Schrotthaufen, der Tag für Tag produziert wird, bleiben nur wenige Werke länger in Erinnerung. Einen ungewöhnlichen Clip-Alptraum inszenierte sich jetzt der 25jährige Michael Jackson, erster veritabler Superstar des Video-Zeitalters. Jackson paßt wie kein zweiter ins neue Medium: Er tanzt mit der Grazie eines Fred Astaire, sieht gut aus wie ein Prinz aus dem Softie-Land und verströmt in seinem Gesang die Vitalität bester schwarzer Musik.
Nach den gefeierten Kurzvideos "Billie Jean", einem getanzten Gossendrama, und der elektrisierenden "West-Side-Story"-Imitation "Beat It" liefert Jackson in der visuellen Version seines Songs "Thriller" eine kolossale, 13 Minuten lange Mini-Symphonie des Grauens, ein komödiantisches Werwolf-Zombie-Spektakel, das mit den Ängsten des Publikums spielt. Geschätzte Produktionskosten des Kurzfilms: rund drei Millionen Mark.
Um die Talente Jacksons richtig ins Bild zu setzen, wurde der Hollywood-Regisseur John Landis verpflichtet: Er inszenierte ein Kleinst-Musical, in dem Jackson auch seine schauspielerischen Fähigkeiten und als Drehbuch-Koautor eigene Abgründigkeiten ins Spiel bringen kann.
Mit Jackson betrat auch ein schwarzer Künstler den MTV-Kanal, der sich skrupellos am Rassismus seines Zielpublikums orientiert, den weißen Mittelstands-Teenagern aus der Provinz, und sonst für Schwarze fast Off Limits ist.
Wegen seiner Überlänge steht trotz Boykotts der Ausstrahlung des "Thriller"-Videos in "Formel Eins" in dieser Woche nichts im Weg. Der Streit zwischen der deutschen Plattenindustrie und den TV-Anstalten dreht sich nur um Clips bis zu zehn Minuten Länge.
Und so bekommt "Formel Eins" nun das teuerste Video, das je gedreht wurde, ohne Mühe ins Programm.

DER SPIEGEL 4/1984
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