23.01.1984

MEDIZINNerv erhalten

Eine neue Operationsmethode bei Prostatakrebs beseitigt den Tumor, beläßt jedoch dem Patienten, anders als die bisherige, die Potenz. *
Die kleine Drüse, in gesunden Tagen nur walnußgroß und ganze zwanzig Gramm schwer, liegt zwischen Blase und Penisansatz. Niemand vermag zu sagen, weshalb sie bei den meisten Männern im Alter zu wachsen beginnt - meist gutartig als Drüsengeschwulst ("Adenom"), die Harnröhre unter Druck setzend; häufig jedoch bösartig, zerstörend und mit Tochtergeschwülsten - als Krebs ("Prostatakarzinom").
In dieser Situation galt bisher das melancholische Wort eines Urologen der Jahrhundertwende: "Was immer du gegen den Prostatakrebs unternimmst, es wird falsch sein."
Als Behandlungsmethoden stehen den Spezialisten für die Harn-und Nierenleiden eine medikamentöse Therapie mit krebshemmenden Zellgiften und hohen Dosen weiblicher Hormone, die Strahlentherapie und diverse operative Eingriffe zur Verfügung. Alle haben unerwünschte Nebenwirkungen, zum Teil in beträchtlichem Ausmaß. Je entschiedener der Arzt vorgeht, desto belastender sind die Spätfolgen.
Wird die krebskranke Vorsteherdrüse total entfernt - Fachwort: "radikale Prostatektomie" -, ist der Patient dadurch (womöglich) vom Krebs geheilt, mit Sicherheit jedoch impotent. Jeder dritte kann außerdem das Wasser nicht mehr halten, wird zum Dauernässer ("inkontinent") oder leidet an einer narbigen Verengung der Harnröhre.
Mit diesen Komplikationen soll es jetzt vorbei sein. Der amerikanische Urologe Patrick C. Walsh, Professor an der angesehenen Johns Hopkins University in Baltimore, hat eine neue Operationsmethode entwickelt, die den Kranken krebsfrei macht, ihm aber Potenz und Kontrolle über die Harnblase beläßt. Walsh: "Endlich kann ich den Kranken sagen, daß die radikale Prostatektomie die Lebensqualität nicht beeinflussen wird."
Bisher schnitten die Operateure dem Prostatakrebskranken nicht nur die tumortragende Drüse heraus, sondern zugleich auch die Samenblasen, Teile der Samenstränge und eine Muskelmanschette der Harnblase. Walsh hingegen änderte die Schnittführung: Sie verläuft nun so, daß zarte Nervenstränge in der Wand der Drüse nicht mehr durchtrennt werden (siehe Graphik S. 173).
Diese Fasern, nur Bruchteile eines Millimeters stark und mit bloßem Auge zwischen Bindegewebe und Muskulatur nicht zu erkennen, sind für Erektion und Blasenkontrolle gleichermaßen wichtig;
sie regulieren die Blutzufuhr in die Schwellkörper des Penis und den Spannungszustand der Schließmuskulatur rund um den Ansatz der Harnröhre. Der genaue anatomische Verlauf dieser Nerven war bisher unbekannt.
Gemeinsam mit einem niederländischen Wissenschaftler, dem Urologen Pieter J. Donker aus Leiden, suchte und fand der Amerikaner die winzigen Nervenbahnen - bei totgeborenen Kindern, denn deren Gewebestrukturen sind noch deutlich gegeneinander abgegrenzt. Bis jetzt ist es nicht zweifelsfrei gelungen, den Verlauf der Nerven auch bei erwachsenen Männern zu rekonstruieren. Mit guten Gründen vermutet der Amerikaner, daß sie gemeinsam mit den Blutgefäßen über der Prostatakapsel entlangzögen.
Seit Walsch diese Gewebeteile schont, sind seine Patienten besser dran: Spätestens ein Jahr nach der Operation ist bei allen die volle Erektionsfähigkeit wieder erreicht; Dauernässer hat er nicht mehr unter seinen Kranken.
"Das ist natürlich ein Fortschritt", kommentiert der Würzburger Urologie-Professor Hubert Frohmüller die Erfolge seiner US-Kollegen. Der Schnittführung a la Walsh haben sich in den USA schon Dutzende von Prostata-Operateuren angeschlossen. Auch Frohmüller will es demnächst auf die neue Art versuchen. Freilich: "Die Frage bleibt, ob eine Operation, bei der man die Nerven ausspart, die über die Kapsel laufen, genauso radikal ist wie eine, bei der alles Gewebe entfernt wird."
Nach langem Expertenstreit darüber, welche Behandlungsweise bei Prostatakarzinom eine Lebensverlängerung bewirkte - und ob das überhaupt gelänge -, hat sich jetzt allgemein die Ansicht durchgesetzt, daß die radikale Prostatektomie die beste Methode sei, vorausgesetzt, der Krebs wird in einem frühen Stadium entdeckt und der Patient ist jünger als 70 Jahre. Beides ist nicht die Regel.
"Nur sechs Prozent der Prostatakarzinomkranken haben einen Tumor, der sich bei seiner Diagnose noch auf die Vorsteherdrüse beschränkt", erläutert Carl-Friedrich Rothauge, Urologie-Professor in Gießen, die Situation, "und die weitaus meisten Patienten sind über 70 Jahre alt." Deshalb sei die "Indikation zur radikalen Prostatektomie sehr eng".
Rothauges Kontrahent, der Ärztekritiker und Chirurg Julius Hackethal (SPIEGEL-Titel 40/1978), hält es ohnehin für das beste, wenn die Doktoren den Prostatakrebs ganz in Ruhe lassen. Erst die aggressive Diagnostik, die jeder Prostatektomie vorangehe, mache aus dem friedlichen "Haustierkrebs" einen gefährlichen "Raubtierkrebs". Hackethal: "Die 7800 Bundesdeutschen, die jährlich an Prostatakrebs sterben, kann man derzeit vor ihrem Schicksal nicht bewahren."
[Grafiktext]
SCHONENDER SCHNITT Blase Enddarm Schambein Steißbein alte Schnittführung Harnröhre Prostata neue Schnittführung Penis After Samenleiter Bei der neuen Schnittführung erhalten bleibender Nervenstrang Hoden (schematische Darstellung) Verbesserte Prostata-Operation Die Prostata ist eine etwa walnußgroße, 20 Gramm schwere Drüse, die den Anfang der männlichen Harnröhre umgibt. Bildet sich Krebs, so wird die Drüse vollständig entfernt ("Radikale Prostatektomie"). Die geänderte Schnittführung soll die gefürchteten Nebenwirkungen, vor allem Impotenz, vermeiden.
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 4/1984
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