23.07.1984

GESTORBENKarl Wolff, 84

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Karl Wolff, 84. "Ich, Karl Wolff, SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS a. D., melde mich hiermit zu Wort. Mein Gewissen zwingt mich dazu." So begann der ehemalige Chef-Adjutant des Reichsführers SS Heinrich Himmler eine Studie über seinen unmittelbaren Vorgesetzten, die 1961 in einer Illustrierten veröffentlicht wurde. Diese Sucht nach Öffentlichkeit war es aber auch, die die Münchner Staatsanwaltschaft auf ihn aufmerksam machte. Ein Jahr später wurde er verhaftet und 1964 wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300 000 Fällen vom Münchner Schwurgericht zu 15 Jahren Zuchthaus und der Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte für 10 Jahre verurteilt. Das Gericht glaubte seinen Beteuerungen, von den Vernichtungslagern nichts gewußt zu haben, nicht. Bis dahin war Wolff als das "weiße Schaf" der SS apostrophiert worden. Nachdem er 1931 der NSDAP und der SS beigetreten war, führte seine Karriere steil nach oben. 1933 wurde der Sohn aus einer Darmstädter Juristenfamilie Adjutant von Himmler, 1936 Chef dessen Persönlichen Stabes und 1939 Verbindungsmann Himmlers zum Führerhauptquartier. Vier Jahre später ging er als Höchster SS- und Polizeiführer nach Italien. Als ihm klar wurde, daß der Krieg verloren war, nahm er Anfang 1945 Kontakte zum amerikanischen Geheimdienst auf. Diese führten zur Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Italien, die wiederum das Kriegsende beschleunigte. Die Alliierten zeigten sich erkenntlich: Wolff mußte bei den Nürnberger Prozessen nicht auf die Anklagebank, sondern nur in den Zeugenstand. Später lieferten ihn die Amerikaner an die Briten aus. Die Spruchkammer Hamburg-Bergedorf verurteilte ihn 1949 zu vier Jahren Gefängnis, von denen er aber nur eine Woche absitzen mußte, da die fast vierjährige Internierungs- und Untersuchungshaft angerechnet wurde. Als Anzeigenvertreter lebte er anschließend in Köln und am Starnberger See. Nach dem Münchner Urteil verbüßte Wolff sechs Jahre der Freiheitsstrafe, bevor er wegen Haftunfähigkeit entlassen wurde. 1972 trat er mit der Enthüllung an die Öffentlichkeit, auf Befehl Hitlers habe er 1943 den damaligen Papst Pius XII. entführen sollen. Wegen der zu erwartenden Auswirkungen habe der Diktator jedoch später seinen Plan verworfen. Im vergangenen Jahr geriet der SS-Mann wieder in die Zeitungen, nachdem er zuvor mit dem "Stern"-Reporter Gerd Heidemann, dem Beschaffer der gefälschten Hitler-Tagebücher, auf den Spuren alter Nazis durch Südamerika und Europa gereist war. Karl Wolff starb nach längerer Krankheit am vorletzten Sonntag in Rosenheim.

DER SPIEGEL 30/1984
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