23.01.1984

MODETANZDer Über-Hammer

„Breakdance“, entstanden als Ausdrucksform der Farbigen-Subkultur in den USA, wird jetzt nach Deutschland importiert und vermarktet. *
Auf dem Straßenpflaster liegt ein auseinandergefalteter Pappkarton. Darauf bewegt sich ein schwarzhaariger Jugendlicher, gertenschlank. Wie ein Brummkreisel wirbelt er zum Stakkato der Funk-Rhythmen aus seinem Portable.
Die Gesetze der Schwerkraft scheinen aufgehoben: Der Junge dreht Pirouetten, mal auf dem Kopf, mal auf der Schulter; kugelt, die Beine seitwärts ausgegrätscht, im Kreis, robbt über den Boden, springt - hip-hop - wieder in die Vertikale, wird zum Slalom-Läufer mit geschlossenen Gummi-Knien. Ein zweiter Junge hüpft dazu, ein Salto bringt beide zu Boden, übereinandergestapelt werden sie zur vierbeinigen Spinne.
Über Szenen wie diese - "Breakdancing" - staunen immer häufiger Passanten auf westdeutschen Boulevards. In Münchens Fußgängerzonen oder auf Berlins Kurfürstendamm, vor Supermärkten und Kaufhäusern - wo immer Schaulustige zu erwarten sind, zeigen junge Turnschuh-Steppkes ihre exotische Pop-Gymnastik.
"Augenblicklich kommt die Breakdance-Welle gerade auf dem flachen Lande an", beobachtete Promotion- und Popmanager Hubert Feil, der in Günzburg bei Augsburg eine Konzertagentur betreibt. "Nur mit dem Travolta-Fieber", das die Jugendlichen Ende der siebziger Jahre überwältigte, sei die neue Modewelle zu vergleichen.
Break, "das wird der Über-Hammer im neuen Jahr", meldete das Teenie-Blatt "Bravo". "Der Tanz, zu dem man keine Frauen braucht" ("Bild am Sontag") ist in Städten wie Ulm und Eckernförde, aber auch in Kirchheim/Teck angekommen: "100 junge Menschen in Kirchheim üben Breakdance", meldet der Hechinger "Holiday Sport-Club" aus der schwäbischen Kleinstadt.
Nur noch von Ferne erinnert die deutsche Ausgabe der neuen Parterre-Akrobatik an die frustgeladene Subkultur in den New Yorker Armenvierteln, wo sie entstand. Nach allen Regeln des Show-Kommerz wird Breakdance mit seinen zahllosen Varianten ("Electric Boogie", "Smurf", "Robot") nun in der Bundesrepublik vermarktet.
Keine Disco, die auf sich hält, kann mehr auf Breakdance-Attraktionen verzichten. Geschulte Crews, wie Manager Feil sie vermittelt, sind "auf Monate ausgebucht". Mit ausgearbeiteten Programmen, zusätzlichen Gags und Showkostümen verdienen Breakdance-Gruppen wie "Mystic Rhythm" aus Stuttgart (zwei Jamaikaner, die aus England kommen) oder "Squash" (vier Leute aus Frankfurt) pro Auftritt zwischen 1800 und 3000 Mark. Der Preis für die Semi-Professionalität: vier bis fünf Stunden üben täglich, mindestens.
Zu den Spitzenverdienern in Deutschland zählt die Gruppe "Boobab", drei Schwarze aus Paris, die zuerst bei Modenschauen auftraten, bereits eine eigene Platte gemacht haben (Titel: "N.O. J.O.B.") und nun pro Auftritt zwischen 5000 und 6000 Mark kassieren.
Davon träumen die Kids auf dem Kurfürstendamm: In Berlin, der "absoluten Breakdance-Hochburg" (Feil), hat sich ein regelrechtes Bettel-Busineß um die neue Jugend-Bewegung entwickelt. Der Türke Josef, genannt "Mr. Jello" und "King vom Ku-damm", ertanzte sich an Wochenenden bis zu 600 Mark Tagesgage, ehe er als Jungprofi in die Discos abwanderte.
Breakdance als Werbegag in Boutiquen und bei Modeschauen: Die Vorturner der Gruppe "Dance Connection" wurden engagiert, als Levi's kürzlich in Frankfurt eine Jeans-Kollektion vorstellte (Branchendienst "text intern": "Fetzige Präsentation"). Breakdancer posieren in einer Anzeigenserie für Varta-Batterien. Einkaufszentren locken Kundschaft mit den Gruppentanzeinlagen.
Mode für Breakdancer ("weiße Handschuhe und Turnschuhe zum schwarzen Lackblouson") - "Bravo" lieferte schon die richtigen "Anzieh-Tips". Bis zum Sommer will die Jugendzeitschrift den "Breakdance-Meister '84" ermitteln, Ende Mai wird in der Dortmunder Westfalenhalle die Meister-Crew gekürt - das Ganze ein gewaltiges Verbundgeschäft mit Ariola (die eine LP dazu herausbringt) und Atlas-Film (die schon in 350 Kinos Vorwerbung laufen läßt): Mit 150 Kopien soll der Film Ende Februar an den Start gehen. 700 000 Mark stehen für die Promotion bereit, mit einer weiteren halben Million wird übers Radio für die Ariola-LP geworben.
Weil zwei Meisterschaften lukrativer sind als eine, veranstaltet Manager Feil auch noch eine, die "Deutsche Rap- und Breakdance-Meisterschaft", Auswahl in 250 Discotheken im Bundesgebiet, Endausscheidung im Juni in der Münchner Olympiahalle oder im Zirkus Krone.
Den Älteren - so über 22 - erscheint Breakdance ohnehin wie eine Zirkusnummer: Mal staksen die Akteure, weiße Handschuhe und dunkle Astronautenbrille ("gibt dem Gesicht einen leblosen Ausdruck"), mit seltsam abgehackten, elektrischen Bewegungen wie Roboter umher, mal bieten sie, im Takt, zirkusreife Akrobatik mit Kreationen, die an jeder Ecke anders heißen: Bugaloo, Poplocking, Poprocking, Webboe, Moonwalk.
Geübt wird in Gruppen und allein, in Jugendfreizeitheimen und zu Hause vor dem Spiegel, oft nach Vorbildern auf amerikanischen Videoclips. Die Berliner "Jungs aus Jungfernheide", über die das Jugendjournal "Blickpunkt" berichtete, trainieren auf dem Bolzplatz oder im U-Bahnhof.
Jungstars wie "Mr. Jello", "Mr. Peco" oder "B-Kid" traten dann in Berliner Discos wie "La Belle" oder "Candy" zu Wettbewerben auf. "Die Türken sind die besten", meint bewundernd einer der jugendlichen Break-Tänzer.
Schon haben sich auch Sportstudios und der Allgemeine Deutsche Tanzlehrerverband der Sache angenommen. Aber die wirbelnden Bodenübungen - "Newsweek" nannte es eine "Mischung aus Gymnastik, Karate und Purzelbaum" - sind "für Normalmenschen zu schwierig", meint Wolfgang Schuchard vom Sportstudio Hechingen. Viel Körpergefühl und "eine angeborene Kenntnis der elementaren Physik" sind nötig; "stützt das Handgelenk des Tänzers nicht genau im richtigen Punkt den Körper, bricht alles zusammen zu einem hilflosen Knäuel von Armen und Beinen", fand ein Reporter der "New York Times" heraus.
Leichter zu lernen sind Varianten, die näher bei der klassischen Pantomime liegen, die Robot-Figuren des Electric Boogie etwa: ruckartig, maschinenhaft. Das ist, beschreibt einer der Akteure, "ein unheimlicher Effekt, man kann nicht erkennen, ob du 'n Mensch oder 'ne Maschine bist. Du wirst programmiert wie Raketen".
In Städten wie Ulm und Stuttgart sind es vielfach US-Soldaten, hauptsächlich Schwarze, die sich mit Breakdance einen Nebenverdienst (100 bis 500 Mark am Abend) verschaffen. Auch in Berlin sind es meist ausländische Jugendliche, die mit Breakdance reüssieren: Sport und Show-Biz boten von jeher die Chance zum Aufstieg aus den untersten Sozialetagen.
"Alles, was von den Negern kommt, turnt uns an", sagt ein Berliner Tänzer (Schule abgebrochen, keine Lehrstelle, Vater arbeitslos): Auch in Deutschland waren jugendliche Underdogs die Pioniere der neuen Körper-Kultur, die eben erst nach Europa herüberschwappte und nun schon kommerzialisiert wird.
Entstanden ist die "Hip-Hop"-Subkultur, bestehend aus Breakdance, "Rap" (dem schnellzüngigen Sprechgesang) und wilden Graffiti, unter 12-bis 20jährigen
Schwarzen und Hispanos, kreiert in einer Mischung aus Selbstbehauptungswillen, Status- und Konkurrenzkampf: ein farbiges Muster städtischer Straßenkultur, gewoben aus Black Pride und schierer Macho-Lust.
Seit den Zeiten des legendären "Kool Herc", der Anfang der 70er Jahre in der New Yorker Elendsgegend Bronx seine Verstärkeranlage an die Stromzuführung von Straßenlaternen klemmte und als mobiler Discjockey die Menge um sich versammelte, wurde diese Art von Friedens-Bewegung in den New Yorker Slums immer weiter ausgefeilt.
Daß Musik und Tanz Aggressionen mindern können, wo sonst Gang-Fights üblich waren, bewiesen die B-Boys, wie die Breakdancers genannt wurden. Konflikte wurden gewaltfrei bereinigt; der Tanzwettkampf - adaptiert von einem afroamerikanischen Vorläufer, dem "Break-down" - verband Herausforderung, Angeberei, Stolzieren und zeitrafferschnelle Fußarbeit zu einem zuweilen atemraubenden und dennoch friedlichen Ritual: Dem Gegner wurde mimisch und verbal der Hals gebrochen, physisch blieb er unverletzt.
Daß sich im New Yorker Getto etwas Neues anbahnte, blieb den weißen Trendsuchern nicht lange verborgen. Die romantische Sehnsucht nach dem schwarzen Bruder, der das Ursprüngliche und Authentische verkörpert, fand endlich wieder Erfüllung: In der Hip-Hop-Szene konnte Weiß auf Schwarz stoßen, ohne daß es zu rassistischen Reibereien kam. Denn die Regeln dabei sind, zumindest vor Ort, klar: Die Schwarzen sind die bewunderten Akteure, die Weißen staunende Zuschauer.
Angespornt durch solche Bewunderer und in der Hoffnung auf leichtverdiente Dollars tauchten um 1980 die ersten Hip Hoppers, darunter der inzwischen berühmte "Crazy Legs" mit seiner "Rock Steady Crew", in den Nachtklubs von Manhattan auf. Aus der spontanen Subkultur wurde die Schaustellerei für Geld, aus dem Stammesritus unter der Straßenlaterne die Touristenattraktion. Auch Graffiti-Künstler, die längst die U-Bahn-Wagen mit der Leinwand vertauscht hatten, gewannen internationalen Ruhm in Museen und Galerien.
Trotzdem: Es geht noch immer mächtig los, wenn Freitag- und Sonnabendnacht die "Bridge and tunnel crowd" hereinkommt, die Jugendlichen aus den New Yorker Vororten, die über Brücken und Tunnel nach Manhattan in die Discos strömen, in denen bis morgens um die Wette gebreakt wird: im "Fun House", wo Jellybean als Discjockey tätig ist und rivalisierende Break-Crews wie in der "West Side Story" gegeneinander antreten; oder im "Roxy", dem überfüllten "Pantheon des Hip-Hop" ("New York Times"), wo ein 19jähriger namens Frosty Freeze mit starrem Gesicht die musikalische Scharade vom "spazierenden Atomhund" abzieht. Mr. Freeze war Mitglied der erfolgreichen Breakdance-Gruppe "Rock Steady Crew".
Mit großem kommerziellen Schwung und "wahnsinnig guter Resonanz" (Konzertmanager Feil) wird Hip-Hop nun nach Deutschland importiert. Norman Scott, "der süße kleine Breaker aus dem Erfolgsfilm 'Flashdance'" (Anzeigentext im "Schwäbischen Tagblatt"), wurde vom "Holiday Sport-Club" nach Hechingen herübergeholt, komplette Breakdance-Crews aus den USA sollen folgen.
Im deutschen Fernsehen, bei Fuchsberger und Gottschalk, wurde das Kuriosum aus den Schwarzen-Gettos schon bestaunt. Auch ihre filmischen Chronisten hat die neue Blüte der Subkultur gefunden: Die glatte Schnulzen-Version "Flashdance" lief, der in der Bronx abphotographierte Rap- und Breakdance-Renner "Wild Style" läuft in gut besuchten Kinos. Im Münchner "Eldorado" gibt es "Wild Style", den schon mehr als 30 000 Westdeutsche gesehen haben, seit Anfang November täglich. Und fast jeden Tag tanzen welche vor dem Kino.
"Das wird auch Zeit", sagt Phade, Manager eines Bronx-Nachtklubs, in dem Film "Wild Style", "daß für diesen ganzen Shit mal ein bißchen Reklame gemacht wird." Bei den deutschen Kids ist es kaum noch nötig.

DER SPIEGEL 4/1984
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