27.02.1984

„Ich wurde zu Tode photographiert“

Nicht vor dem Tode müsse man Angst haben, sondern vor dem Leben, manche ihrer Filme findet sie „Kitsch und Dreck": In einem Dokumentarfilm erzählt Marlene Dietrich, 82, aus ihrem Leben (Auszüge Seite 169); zwei neue Bücher feiern und erforschen den Mythos und die Legende Marlene. *
In Stummfilmen hatte sie ihre ersten Rollen, ehe sie die singende fesche Lola im "Blauen Engel" wurde, die Amy Jolly in "Marokko", die Spionin in "Dishonored", die Shanghai-Lily, Katharina die Große, das Western-Girl im "Großen Bluff", die "Zeugin der Anklage".
Nun kommt ein Film, in dem das Kino kopfsteht - ein Tonfilm mit Marlene Dietrich, 82, ohne ein einziges Bild der Marlene Dietrich, 82. Eine Stimme hinter dem Vorhang raunt, schmollt, nölt, schnappt - Marlene, Legende und Mythos, erzählt ihr Leben, und auf der Leinwand erscheinen Bilder aus ihrem Leben und ihren Filmen.
Sie spricht über Gott ("meschugge") und Heimat ("Quatsch"), über den "Blauen Engel" ("Der kommt einem doch zum Halse heraus") und Frauen-Emanzipation ("Penis-Neid"), über die Regisseure Fritz Lang ("Scheusal"), Orson Welles ("Genie") und ihre eigene Karriere ("Hab'' ich nie ernst genommen"). Und sie sagt auch, warum sie nicht mehr vor die Kamera will: "Ich bin zu Tode photographiert worden."
"Selbst wenn sie nichts als ihre Stimme hätte", schrieb einst ihr Freund Hemingway, "könnte sie damit Herzen brechen." Der Zauber wirkt noch heute, auch wenn es ein "Gespräch der Verweigerung" war: "Marlene wußte nie, was ich wollte", sagt der Gesprächs-Partner und Regisseur Maximilian Schell, "ich wußte es auch nicht. Aus diesem Chaos entstand der Film."
"Marlene", letzten Freitag bei den Berliner Filmfestspielen uraufgeführt, von dieser Woche an in den Kinos, ist ein Dokumentarfilm eigener Art. Wegen seiner Marlene-ohne-Marlene-Magie rückt ihn Schell in die Nähe eines Samuel-Beckett-Films ("Film"); er rührt auch an die Stimmung von Becketts "Glücklichen Tagen" und dem "Letzten Band".
Der Weg zu "Marlene" und in die Pariser Wohnung (Avenue Montaigne 12) der Entrückten war beschwerlich. Vor vier Jahren schon hatte der Münchner Produzent Karel Dirka (Oko-Film) die Schlingen ausgelegt und Marlene mit bedeutenden Interview-Partnern (Orson Welles, Bogdanovich) geködert.
"Es hat in Deutschland nur zwei Superstars gegeben", sagt Dirka: "Marlene Dietrich und Adolf Hitler." Maximilian Schell, der im "Urteil von Nürnberg" (1961) neben Marlene eine Rolle spielte (und dafür einen "Oscar" bekam), zog schließlich das Wohlwollen der heiklen Künstlerin auf sich.
Geschnürt in ein umfangreiches Vertragskorsett, das auch ein Filmen der Marlene-Wohnung nicht zuließ, saß Schell eine Woche lang, täglich zwei Stunden, der Diva zu Füßen, ein Mikrophon zwischen ihnen; die Ton-Crew verdrückte sich in ein Nebenzimmer.
Marlene erwartete ein Interview, Schell ("Ich bin kein Dokumentarist") wollte ein Gespräch. Genervt brach er einmal eine Sitzung ab, am nächsten Tag erschien er mit Blumen, und Marlene las ihm die Leviten: "Sie sind wie eine Primadonna abmarschiert; Sie sollten zu Mama Schell zurückgehen und Manieren lernen."
"Sie hat Freude an Zweikämpfen", fand Schell. "Hellwach" war sie, "praktisch, sehr scharf" und "sehr schön, gar nicht maskenhaft", auch wenn sie ständig eine dunkle Brille trug. Schell begriff, "daß Legenden nicht umsonst entstehen".
Und sie hält sich auf dem laufenden, liest Böll, Günter Grass, Handke, jede Menge Zeitungen. Auch die Berliner Kodderschnauze ist noch voll intakt. Als sie dem Regisseur Schell mal wieder verklärt, wie der Dokumentarfilm zu machen sei, und er sie zweifelnd fragt, ob sie das "aufregend" finde, repliziert sie: "Mein Vertrag sieht mich nicht als aufregend vor."
Sie bestritt energisch, obgleich in ihrer Wohnung ein Fernseher steht, jemals ihre alten Filme anzuschauen. Als Schell ihr, nach heftigem Widerstand, auf einem Videogerät Marlene-Oldies vorführte und ihr so Kommentare entlockte, stellte er fest: "Sie kennt jedes Bild."
Aus dem Zwölf-Stunden-Band einen Anderthalb-Stunden-Film zu schneidern stellte Schell vor Probleme, denn er wollte den Text nicht nur mit bekannten Marlene-Schnipseln überkleben. Sein Trick: Er ließ um den Schneidetisch die _((c) der Bilder by Schirmer/Mosel München ) _(und Kobal Collection, 1984. )
Dietrich-Wohnung ("sehr hell, sehr gemütlich") nachbauen und so Original-Ambiente ins Bild fließen; Schell-Freund Dürrenmatt saß beratend bei.
Sie sei "zu Tode photographiert worden", hatte Marlene geklagt - ja: Und damit bleibt sie ewig lebendig.
In zwei Büchern mit rund 750 Photos tritt der Mythos jetzt vors Auge, als Objekt der Ästhetik wie als Figur der Zeitgeschichte. Im Schirmer/Mosel Verlag erscheint (Ende März) die Glamour-Dietrich, die kühle Sphinx: "Marlene Dietrich. Portraits 1930-1960". _("Marlene Dietrich. Portraits 1930-1960". ) _(Mit einem Einführungstext von Klaus ) _(Jürgen Sembach. Schirmer/Mosel Verlag; ) _(224 Seiten, 116 Tafeln; 78 Mark. )
Meister ihres Fachs - Erich Salomon, Cecil Beaton, Richard Avedon, Lord Snowdon et cetera - haben da am Rätsel Weib genestelt.
Als Lizenzausgabe des Ost-Berliner Henschel-Verlages bringt die Nymphenburger Verlagshandlung, München, eine hervorragende, materialreiche, lückenschließende Dietrich-Dokumentation: "Marlene Dietrich. Eine Chronik ihres Lebens in Bildern und Dokumenten" _("Marlene Dietrich. Eine Chronik ihres ) _(Lebens in Bildern und Dokumenten". Von ) _(Renate Seydel, gestaltet von Bernd ) _(Meier. Nymphenburger Verlagshandlung; ) _(304 Seiten; 68 Mark. )
- Resultat einer fast zweijährigen Forschungsarbeit der Henschel-Lektorin Renate Seydel.
Sie erschließt vor allem Marlene Dietrichs Atlantis, die Zeit vor dem "Blauen Engel" (1930), vor der Weltkarriere mit dem Regisseur Josef von Sternberg. In ihrer leicht rosaroten Autobiographie ("Nehmt nur mein Leben ...", 1979) hatte Marlene die frühen Künstlerjahre unter den Tisch gekehrt: "Sie sind nicht wichtig", schrieb sie; auf den Theaterprogrammen sei ihr Name so klein gewesen, "daß man ein Vergrößerungsglas brauchte, um ihn zu entziffern".
Das, so recherchierte Renate Seydel, stimmt keinesfalls. Auf Film- und Theaterplakaten, auf Revue-Zetteln der 20er Jahre war "Marlene Dietrich" gut zu lesen - als Partnerin von Fritz Kortner ("Die Frau, nach der man sich sehnt"), Hans Albers ("Prinzessin Olala") und Harry Liedtke ("Ich küsse Ihre Hand, Madame").
Und für die Berliner Kritik war auch die Vor-Lola schon ein Star, ein "Garbo-Ereignis", ein "Kopf, an dem der Künstler unendliche Ausdeutungsmöglichkeiten findet"; eine "ganze Generation leerlaufender Verführungsdamen" könne durch diese Schauspielerin "entthront werden, wenn sie in die Hände kluger, unängstlicher Regisseure kommt".
Die "Beredsamkeit ihrer Beine" fiel früh auf, ihre "schöne, triebhafte Weibsjugend". In dem "schweren, langsamen Aufgehen der Lider und ihrem Halbgeschlossenbleiben", in der
"lässigen, verspielten Trägheit" schienen sich "Unschuld und Laster andächtig zu vereinen". Der Kritiker-Kardinal Alfred Kerr schätzte Marlene schon im Jahre 1924 - "um ihres Fleisches willen".
An ihr Geburtshaus kann (und will) sich Marlene im Schell-Film nicht entsinnen; Renate Seydel fand es im Berliner Adreßbuch des Jahres 1901 (heute Leberstraße 65, Berlin-Schöneberg). Auch die verschollene Geburtsurkunde (27. Dezember 1901) kam zu Tage und manches unbekannte Photo aus früher Zeit - so Marlene 1922 als kurzhemdiges Werbe-Girl für Schallplatten und Henkeltaschen.
Widersprüchlich bleibt der Mythos. Im Schell-Film erzählt sie, sie sei ein Einzelkind gewesen - in Wahrheit hatte sie eine Schwester. Und eben sei sie von einer Japan-Reise zurückgekehrt: "Ich reise ja meistens, ich bin ja meistens in Koffern." Sie war seit Jahren nicht mehr unterwegs.
Schell nimmt die Selbstverklärungen der alten Dame mit Nachsicht und mit einem Wort aus Hebbels "Gyges und sein Ring": "Rühr nicht an den Schlaf der Welt."
(c) der Bilder by Schirmer/Mosel München und Kobal Collection, 1984. "Marlene Dietrich. Portraits 1930-1960". Mit einem Einführungstext von Klaus Jürgen Sembach. Schirmer/Mosel Verlag; 224 Seiten, 116 Tafeln; 78 Mark. "Marlene Dietrich. Eine Chronik ihres Lebens in Bildern und Dokumenten". Von Renate Seydel, gestaltet von Bernd Meier. Nymphenburger Verlagshandlung; 304 Seiten; 68 Mark.

DER SPIEGEL 9/1984
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