27.02.1984

FILMNiemandsland Amerika

„Klassenverhältnisse“. Spielfilm von Daniele Huillet und Jean-Marie Straub. Deutschland/Frankreich 1984; 126 Minuten; schwarzweiß. *
Zoo-Palast Berlin, 17.10 Uhr. Eben ist ein spanischer Kurzfilm über die Entstehung einer abstrakten Plastik zu Ende gegangen, und jemand hat, noch ins Dunkle hinein, "Scheiße" gerufen, da beginnt auch schon - Licht an, Ansage in drei Sprachen, Licht aus - Jean-Marie Straubs Film "Klassenverhältnisse" nach Kafkas Roman "Der Verschollene".
Der Film dauert etwas über zwei Stunden. Rechts neben mir vergräbt eine blonde Frau immer wieder ihren Kopf in die Vorderlehne. Zwei Plätze links von mir schnorchelt ein bekannter Berliner Filmkritiker eine halbe Stunde lang gegen Straub an und verläßt dann das Kino. Bis ins letzte Drittel hinein gehen alle paar Minuten zwei, drei, vier Leute. Links und rechts fällt Licht durch die Schwingtüren in den dunklen Zuschauerraum.
Angesichts der gleichförmigen Unerbittlichkeit des Straub-Films verwundern einen eigentlich nur die so spät Gehenden. Haben sie noch nach über einer Stunde auf eine Wende in ihrem Sinne gehofft?
Die gehen, gehen leise. "Scheiße", wie nach dem spanischen Werkstattfilm, wird auch nachher keiner rufen. Man geht wie aus dem Gottesdienst einer fremden Religion. Soviel ist sicher, um die Konfession des Kommerzkinos kann es sich dabei nicht handeln.
Leute, die den Straub-Film gesehen haben, sagen nachher, daß sie "seit den Brüdern Taviani" (seit Murnau, seit Bresson, seit Godard, seit Eisenstein) so was Einmaliges noch nicht gesehen hätten. Andere sagen jetzt, wo es sich nicht mehr um eine öffentliche Kundgebung handelt, vor allem "Scheiße".
Die den Straub-Film mögen, sind die wenigen. Sie sind darüber nicht traurig, daß sie wenige sind, eher froh. Man will ja nicht, daß gleich alle sehen können. Und hören noch dazu. Was Jünger anlangt, so mußte anfangs selbst Jesus mit einem Dutzend vorliebnehmen.
Wer Augen hat, der sehe, wer Ohren hat, der höre: Es sind übrigens eher die Ohren, die Straub-Gläubige diesmal von Straub-Verächtern unterscheiden. Weil beim - Sprechen in seinem neuen - Film so seltsame Pausen - gemacht - werden, und zwar die - ganze Zeit von - Anfang -
bis Ende. Das verstört - manche Leute oder soll - ich besser - sagen die - meisten?
Straub betreibt im Kino das Schwerste, was es gibt, die Quadratur des Kreises. Er will vermitteln, daß es mit Filmen nichts mehr zu vermitteln gibt. Als Kafka-Figur wäre Straub ein Hungerkünstler, der sich nicht satt hungern kann. Mit Kafkas frühestem Roman, dem "Verschollenen" (Brod nannte das Fragment noch "Amerika"), hat Straub einen geradezu idealen Vorwurf gefunden.
Denn obwohl Straub so tut, als handele "Der Verschollene" von "Klassenverhältnissen" (wovon er auch handelt), ist Kafkas Buch von dem anrührend zarten und erstaunlich unzerstörbaren Karl Roßmann, den seine Eltern nach Amerika schicken, ein Roman von den fehlschlagenden Vermittlungen und den falschen Vermittlern.
Gleich am Anfang, das Schiff hat noch nicht die Freiheitsstatue passiert, sucht Karl zwischen dem Heizer, der ungerecht behandelt wurde, und dem Kapitän zu vermitteln. Natürlich geht das schief, aber er gerät an seinen reichen Onkel. Ein Märchen. Bei seinem reichen Onkel erwarten ihn bösartige Leute, die alle Vermittlungsversuche hintertreiben, nachdem Karl, ohne es zu wissen, ungehorsam wurde. Es beginnt sein Irrweg durch Amerika, mit falschen Freunden und ohnmächtigen Helfern.
Es gibt da wunderbare Stufungen des Nicht-Vermittelns. Ein Ehemann, von seiner Frau, einer "herrlichen Sängerin" namens Brunelda, verstoßen, versucht sich durch einen arbeitslosen Iren namens Robinson wenigstens Nachrichten von seiner Frau zu erkaufen, gut Wetter zu erbetteln. Robinson selbst aber wird von seinem Kumpel und der Sängerin stets wie ein Hund aus dem Wohnzimmer getrieben.
Wohin man sich in Kafkas Roman auch nach Hilfe und Vermittlung wendet, man hat den untauglichsten und doch einzig möglichen Weg gewählt.
In Straubs Film ist die herrliche Sängerin eine abgewrackte Vettel, ein wunderbares, auf ein schäbiges Sofa hingegossenes Mahnmal besserer Tage. Das ist schön und richtig, obwohl man beim Lesen beim Namen Brunelda eher an Wagner und ähnliches gedacht haben mag.
Bei Straub ist ein Hotel eine kleine, eher düstere Absteige, ein vergammeltes deutsches 50er-Jahre-Hotel garni, in dem noch die abgestandene Luft von damals zu lasten scheint. Das ist schön und schlüssig, obwohl Kafka sich beim Schreiben eine ins Gigantische verzerrte Hotelfabrik ausgemalt hat.
Kafka kann man nur finden, indem man ihn (scheinbar) nicht sucht; Kafka kann man nur treffen, indem man ihn (scheinbar) verfehlt.
Das Amerika des Romans ist alles andere als Amerika. Das Amerika des Films ist, mal von der Freiheitsstatue am Anfang abgesehen, durchweg Hamburg. Die Elbbrücken, eine Klinkersiedlung in Eimsbüttel, der Hafen. Noch die Bilder an den Wänden, noch die Nummern an den Hotelzimmern (aufgeklebte Metallfolie), noch die Kneipen sind so deutsch - deutscher geht's nicht.
Kafkas Amerika war der Traum eines Autors, der nie in Amerika war, der nie Amerika beschreiben wollte, sondern nur die größtmögliche Fremde. Straubs Film beschreibt ein befremdliches Deutschland, dessen Uhren irgendwann, kurz nach der Währungsreform wahrscheinlich, stehengeblieben sind. Es ist ein Traumland, eine Alptraumwelt, der Wirklichkeit ebenso nahe und entrückt wie Kafkas Roman.
In dieser Welt herrscht ein Klima von Bedrohlichkeit und Unschuld zugleich. Der Film wirkt keusch und unwirklich, ohne Obszönität und Wirklichkeit abzuleugnen. Kino ist bei Straub keine Traumfabrik und kein Horrorkabinett, Kino ist das ganz andere, das doch insistent auf eine als böse gedachte Wirklichkeit verweist. Ich kann die Straub-Fans schon verstehen: Wenn man sich dazu entschließt, kann ein solches Kino süchtig machen. Und das Sitzleder wächst vielleicht mit der Zeit.
Im üblichen Kino wird es einem immer dann besonders leichtgemacht, wenn es die Kinofiguren besonders schwerhaben. Tränen sind die beste Waffe, weil man dann nicht mehr so genau sehen kann. Bei den Berliner Filmfestspielen wappnete sich ein Teil des Straub-Publikums, da der Film zu Tränen nicht verlockte, mit Schlaf. Auch wer schläft, sieht nichts.
Wer nicht schlief, hätte zumindest etwas Seltsames sehen können: einen Jungen (gespielt und gesprochen von dem ungemein linkischen Christian Heinisch), dem dauernd Arges widerfährt, weil er ohne Arg ist. Dem aber eigentlich das immer Ärgere immer weniger anhaben kann. Bildlich und buchstäblich wird ihm kein Haar gekrümmt, er ist am Ende, total ramponiert, noch so sauber gekämmt wie am Anfang.
Kafkas Buch handelt davon, daß es wie ein Wunder ist, wenn man überhaupt überlebt, und davon, daß man dieses Wunder eigentlich nicht erwünschen soll. In Kafkas Buch wie in Straubs Film ist es die größte Angst, wenn man arbeitslos ist. Im Niemandsland Amerika herrschen bei Straub und bei Kafka also doch unsere Klassenverhältnisse.
Hellmuth Karasek
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 9/1984
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