03.09.1984

AFFÄRENWho's who in Wien

Thomas Bernhard hat eine „Erregung“ geschrieben und eine Erregung erzeugt: Im Buch „Holzfällen“ erkennen sich Wiener Halbberühmtheiten, unschön porträtiert, wieder. *
Wien, wie anders?, heißt die Stadt, über die Thomas Bernhard in seiner neuen Erzählung "Holzfällen" mit Abscheu und Entsetzen herfällt. Den Ich-Erzähler, der unverkennbare Züge des Autors trägt, versetzt die Stadt in "eine Erregung" (so der Untertitel), besonders die Wiener Kulturgesellschaft hat's ihm angetan: "Künstlerisches Stadtgesindel" nennt er die Leute, das Burgtheater schimpft er eine "Dichtervernichtungs- und Schreianstalt".
Pikanterweise wird der Bernhard-Regisseur Peymann, designierter Burgtheaterdirektor, höhnisch als der Mann beschrieben, den die Wiener Zeitungen als dieses "Genie aus Deutschland" feierten. Das Burgtheater würde ihn schon kleinkriegen. Außerdem sei er nur aus politischen Gründen bestellt worden.
Genüßlich druckte die "FAZ" letzte Woche die Passage über das Burgtheater und seinen neuen Direktor, in Wien verteidigte die "Presse" in einer ersten Rezension das Buch unter der Überschrift "Eine Erregung - für Wien?" und meinte: "Es wäre freilich schade, wenn Sensationsgier, Häme oder Mitleid mit den Betroffenen, wenn die Attacken gegen Kunstbetrieb, Burgtheater, Wien von der tieferen Botschaft des Werkes ablenken würden."
Die Botschaft sei in den betroffenen Bernhard-Sätzen zu finden: "... diese Menschen, die ich immer gehaßt habe ... doch die besten Menschen sind, daß ich sie hasse, aber daß sie rührend sind, daß ich Wien hasse und daß es doch rührend ist, daß ich diese Menschen verfluche und doch lieben muß ..."
So hätte es mit der Aufregung nach Erscheinen des Buchs in Österreich - die deutsche Ausgabe folgt Montag dieser Woche - sein Bewenden haben können: Der in ländlicher oberösterreichischer Zurückgezogenheit lebende Bernhard hätte seine Landsleute wieder einmal wirksam vor den Kopf gestoßen, sein Gesamtgemälde österreichischer Gemeinheit wäre um eine neue Nuance reicher.
Da aber trat einer der so Haßgeliebten aus dem erzählerischen Dunkel, erwies sich als lebende Person und erwirkte gegen "Holzfällen" vor einem Wiener Gericht eine Beschlagnahme. Er berief sich auf den Paragraphen, in dem üble Nachrede, Verspottung und Verleumdung untersagt wird. Polizisten räumten das Buch mit wenig Erfolg (die meisten der 2400 Exemplare waren schon verkauft) aus Buchhandlungen. Der österreichische
Auslieferer Mohr hatte sein Lager geräumt, der deutsche Bernhard-Verleger Unseld eilte nach Wien, um den Schaden zu mildern - denn (noch) können Österreicher das Buch beim deutschen Barsortiment ordern.
"Holzfällen" ist die Geschichte eines "künstlerischen Abendessens", zu dem der Ich-Erzähler geladen ist. Auf dem Wiener Graben hatte ihn das Ehepaar Auersberger überfallartig zur Soiree gebeten. Da er gerade vom Selbstmord einer Freundin erfahren hatte, war er zu schwach und hilflos, um die Einladung abzulehnen - obwohl er von dem Ehepaar Auersberger zwanzig Jahre nichts mehr habe wissen wollen, ihm die beiden "allein bei Nennung ihres Namens durch Dritte Übelkeit verursacht" hätten.
Nun also sitzt er im Ohrensessel auf der Auersberger-Party, trinkt Champagner, beobachtet die Gäste und wartet bis nach Mitternacht auf das Eintreffen eines Burgschauspielers, dem zu Ehren das Essen veranstaltet wird.
Das Ehepaar Auersberger und seine Gäste, Teile einer in die Jahre gekommenen, verknitterten Wiener Kultur-Clique, werden mit eindeutigem Widerwillen porträtiert. Der Mann, ein epigonaler Komponist, spöttisch nur als der "Webern-Nachfolger" bezeichnet, ist "seit dreißig Jahren nur noch betrunken", die Frau, einst eine talentierte Sängerin, spricht jetzt mit einer Stimme, die "alt und brüchig", "vulgär und widerwärtig" ist und auch noch einen "hysterischen Unterton" hat.
Früher, so der Erzähler, sei er mit den Auersbergerischen befreundet gewesen, jetzt findet er sie nur noch zum Kotzen.
Das Ehepaar, das den Auersbergern Modell gestanden haben muß, erkannte sich unschwer wieder, der Tonsetzer eilte zum Wiener Gericht und bewirkte die Beschlagnahme. Natürlich erreichte er so, daß aus dem Wiener Tratsch hinter vorgehaltener Hand eine öffentliche Erkennungsszene im grellen Scheinwerferlicht wurde. Der unbekannte Umbenannte steht auf einmal begossen mit seinem Namen da.
Also durften jetzt alle in Auersberger den österreichischen Komponisten Gerhard Lampersberg, 56, erkennen und in seiner Frau die ehemalige Sängerin Maja Weis-Ostborn. Die künstlerischen Treffen, die in Wirklichkeit in "Maria Saal" in Kärnten stattfinden, sind bei Bernhard nach "Maria Zaal" verlegt - große Mühe auf die Verschlüsselung hat der Erzähler offenbar nicht verwandt.
Die Jugendfreundschaft? 1967 beispielsweise spielte die Deutsche Oper Berlin in einer Werkstatt-Aufführung "Desperato", einen minutenkurzen musikalischen Sketch von Lampersberg nach einem Text von Bernhard. 1960 gab es schon eine gemeinsame Oper: "Köpfe". Aus der künstlerischen Zusammenarbeit von einst ist die künstlerische Verwurstung von jetzt geworden.
Seit der Beschlagnahme des Auersberger-Porträts durch Lampersberg machen sich Wiener eine Freude daraus, die (insgesamt hämisch) porträtierten Gäste des "künstlerischen Abendessens" zu enttarnen. Who's who?
Bernhard, wie gesagt, macht das leicht. Ein "Tapisseriekünstler", der seiner Frau mit deren Freundin nach Mexiko ausgebüxt ist? Wer anders als Fritz Riedl böte sich da an, der Tapisserien fertigte und nach Mexiko ging. Die "Virginia Woolf von Wien" eine allzu geschäftige Kulturnudel und ehemalige Zeitschriftenherausgeberin? Im Buch heißt die "skrupellose Sozialheuchlerin", die "Kleinbürgerkitsch" schreibt, Jeannie Billroth und tritt im schwarzen selbstgestrickten Wollkleid auf. Auch ihr Vorbild heißt mit Vornamen Jeannie. Ob es sie freut, in der "Einbildung zu existieren, die größte Schriftstellerin, ja Dichterin Österreichs" zu sein?
Ob das Gebettel um Kultur-Pensionen und Professoren-Titel verspottet wird, ob Presse-Usancen dem Hohn anheimfallen - "Holzfällen" wird weiter Wiener Staub aufwirbeln.
Der mit wachsender Bewunderung porträtierte Burgschauspieler, dessen Suada das Abendessen wie das Buch künstlerisch rettet, allerdings ist eine Kunstfigur. Für Größe gibt es, so scheint es, in Bernhards Augen keine Vorbilder in der realen Wiener Welt.

DER SPIEGEL 36/1984
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