30.01.1984

Wörner - „der Lächerlichkeit preisgegeben“

Mit seinen Privat-Recherchen im Homo-Milieu hat Bundesverteidigungsminister Manfred Wörner für einen neuen Höhepunkt auf der Bonner Skandal-Bühne gesorgt. Kanzler Helmut Kohl war durch seinen Staatssekretär Waldemar Schreckenberger über alle Schritte Wörners informiert; aber - er stoppte ihn nicht. _____“ Ist denn nicht deine Herrschaft auch so weise, daß du „ _____“ dein Land getrost verlassen kannst? Nicht jeder Herrscher „ _____“ wagt sich auf die Reise ins alte Kanaan. Du aber fandst „ _____“ Du seist zu Hause momentan entbehrlich; Der Augenblick „ _____“ ist völlig ungefährlich; Und wer sein Land so klug wie du „ _____“ regiert, weiß immer schon im voraus, was passiert. „ _____“ Frank Wedekind im „Simplizissimus“ 1898 zum Besuch „ _____“ von Wilhelm II. in Jerusalem.“ *
Ein Bundesminister der Verteidigung kann sich nicht in eine Rolle begeben, wo er etwa die Qualität von Ermittlungen nachvollzieht oder gar selber Ermittlungen anstellt. Sonst kann er seine Amtstätigkeit mit sofortiger Wirkung einstellen." So sprach, am Mittwoch vorletzter Woche, Manfred Wörner im Verteidigungsausschuß des Bundestages.
Die Einsicht währte nur kurz. Schon am Tag nach der Ausschußsitzung empfing der Minister auf der Hardthöhe die Herren Udo J. Erlenhardt und Gerhard August - zwei der vier obskuren Zeugen aus dem Kölner Schwulen-Milieu, die Wörner gegen den entlassenen Vier-Sterne-General Günter Kießling aufbietet. Zur abendlichen Anhörung war auch Staatssekretär Waldemar Schreckenberger herbeigeeilt, der Chef des Bundeskanzleramtes.
Am folgenden Morgen gab Wörner dem Schweizer Homosexuellen-Schriftsteller Alexander Ziegler im Ministerium die Ehre. Auf seine Bitte wieder mit von der Partie, wenngleich nur für 20 Minuten: Kanzler Kohls Schreckenberger.
Eine Entdeckung seiner privaten Ermittlungen fürchtete der Minister nicht, für beide Gespräche war strikte Diskretion vereinbart. Dem Schweizer hatte er sogar per Unterschrift zugesichert, daß
die Hardthöhe dessen Anonymität wahren werde, solange er es wünsche.
Doch am Dienstag letzter Woche lüftete Ziegler selber das Geheimnis, das Wörner so gern gehütet hätte. Das Schweizer Boulevard-Blatt "Blick" veröffentlichte, was der Schriftsteller dem deutschen Minister präsentiert hatte: die Abschrift eines Tonband-Interviews, das Ziegler 1979 mit einem Düsseldorfer Strichjungen namens Achim Müller über dessen intime Beziehungen zu General Kießling geführt haben will.
Ausführlich schilderte Wörners Gast in einem Interview zudem seinen Auftritt in Bonn. Schlagzeile: "Alexander Ziegler sagt, warum er Minister Wörner retten will."
Das Echo auf die Enthüllung war verheerend. Fassungslos fragten sich Wörners Parteifreunde, wie sich der Minister auf ein solches Schmierenstück hatte einlassen können. "Die Politiker ''der moralischen Wende'' auf der Suche nach Strichjungen", höhnte aus der Schweiz die angesehene "Weltwoche" (siehe Kasten Seite 24).
Wörners Blamage war komplett, sein Abgang schien bestenfalls eine Frage von Tagen zu sein. Denn mit der Ziegler-Aktion hatte der forsche Starfighter-Pilot nicht nur die mit Kohl abgesprochene Linie verlassen, Kießling sei und
bleibe - wie im Dezember beschlossen - ein Sicherheitsrisiko; Wörner hatte sich auch, so ein Staatssekretär, "der Lächerlichkeit preisgegeben, und das ist tödlich in Bonn".
Nach allem, was der feine Zeuge Ziegler letzte Woche sonst noch erzählte, blieb den Hardthöhen-Strategen nur das kleinlaute Eingeständnis des Versagens. Wörners Adjutant Klaus Reinhardt: "Wir sind voll geleimt worden."
Die Ticker-Meldung über die "Blick"-Enthüllung bekamen Staatsminister Philipp Jenninger und Ministerialdirektor Eduard Ackermann im Kanzleramt am Dienstagmittag vorgelegt - da war der Kanzler gerade in Richtung Israel entschwunden. Helmut Kohl hatte die beiden Stallwächter ahnungslos zurückgelassen, obwohl er von "Schrecki" über die Homo-Treffs auf der Hardthöhe pflichtgemäß in Kenntnis gesetzt worden war.
Der Kanzler und sein Amtschef hatten vereinbart, daß niemand von Wörners Schwulen-Kontakten erfahren sollte, weder in der Regierungszentrale noch außerhalb. So wurde der Skandal Wörner zum Fall Kohl.
Begonnen hatte Kohls Verstrickung in die Affäre Wörner am Mittwoch und Donnerstag vorletzter Woche. Da hatte Schreckenberger selbstversunken und versonnen Stunde um Stunde in der für die Geheimdienstaufsicht zuständigen Parlamentarischen Kontrollkommission des Deutschen Bundestags gesessen, hatte die unergiebige Vorführung der Rechercheure des Militärischen Abschirmdienstes miterlebt und war daher sehr gerne auf einen Vorschlag des Kölner Kripochefs Manfred Gundlach eingegangen: Da die Vernehmung der MAD-Leute nichts Rechtes gebracht habe, solle sich Schreckenberger zwei Zeugen aus der Kölner Szene doch einmal selber anhören.
"Schrecki" fuhr auf die Hardthöhe und lauschte gemeinsam mit Wörner den wirren Erzählungen der Kronzeugen für die angebliche Homosexualität des Vier-Sterne-Generals Kießling: dem ehemaligen Ordensnovizen Erlenhardt und dem (nach eigenen Angaben) ehemaligen Angehörigen des DDR-Staatssicherheitsdienstes August, im Kölner Milieu als "Macken-August" bekannt.
Beide Kölner hatten schon gelegentlich Kontakte zu Parteipolitikern: Erlenhardt hat die "Partei der Homophilen" gegründet, August war im letzten Oktober Mitgründer und ist jetzt Generalsekretär der rechten Bewegung "Die Christlich-Konservativen", die sich als Ziel gesetzt hat, "die geistige Wende der Bundesrepublik zu manifestieren".
Zurück im Kanzleramt, erstattete Schreckenberger seinem Kanzler Bericht über seine Erlebnisse im Verteidigungsministerium.
Der Kanzler erkannte offenbar die Brisanz der privaten Ermittlungen nicht. Er hörte seinen "Schrecki" an, er stauchte ihn nicht wegen der Homo-Recherchen zusammen und warnte ihn auch nicht vor dessen weiterer Beteiligung am nachträglichen Beweissammeln.
So fand auch Schreckenberger nichts dabei, als er anderntags die Bitte seines Verhör-Kollegen Wörner um Beihilfe an der Einvernahme des Schweizers Ziegler annahm. Weder der Koordinator der westdeutschen Geheimdienste noch der Herr der Hardthöhe machten sich die Mühe, vorher Erkundigungen über die farbige Persönlichkeit des Zeugen einzuziehen.
Auch nach dem zweiten Abstecher ins Verteidigungsministerium informierte "Schrecki" seinen Kanzler. Und wieder unterließ es Kohl, die beiden Rechercheure zur Rede zu stellen. Kein böses Wort, ob sie denn von allen guten Geistern verlassen seien und ob sie denn nicht die politischen Gefahren sähen, die für den Kanzler und die Regierung entstünden, wenn sich Verteidigungsminister und Kanzleramtsstaatssekretär selber im Homo-Milieu tummelten. Die Herren wähnten sich in Sicherheit, es war ja Stillschweigen vereinbart worden; und erst, als das gebrochen war, bekannte der gelernte Rechtsprofessor kleinlaut: So war''s.
Wörner habe ihn so eindringlich um Beistand gebeten, versuchte sich Schreckenberger wenig später gegenüber einem stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Union zu rechtfertigen, daß er nicht habe nein sagen können. Er habe Wörner das Gefühl geben wollen, das Kanzleramt stehe hinter ihm und lasse ihn nicht im Stich.
Angesichts von soviel stiller Einfalt war der Fraktionspolitiker derart erschüttert, daß er noch zwei Tage später vor Abgeordneten ausrief: "Gott bewahre uns und unser Land vor einer echten Krise, wenn das die Leute sind, die uns führen. Da hilft nur beten."
So dachten viele in Bonn, in der Union ebenso wie bei den Freidemokraten. Daß Wörner nun nicht mehr als Minister zu halten, daß sein Rücktritt oder Rausschmiß fällig sei, daran gab es unter den Abgeordneten ebenso wie im Kabinett und in der Regierungszentrale kaum noch Zweifel.
Zwar hatte der CDU-Bundesvorstand am vergangenen Montag sich noch mit einer vom niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht formulierten Erklärung hinter Wörner gestellt, ihm das "Vertrauen ausgesprochen" und "volle Unterstützung zugesagt". Da aber wußte außer Kohl noch keiner von Wörners und Schreckenbergers Eskapaden im Verteidigungsministerium.
Vor dem Abflug nach Israel hatte Regierungssprecher Boenisch bereits intern gesagt: "Wenn Wörner noch einen Fehler macht, ist es aus mit dem Jungen." Und selbst FDP-Außenminister Hans-Dietrich Genscher entsagte seiner bisherigen Enthaltsamkeit gegenüber dem Koalitionspartner. Vor Vertrauten zog er über den Verteidigungsminister her, Wörner sei eben ein Mann, der nie in der Verantwortung gestanden habe. Ihm mangele es an Verwaltungserfahrung, und er erkenne nicht rechtzeitig eine Situation.
Im Kabinett am Mittwoch teilte Wörner vor Eintritt in die Tagesordnung mit, er wolle eine Kommission unter Vorsitz des Ex-Bundesinnenministers Hermann Höcherl (CSU) einsetzen, um die Praktiken des MAD zu untersuchen. Die Ministerrunde unter Hilfskanzler Gerhard Stoltenberg nahm die Ankündigung schweigend zur Kenntnis. Ein Kabinettsmitglied
später: "Man hat förmlich im Raum die Belastung gespürt, die alle beim Anblick Wörners empfunden haben. Alle haben muffig geguckt."
Und ein CDU-Minister verglich den Kollegen "mit einem Starfighter-Piloten, dem man die Fenster zugeklebt hat und der trotzdem weiterfliegt". Der Absturz schien nur noch eine Frage der Zeit.
Die Stimmung in der Union formulierte am Freitagmorgen der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, Wolfgang Schäuble. In einem Rundfunk-Interview forderte er vom Kanzler, gleich nach seiner Rückkehr müsse entschieden werden - eine verschlüsselte Aufforderung, sich von Wörner zu trennen.
Zur Diskussion steht, wieder einmal, die Führungsschwäche des Kanzlers. Wieder einmal ist Kohl nicht da, wenn es in Bonn drunter und drüber geht. Im fernen Israel scherte er sich nicht um innenpolitischen Entscheidungsbedarf; vor der Abreise hatte er es nicht geschafft, die Krise unter Kontrolle zu bringen. Und all die schönen wirtschaftspolitischen Erfolge, die seiner Regierung zu Beginn des Jahres 1984 positive Schlagzeilen bringen sollten, sind nun von dem Skandal überschattet. Daß die Konjunktur erblüht und die Arbeitslosigkeit kaum noch steigt, ist in den Zeitungen nach hinten gerückt.
Der Strahlenglanz des Wahlsiegers vom 6. März 1983 ist - kaum daß ein Jahr verrann - erblindet und abgeblättert. Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth hat alle Mühe, in seinem Landtagswahlkampf für die Wahlen am 25. März die Affäre als Randthema abzutun.
Vorsichtshalber hat die baden-württembergische CDU den Schwaben Wörner von sämtlichen Verpflichtungen im Wahlkampf freigestellt: Sie will ihn bei Kundgebungen nicht mehr sehen. Sollte die CDU bei den Wahlen einbüßen, machen Späth-Vertraute jetzt schon das "Bonner Tollhaus" dafür verantwortlich.
Bonner Kanzlerschaft ist, zum Erstaunen ihres Inhabers, doch mehr als fortwährende Freude über den "Traumjob" und wonniges Versinken in die Vivaldi-Klänge aus den Stereo-Boxen des Arbeitszimmers, mehr als die kommod plazierten Kohl-Füße auf dem Kanzler-Schreibtisch. Kohls Kanzlei taugt weder als schlagkräftiges Führungsinstrument noch zum einsatzbereiten Krisenmanagement.
So wie der Regierungschef der drittgrößten Industrienation des Westens seinen Terminkalender immer noch selber per Hand führt, so hat er sich auch das Händeln von Krisen vorbehalten. Und das erschöpft sich in der Regel in Anrufen beim Koalitionsfreund Genscher: "Hans-Dietrich, was machen wir jetzt?"
Kommt es dann wirklich dicke, hält sich der Krisenkamerad öffentlich zurück. So auch jetzt: Was er zur Affäre Wörner wisse, erzählt er hintergründig, habe er in der Zeitung gelesen. Dazu verweist Genscher ungefragt auf seine gesundheitlichen Probleme. Der Bruch des Brustbeins nach dem Autounfall sei zwar verheilt, aber ein eingeklemmter Nerv mache ihm zu schaffen, Oberkörper und Arm schmerzten höllisch, nachts liege er deswegen wach. Dabei sei doch gerade er einer, der seine Kraft im Schlaf finde.
Auch Genscher weiß keine Lösung des Rätsels, warum ein nicht ganz unerfahrener Politiker wie Wörner Fehler auf Fehler begeht, einen Fall zur Affäre und die Affäre zum Skandal wachsen läßt. Fragen über Fragen.
Warum hat er Kießling am 8. Dezember 1983 aus Sicherheitsgründen vorzeitig in den einstweiligen Ruhestand geschickt, obwohl MAD-Chef Brigadegeneral Helmut Behrendt in seiner Stellungnahme vom 6. Dezember ausdrücklich festhielt, "die Aufhebung des Sicherheitsbescheides" werde "für nicht zweckmäßig erachtet"?
Warum ist Wörner von der mit Kohl verabredeten Linie abgewichen, nur einen Vertrauensverlust als Grund für die Trennung anzugeben und den Verdacht der Homosexualität in den Hintergrund zu rücken?
Warum hat er, und das ist das Schlimmste, selber die Zeugen aus der Szene so angeregt befragt und nicht untergeordnete Chargen vorgeschickt?
Tiefenpsychologische Erklärungen machen in der Fraktion, beim BND und im Kanzleramt die Runde. Der Minister, mutmaßen seine Freunde, habe sich gefürchtet vor Schlagzeilen von der Art: "Wörner deckt schwulen General".
Er habe überreagiert, weil er panische Angst vor leichtfertigen Gerüchten habe, die seit längerem über ihn in Bonn umlaufen: Er selbst sei nicht frei von jenen Neigungen, die er und sein MAD dem General Kießling nachsagten.
Das Gerede war aufgekommen, als eine bundesdeutsche "Schwulen Aktion Südwest" im Schweizer Homo-Journal "Kontiki" zur Bundestagswahl am 6. März 1983 inseriert hatte: "Die CDU lehnt zwar alle unsere Forderungen kategorisch ab, hält sich aber einen schwulen Verteidigungsminister." Allein das Wissen um solche Latrinenparolen - und seien sie noch so unzutreffend - habe Wörner zu seinem Fehlverhalten verleitet.
So gedieh die Affäre mit Ziegler zu einem Lehrstück, wie ein Politiker und seine Berater alles, aber auch alles falsch machen können.
Der Schweizer hatte sich Wörner per Expreßbrief vom Dienstag vorletzter Woche angedient. Er stellte sich als langjähriger Chefredakteur des deutschen Homo-Magazins "du und ich" vor und bot Informationen zur Sache Kießling an. Ziegler über seine Gründe: Es lasse sich nicht mit seinem "Gerechtigkeitsempfinden vereinbaren, daß Ihnen und Herrn Bundeskanzler Dr. Kohl im vorliegenden Fall unredliches Verhalten und Unfairness gegenüber Herrn Dr. Kießling vorgeworfen werden".
Wörners Fehler Nummer eins: Es wurden keine Erkundigungen über den Briefschreiber eingeholt. Es gibt genug allgemein zugängliches Material, das eine Regierungsbürokratie auch unter Zeitdruck hätte zutage fördern können.
Der 40jährige Schauspieler und Schriftsteller aus dem schweizerischen Stäfa am Zürichsee machte sich nämlich nicht nur als Bekenner und Star-Autor der homosexuellen Szene einen Namen. Sein Ruf als Affären-Jongleur ist ebenso legendär. _(Als Chefredakteur des Homo-Blattes "him" ) _(1970. )
"Lassen Sie sich von ihm nicht ins Bockshorn jagen", warnte die Münchner Homo-Zeitschrift "Don" 1979 in ihrer Mai-Ausgabe, "vertrauen Sie Ziegler nichts an." Denn, so beschwor "Don" seine Leser, "aus Ihrem Problem könnte er eine Pressekampagne produzieren".
In jenem Jahr hatte sich Ziegler, nach Andeutungen auf Prominente in seinen Büchern, besonders weit hervorgewagt. Am 1. Februar 1979, während eines Bummels durch Straßburg, war der damalige österreichische Außenminister Willibald Pahr, jetzt Botschafter in Bonn, von zwei nordafrikanischen Jugendlichen zusammengeschlagen und beraubt worden. Die Täter gaben später an, sie hätten sich über unsittliche Anträge empört.
Ein Fall für Alexander Ziegler: In einem offenen Brief im Züricher Boulevardblatt "Blick" forderte er Pahr auf, sich zu seiner - angeblichen - Neigung zu bekennen. Der selbsternannte Ankläger berief sich auf zwei Telephonate, die er 1978, "um den 20. Juli herum", mit Pahr geführt haben will. Der Außenminister habe ihm, "spät nachts, nach einer Theateraufführung", für seinen Einsatz für die Schwulenemanzipation gedankt, behauptete Ziegler, und gestanden, selbst homosexuell zu sein.
Pahr dementierte. Er kenne Ziegler überhaupt nicht. Im Wiener Nachrichtenmagazin "Profil" gab der Schweizer daraufhin an, er "freue sich auf eine Klage" und könne "jederzeit den Wahrheitsbeweis antreten". Jahre dauerte es, bis Pahr Zieglers Vorwürfe entkräften konnte.
Alexander Ziegler, von dem seine Züricher Leidgenossen berichten, er sammle gerne prominente Namen, "egal wie", blieb von alldem unbeeindruckt. Im März 1983 holte er im "Blick" zum nächsten Schlag aus. In seinem Buch "Eines Mannes Liebe" berichtete er mit vielen Details von einem "Regierungsrat Rüfenacht", der sich auf Staatskosten in Kopenhagen wüsten Ausschweifungen hingegeben habe.
Der Züricher Regierungsrat Arthur Bachmann, vergleichbar einem Länderminister, fand, damit könne nur er gemeint sein und ging in Zieglers Falle: Er verklagte den Autor. Das Verfahren endete zwar mit einem Vergleich - der Kläger aber wurde den Ruf eines Lustreisenden in Amtstracht nie wieder los. Zieglers Zweideutigkeiten hatten genügt, Belege brauchte der Autor nicht nachzuschieben.
Mitte der 70er Jahre hatte Ziegler in einem Buch "Schwule in Bonn" beschrieben und dabei über einen nicht namentlich genannten CDU-Bundestagsabgeordneten fabuliert, der ihm 50 000 Mark Schweigegeld dafür geboten habe, wenn das dem Christdemokraten gewidmete neunte Buchkapitel nicht erschiene.
Seine Art der beweisfreien Denunziation von Politikern deutet das Homo-Blatt "Gay Journal" als "Rache an der Staatsgewalt für zweieinhalb Jahre Gefängnis". Als junger Mann hatte sich Ziegler einen 15jährigen Freund genommen und war deswegen verurteilt worden. Das hat er nie verwunden.
"du und ich"-Verleger Otto Löffert erinnert sich, daß seinem Ex-Chefredakteur häufig "die Phantasie durchging". Dem Verleger hatte Ziegler jedenfalls nie etwas von dem angeblichen Informanten Achim Müller erzählt, der 1979 mit General Kießling zusammengewesen sein will. Löffert: "Es ist völlig unvorstellbar, daß Ziegler damals so etwas für sich behalten hätte."
Von derlei Eskapaden hatten Wörner und seine Gehilfen keinen Schimmer, als sie sich, Fehler Nummer zwei, direkt mit Ziegler einließen. Nun ist die Hardthöhe verzweifelt darum bemüht, die Erzählungen des Schweizers als in weiten Teilen "hanebüchen" (Reinhardt) darzustellen und Wörners Part in der viereinhalbstündigen Inszenierung herunterzuspielen.
Wenigstens für den Anfang stimmen die Darstellungen beider Seiten überein. Danach hat Wörners Bürochef Jochen Trebesch den Schriftsteller am vorletzten Donnerstag in der Frühe in Stäfa am Zürichsee angerufen. Dann beginnen die Widersprüche.
Trebesch habe im Namen des Ministers für den Brief gedankt, so schilderte es Ziegler letzte Woche dem SPIEGEL, und gefragt, ob er gegebenenfalls nach Bonn kommen könne.
Am Abend hat dann Reinhardt wieder in Stäfa angerufen. Ziegler: _____" Er sagte mir, er wollte, daß ich sofort nach Bonn " _____" komme, denn am nächsten Morgen - wörtlich! - ist " _____" Fragestunde " _(Ziegler meint die von den Grünen ) _(beantragte Aktuelle Stunde zum Fall ) _(Wörner/Kießling. ) _____" im Bundestag, und es geht nicht mehr nur um den Kopf " _____" des Ministers, es geht um die ganze Regierung. "
Dazu Reinhardt: "Absoluter Käse." Ziegler habe selber auf einen schnellen Termin gedrängt.
Ziegler weiter über das Telephonat mit Reinhardt: _____" Und dann sagte er: Hören Sie mal, wenn Sie wollen, " _____" schicke ich Ihnen noch heute abend eine " _____" Bundeswehr-Maschine rüber. Ich sagte ihm darauf, daß das " _____" vor 11 Uhr nachts schlecht möglich sei, weil ich noch in " _____" Stäfa war. Da sagte er, ich rufe Sie in einer halben " _____" Stunde zurück, ich bin in einer Besprechung mit dem " _____" Minister. Drei Viertelstunden später rief er mich wieder " _____" an und sagte, er könne mir keine Maschine rüberschicken, " _____" weil sie für eine Militärmaschine die Bewilligung Berns " _____" brauchten, und zweitens, er habe sich erkundigt, sei " _____" Kloten (der Züricher Flughafen, d. Red.) wegen Schnee " _____" gesperrt. "
Umgekehrt sei es richtig, sagt Reinhardt: "Schickt mir doch ''ne Maschine rüber, ihr habt doch so viele", habe Ziegler gerufen. Dann seien sie übereingekommen, daß Ziegler mit seinem Sekretär am Freitagmorgen mit der Swissair-Frühmaschine nach Bonn fliegt.
So nahm das Verhängnis seinen Lauf. Und selbst wenn nur die Hälfte von dem stimmte, was Ziegler über seine Gespräche im Ministerflügel der Hardthöhe berichtet, dann wären Wörner und seine Berater, Fehler Nummer drei, dem Besucher mit fahrlässiger Vertrauensseligkeit begegnet, hätte Wörner sich um Kopf und Kragen geredet.
Oberst Reinhardt meint, auch hier habe Ziegler in weiten Teilen seiner Phantasie freien Lauf gelassen. Vor allem sei Wörner nicht, wie von dem Schweizer behauptet, Stunden, sondern höchstens 50 Minuten dabeigewesen.
Der Düsseldorfer Anwalt Friedhelm Spieß, den Reinhardt auf Wunsch des
Schriftstellers ins Ministerium gebeten hatte, schätzt dagegen, Wörner sei rund zweieinhalb Stunden dabeigewesen. Zudem bestätigt er die überwiegende Richtigkeit der Ziegler-Darstellung. Während der Sitzung wunderte sich Spieß immer mal wieder, wieviel Zeit doch so ein Minister für mancherlei belanglosen Smalltalk hat; wehmütig dachte der Anwalt an die Termine, die er derweil versäumte.
Sein Trost: Die Hardthöhe erstattet ihm die Aufwendungen für die Strapaze nach Anwalts-Gebührenordnung. Und seinem Mandanten Ziegler händigte Reinhardt noch am Freitag 2500 Mark für Reisekosten (Flug 1. Klasse, Taxi) aus, in einem braunen Umschlag, "ein Hunderter und 48 nagelneue Fünfziger" (Ziegler).
In der Bundespressekonferenz fünf Tage später schilderte Wörners Sprecher Jürgen Reichardt die Spesen-Transaktion anders: "Bisher sind dem Bund in dieser Sache keine Kosten entstanden."
Oberst Reinhardt holte die beiden Schweizer am Köln/Bonner Flughafen ab und brachte sie in sein Dienstzimmer auf der Hardthöhe. Dort kam auch Bürochef Trebesch hinzu. Ziegler: _____" Er sagte immer: "Es ist entsetzlich, es ist " _____" entsetzlich. Ich habe nur zwei Stunden geschlafen." Er " _____" erzählte uns, daß sie am Abend vorher Zeugen einvernommen " _____" hätten, zwei sehr wichtige Leute, die auf ihrer " _____" Anonymität bestehen müßten. Ich müsse keine Bedenken " _____" haben, auch meine Anonymität werde restlos gewahrt. "
Zieglers Dossier über Kießling hatte Reinhardt schon auf der Autofahrt vom Flughafen gelesen. Mit dem Ziegler-Begleiter erlebte der Adjutant allerdings eine herbe Enttäuschung: Er hatte geglaubt, der Schweizer bringe den Stricher Achim Müller mit, doch es war nur der frühere Sekretär Zieglers, der angab, das längst verschwundene Müller-Tonband abgeschrieben zu haben.
Von Adjutant Reinhardts Zimmer gingen die Schwulitäten-Unterhändler ins Besprechungszimmer des Ministers. Zwischen 10 und 10 Uhr 30 kam Wörner. Ziegler: _____" Er schaute meinen Sekretär komisch an, weil der nur " _____" einen Pulli trug und ein Halstuch. Da sagte ich ihm, er " _____" sei wahrscheinlich eher bei den Grünen daheim. Dann " _____" lachte der Minister und setzte sich mir gegenüber hin, " _____" stützte den Kopf in die Hand und sagte: "Ogottogott, in " _____" was für eine Geschichte sind wir da hineingeraten." "
Was dann geplauscht wurde, verlegt Reinhardt in die Zeit des gemeinsamen Mittagessens. Der Schweizer will den Minister dagegen gleich nach seiner Einstellung zur Homosexualität gefragt haben. O-Ton Ziegler: _____" Da ging er dann sehr in die Details. Er könne das mit " _____" gutem Gewissen sagen, er habe gegen diese Leute überhaupt " _____" nichts. Seine Frau habe sehr viele Bekannte aus der " _____" homosexuellen Szene (Reinhardt: "Aus Künstlerkreisen, " _____" unter denen sicher auch Homosexuelle seien"), die in " _____" seinem Haus ein- und ausgingen. Er selbst sei ein " _____" leidenschaftlicher Ballett-Fan, " _(Das Stichwort Ballett erinnert an jenen ) _(General und Chef des Militärkabinetts ) _(Graf Dietrich Hülsen-Häseler, der 1908 ) _(in Donaueschingen, angetan mit ) _(Frauenkleidern, vor Kaiser Wilhelm II. ) _(tanzte und tot zusammenbrach. ) _____" dadurch habe er zu diesen Kreisen Zugang; keinen " _____" Zugang habe er zu der sogenannten Subkultur. "
Dann las Wörner das Stricher-Dossier: "Das ist interessant, das ist hochinteressant."
Auftritt Schreckenberger. Wörner bemerkte entschuldigend, die Herren würden sicher verstehen, daß der Kanzler nicht selber kommen könne. Den Wunsch hatte Ziegler in seinem Expreßbrief geäußert.
Der Kanzleramtschef, der seit längerem von Bonner Insidern nur noch bespöttelt wird, machte selbst nach Zieglers Darstellung noch die beste Figur. Schreckenberger überflog das Dossier und kam dann zur Sache. Ziegler: _____" Er sagte zu mir sinngemäß: "Hören Sie mal, ich kenne " _____" Sie überhaupt nicht." Und: "Mag sein, daß Sie das und das " _____" künstlerisch geleistet haben. Sie sind für mich kein " _____" Begriff. Ich möchte Sie etwas fragen, es ist für uns sehr " _____" wichtig, und ich bitte Sie um eine ehrliche Antwort: Wie " _____" sieht es in Ihrem Vorleben aus?" "
Ziegler schilderte seine Verurteilung zu zweieinhalb Jahren Gefängnis aus dem Jahre 1967 - "da ist er völlig erschrocken" - und seinen Ehrverletzungsprozeß von 1983. Schreckenberger nickte kurz und ging.
Bald darauf entschwand auch Wörner zurück in den Bundestag. Derweil wurde mit einem Notar weiter an der eidesstattlichen Versicherung gefeilt, die Ziegler über das angebliche Interview mit Stricher Müller abgab. Um 13 Uhr - laut Reinhardt 13 Uhr 30 - war Wörner wieder zurück. Er stand in der Tür zu seinem Sekretariat und rief den im Flur stehenden Herren zu: "Kommen Sie doch mal rein." Oberst Reinhardt hält dagegen, Ziegler habe den Wunsch geäußert, mal Wörners Dienstzimmer sehen zu dürfen.
Dort jedenfalls versammelte sich die Runde. Wörner wies auf einen Platz der hellen Polstergruppe und sagte: "Hier saß mir der General Kießling gegenüber." Dann schilderte er in groben Zügen den Ablauf des Gesprächs, in dem er Kießling im vergangenen September mit dem Verdacht der Homosexualität bekanntgemacht hatte.
Ziegler entnahm den Ausführungen, daß Wörner von der Homosexualität Kießlings "absolut" überzeugt ist und vor allem deshalb so enttäuscht sei, weil der General "nicht zu seinen Neigungen stehe und ihn dadurch in so große Schwierigkeiten bringe".
Anschließend gab es Essen aus der Kantine, das im Besprechungszimmer serviert wurde. Wörner aß Erbseneintopf, sein Gast nahm Bratkartoffeln mit überbackenem Geflügel. Man plauschte über allerlei: Filmförderung, Drogenkonsum und darüber, wer wohl der beste Schauspieler Europas sei. Es fiel der Name Harald Juhnke.
Nach dem Essen wurde die eidesstattliche Versicherung redigiert und dann verlesen. Als der Notar anhob, auch das dazugehörige Stricher-Protokoll zu Gehör zu bringen, fragte Jurist Wörner: "Ist das auch noch nötig?" Anwalt Spieß und der Notar bejahten. Der Minister wollte sich aber dieses Schmuddelstück nicht mehr anhören. Er wandte sich statt dessen an Ziegler: "Ich danke Ihnen ganz herzlich, Sie haben sehr, sehr viel für mich getan und für unsere Regierung." Dann ging er.
Bald darauf wurden die beiden Schweizer im Dienstwagen zum Düsseldorfer Flughafen kutschiert - die Maschine von Köln/Bonn nach Zürich war ausgebucht. Tags darauf, am vorletzten Sonnabend, begann den Hardthöhen-Oberen zu schwanen, wen sie zu Gast
gehabt hatten. Da schickte Ziegler dem Minister ein Fernschreiben aus Stäfa, in dem er mitteilte, er sei notfalls bereit, seine Anonymität zu lüften.
Am Montag letzter Woche rief der Schweizer dann ganz aufgeregt bei Reinhardt an. "Was habt ihr bloß gemacht", schildert der Oberst das Gespräch, "die Presse weiß Bescheid, ich bin völlig kaputt, die machen mich jetzt fertig." Tags darauf stand die Sache in "Blick".
Ende einer Fährte. Seither ist die Akte Ziegler/Müller für die Hardthöhe gestorben. Wörner-Sprecher Jürgen Reichardt: "Das wird nicht weiterverfolgt, das kommt nicht zu den Ermittlungsakten."
Pech hat der Verteidigungsminister nicht nur mit seinen zwielichtigen Kronzeugen gegen General Kießling. Pech hat er auch mit seinem Versuch, den Nato-Oberbefehlshaber Bernard Rogers aus der Affäre herauszuhalten.
Denn im Verteidigungsausschuß am vorvergangenen Mittwoch sagte Wörner nur die halbe Wahrheit. General Rogers, so Wörner, habe "in keinem Gespräch, das ich mit ihm geführt" habe, verlangt, Kießling abzulösen. Und der amerikanische Geheimdienst CIA habe "keinerlei Andeutungen, Hinweise oder sonst etwas" gegeben. Wörner: "Das kann ich unter Eid beschwören."
Rogers, der sich nach Meinung hoher Nato-Offiziere oft wie ein "amerikanischer Statthalter in Europa" aufspielt, hat weder den CIA noch das direkte Gespräch nötig. Er verfügt über einen eigenen Abschirmdienst, den "Counter Intelligence" (CI), der für ihn forscht und Gerüchte streut.
Dieser Apparat, dem MAD der Bundeswehr vergleichbar, gilt zwar als Bündniseinrichtung, ist aber nur mit amerikanischen Offizieren besetzt. Der CI schnüffelt in der gesamten Nato herum - ohne jede gesetzliche Grundlage - und legt Dossiers über alle Offiziere und Beamte in hohen Bündnisfunktionen an.
Ihre Klatsch- und Tratschgeschichten versuchen die CI-Offiziere oft durch Protokolle abgehörter Telephonate zu belegen. Sie bedienen sich dabei der Comsec Teams (Communication Security), die ebenfalls nur aus Amerikanern bestehen und ohne Wissen der Betroffenen Dienstgespräche mithören. So umfassend ist das Abhörnetz der US-Horcher, daß viele europäische Offiziere in Casteau inzwischen öffentliche Fernsprecher benutzen, wenn sie wirklich etwas Vertrauliches miteinander besprechen wollen. Ein deutscher Major: "Vorsicht, Freund hört mit."
Auf Berichte dieser Dienste stützte sich General Rogers, als er kurz vor dem Amtsantritt Kießlings im Frühjahr 1982 sein Urteil gegen den deutschen General fällte. Wenige Tage vor dem Eintreffen Kießlings wies er vor seinem engsten Stab auf eine Mappe und donnerte vor Zeugen: "He is a homosexual."
Ein deutscher Stabsoffizier, der davon erfuhr, machte zwar in Bonn Meldung. Die jedoch verschwand irgendwo in den Unterlagen der Personalabteilung.
Rogers'' Mitarbeiter aber ließen fortan keine Gelegenheit aus, Gerüchte über "merkwürdige Lebensgewohnheiten" des deutschen Generals zu streuen, ganz vertraulich natürlich.
Und um den Schein zu wahren, daß er selbst mit der Schmutzkampagne nichts zu tun habe, ließ Rogers seinen Stellvertreter hin und wieder sogar an Stabsbesprechungen teilnehmen. Im August vergangenen Jahres ließ der US-General verbreiten, er habe Kießling zu sich in die Wohnung geladen; noch im Januar erklärte Nato-Sprecher Oberst Gordon Bratz, Rogers habe sich "niemals geweigert, General Kießling zu empfangen".
Gerüchte aus Brüssel waren es denn auch, die den Stein ins Rollen brachten.
Ende Juli 1983 saßen der Ministerialrat Werner Karrasch, stellvertretender Vorsitzender des Hauptpersonalrats der Hardthöhe, und zwei Beamte des Amtes für Sicherheit der Bundeswehr (ASBw) in Bonn zusammen. Karrasch ist nicht nur ein Duzfreund Wörners, sondern auch sonst ein wichtiger Mann. Er gehört dem Bundespersonalausschuß an, der für wichtige und außerplanmäßige Beförderungen zuständig ist. Karraschs Spitzname: die graue Eminenz.
Bei dem Gespräch ließ Karrasch beiläufig einfließen, es gebe in Brüssel Gerüchte, Rogers empfange Kießling nicht mehr. Kießling sei sogar "händchenhaltend" mit einem Oberstarzt der Bundeswehr gesehen worden.
Gesprächspartner Regierungsdirektor Wallmann horchte auf. Nach Köln zurückgekehrt, schrieb er sofort eine Meldung. Der damalige Amtschef, Flottillenadmiral Elmar Schmähling, legte das Papier als zu vage ab. Wenig später verlor er seinen Posten, wegen einer Frauengeschichte.
Brigadegeneral Helmut Behrendt, der ihm am 8. September als Amtschef in Köln nachfolgte, fand die Meldung von Karrasch/Wallmann auf seinem Schreibtisch und ordnete Ermittlungen an.
Die aber waren längst - an Schmähling vorbei - angelaufen. Ohne Wissen des Amtschefs hatte sich die mittlere Etage des Kölner Amtes auf dem kleinen Dienstweg selbständig gemacht. Zuerst hatte es Wallmann bei der MAD-Gruppe S in Bonn versucht. Die aber lehnte ab, sie wollte nur auf Weisung des Ministers tätig werden. Bei der MAD-Gruppe III in Düsseldorf hatte Wallmann
mehr Glück. Die Herren machten sich ans Werk.
Am 9. September, einen Tag nach seinem Amtsantritt, hielt Behrendt einen ersten Bericht über Kießling in der Hand und reiste damit nach Bonn. Die Ergebnisse der schlampigen Recherchen sind bekannt. Der Fall Kießling wurde wegen mangelnder Sorgfaltspflicht des Ministers schnell zum Fall Wörner.
Das war auch der Eindruck der Bundeswehr-Generale, die seit Anfang Januar mit wachsendem Entsetzen immer neue Enthüllungen über die Affäre gelesen hatten, aber erst am vergangenen Dienstag von Generalinspekteur Wolfgang Altenburg zu einer Informationstagung nach Bonn geladen wurden.
Viel Neues erfuhren die 30 ranghöchsten deutschen Generale zunächst nicht. Altenburg gab eine chronologische Übersicht und ließ dann durchblicken, daß er zwar die Entscheidung des Ministers mittrage, nicht aber einige "unglückliche Begleitumstände".
Der Minister wurde frostig empfangen. Stumm hörte Deutschlands Generalität Wörners Rechtfertigung, er habe im Interesse der Sicherheit und der Bundeswehr nicht anders handeln können.
Nach Wörners Abgang eröffnete der Kommandierende General des I. Korps, Gerhard Wachter, die Diskussion; er hatte seine heftige Kritik an Wörner zuvor bei Altenburg angekündigt.
Die nächsten Redner fragten, warum Wörner stets behaupten könne, er habe "in vollem Einklang mit der militärischen Führungsspitze" gehandelt. Schließlich würden sie jetzt zum erstenmal informiert.
"Richtig munter" wurde es in der Generalsrunde, so ein Teilnehmer, als Altenburg die im Ministerbüro entworfene Erklärung für die Öffentlichkeit vorlegte. Zunächst verwarfen die Generale einmütig den Formulierungsvorschlag, der Minister habe "richtig und rechtens" gehandelt. Dann ergänzten sie den Satz, sie hätten sich dafür ausgesprochen, "Schaden von der Bundeswehr abzuwenden", durch den Zusatz, "und die Person des Generals a. D. Dr. Kießling zu schützen".
Schließlich ersetzten die Spitzenmilitärs das Wort, Wörner habe "handeln" müssen, durch die Vokabel "entscheiden". Die Truppe werde - "im Vertrauen auf die Rechtsstaatlichkeit" - die "weiteren Ergebnisse" abwarten. Nach dem Ehrenkodex der Bundeswehr war das schon fast ein Aufstand.
Die Stimmung bei der Truppe ist denn auch mies. "Die Vertrauenskrise in der Bundeswehr steht noch bevor", befürchtet Oberst Hasso von Uslar-Gleichen, Kommandeur der Panzerbrigade 36 in Bad Mergentheim. Massive Zweifel an der politischen wie der militärischen Führung entstehen seiner Meinung nach, "wenn hier im Brustton der Überzeugung etwas an die Truppe weitergegeben worden ist, was sich hernach als gar nicht haltbar erweist".
So denken viele. Oberstleutnant Klaus Tappe, Bataillonskommandeur in Düsseldorf, ist "entsetzt über die ganze Entwicklung". Er rief am vergangenen Mittwoch seine Kompaniechefs zusammen. Thema Nummer eins: die "Wörner-Kießling-Affäre".
Zunächst habe er dienstlich wie privat, sagt Tappe, "voll Vertrauen darauf, daß man in Bonn richtig entschieden hat", die offizielle Hardthöhen-Meinung vertreten. Doch später habe er aus seinen Zweifeln keinen Hehl gemacht.
"Wir sind sehr unglücklich darüber, daß wir uns kein Urteil bilden können", beklagt ein Brigadekommandeur aus dem Rheinland die unklare Informationslage. "Wem kann man denn überhaupt noch glauben?"
Auch drei Fernschreiben des Generalinspekteurs Altenburg, das letzte nach dem Generalstreffen auf der Bonner Hardthöhe am 24. Januar, konnten bislang den Informationshunger der Truppe nicht befriedigen.
Zudem ist offenbar auch Altenburg nicht glücklich darüber, wie sein oberster Dienstherr Wörner die Affäre händelt. In einem Vortrag vor der Gesellschaft für Wehrkunde in Münster klagte er am vergangenen Mittwoch, es sei eigentlich "Sache der Rechtsorgane", Gespräche mit Zeugen zu führen - also offenbar nicht Aufgabe des Ministers.
Wie sich die Stimmung in der Truppe verändert hat, schildert ein Dozent an der Kampftruppenschule 2 in Munster: "Zu Anfang ist das genauso gelaufen, wie man das bei einem Männerverein wie der Bundeswehr erwarten mußte", sagt er, und weiter: "Schwulen-Witze und eine Zoten-Inflation beherrschten die Kasino-Gespräche. Doch das ist längst einer wirklich tiefen Betroffenheit gewichen, jetzt wird sehr ernst und sachlich über den Fall geredet."
Da die diversen Fürs und Widers der öffentlichen Diskussion intern nicht weiterhelfen, drängen vor allem hohe Militärs auf baldigen Schluß der Debatte. Brigadegeneral Siegfried Storbeck, General der Kampftruppen im Kölner Heeresamt: "Es muß so schnell wie möglich Klarheit und Gerechtigkeit geschaffen werden." Schuldzuweisungen sind dabei nicht gefragt, denn: "Eine öffentliche Diskussion in der Generalität hilft General Dr. Kießling nicht."
Die militärische Führung hat das Informationsdefizit und die deshalb drohende Unruhe bei den Truppen erkannt: Seit dem Generalstreffen auf der Hardthöhe schwärmen die Kommandierenden Generale und die Divisionskommandeure aus, um die Soldaten ins Bild zu setzen.
Dennoch wächst bei der großen Mehrheit der Offiziere vorerst die Unsicherheit - hat Kießling recht, hat Wörner recht? "Wir stehen zwischen Skylla und Charybdis", kennzeichnet ein General die Seelenlage. "Wir können nicht tolerieren, was da mit einem Kameraden getrieben wurde - wollen aber auch nicht dem Minister in den Rücken fallen, von dem wir uns so viel versprochen haben."
Schuld daran ist vor allem das Zusammentreffen des von den Militärs so hochgeschätzten Wehrministers mit Ziegler. Seit sich das herumgesprochen hat, "schmilzt Wörners Reputation", so ein Bataillonskommandeur, "wie Aprilschnee
an der Sonne". Andere werden deutlicher: "Das ist der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt", schimpft ein Oberst, der General Kießling seit Jahren "mit all seinen Vorzügen und Nachteilen" kennt.
Im Nato-Hauptquartier "Ostseezugänge" im dänischen Karup, mit dem Kießling in seiner letzten Verwendung als Nato-Befehlshaber in Rendsburg eng zusammenarbeitete, "kochen die Gemüter", versichert Oberstleutnant Fromelt: "Die Truppe wartet auf eine Ehrenerklärung."
Für Kießling natürlich, und inzwischen gibt es noch prominentere Fürsprecher. "Die Mobilisierung nun auch noch der internationalen Stricherszene" (General a. D. Schmückle) hat aus der Anti-Kießling-Welle eine Anti-Wörner-Bewegung werden lassen, stellte Wolf Graf Baudissin, Drei-Sterne-General a. D., fest.
Die Gefahr, daß der zuständige Minister rechtsstaatliche Prinzipien außer acht läßt, um seine eigene Haut zu retten, birgt nach Ansicht Baudissins noch ein größeres Risiko: "Wenn diese Affäre nicht schleunigst bereinigt wird, droht die Gefahr der Rückkehr des Militärs zum Staat im Staat."
So ungenügend das politische Management der Bonner Krise war, so mangelhaft waren die technischen Vorkehrungen für die Kommunikation zwischen Bonn und Israel. Versuche, schnell noch eine Telephon-Standleitung von Kohls Suite im Jerusalemer "Hotel King David" zur Hardthöhe zu schalten, scheiterten. So mußte der daheimgebliebene Kohl-Vertraute Eduard Ackermann in mühsam vermittelten Ferngesprächen mal Regierungssprecher Boenisch, mal den Chef selber in die immer schlimmer werdende Bonner Lage einweisen.
In der Nacht zum Donnerstag, kurz vor Mitternacht, kam dann auch mal eine Direktverbindung von Kohl zu Wörner zustande. Der Verteidigungsminister schilderte dem Kanzler, er versuche in aller Stille, mit Kießling zu einer schriftlichen Übereinkunft zu kommen.
Darin sollte der General sein Verständnis dafür erklären, daß der Minister, wegen der Sicherheitsbestimmungen der Bundeswehr, nicht anders als geschehen, habe handeln können. Wörner sollte im Gegenzug dem General bestätigen, der Verdacht der Homosexualität werde nicht aufrechterhalten, Kießling in allen Ehren rehabilitiert.
Kohl gab Wörner zögernd zu verstehen, daß eine solche Vereinbarung die Affäre vielleicht doch noch wenden, der Minister im Amt bleiben könne. Nur, weder Kießling noch sein Anwalt Redeker hatten bis Freitag, wie sie dem SPIEGEL sagten, von einem solchen Angebot gehört.
Der Regierungschef schwankte in der vergangenen Woche noch immer, ob er Wörner feuern sollte - selbst dann noch, als auch die gesamte Rechtspresse die Ablösung des CDU-Ministers verlangte. "Kohl hatte", so ein maßgeblicher CDU-Funktionär, "die Wahl zwischen Pest und Cholera."
Entschied er sich dafür, an Wörner festzuhalten, gäbe er der Opposition für lange Zeit Munition gegen die Regierung an die Hand. Im Parlamentarischen Untersuchungsausschuß würde sich das Interesse darauf konzentrieren, wie gut der Kanzler in den verschiedenen Stadien des Skandals informiert war und wann er Wörners Vorgehen gebilligt hatte.
Entschied er sich für die Trennung von Wörner, könnte er zwar darauf bauen, daß die Öffentlichkeit des Themas bald überdrüssig wäre. Mit der Entlassung des Ministers zerbräche aber das gesamte Personalkonzept für Regierung und Fraktion, das Kohl nach seiner Wahl am 6. März so sorgsam ausgetüftelt hatte. Übrig bliebe, bestenfalls, Flickwerk.
Franz Josef Strauß konnte sich, prompt, nicht beherrschen: Das große Kabinettsrevirement verlangte er, Stückwerk dürfe es jetzt nicht geben, sonst gerate die Regierung in die Defensive, schlittere von Krise zu Krise.
Mit Wörner müsse auch Lambsdorff gehen; den Familienminister Heiner Geißler, einen erklärten Strauß-Gegner, will er gleich mit feuern; Postminister Christian Schwarz-Schilling, der nach Neujahr eine Erhöhung der Telephongebühren verkündete und bei der Verkabelung der Republik ungeschickt agiert, soll ebenfalls seinen Abschied nehmen; und den CSU-Verkehrsminister Werner Dollinger, bei den Christsozialen wegen seines Versagens bei der Bundesbahnsanierung und beim Fernstraßenbau unten durch, würde Strauß leichten Herzens opfern.
Für ihn, so vertraute der 1962 in der SPIEGEL-Affäre entlassene Verteidigungsminister Strauß der "Welt" an, käme inzwischen das Amt auf der Hardthöhe wieder in Betracht, dieses Ministerium wolle er auf sich nehmen "wie eine Einberufung".
Die Freidemokraten sind alarmiert. Sie glauben zu wissen, weshalb Strauß heute nicht mehr unbedingt das Auswärtige Amt für sich fordert, warum er sich mit dem Verteidigungsministerium, das er bei der Regierungsbildung noch ablehnte, begnügen würde - allerdings möglichst versehen mit der Vizekanzlerschaft. Strauß sehe Kohl heute schon durch Krisen und Führungsschwäche so sehr angeschlagen, daß er auch als Verteidigungsminister mächtig genug sei, den CDU-Kanzler zu dominieren.
So war es Genscher, der bis Donnerstagabend voriger Woche noch eisern forderte, Wörner im Kabinett zu halten. Zwar hatte er sich am Telephon schon von Rom aus von Kohl versprechen lassen, daß Lambsdorff bleiben könne, selbst wenn Wörner jetzt falle. Aber der FDP-Chef wollte Strauß nicht die geringste Chance geben, das christliberale Bündnis von innen her auszuhöhlen.
Als aber am Freitagmorgen der Druck in den Medien gegen Wörner zunahm, richteten sich die Koalitionspartner schließlich auf einen Wechsel ein. Alles müsse dann ganz schnell geschehen, der Austausch im Amt des Verteidigungsministers eine Sache von Stunden sein. Nach Wörners Demission solle unmittelbar darauf der CDU/CSU-Fraktionschef Alfred Dregger zum neuen Verteidigungsminister ernannt werden, der Kohl-Vertraute Wolfgang Schäuble an die Spitze der Fraktion nachrücken.
Den Bonner Ministern ist inzwischen die Einladung zur nächsten Kabinettssitzung am Mittwoch dieser Woche zugestellt worden, die - traditionell einmal im Jahr - auf die Hardthöhe einberufen wurde. Die Tagesordnung:
Punkt 1 - Jahreswirtschaftsbericht;
Punkt 2 - Lage der Bundeswehr, Vortrag Dr. Wörner;
Punkt 3 - Personalien.
Als Chefredakteur des Homo-Blattes "him" 1970. Ziegler meint die von den Grünen beantragte Aktuelle Stunde zum Fall Wörner/Kießling. Das Stichwort Ballett erinnert an jenen General und Chef des Militärkabinetts Graf Dietrich Hülsen-Häseler, der 1908 in Donaueschingen, angetan mit Frauenkleidern, vor Kaiser Wilhelm II. tanzte und tot zusammenbrach.

DER SPIEGEL 5/1984
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