26.03.1984

Zinn des Lebens

„Liebt diese Erde“. Sechsteilige ZDF-Serie über Umweltschutz. Start am 1. April, 18.15 Uhr. *
Die Luft ist rein, die Quelle sprudelt heiter, lieblich liegt die Wiese im Sonnenschein, der Wald steht schwarz und schweiget. Eine Dame zu Pferd durchmißt das hügelige Grün, schaut wehmutsvoll auf die bukolische Landschaft.
Elsa Gabriel, Herrin eines bäuerlichen Anwesens, sorgt sich um ihr Paradies. Ein windiger Finanzberater hat ihr Vermögen durchgebracht, das sie einst - in den 60er Jahren - als Schlagersängerin mit dem Hit "Sternenregen" verdient hatte. Nun braucht sie ein Comeback, um den Hof zu halten. Alte Freunde sollen ihr behilflich sein.
Aber der Musikagent Alberti verlacht die "Luxus-Alternative" und schickt sie mitleidlos nach Haus. Die TV-Unterhalter haben die Bäuerin längst abgeschrieben. Dumpf hockt Elsa in der Anstaltskantine, vis-a-vis der ebenso vergrämte wie erfolglose Pianist und Kompositeur Bobby. Die Melancholiker kommen ins Gespräch, und Bobby hat eine zündende Idee: Der Zeitgeist rufe nach "kämpferischem" Liedgut, Songs für Frieden und saubere Umwelt, gegen Tiermord und Kernkraft-Irrsinn. Elsa ist sehr begeistert, Bobby komponiert, und damit, findet auch der neu entflammte Alberti, liegt der "schöne bäuerliche Engel" Elsa "satt im Trend".
So beginnt das Mainzer Umwelt-Drama in sechs Akten, ein sehr ehrgeiziges Sende-Unternehmen, das die katholische ZDF-Kirchenredaktion entworfen
und mit 2,5 Millionen Mark ausgestattet hat. Die Produktion hat internationalen Zuschnitt, deutsche und ausländische Regisseure inszenierten, die ökologische Misere sollte weltweit ausgeleuchtet werden.
Ein "unterhaltsames" Lehrstück über den "rechten Umgang mit der Schöpfung" war geplant. Um das "schwierige Thema zu popularisieren", sagt Redakteur Michael Albus, mußte die Serie aber "auf eine gröbere Schiene gebracht werden". Damit ist sie krachend auf dem falschen Gleis gelandet.
Aus dem seriös gedachten Aufklärungswerk ist durch eine närrische Dramaturgie eine unfreiwillige Ökomödie geworden. In der guten Absicht, alles Umwelt-Elend dieser Welt aufzuarbeiten, haben die Mainzer ihren Sechsteiler so überfrachtet, daß er in Lächerlichkeit versinkt. Es fehlt ein Mindestmaß an Glaubwürdigkeit, es wimmelt von einfältigsten Dialog-Platitüden und lauter langweiligen Protestliedern, die - so annonciert Albus - demnächst auch noch auf einer LP erscheinen sollen.
Es singt Margot Werner, 46, die bayrische Edel-Diseuse. Sie spielt die Elsa Gabriel und verfügt rollengerecht über einen so tragisch vibrierenden Damen-Baß, daß Zarah Leander neben ihr ausgesehen hätte wie eine überhitzte Soubrette aus dem "Vogelhändler".
"Liebt diese Erde, ihr habt ja nur sie!" - so dröhnt Elsas Erfolgssong leidmotivisch durch die Serie. Ihre Öko-Masche zieht, die Karriere gedeiht prächtig. Sie singt - immer chic in Haute Couture gehüllt - im Luxus-Hotel an der Nordsee gegen Robben-Schlächter und für die "Reinheit des Meeres", ist aber doch recht ungehalten, wenn ein paar bärtige Landschaftsfreunde während des Konzerts ein Spruchband mit der Aufschrift "Ruhe für das Watt" entrollen. Polizei schreitet ein, die aufstrebende Öko-Drossel kommt werbewirksam in die Schlagzeilen.
Beim Strandspaziergang denkt sie trotzig: "Was kann ich dafür, daß die Fauna verreckt, die Flora verkommt." Aber irgendwie hat sie doch ein schlechtes Gewissen und akzeptiert die Einladung zu einem Alternativ-Festival, wo die Chaoten unverzüglich ihrem Dior-Charme verfallen. Prompt schäumt die Presse: "Rote Elsa", der Agent Alberti, ein ausgekochter Zyniker, fürchtet ums Geschäft und beschließt, den blonden Bürgerschreck auf eine Auslandstournee zu schicken.
Das kommt ein wenig verblüffend. Denn obwohl Frau Elsas stark timbrierte Protest-Musikalien noch nicht einmal ausreichen würden, um sie jenseits des deutsch-österreichischen Grenzübergangs Kiefersfelden bekannt zu machen, ist sie weltweit berühmt.
Ehrerbietig läßt ein grimmiger Zöllner in Tansania - Start der ökologischen Welt-Rallye - die Künstlerin passieren, als ihm der Name "Elsa Gabriel" zugeraunt wird. Ein deutscher Entwicklungshelfer, der als gewalttätiger "Fanatiker" landesweit gefürchtet und offensichtlich völlig von Sinnen ist, erläutert ihr - beim dekorativen Sonnenuntergang - Probleme der afrikanischen Tierhaltung und die nachteiligen Wirkungen sozialistischer Experimente. Elsa sagt inbrünstig: "Ich beneide Sie"; von fern winkt ein Elefant mit dem Rüssel. Elsa begibt sich zu einem lang ersehnten "Open air Concert", wo sie eine "Huldigung an den afrikanischen Busch" losläßt und wieder das entnervende "Liebt diese Erde" anstimmt. Das Publikum, eine Handvoll schwarzer Statisten, grinst verständnislos, Elsa singt und spricht immer deutsch.
Dann reist sie weiter, mit ihrem Flügel-Adjutanten Bobby - ein Pärchen, so treuherzig wie die ARD-Dagmar Berghoff und ihr Zwerg-Schautzer Max. In Kuala Lumpur, Malaysia, soll sie einen Architekten-Kongreß sängerisch untermalen, verschmäht aber die angemietete Hotel-Suite, weil sie "hier so leben will wie das Volk". In einer Palmen-Villa, die einer nicht unvermögenden Sozialhelferin gehört, lebt sie echt volksnah und grübelt über das Elend der Dritten Welt. Beim Stadt-Spaziergang entdeckt sie jedoch überall nur "gesunden Mittelstand".
Aber auch die malaysischen Umweltsorgen kommen zur Sprache, denn Elsa möchte keineswegs "unwissend abreisen". Beim Anblick einer landschaftszerstörenden Zinn-Mine entringt sich ihr die Frage: "Brauchen Sie so viel Zinn?" Die Gesichter Asiens verdüstern sich;
trotzdem darf sie, nach einem mittleren Tropenschauer, der im Serien-Vorspann als "Sintflut" bezeichnet wird, ein durchaus nicht hilfebedürftiges Kind aus einer Slum-Hütte tragen und dabei zierlich in den Schlamm fallen. Die Architekten-Gala fällt dadurch auch ins Wasser. Nun ist sie endgültig eine Öko-Idealistin geworden, und der Piano-Graf Bobby fragt spöttisch: "Hast du die Welt verändert?" "Nein", sagt die singende Mutter Teresa, "aber mich!"
Frisch verändert reist das grüne Blitzmädel zur nächsten Drehbuch-Katastrophe, nach Los Angeles, wo es vor jauchzenden Pazifisten einen Atomrüstungs-Protest abläßt. Im Büro der örtlichen "No Nukes"-Bewegung, die vom Geheimdienst abgehört wird, wird sie außerdem Zeugin, wie ein ausgemergelter Mann Beweismaterial über einen AKW-Strahlenunfall überreicht, für das sich intensiv auch das FBI interessiert.
Der Informant gibt vor, an Leukämie (umweltbedingt!) zu leiden, und bittet röchelnd eine anwesende Nonne, für ihn zu beten. Der Friedensengel Gabriel fühlt sich plötzlich schrecklich "heuchlerisch" und bekennt, sie sei "nur hier, um meine Karriere zu fördern". Ein älterer Kernkraft-Feind tröstet sie: "Denken Sie daran - nobody is perfect, gute Nacht, Elsa."
Elsa unternimmt dann noch einen Abstecher nach Ecuador, wo sie den Landraub am Indio ächtet, bevor sie als erfahrene Frau in die Heimat zurückkehrt. Hier trifft sie nun der letzte, entscheidende Schlag. Eben hat sie con brio ihr neues Lied "Wasser ist Leben, es fließt durch die Adern der Natur" auf Platte gesungen und einer Journalistin entgegnet, "Überleben ist wichtiger als die Frauenbewegung", da muß sie hören, daß der Chemie-Konzern Fromag viel Wasser verunreinigt hat. Und Elsas Plattengesellschaft - Elsa hat es wirklich nicht gewußt - ist eine Fromag-Tochter.
Die deutschen Grünen sind entsetzt. Unsere Gabriel im Bündnis mit dem menschenverachtenden Großkapital? Auf einer Groß-Demonstration will sie singen und sich rechtfertigen, aber die Polizei erscheint und nimmt sie gemeinsam mit Randalierern in Gewahrsam.
Nun sitzt sie schwer in der Dünnsäure und wird vom Showbusiness in aller Stille verklappt. Fernsehen und Phonowirtschaft haben die Ökofaxen dicke und lassen sie fallen. "Es ist alles aus, Elsa, c'est ca", verkündet Bobby der Totenbleichen.
Doch wenigstens bleibt ihr - nach all den umweltpolitischen Wirren - der lauschige Einöd-Hof. Da sitzt sie, am 6. Mai in Folge 6, am Kamin, schüttelt ein letztes Mal die Goldlocken und diktiert ihre Memoiren. Draußen, am Wald, nagt der saure Regen.
Uns aber - gute Nacht, Elsa - läßt sie mit der Frage allein, wie es nun mit der Schöpfung weitergehen soll.
Peter Stolle

DER SPIEGEL 13/1984
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