01.10.1984

„Könnte mich vor lauter Wut verhackstücken“

Under-Cover-Agenten der Polizei spähen die Protest-Szene aus Rüstungsgegner, linke Frauengruppen, militante Zirkel werden nicht nur vom Verfassungsschutz, sondern auch von getarnten Polizisten beäugt. In ihrem Buch „Im Schatten des Rechts“, das in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde, schildern die Autoren Rolf Gössner und Uwe Herzog einschlägige Fälle. Auszug:
Hamburg. September 1982: "Nach zweijähriger Ausbildung beim Bundeskriminalamt" - so sagt sie inzwischen selbst - mietet sich die damals 22jährige Martina F. im dritten Stock eines Altbaus im Hamburger Karolinenviertel ein.
Alles, was ab diesem Zeitpunkt an ihrer Person und dem, was sie zu sein vorgibt, stimmt, ist - und auch das nur vermutlich - ihr Name. Der Rest ist "cover": abgebrochenes Biologiestudium in Würzburg, jetzt neue Einschreibung an der Hamburger Universität im Fach Soziologie.
Es ist kein Zufall, daß Martina F. als "junge Studentin" ausgerechnet im Sanierungsstadtteil "Karo"-Viertel einzieht. Denn was sie vorfindet, ist ein Klima aus Nachbarschaftshilfe unter Arbeitern, Arbeitslosen, Sozialhilfeempfängern, Ausländern, Rentnern, kinderreichen Familien und Wohngemeinschaften junger Leute.
Es ist leicht unter den Bewohnern, die vor allem die Auseinandersetzung um Häuserabrisse und geplante Neubauten mit überteuerten Mieten verbindet, Kontakt zu finden. Gleich "um die Ecke", nur wenige Schritte von ihrer Wohnung entfernt, gibt es einen wichtigen Treffpunkt der einzelnen Stadtteilinitiativen: den "Ökoladen" in der Turnerstraße 9. Hier beginnt für sie der "Einstieg" in die "Szene".
Auf ihrem Dienstplan stehen Treffen der Stadtteilinitiative zum Volkszählungsboykott, Flugblätter verteilen und eine Demonstration im Zusammenhang mit politischen Gefangenen (nach der Verhaftung von Christian Klar im November 82). Sie engagiert sich in den Gruppen, die Munitionstransporte der Bundesbahn beobachten, bei der Vorbereitung für ein norddeutsches "Frauenwiderstandscamp", bei der Blockadeaktion gegen ein Munitionsschiff in Oldenburg, bei einer Demonstration gegen den Militärumschlaghafen Nordenham und den Aktionen der Friedensbewegung gegen die US-Garnison in Bremerhaven.
Ein Fulltime-Job, denn Martina F. beschränkt sich nicht auf die Mitarbeit in einer Gruppe - es gelingt ihr, gleich mehrere Bewegungen, die untereinander sehr verschiedene politische Auffassungen vertreten, zu "durchdringen": Friedensgruppen, die "autonome Szene", die "antiimperialistische Szene". Bei Diskussionen, in denen es um politische Inhalte geht, hält sie sich allerdings zurück.
Dafür erweist sie sich als Organisationstalent: greift zum Telephon, wenn im "Ökoladen" nicht gleich jemand "rangeht", tippt Alarmketten, über die Leute aus den Gruppen gegen "Muni"-Transporte telephonisch über beobachtete Bombenzüge informiert werden, und gibt sich sogar selbst dabei als "Kontaktadresse" an. Als im "Ökoladen" sogenannte "Infopakete" verschnürt werden, die Bücher und Broschüren für politische Häftlinge enthalten, ist sie es, die Adressenaufkleber beschriftet.
Zum Studieren kommt sie dabei kaum: "Ich warte eigentlich auch nur auf einen Studienplatz für Sportmedizin", erklärt sie ihren neuen Freunden, mit denen sie auch schon mal gemeinsam kocht oder schwimmen geht. Als die über die teure Einrichtung ihrer Wohnung staunen, sagt Martina: "Die gehört dem Hauptmieter, ich darf nur seine Wohnung erst mal benutzen." Drei große Zimmer - "für zweihundert Mark".
Auch für ihr nagelneues Auto hat sie eine "cover"-Legende: In ihren alten Wagen sei ein Betrunkener gerast, und damit sie nicht zur Polizei ginge, habe er ihr "über seine Versicherung" einen neuen spendiert. Teure "Klamotten", die sie trägt, habe sie sich "zusammengeklaut".
Von Anfang ihrer Polit-Karriere an macht sich Martina F. gezielt "unverdächtig": Als etwa an einem Studienseminar an der Uni zum Thema "Abweichendes Verhalten" auch Polizisten teilnehmen, die sich in "Kriminalistik" weiterbilden, schimpft sie: "Warum werden die Bullen hier eigentlich nicht rausgeschmissen?" Und bei einer Blockadeaktion am US-Stützpunkt in Kellinghusen ruft sie über den von Polizisten bewachten Zaun: "Yankees go home, Yankees go home!" Schließlich gelingt es ihr, einem uniformierten Kollegen ein Bein zu stellen, der daraufhin in einen Graben rutscht. Die übrigen Blockierer, die ein absolut passives "Sitzenbleiben" verabredet hatten, sind verblüfft.
Überhaupt sind Martina F. solche Blockaden und Demos durchweg "zu lahm". Als sie nach der Blockade in Kellinghusen Frauen begleitet, die zum Gerichtsprozeß gegen eine "RAF"-Sympathisantin (Helga Roos, die verdächtigt wird, Terroristen mit Nahrungsmitteln und einem Zelt versorgt zu haben) nach Stuttgart-Stammheim fahren, sagt sie: "Ich bin total unzufrieden mit den Aktionen der Friedensbewegung, ich will mehr machen." Sie fände es "wichtig, sich mit politischen Gefangenen auseinanderzusetzen".
In dieser "antiimperialistischen Frauengruppe" schließlich scheitert Martina F. - in vielen politischen Diskussionen findet sie keinen Standpunkt, ihre angelernte politische Überzeugung wird durchschaut. Im Februar 1984 folgt ihre Enttarnung als BKA-Agentin. Sie gesteht einer Gruppe von Frauen, daß sie nach ihrem Abitur 1978 in Oldenburg eine Polizeiausbildung begonnen und ihre Einschreibungen an Universitäten später immer nur als "cover" benutzt habe.
Kurz vor ihrer eigenen war es in Frankfurt zur Enttarnung eines Kollegen vom Verfassungsschutz gekommen, der auf die "militante Szene" angesetzt und bei Auseinandersetzungen in Bremerhaven (US-Kasernen-Blockade) und zuvor in Krefeld (300-Jahr-Feier "Deutsche in Amerika") dabeigewesen war. Martina F.: "Das ist halt unser Berufsrisiko ..."
Am nächsten Tag verläßt Martina F. die Stadt. Sie macht sich nicht einmal mehr die Mühe, ihr Namensschild am Klingelbrett ihres Hauses abzumontieren. Sie wird sowieso einen neuen Namen brauchen ...
Braunschweig. Eine typische Demonstrationsszene: Atomkraftgegner fahren auf einem Trecker mit angehängtem Bauwagen, an dem zwei Lautsprecher befestigt sind, im Zug mit. Einer von ihnen trägt ein Halstuch vor dem Gesicht, auf dem Schoß hält er einen Motorradhelm. Dieses Photo entstand am 30. Oktober 1982 bei einer Großdemonstration gegen das geplante Atommüllendlager "Schacht Konrad" bei Salzgitter. Auf dem Trecker fahren Mitglieder des "Arbeitskreises gegen
Atomenergie" aus Braunschweig mit. Der "Vermummte" heißt Thomas Kalkhoff.
Er ist ausgebildeter Kraftfahrer und arbeitet zur Zeit beim VW-Werk in Wolfsburg - in Kurzarbeit. Sagt er. Tatsächlich heißt er Kai Uwe C., geboren am 28. 5. 1955. Sein Arbeitgeber: das Landeskriminalamt in Hannover. Dort gehört er dem "Fahndungskommando" an und ist für die Abteilung 6 tätig - den "Staatsschutz".
Fünf Wochen lang war Kai Uwe C. als "Under-Cover-Agent" auf den Braunschweiger Anti-AKW-Arbeitskreis angesetzt. Im September 1982 taucht er zum erstenmal in einer Braunschweiger Wohngemeinschaft auf. Am 2. Oktober fährt er mit zur Demonstration gegen den Bau des "Schnellen Brüters" in Kalkar - im hellblauen VW-Käfer mit Braunschweiger Kennzeichen.
Vier Tage später ist er bei einer Veranstaltung ("Atomstaat in Salzgitter") in Lebenstedt dabei, unterhält sich danach - wie "zufällig" - mit Mitgliedern des Braunschweiger Arbeitskreises und hilft ihnen, einen Büchertisch abzubauen. Schon am nächsten Abend kommt er zum regelmäßigen Plenum des Arbeitskreises. Schließlich nimmt er an Vorbereitungstreffen für die am 30. Oktober geplante Demonstration gegen das Endlager "Schacht Konrad" teil.
So wie seine BKA-Kollegin Martina F. in Hamburg avanciert Kai Uwe C. im Arbeitskreis zu einer Art "Sekretär": Er übernimmt Botengänge, erledigt Besorgungen und tippt Schreibarbeiten aller Art. Als Rundbriefe im ganzen Bundesgebiet verschickt werden sollen, klebt er die Umschläge zu, schreibt Adressen. Auch den Büchertisch des Arbeitskreises betreut C. gern, egal, ob auf politischen Veranstaltungen oder etwa bei einer Erstsemesterfete in der Technischen Universität.
Als am Vorabend der Großdemonstration in Salzgitter ein letztes Vorbereitungstreffen stattfindet, bei dem Schlafplätze für auswärtige Teilnehmer verteilt und Reden durchdiskutiert werden, ist C. schon "voll drin". Er fordert: "Die Reden müssen fetziger formuliert sein!" Seiner Ansicht nach sollten die Demonstrationsteilnehmer bewegt werden, direkt zum Schacht zu gehen und "dort was zu machen".
Der Direktor des Landeskriminalamtes Hannover, Waldemar Burghard, sagt wenige Tage später (in einem Interview mit der "Tageszeitung"): "Unsere Beamten, die so eingesetzt werden, haben den Generalauftrag, sich nicht als ''Agent provocateur'' zu betätigen." Ausnahmen bestätigen bei solchen "General"-Aufträgen offenbar die Regel.
Schließlich ist C. bei der Demonstration in den vordersten Reihen dabei, nachdem er sich von den Mitgliedern des Arbeitskreises abgesetzt hat. "Bewaffnet" ist er mit einem schweren Seil, das zur Blockade von Zufahrtswegen dienen soll, und mit Arbeitshandschuhen - beides zuvor auf LKA-Spesen von ihm gekauft. Auch eine Gasschutzbrille hat er dabei. Doch trotz der Vermummung wird er von einem Hannoveraner erkannt: als Polizist. Fünf Tage später erscheint C. dennoch auf einer Nachbereitungsveranstaltung zu der Demonstration.
Einige Teilnehmer sprechen ihn auf seine Identität an. C. gibt sich gelassen: "Ach so, ja, also, ich hol'' mir nur mal schnell ''n Bier ..." Er verläßt den Raum - und Braunschweig. Sein Chef, LKA-Direktor Burghard, begründet den "UCA"-Einsatz nach der Enttarnung gegenüber der "Frankfurter Rundschau" so: "Die Polizei muß ja wissen, was aus einer Demo wird, zum Beispiel, welche Teilnehmer zu erwarten sind. Da kommt man um solche Methoden nicht herum. Das war ganz selbstverständliche Aufklärung ..."
Göttingen. Diese "selbstverständliche Aufklärung" betreibt das Landeskriminalamt Hannover bereits seit 1979; ebenfalls in Braunschweig - und in Göttingen. Auch hier ist das ein "Arbeitskreis gegen Atomenergie", den sich zwei Beamte des LKA als "Arbeitsplatz" ausgesucht haben.
Im März 1978 nimmt einer von ihnen, der Polizeiobermeister Klaus E., zum erstenmal Kontakt mit Mitgliedern des Göttinger Arbeitskreises (GAK) auf - bei einem Seminar in Hamm. Er stellt sich als arbeitsloser Photograph vor, ein Vorwand, um später fleißig Bilder von Atomkraftgegnern schießen zu können. Ausgestattet ist er mit falschen Papieren: Personalausweis, Führerschein, Wagenpapiere für zwei getarnte Dienstfahrzeuge. Sogar eine Hörerkarte für die Volkshochschule ist dabei. Alles auf den Decknamen Marc Baumann.
Marc Baumann (Spitzname "Wicky") kommt bald zu den regelmäßigen Sitzungen des GAK, nimmt an Gorleben-Seminaren teil und an einem Treffen über alternative Energie in Schweden. Er organisiert - offenbar eine Lieblingsbeschäftigung getarnter Polizeiagenten - den Büchertisch auf dem Marktplatz, schläft meist in Göttinger Wohngemeinschaften und beginnt sogar ein Verhältnis mit einer 15jährigen AKW-Gegnerin. Schließlich führt er den Polizei-Kollegen Christian Rudolph M. als seinen "Freund Rudi aus Hannover" ein.
Auch Marc Baumann nimmt es mit dem "Generalauftrag", sich nicht als "Agent provocateur" zu betätigen, nicht ganz genau. Bei einer Diskussion über denkbare Widerstandsformen gegen die geplante Atommülldeponie Gorleben schlägt er vor: "Es wäre gut, wenn man eine Rauchbombe in die Trafostation werfen würde. Das würde Aufruhr geben."
Bei einem anderen Treffen bringt er eine Tränengasgranate mit zum "Arbeitskreis gegen Atomenergie": "Die will ich bei der nächsten Demo loswerden", sagt er. Er könne, teilt er den GAK-Mitgliedern mit, auch Sprengstoff "und andere Materialien" besorgen.
Marc Baumann und sein Freund "Rudi" sind nicht die einzigen Agenten, die zu der Zeit in Bürgerinitiativen Niedersachsens operieren: Im Raum Braunschweig sind gerade zwei Kollegen von ihnen unterwegs, von denen nur die Decknamen bekannt sind - Erwin Gomes und Bernd Steymann. Erwin Gomes, Spitzname "Otto", taucht sogar in einer Landwohngemeinschaft bei Braunschweig auf, legt ein Fünfziger-Paket mit 9-mm-Munition auf den Tisch und sagt: "Die hab'' ich aus Frankfurt. Ich kann da auch Waffen kriegen." Die vier Agenten haben eins gemeinsam: die Deckadresse in Hannover. Und nicht nur die Adresse. Auch das Handwerk.
Köln. Im Frühjahr 1981 steht der Kölner Theo P. in der Domstadt vor Gericht. Angeklagt wird P. wegen "Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, Besitz und Weitergabe von Sprengstoff sowie Waffendiebstahls". Das Urteil: 16 Monate Gefängnisstrafe.
P. sagt, diese Strafe habe er zwei "Under-Cover-Agenten" des Stuttgarter Landeskriminalamtes zu verdanken. Die beiden Beamten Ralf H. und Hans-Joachim K. hätten monatelang versucht, P. für eine neu zu gründende "Revolutionäre Zelle" zu gewinnen. Sie hätten dabei gleich die "richtige politische Überzeugung" mitgebracht, die eine solche "Zelle notwendig mache", hätten Pläne für Anschläge parat gehabt und sogar Waffen und Ausbildung "im bewaffneten Kampf" angeboten.
So soll sich nach Darstellung P.s und anderer Zeugen alles abgespielt haben: Anfang 1979. Im Mehrzweck-Gebäude der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim beginnt der Prozeß gegen die Rechtsanwälte Arndt Müller und Armin Newerla. Die beiden sollen, laut Anklageschrift, Waffen in die Haftanstalt geschmuggelt haben, die später in den Zellen der toten "RAF"-Mitglieder Jan-Carl Raspe und Andreas Baader gelegen hatten. Unter den Zuschauern des Prozesses seien die beiden
Stuttgarter LKA-Agenten H. und K. gewesen.
Ihr Auftrag, so vermutet P., sei gewesen: Infiltration der Szene, die solche Gerichtsverhandlungen besucht - der mögliche "Sympathisantenkreis". Die beiden hätten sich eine (Tarn-?) Wohnung im Stuttgarter Stadtteil Heslach geteilt und - so hätten sie gesagt - "von Gelegenheitsjobs" gelebt. In den ersten Prozeß-Tagen hätten sie sich zurückgehalten, keine neugierigen Fragen gestellt, höchstens mal eine "Fluppe" spendiert. Dann seien sie auf die damals 24jährige Barbara Flock _(Namen geändert. )
aufmerksam geworden, die durch häufige Zwischenrufe im Gerichtssaal auffiel. Ralf H. habe sich wie zufällig neben sie gesetzt und sich über den Richter lustig gemacht: "Guck dir mal die blöde Sau an!" Barbara Flock sagt, sie habe Vertrauen zu den beiden gewonnen und ihnen gesagt, daß sie Kontakte auch zur "Schwarzen Hilfe" in Köln habe.
Barbara Flock wohnt in Tübingen. Da sei H. eines Tages bei ihr aufgetaucht: "Du, ich bin mit meinem Auto liegengeblieben", habe er gesagt. Die beiden seien in die Tübinger Pizzeria "San Remo" essen gegangen - und H. habe seine "Legende" erzählt: Er habe mal in der KPD Leute militärisch ausgebildet, aber das seien alles "Scheißtypen". Er fühle sich in der Sympathisantengruppe wohler, diese politische Arbeit sei "doch viel sinnvoller". "Ich hab'' gemerkt, du bist ''ne saubere Frau", habe H. gesagt und dabei eine Pistole (Marke "Walther PPK") aus der Tasche gezogen. Mit dem Hinweis, in der Schweiz könne er davon noch mehr besorgen. Außerdem sei er in der Lage, Leute an Waffen auszubilden. Man könne doch "eine Gruppe" bilden.
Barbara Flock, gerade in der Ausbildung als Krankenschwester, habe mit all dem nichts anzufangen gewußt. Aber sie habe H. nicht unsympathisch gefunden. Ihr seien ihre Bekannten in Köln eingefallen, die in der "Schwarzen Hilfe" aktiv sind: "Vielleicht fragst du die mal", habe sie gesagt. Im Februar 1979 sei es zu einem ersten Treffen mit drei Mitgliedern der "Schwarzen Hilfe" in Köln gekommen, eins davon sei Theo P. gewesen. Spätabends, in der Szene-Kneipe "Exil", hätten sich H. und K. mit Sprüchen hervorgetan wie: "Das einzig Wichtige ist, daß etwas passiert!" Die Studentin Sabine Herford, _(Namen geändert. )
ebenfalls dabei, habe sich zurückgezogen: "Mir sind die Typen mit ihren blöden Militanzsprüchen auf die Nerven gefallen", erinnert sie sich.
Theo P. war zwei Jahre lang in Initiativen gegen Atomanlagen aktiv. Das sei der Ansatzpunkt der Beamten gewesen: Sie hätten eine intensive Diskussion darüber angezettelt, wie man denn wirklich "effektiven" Widerstand gegen Atomkraftwerke leisten könne.
Über Wochen und Monate hätten die Fahnder Theo P. immer wieder mal getroffen, mal in Köln, mal in Stuttgart. Schließlich, nachdem sie ihre neue Zielperson schon etwas "weichgeklopft" hätten, seien sie mit einem Vorschlag gekommen: "Man könnte in Köln ja mal ''ne revolutionäre Zelle gründen."
Tatsächlich habe sich P. zunächst vom Aktionsfieber der Beamten anstecken lassen. Bei einem späteren Treff habe er ihnen einen mit den "Komponenten Unkrautvernichtungsmittel und Rohrzucker im Mischverhältnis von ca. 50 zu 50" (so ein abschließender LKA-Bericht) gefüllten Feuerlöscher übergeben. Dann habe er sich zum Diebstahl einer Waffe verleiten lassen: Als ihm bei einem Aushilfsjob im Paketdienst der Post ein Päckchen mit dem Absender einer Waffenfabrik (Empfänger: der Werkschutz der Firma "Dynamit Nobel") in die Hände geraten sei, habe er es verschwinden lassen. Der Inhalt sei ein Revolver gewesen. Währenddessen hätten H. und K. die "Erfahrenen" gespielt: Auf ihr Konto - so hätten sie behauptet - ginge ein Anschlag auf einen Hochspannungsmast am Atomkraftwerk Fessenheim und Brandsätze in der Auseinandersetzung um das besetzte "Dreisam-Eck" in Freiburg. Sie hätten auch für das richtige psychologische Klima in Theo P.s Freundeskreis gesorgt, Barbara Flock und zwei Kölner aus der "Schwarzen Hilfe" in ihre Stuttgarter Bude eingeladen und sie mit ihren Pistolen hantieren lassen.
Barbara Flock: "Da hatten wir zum erstenmal Waffen in der Hand. Die haben uns gezeigt, wie man mit so einem Ding umgeht. Wir waren so begeistert, weil wir so ein Ding noch nie in der Hand hatten."
Im Mai 1979 schließlich hatten H. und K. ihrer Zielperson P. einen Attentatsplan unterbreitet: Anschlag auf das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz. P. habe von den Beamten einen Auftrag erhalten, die Halter bestimmter Fahrzeuge zu ermitteln, die auf dem Gelände des Amts parken. In einem dieser Autos sollte später - so P. - eine 59 Kilogramm schwere Bombe angebracht und tagsüber, wenn der Wagen im Amt geparkt sei, ferngezündet werden. Für die Vorbereitungszeit sollte P. - so sagt er - eine konspirative Wohnung anmieten.
Später, als Theo P. vor allem wegen der Übergabe des Feuerlöschers und des Diebstahls der Werkschutz-Waffe vor Gericht steht, faßt er in einer Erklärung zusammen: "Wie es nach solch einer Geheimdienstaktion aussieht, ist noch gut vom faschistischen Anschlag in Bologna in Erinnerung." Er habe sich spätestens seit dem Attentatsvorschlag gefragt, "ob das Chaoten oder Staatsschützer sind", mit denen er da zusammengekommen war. Wäre es tatsächlich zur Zündung einer solchen Bombe gekommen, dann hätten Tote nicht ausgeschlossen werden können.
Als H. und K. P.s Distanz zu diesem "Wahnsinnsunternehmen" bemerkt hätten, habe man ein neues Projekt vorgeschlagen - diesmal ohne eingeplante Menschenopfer. Der Hauptleitungsmast des Atomkraftwerks Neckar-Westheim sollte - so P. - gesprengt werden, alles sei bereits vorbereitet gewesen. Es habe den Beamten nur noch ein dritter Mann gefehlt. Doch P. habe es auch diesmal abgelehnt, sich zu beteiligen. Da habe K. versucht, sich in einem letzten Anlauf an Theo P. heranzumachen.
In wohldosierter "Szene-Sprache" habe K. einen Brief an P. geschrieben: "Fühle mich momentan echt beschissen, könnte mich vor lauter Wut am liebsten selbst verhackstücken ... aber darüber wollen wir ausführlicher quatschen. Die Fähigkeiten zum Reden dürfen nicht verschüttet werden. Für die Bewegung in Bewegung bleiben - nicht das Was verleugnen, aber das Wie täglich neu erkämpfen, damit das, was nicht aufs neue negiert werden kann ... es schwimmt was weg, was man unbedingt halten will. Aber die Kraft ist gerade in diesem Moment auf etwas anderes gerichtet, obwohl jeder/jede den Weg ins Menschliche zum Menschlichen will/sucht/dafürsein und kämpft."
Dem Brief habe ein genauer Lageplan der "Orgatechnik-Messe" beigelegen, auf der K. angeblich gerade für eine Stuttgarter Firma "gejobbt" habe. P. vermutet, dies sei ein letzter Versuch gewesen, ihn in einem Moment festzunehmen, in dem er sich einer Straftat verdächtigt macht. Immerhin seien auf dem Plan sämtliche Feuerlöscher eingezeichnet gewesen. P. spekuliert: Sollte er mit diesem Lageplan auf der Messe "auf frischer Tat" gestellt werden und vielleicht sogar der präparierte Feuerlöscher in diesem Zusammenhang wieder auftauchen, den P. den Beamten Wochen zuvor übergeben hatte? Wenn schon keine Festnahme beim Bombenlegen, dann doch wenigstens eine bei einer vermeintlichen "Material"-Beschaffung?
Theo P., der sich bereits seit einiger Zeit mit seinen Rechtsanwälten über die Treffen mit H. und K. verständigt habe, sei jedenfalls nicht hingegangen. Seine Anwälte hätten ihm von weiteren Kontakten mit den getarnten LKA-Agenten abgeraten. Dann wird Haftbefehl gegen Theo P. erlassen, ein 25seitiger Ermittlungsbericht des Stuttgarter Landeskriminalamts ("Streng vertraulich") stempelt ihn vor Gericht zum hochkarätigen Terroristen.
Rolf Gössner, Uwe Herzog: "Im Schatten des Rechts. Methoden einer neuen Geheimpolizei". Kiepenheuer & Witsch, Köln; 380 Seiten; 19,80 Mark. Namen geändert. Namen geändert.

DER SPIEGEL 40/1984
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