30.01.1984

„Dieser Idiot hat ein Geständnis abgelegt“

Steuerfahnder ertappen 1978 den Pater Josef Schröder bei krummen Spendengeschäften. Der Ordenspriester schleust Millionenbeträge auf Schweizer Konten. Die Spur, die Bonner Staatsanwälte verfolgen, führt direkt zum Flick-Konzern. Firmen-Manager haben, wie sich jetzt zeigt, nicht nur Politiker geschmiert, sondern auch in großem Stil Steuern hinterzogen, unter Mitwirkung des Gesellschafters Eberhard von Brauchitsch. *
Der Bonner Staatsanwalt Karl-Josef Paltzer ist ein gläubiger Katholik. Und deshalb will er das, was ihm Regierungsdirektor Klaus Förster, der Leiter der Steuerfahndungsstelle Sankt Augustin, am 8. November 1979 am Telephon erzählt, auch gar nicht glauben.
Ein Pater namens Josef Schröder, der das Vermögen der Steyler Mission in Sankt Augustin verwalte, berichtet Förster, kassiere seit Jahren vom Flick-Konzern Millionenspenden, vermerke darüber aber nichts in seinen Büchern.
Der Ordensbruder betreue diverse Bankkonten, darunter eines beim Schweizerischen Bankverein in Luzern. Und die Schecks, die dort unter dem Kennwort "Projekt Steyl" eingingen, seien ausnahmslos von Flick-Firmen ausgestellt, von der Feldmühle AG, der Dynamit Nobel AG und der Eisen-Werkgesellschaft Maximilianshütte - jeweils Beträge zwischen 200 000 Mark und 500 000 Mark.
Die vielen Tausender sind für die "Soverdia" ("Societas Verbi Divini") bestimmt, die "Gesellschaft des Göttlichen Wortes", die sich laut Satzung "mildtätigen, kirchlichen und religiösen Aufgaben" in aller Welt widmet. Das Finanzamt Kempen hat die Soverdia - Steuer-Nr. 51/118 - als gemeinnützig anerkannt. Wer den Missionaren Geld gibt, darf die Spende bei der Steuererklärung absetzen.
Förster regt an, der Sache nachzugehen. Staatsanwalt Paltzer beschlagnahmt Belege bei den Banken und vernimmt in Sankt Augustin vier Ordensgeistliche. Einer von ihnen ist der Provinzialobere Paul Zepp, ordensrechtlich der Vorgesetzte von Schröder.
Er hat bereits mit Bruder Josef über "den hier anstehenden Fragenkomplex" gesprochen, beruft sich aber "als Seelsorger" auf seine Schweigepflicht. Eines allerdings stellt Zepp klar: Er habe Pater Schröder "keinen Auftrag erteilt, Geld in die Schweiz zu überweisen".
Die karge Mitteilung hilft den Fahndern nicht weiter. Sie vermuten, daß Schröder einen Teil des Geldes in die eigene Tasche gesteckt hat. Und deshalb wird gegen den Pater wegen Verdachts auf Steuerhinterziehung und Untreue ermittelt. Der Vorgang bekommt das Aktenzeichen 41 Js 178/78.
Der Soverdia-Finanzverwalter hat zwar, wie alle seine Brüder, das Gelübde der Armut abgelegt. Aber so manche Finanztransaktion, die er mit Flick-Direktoren abgewickelt hat, macht den Staatsanwalt stutzig. Steuerfahnder schildern Schröder in Vermerken als "schillernde Persönlichkeit", die einen "sehr aufwendigen Lebensstil" führt. Mit Flick-Geldern?
Das will Paltzer jetzt genau wissen, er recherchiert vor Ort. Am 23. Januar 1980 rücken die Fahnder bei Flick in der Mönchenwerther Straße 15 in Düsseldorf-Oberkassel an. Sie kommen, dem Umfang der Spenden entsprechend, gleich zu viert, neben Paltzer noch der Steuerfahnder Förster und dessen Mitarbeiter Günther Bolz und Dieter Frohn.
Oberregierungsrat Wilhelm Kühnen, als Konzernbetriebsprüfer sozusagen ständiger Gast des Hauses, führt die Kollegen zu Heribert Blaschke, dem Leiter der Steuerabteilung. Zunächst will Steueramtmann Bolz mal wissen, wer im Konzern unter der Durchwahlnummer 260 zu erreichen ist. Die Nummer, die er beim Empfang in einer Telephonliste entdeckt, kennt Bolz aus einem Notizbüchlein Pater Schröders; dort war unter 260 der Name "Flick" vermerkt.
Dieser Anschluß, klärt Blaschke auf, gehöre Herrn Diehl, dem Leiter der Buchhaltung. Rudolf Diehl erklärt auf Befragen, er habe "weisungsgemäß die Zahlungen abgewickelt, die Weiterbelastung an die Konzerntöchter vorgenommen und den Eingang der Spendenbescheinigungen überwacht". Er kenne Pater Schröder, der ihn auch persönlich in der Firma aufgesucht habe.
Die Ermittler dringen bis in den Keller der Konzernzentrale vor und finden dort Schriftstücke, die vermuten lassen, daß auch Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch von den Spenden an die Soverdia weiß.
Von Brauchitsch läßt bitten. Der Name Soverdia GmbH, erklärt er, sei ihm "unbekannt". Er wisse nur, daß an die Steyler Missionare gespendet worden sei. Aber das sei wahrlich "nichts Besonderes", vielmehr werde Flick-Geld an die evangelische wie an die katholische Kirche "weitgehend gleichmäßig" verteilt. Es handele sich hierbei um "echte Spenden, und Rückflüsse der gespendeten Gelder an den Flick-Konzern" seien nicht erfolgt.
Der locker verharmlosende Ton des Flick-Managers macht die Fahnder richtig neugierig. Sie glauben kein Wort. Sie wissen, daß die Konten, auf denen insgesamt 12,3 Millionen Mark von Flick eingezahlt worden sind, in der Buchhaltung der Soverdia gar nicht vorkommen.
Der Pater Schröder könnte jetzt Aufklärung bringen. Doch der steht zu Auskünften nicht mehr zur Verfügung. Die Steyler Mission hat ihn aufs Altenteil bugsiert, nach Küßnacht bei Zürich.
Ende Februar 1980 enthüllt der Bonner Rechtsanwalt Klaus Hohlfeld "im Auftrag von Pater Schröder" in einem Schreiben an die Staatsanwaltschaft das raffiniert eingefädelte Spendengeschäft:
Von jährlich einer Million Mark, die das Unternehmen der Soverdia spendete und von der Steuer absetzte, gingen stets
800 000 Mark, am Fiskus vorbei, an Flick zurück. 100 000 Mark kassierte der - inzwischen verstorbene - CDU-Bundestagsabgeordnete Walter Löhr, der das einträgliche Geschäft vermittelte. Die restlichen zehn Prozent verblieben der Soverdia.
Pater Schröder, berichtet sein Anwalt, habe den Flick-Anteil alljährlich persönlich einem "Herrn Jäger in der Schweiz" überbracht, anfänglich in bar, später durch Schecks zu Lasten des Kontos der Steyler Missionsgesellschaft beim Schweizerischen Bankverein in Luzern.
Fünf Tage nach Eingang des schriftlichen Geständnisses sitzt Staatsanwalt Paltzer, begleitet von drei Steuerfahndern, wieder bei Flick. Eberhard von Brauchitsch ist ganz außer sich, daß die Herren Ermittler dem Pater Schröder, der "vor kurzem noch der Untreue bezichtigt wurde", plötzlich soviel glauben.
Es treffe zwar zu, sagt von Brauchitsch, daß Herr Jäger in Lugano das Haus Flick in Finanzfragen berate, aber die von Schröder aufgestellten Behauptungen seien "unwahr". Und geradezu unverschämt findet er es, seinen verstorbenen Vorgänger Kaletsch der Steuerhinterziehung zu bezichtigen. Mit demonstrativer Empörung kündigt von Brauchitsch an, er werde "rücksichtslos die vollständige Aufklärung des Sachverhalts" betreiben.
Der Flick-Manager verschweigt, daß er Stunden zuvor zwei Steyler Missionare empfangen hat, um mit ihnen über die ärgerlichen Enthüllungen ihres Bruders Josef Schröder zu reden. Pater Ökonom Franz Heek, der die materiellen Güter des Ordens verwaltet, und Pater Rektor Werner Prawdzik waren von einem Flick-Chauffeur in Sankt Augustin abgeholt und in die Firmenzentrale nach Düsseldorf gefahren worden. "Lügen", notiert Heek hinterher in einem Gedächtnisprotokoll, "werden wir nicht."
Auch hohe kirchliche Würdenträger sind beunruhigt, daß Großspender Flick durch Pater Schröder ins Gerede kommt. Provinzial Zepp wird bei einer Sitzung der Arbeitsgemeinschaft Weltkirche von Ruhrbischof Franz Hengsbach auf die unangenehme Sache angesprochen. "Herr von Brauchitsch", gibt Hengsbach dem Steyler Missionschef mit auf den Weg, "ist ein Edelmann."
Daß sich Brauchitsch mit den beiden Ordenspriestern heimlich getroffen hat, erfährt Staatsanwalt Paltzer erst Monate später, als er Heek und Zepp vernimmt. Die Patres berichten von markigen Worten des Flick-Managers.
"Dieses Haus hat durch Jahrzehnte eine exzellent saubere Geschäftsführung. Dieser Pater Schröder ist wohl verrückt", wird Brauchitsch zitiert; bei Flick sei die Staatsanwaltschaft "auf einer falschen Fährte". Der "blöde Pater" habe sich von dem CDU-Abgeordneten Löhr manipulieren lassen, und jetzt habe "Schröder, dieser Idiot, ein Geständnis abgelegt", um den eigenen Kopf zu retten. Er, von Brauchitsch, lasse sich "beide Hände abhacken, wenn auch nur eine Kleinigkeit an der Behauptung von Pater Schröder wahr ist".
Da fehlt den Staatsanwälten noch ein Stück in ihrer Indizienkette. Der Beweis, daß 80 Prozent der Spenden an Flick zurückgeflossen sind, ist bislang nicht erbracht. Der Düsseldorfer Rechtsanwalt Jürgen Waldowski, der die Sache des Flick-Konzerns vertritt, weist die Staatsanwaltschaft in einer Beschwerde darauf hin, wie "außerordentlich geschäftsschädigend" Hausdurchsuchungen sein können, "insbesondere wenn hierdurch eine Publizität entstehen kann".
Vor allem aber geht es Waldowski darum, die Glaubwürdigkeit des Paters Schröder zu erschüttern. Er legt einen Briefwechsel zwischen Eberhard von Brauchitsch und dem Bankier Ernst Jäger vor, in dem Jäger bestätigt, "von einem Pater Schröder erhebliche Beträge" erhalten und "auf Weisung einer kirchlichen Stelle an gemeinnützige Institutionen weitergeleitet" zu haben. Wieviel Geld das war und wohin das Geld ging, läßt Jäger offen. "Ich stehe nämlich", schreibt er abschließend, "als international bekannter Bankier unter Schweigepflicht."
Waldowski fordert, Schröder solle endlich Unterlagen über Konten in der Schweiz vorlegen. Ohne solche Belege müsse seine bisherige Aussage "Stückwerk" bleiben und "als unglaubwürdig bezeichnet werden".
Das tut der Pater. Er stattet seinen Anwalt mit imposantem Beweismaterial aus, das den Flick-Buchhalter Diehl stark belastet und einen früheren Hinweis Eberhard von Brauchitschs, das Spendengeld sei von der Schweiz direkt an den Vatikan gegangen, als Finte entlarvt. Hohlfeld übergibt den Ermittlern die Photokopien von Verrechnungsschecks und Kontoauszügen, und er schildert am Beispiel des Jahres 1976 detailliert, wie das Spendengeschäft abgelaufen ist, diesmal ohne Bankier Jäger:
Von Basel aus fährt Schröder am 29. November 1976 mit der Taxe nach Luzern, wo er um 16 Uhr, kurz von Schalterschluß, beim Schweizerischen Bankverein erwartet wird. Der Pater schreibt einen Scheck über 800 000 Mark aus. Von den 800 Tausendmarkscheinen, die ihm ausgezahlt werden, behält die Bank vier, ein halbes Prozent Provision.
Unverzüglich fährt Schröder mit dem Taxi, das er vor dem Bankgebäude hat warten lassen, nach Basel zurück und erreicht dort den letzten Zug nach Bonn. Von dort fährt er, weil er sich mit dem vielen Geld nicht sicher fühlt, wiederum mit einer Taxe ins Kloster St. Augustin.
Am anderen Morgen, dem 30. November, reist Schröder zu Flick-Buchhalter Diehl nach Düsseldorf und übergibt ihm, wie verabredet, in dessen Arbeitszimmer acht Päckchen mit 796 Tausendmarkscheinen.
Rudolf Diehl geht an seinen Schreibtisch, drückt einen kleinen Knopf - das Zeichen für die Sekretärin, ihn bitte nicht zu stören. Diehl zählt alle acht Päckchen sorgfältig nach und legt das Geld in einen Schrank seines Arbeitszimmers. Den Schlüssel steckt er ein.
Die Geldübergabe vollzieht sich alljährlich nach dem gleichen Ritual. Bei einer Vernehmung im Grenzort Lörrach erzählt Schröder alle Details. Die Fahnder sind ein erhebliches Stück weiter.
Der Schweizer Bankier Jäger erweist seinem Auftraggeber von Brauchitsch noch einen Freundschaftsdienst. Er bestätigt ihm in einem Brief, daß über ihn in den Jahren 1968 bis 1977 "Schenkungen in Millionenhöhe" an kirchliche Organisationen gelaufen seien. Doch die wohlklingenden Namen wie "Fondazione Human Stiftung, Lugano/Bern" und "Mater Misericordiae Foundation-Stiftung, pro Opere Latin Patriarchate for Israel-Nazareth" haben selbst geistliche Israel-Kenner noch nie gehört.
Im Herbst 1980 verteilen die nimmermüden Fahnder aus Sankt Augustin wieder einmal ein neues Aktenzeichen: Unter dem Kürzel 41 Js 272/80 wird fortan auch gegen Diehl wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung ermittelt.
Eigentlich ist der Fall klar: Die Spendengeschäfte mit der Steyler Mission vertragen sich nicht mit den Vorschriften der bundesdeutschen Abgabenordnung. Aber die Steuerfahnder vermuten darüber hinaus, daß Diehls persönliche Steuererklärungen Anlaß zu Beanstandungen geben: Angesichts seines hohen Gehalts von mehreren hunderttausend Mark im Jahr hat Diehl bemerkenswert niedrige Kapitalerträge.
Die Fahnder glauben nicht, daß sie schon alle Einkünfte kennen und schalten den Ersten Staatsanwalt Paltzer ein. Er besorgt einen Durchsuchungsbeschluß für das Bankhaus Merck, Finck & Co.
Es ist inzwischen spät im Oktober, als Bolz an einem Montagmorgen die Bank aufsucht. Er findet, was er wohl vermutet hat: Hinweise auf eine Million in Wertpapieren und darauf, wie Diehl die Zinsen aus den Papieren vor der Steuer versteckt hat.
Der Bank-Bedienstete am Schalter für Zinsscheine weiß Bescheid: Diehl gehört zu den berühmten "Couponschneidern". Diese Art der Steuerhinterziehung verlangt nur geringe Unannehmlichkeiten und ist bei vielen Bundesbürgern erprobt: Man kauft die Wertpapiere nicht auf einem Stück Papier, sondern läßt sie sich tatsächlich aushändigen. Wenn der Zinstermin fällig wird, trägt der Kunde die Papiere an den Bankschalter, läßt den fälligen Zinscoupon abschneiden und bekommt das Geld in bar.
Diehl freilich unterlief ein entscheidender Fehler: Er trug das Geld an den nächsten Schalter, ließ es seinem Konto gutschreiben und hinterließ dadurch eine verräterische Spur.
Der Umstand, daß Diehl sich an alles nicht erinnern kann, spornt die Ermittler an. Eine Woche nach der Durchsuchung in der Bank wird wieder der Staatsanwalt Paltzer tätig: Diesmal beantragt er einen Durchsuchungsbeschluß für Diehls Büro in der Flick-Zentrale in Düsseldorfs Mönchenwerther Straße 15. Es dauert nur zwei Tage, bis die Erlaubnis da ist.
Eine Woche später, es ist der 4. November 1981, steht Bolz morgens um halb zehn, begleitet von seinem Chef Adam, in Diehls Büro. Zunächst eröffnen die beiden dem Flick-Bediensteten, daß auch seine Wohnung und das Feriendomizil im Allgäu durchsucht würden.
Flicks Chefbuchhalter reagiert gelassen. Er ruft seine Putzfrau im Allgäu an, damit sie den bereits wartenden Steuerfahndern die Tür aufschließt. Dann öffnet er den Beamten den Tresor in seinem Büro, der 29 000 Mark und ein paar Tausend österreichische Schillinge enthält. Im Keller der Flick-Zentrale finden die Beamten einen weiteren Tresor, in dem vor allem ein großer brauner Umschlag ihr Interesse weckt: Das große Couvert enthält drei kleine, in denen Wertpapiere im Wert von 800 000 Mark stecken.
Den Fahndern reicht das nicht. Sie haben Notizzettel gefunden, in denen noch weitere Papiere aufgeschlüsselt sind. Gefragt, weicht Diehl zunächst aus.
Als die Fahnder weiter insistieren, greift er zum Telephon und ruft seinen Assistenten Heinz Blomesath an, der kurz darauf mit einer schwarzen Aktentasche erscheint.
Während die Beamten noch in dem Inhalt kramen, klingelt Diehls Telephon: Eberhard von Brauchitsch hat offenkundig von dem alarmierenden Treiben in seinem Haus erfahren. Die Beamten hören, daß Diehl seinem Chef erzählt, die schwarze Aktentasche mit den vertraulichen Unterlagen sei gefunden worden. Dann redet vor allem von Brauchitsch, und leider ist nicht überliefert, was er seinem Buchhalter sagt.
Nur soviel ist den Beamten klar: Brauchitsch weiß, was der Fund bedeutet.
Die Tasche enthält unter anderem zwei weiße Briefumschläge, in denen sich wiederum drei Schlüsselpaare mit den Nummern 82, 132 und 276 befinden. Als Diehl erläutert, daß die Schlüssel zu Schließfächern der Dresdner Bank in der Düsseldorfer Filiale Nordstraße gehören, fahren die Fahnder sofort hin.
Das Fach 82 ist leer. In den beiden anderen Fächern aber liegen jene Beweise, die urplötzlich aus dem Fall Diehl einen Fall Flick machen: die pedantisch geführten Aufzeichnungen des Buchhalters über den jahrelangen Spendensegen, der aus dem Hause Flick über Politiker quer durch die Bundesrepublik herabging.
Am Morgen nach dem Fund in der Nordstraße klingelt bei der Bonner Staatsanwaltschaft das Telephon: Waldowski will die Lage peilen. Er möchte die beschlagnahmten Unterlagen einsehen, die die Firma Flick betreffen.
Der Staatsanwalt Gerd Pohl, der am Telephon ist, vertröstet den Anwalt: Das müsse der Kollege Paltzer entscheiden, der die Unterlagen genau prüfe.
Paltzer freilich hatte zunächst einmal reichlich damit zu tun, den Fund in der Nordstraße auszuwerten. Eines fällt besonders ins Auge: Eberhard von Brauchitsch, dem der Kollege Pohl seinerseits in seinen FDP-Parteispenden-Ermittlungen hart auf der Spur ist, hat bei den Geschäften mit dem Pater Schröder kräftig mitgemischt. Seine Unterschrift auf einer Diehl-Notiz belegt das augenscheinlich.
Außerdem hat die Durchsuchung bei Diehl eine völlig neue Geschichte zu Tage gefördert: Nach dem Muster der Steyler Mission hat von Brauchitsch einen bekannten Bankier in einen anrüchigen Millionen-Deal verwickelt.
Die Geschichte reicht ein paar Jahre zurück, als Flick sein Stahlwerk Maxhütte an den Klöckner-Konzern verkaufen will. Als die Partner sich über den Kaufpreis nicht einigen können, schaltet von Brauchitsch den Banker Adolf Ratjen ein. Ratjen, Seniorchef des Bankhauses Delbrück mit Adresse Liechtenstein, macht sich nützlich und bekommt
offiziell eine Provision von 2 690 000 Mark auf eine Bank nach Zürich überwiesen.
Das eigentliche Geschäft beginnt freilich erst. Gut eine Woche später reist Diehl dem Geld hinterher. Er trifft in Zürich mit Ratjen zusammen, der ihm einen Koffer mit 1 290 000 Mark überreicht. Als Diehl zurückfliegen will, ist der Flughafen eingeschneit. Der Chef-Buchhalter meldet das Malheur telephonisch an Brauchitschs Sekretärin. Die Mitarbeiterin schreibt für ihren Chef auf, daß Diehl "jetzt mit dem Zug kommen" wird. Dann notiert sie Diehls entscheidende Botschaft: "Er hätte die Ware bei sich."
Tatsächlich kommt der pflichtbewußte Buchhalter kurz vor Mitternacht mit der Deutschen Bundesbahn in Düsseldorf an. Er geht ins Büro und legt die Geldbündel in den Tresor - zu jenen Hunderttausenden, die der Pater Schröder regelmäßig heranbringt.
Für die Steuer ist der Fall klar: Fast die Hälfte der üppigen Provision für den Bankier Ratjen, die selbstverständlich in den Flick-Büchern als Ausgaben laufen, sind in die schwarze Konzernkasse zurückgelangt.
Eberhard von Brauchitsch, das belegen die Unterlagen - weiß von alledem. Der Staatsanwalt Paltzer findet es nun höchste Zeit, gegen den Flick-General ein Verfahren einzuleiten: Es ist der 10. November 1981.
Am nächsten Tag steigt eine beispiellose Durchsuchungsaktion. Auf dem schnellsten Dienstweg besorgt sich Paltzer die Genehmigung, in diversen Banken, dem Flick-Konzern und sogar in Eberhard von Brauchitschs Privathaus nach neuen Beweisen zu fahnden.
Morgens um neun Uhr beginnt die Aktion im Düsseldorfer Vorort Metzkausen, wo Brauchitsch wohnt. Drei Beamte, angeführt vom Chef in Sankt Augustin, Hans Joachim Adam, suchen zunächst die örtliche Polizeidienststelle auf. Der Grund: Brauchitschs Haus wird aus Sicherheitsgründen bewacht. Der Wachmann könnte auf falsche Gedanken kommen, wenn drei zivile Fahnder in das Haus eindringen.
Alsdann parken die Beamten ihre beiden Autos in einigem Abstand zum Haus. Adam, ganz unauffälliger Spaziergänger, geht die paar Schritte zu Fuß und klingelt. Frau von Brauchitsch empfängt den Beamten. Auf die Bitte der Hausherrin, ihren Mann anrufen zu dürfen, antwortet der Fahnder: selbstverständlich, aber erst zwanzig Minuten nach zehn Uhr. Dann nämlich, so ist vereinbart, soll die Durchsuchung in Brauchitschs Büro anrollen.
Nach dem Vorgeplänkel winkt Adam von der Haustür "mittels unauffälligem Handzeichen", wie er später protokolliert, seine beiden Kollegen herbei. Brauchitschs Haus, darunter Safes im Keller und im Schlafzimmer, werden durchstöbert. Aber die Beamten finden nichts, was das Mitnehmen lohnt. Nachdem Frau von Brauchitsch sich für das diskrete Auftreten bedankt, ziehen die drei wieder ab und fahren nach Düsseldorf-Oberkassel.
Dort, in der Flick-Zentrale, wird jeder Mann gebraucht. Steuerfahnder und Staatsanwälte tummeln sich in der Chefetage, scheuchen Sekretärinnen und leitende Herren auf. Der Staatsanwalt Paltzer klärt Brauchitsch über seine Erkenntnisse in Sachen Soverdia auf, die seines Erachtens für eine Anklage reichen. Der Kollege Pohl eröffnet dem Flick-General, was er in der FDP-Spendenaffäre ermittelt hat.
Eberhard von Brauchitsch wankt, aber er fällt nicht. Papiere habe er viel unterschrieben. Daß die FDP-Vereine Spenden nicht für gemeinnützige Zwecke verwendet hätten, sei ihm neu.
So hart am Mann, greifen die Fahnder zunächst zum Naheliegenden. Brauchitsch muß seine Brieftasche herausrücken, die einer eingehenden Überprüfung unterzogen wird. Währenddessen ist die Fahnder-Crew ausgeschwärmt. Als die Beamten abends gegen neun Uhr die Konzernzentrale verlassen, können sie die Beute gar nicht mitnehmen. Alles wird in einen großen Panzerschrank im Keller verstaut, auf den die Ermittler ein amtliches Siegel kleben.
Das gleiche Spiel wiederholt sich an sechs weiteren Tagen. Das Verzeichnis der Funde umfaßt am Ende 19 DIN-A4-Seiten. Aus dem "Keller 3 Ablage v. B." schleppen die Fahnder allein 101 Leitzordner. Im Büro und Sekretariat des Firmenchefs Friedrich Karl Flick beschlagnahmen Pohl und seine Kollegen 18 Leitzordner. Dabei ist eine vielversprechende Akte mit dem Titel "F. J. Strauß (Ausz.) Januar 1978". Im Panzerschrank des Flick-Intimus Günter Max Paefgen fällt den Fahndern ein Leitzordner mit der Aufschrift "'G' - geheim - (Duin, Göring, Kersten, Speer, Wolff)" in die Hände.
Mögen Zeitgeschichtler die Hände ringen: Die staatlichen Ermittler haben genug mit der Aktualität zu tun.
In den beschlagnahmten Unterlagen finden sich Hinweise darauf, daß Beamte der Düsseldorfer Finanzverwaltung mit dem Haus Flick auf klebrig-verblüffende Weise zusammengearbeitet haben. Wie alle Groß-Konzerne hatte Flick ständig die Buchprüfer der Oberfinanzdirektion im Haus. Über die Jahre muß die Bürogemeinschaft nahtlos zusammengewachsen sein.
Der Leiter der Flick-Prüfer, Oberregierungsrat Wilhelm Kühnen, ließ sich von Flick, so finden die Fahnder heraus, zumindest mit einer kleinen Gefälligkeit helfen. Kühnen bekleidete ein Vorstandsamt in der Duisburger Kirchengemeinde St. Ludger. Als ihn die Botschaft erreicht, daß der Teppichboden im Pfarrsaal schadhaft geworden sei, fiel ihm die Flick-Firma Dynamit Nobel ein.
Er erinnerte sich, daß dort "IIa Auslegware" vorhanden sei. Das Geschäft lief ab wie so oft im Hause Flick. Kühnen besorgte 134 Quadratmeter Mipolam-Bodenbelag im Wert von rund 1400 Mark. Der örtliche Pfarrer schickte die Spendenquittung an Dynamit Nobel und bedankte sich dafür, daß der Kirchengemeinde "freundlicherweise aus der Not" geholfen worden war.
Über den Teppich-Handel des Flick-Konzernprüfers wird eine Weile in den Büros der Düsseldorfer Finanzbürokratie gewispert. Nach außen dringt die seltsame Geschichte nicht.
Der Chefbuchhalter Rudolf Diehl muß für seine steuerlichen Verfehlungen empfindlicher büßen. Die Steuerprüfer addieren seine Sünden zu einem stattlichen Strafbefehl: 540 000 Mark Geldstrafe muß Diehl bezahlen.
Kühnen, vor allem aber Diehl sind so etwas wie Markierungen, die den staatlichen Ermittlern den Weg durch den Flick-Dschungel weisen. Sie zeigen an, daß im größten privaten Industrie-Imperium der Bundesrepublik im Innersten etwas faul ist.
Am Ende des Weges ist den Fahndern klar, was es ist: Ein Konzern hat versucht, die Politik zu kaufen.

DER SPIEGEL 5/1984
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