23.05.2015

KatholikenDer Rebell vom Petersplatz

Im dritten Jahr seines Pontifikats wächst die Kritik an Papst Franziskus: Er bringt die Kurie gegen sich auf und schockiert seinen Stab, weil er sagt, was er denkt. Im Vatikan räumt er auf. Welche Strategie hat der Mann? Von Walter Mayr
Sie sind eine eingespielte Truppe, die drei. Kaum stoppt der Fahrer das Papamobil, schnappt sich der Leibwächter zur Linken ein Kind aus dem Publikum und hält es dem Papst hin; der bückt sich, küsst und – fertig.
Das Ganze dauert nur Sekunden und wiederholt sich mehrmals, mittwochs, bei der päpstlichen Ehrenrunde vor der Generalaudienz auf dem Petersplatz. Sind größere Gruppen in Sichtweite, Pfadfinder oder Rollstuhlfahrer, dann tippt der Stellvertreter Christi auf Erden dem Papamobilfahrer schon mal kurz an die Schulter – damit der bremst.
Stattlich wirkt er, aus nächster Nähe betrachtet, dieser Papst Franziskus. Die weiße Soutane spannt auf Bauchhöhe, das markante Kinn ist gereckt, der Blick forscht in den Augen der Umstehenden. Im Vergleich zu seinem Vorgänger, dem fast schon jenseitig lächelnden Benedikt XVI., wirkt der Argentinier ausgesprochen irdisch. Um nicht zu sagen: distanzlos.
Er umarmt und tätschelt, er küsst Kleinkinder und Kardinäle. Ohne Vorwarnung, mit Inbrunst. Fast ist es, als suchte da einer im Körperkontakt Trost für die Last, die das Amt mit sich bringt – als oberster Glaubenshüter und Vorbild dienen zu müssen für weltweit rund 1,3 Milliarden Katholiken.
Wenn Papst Franziskus, bürgerlich Jorge Mario Bergoglio, an diesem Pfingstsonntag um 10 Uhr den Petersdom zur Feier der Heiligen Messe betritt, dann ist er seit 797 Tagen im Amt. Und spaltet seit 797 Tagen das katholische Fußvolk: in Bewunderer und Kritiker. Immer mehr aber fragen sich, ob er halten kann, was er zu versprechen schien: Erneuerung, Reformen und eine zeitgemäßere katholische Kirche.
Franziskus hat Duschen für Obdachlose auf dem Petersplatz einrichten lassen, aber gleichzeitig Millionen für internationale Berater ausgegeben. Er ordnet die Finanzen der Vatikanbank, aber stiftet Verwirrung in der Kurie. Er vermittelt zwischen Kuba und den USA, aber verschreckt die Israelis, weil er den Palästinenserpräsidenten als "Friedensengel" bezeichnet hat.
Dieser Papst gibt mehr Rätsel auf als jeder seiner Vorgänger – und das entwickelt sich zu seinem Problem. Was Franziskus wirklich im Sinn hat, das versuchen viele bis heute herauszufinden. Befragt man Kardinäle und Bischöfe, Berater und Mitarbeiter des Papstes sowie langgediente Vatikanisten in diesen Tagen nach einer möglichen Strategie, einem übergeordneten Plan des Papstes, so stimmen sie allenfalls in einem Punkt überein: Der Mann auf dem Stuhl Petri ist ein notorischer Unruhestifter.
Wie ein Billardspieler, der im Training Kugeln anstößt und seelenruhig die Karambolagen studiert, bringt Franziskus im Vatikan die Dinge in Bewegung. Die Lust am Experimentieren verdankt er wohl seiner Vergangenheit als Chemietechniker; Beschlüsse fasst er nach Art des Jesuitenoberen, nach eingehender Beratung folgt die einsame Entscheidung.
Zum Franziskus-Prinzip gehört der Werkstattcharakter. Prozesse zählen dabei mehr als Positionen. Traditionelle Katholiken sehen das genau umgekehrt wie Bergoglio, der Jesuit. Das sorgt für Verwirrung, bis hinein in höchste Kreise des Vatikans. Welche Richtung verfolgt dieser Papst?
Wer wissen will, von wo aus Franziskus dem erstarrten System Vatikan den Kampf ansagt, der nimmt im kleinsten Staat der Welt am besten den Fahrstuhl vom Damasushof aus. Oben, in der Zweiten Loggia des Apostolischen Palasts, tut sich die Tür auf zum Reich des Papstes.
Hackenknallende Schweizergardisten wachen hier im Halbdunkel. Durch Arkadengänge mit Meisterwerken aus der Raffael-Schule geht es hinein in die Herzkammer der katholischen Macht. In den Clemenssaal, wo der verstorbene polnische Pontifex Johannes Paul II. aufgebahrt war. In den Saal der Sänftenträger mit dem Thronsessel, auf dem sich noch Johannes XXIII. transportieren ließ. Und ins Sterbezimmer Leos XIII.
Inmitten dieser Kulisse voller Pomp und Patina wirkt der Argentinier Bergoglio bis heute merkwürdig fremd – wie ein großer, exotischer Vogel, der im goldenen Käfig mit den Flügeln schlägt. Er, der seine Kirche unverdrossen auf den Dienst an den Armen einschwört, muss im Apostolischen Palast nur ein goldenes Knöpfchen an seinem Schreibtisch drücken – schon erschallt ein Klingelton; und aus dem Nebenzimmer nahen Diener.
Stünde in der päpstlichen Bibliothek nicht neuerdings eine Statue der Madonna von Luján, der Schutzpatronin Argentiniens – es sähe in der Beletage des Katholizismus alles weiter so aus wie zu den Zeiten, da noch Benedikt XVI. im Amt war. Dabei läuft seit dessen Rücktritt am Rosenmontag 2013 ein Experiment mit ungewissem Ausgang im Vatikan – angezettelt im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Papst Franziskus kämpft dabei an drei Fronten gleichzeitig: gegen den Machtanspruch seines Apparats, der Kurie; gegen Protz und Prunk im Klerus; und für eine radikale Rückbesinnung aufs Evangelium.
Als Bergoglio am 13. März 2013 mit einem schlichten "Buona sera" vom Balkon des Petersdoms herab eine neue Ära einläutete, stand es schlecht um die katholische Kirche. In den Jahren zuvor hatten Skandale das Bild geprägt: Es ging um Kindesmissbrauch, Korruption und Geldwäsche, um Dokumentendiebstahl in den päpstlichen Gemächern und Intrigen in der Kurie. Nicht zuletzt deshalb fiel die Wahl der Kardinäle für die Ratzinger-Nachfolge auf Bergoglio. Der "Papst vom Ende der Welt", in keine der Affären verstrickt, sollte den Laden wieder in Ordnung bringen.
Was sich seither verändert hat, müsste einer aus unmittelbarer Anschauung wissen: Erzbischof Georg Gänswein, genannt "Don Giorgio". Ratzingers Privatsekretär ist auch unter Franziskus protokollarisch die Nummer eins im Apostolischen Palast geblieben. Sein Titel: "Präfekt des Päpstlichen Hauses". Als Diener zweier Herren und Wanderer zwischen den Welten verkörpert Gänswein emblematisch einen Zustand, den es so nie zuvor gab: Ein Papst und sein Vorgänger leben nebeneinander im Vatikan.
Gänswein trägt an diesem Morgen eine vom vatikanischen Hofschneider Gammarelli genähte Soutane, dazu blitzende Manschettenknöpfe und um den Hals ein massives Goldkreuz. Von Journalisten zum "George Clooney des Vatikans" erklärt, sieht er nicht ein, ins Bußgewand zu schlüpfen – nur weil unter Franziskus plötzlich Bescheidenheit modern ist. "Nein", sagt Gänswein, ausgesprochen feige finde er sogar jene "Mitbrüder, Kardinäle nicht ausgeschlossen", die neuerdings an der Porta Sant'Anna, kurz vor der Einfahrt in den Vatikan, ihr goldenes gegen ein blechernes Kreuz tauschten – unter den Augen der Schweizergardisten.
Ohnehin gehe bei aller Begeisterung für Franziskus und dessen Warnung vor "spiritueller Weltlichkeit" – der Hingabe ans Profane – völlig unter, so Gänswein, dass in vielen Punkten Einigkeit zwischen beiden Päpsten bestehe: "Was Benedikt XVI. forderte, löst sein Nachfolger nun ein. Der einzige Unterschied ist, dass Franziskus für seine Appelle nicht kritisiert, sondern gefeiert wird."
Jorge Mario Bergoglio, der erste Nichteuropäer seit mehr als tausend Jahren auf dem Papstthron, wurde sehr schnell zum Liebling von Gläubigen, vor allem aber auch von Nichtgläubigen und Medien. Franziskus schaffte es gleich im ersten Jahr auf die Titelseiten von "Time" und "Rolling Stone". Das Wirtschaftsmagazin "Fortune" ernannte ihn zu der globalen Führungsfigur. Der "Economist" schwärmte, Franziskus sei drauf und dran, das "weltweit älteste multinationale Unternehmen" neu zu erfinden.
Fast sechs Millionen Gläubige wurden bei Audienzen im Jahr 2014 gezählt. Was in den Augen vieler für diesen Papst spricht: Franziskus bricht mit Überkommenem und löst dadurch Fesseln. Die Finanzen der skandalbefrachteten Vatikanbank lässt er von externen Fachleuten ordnen und die Reform der Kurie durch Kardinäle vorantreiben, die zuvor eher wenig mit dem päpstlichen Regierungsapparat zu tun hatten. Er ermutigt seine Kirche, über Familie, Ehe, Sexualität zu diskutieren, und wird nicht müde, ob auf Lampedusa oder an der Copacabana, für mehr Barmherzigkeit und Solidarität mit den Armen und Abgehängten zu werben.
Und dieser Papst ist politisch, bezieht Positionen, auch unbequeme. Er weicht nicht aus, er mischt sich ein. Einer vierstündigen Gebetsvigil für den Frieden in Syrien folgte die Vermittlung der Wiederannäherung zwischen Kuba und den USA. Franziskus eckt an bei den Türken, weil er den Genozid an den Armeniern als solchen benennt, und er provoziert, weil er Palästina als eigenständigen Staat akzeptiert.
Trotzdem: Vorwiegend versteckt, aber immer vernehmlicher grummeln im dritten Jahr dieses Pontifikats kirchenintern die Kritiker. All jene, denen der Mann aus Buenos Aires nicht geheuer ist: angeblich zu autoritär im Führungsstil, zu raffiniert in der Selbstvermarktung, zu wenig beschlagen in Fragen der Doktrin. Der Schriftsteller Martin Mosebach erhebt sogar öffentlich den Einwand, dieser Papst profiliere sich "auf Kosten der Kirche": Er werfe "flotte Sprüche in den Raum", glänze durch Anpassung an den Zeitgeist und schere sich wenig um Traditionen (siehe Seite 27).
Tatsächlich gibt nicht nur der Theologe Bergoglio Rätsel auf, sondern auch der Mensch. Die ewig sanfte Stimme täuscht über Wortwahl und Widersprüchlichkeit dieses Papstes hinweg. Eines Mannes, der es fertigbringt, seinen Kardinälen "spirituellen Alzheimer" vorzuwerfen und Gläubige zu ermahnen, sich nicht "wie die Karnickel" zu vermehren. Dann wieder erwähnt er vor Tausenden Zuhörern auf einmal lobend einen Vater, der zwar sein Kind schlägt – allerdings nie ins Gesicht: "Che bello, wie schön, er hat Sinn für Würde."
Bergoglio ist in jeder Hinsicht ein Papst der Überraschungen. Ein Spontifex. Was aber will er? Hat er einen Plan für seine Kirche, oder erfreut er sich einfach nur daran, in diesem eingemauerten kleinen Staat mitten in Rom, dem Kreml nicht unähnlich, alles einmal auf den Kopf zu stellen? Franziskus' Plan ist ja der einer Kirche von unten nach oben. Das aber kommt einer unausgesprochenen Kriegserklärung vor allem an die vatikanische Kurie gleich.
Nicht nur seiner Umgebung, auch sich selbst mutet Franziskus viel zu. Gegen vier Uhr morgens geht das Licht an in Apartment 201, im zweiten Stock des Gästehauses Santa Marta. Um diese Zeit ist es rundum noch still. Stunden später erst beleben sich die vatikanischen Gassen und Gärten, kurz vor Beginn der Frühmessen: im Petersdom, aber auch bei den Deutschen weiter unten im Campo Santo Teutonico. Und oben im Kloster Mater Ecclesiae, wo Altpapst Benedikt XVI. mit Erzbischof Gänswein und vier Ordensschwestern den Gottesdienst begeht.
Franziskus feiert unten, in der schmucklosen Kapelle von Santa Marta. Und gibt dort, vor handverlesenen Besuchern, die Botschaft des Tages aus, die später von den Medien verbreitet wird. Die katholische Kirche, so der Tenor seiner Predigten, müsse näher heran an die Menschen; ein Oberhirte habe nach der Herde zu riechen.
Folgerichtig wohnt der Papst nicht abgeschirmt im Apostolischen Palast – einem "Trichter", klagt er, der Besucher nur "tropfenweise" durchlasse –, sondern im Gästehaus von Santa Marta. Hierher hat er seine Schaltzentrale verlegt, hier belegt er mit seinen Mitarbeitern eine ganze Etage – was für Mehrkosten und böses Gerede sorgt. Dabei lebt Franziskus selbst bescheiden in einer Miniwohnung, zwischen Marienstatuen, Kruzifixen und einer Schatulle mit acht Knochensplittern des Apostels Petrus.
Schaut der Papst durchs Fenster nach draußen, sieht er sich umgeben von den Mächtigen der Vergangenheit. Zur Linken, im Palazzo San Carlo, blickt aus seiner geräumigen Residenz der starke Mann der Ratzinger-Ära, der ehemalige Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone, auf den Papst herunter. Im Äthiopischen Kolleg logiert der Bertone-Vorgänger Angelo Sodano. Oben am Hügel wohnt Altpapst Benedikt XVI. in einer WG mit Georg Gänswein. Und dann gibt es da noch Kardinal Walter Brandmüller – 86 Jahre alt, früherer Chefhistoriker des Vatikans und eine der Speerspitzen im Lager konservativer Bergoglio-Kritiker. Er wohnt gleich über der Petersdom-Sakristei.
Es kommt vor, dass Brandmüller, noch während Franziskus sich fürs sonntägliche Angelus-Gebet rüstet, bereits im Bauch des Petersdoms predigt und dabei giftige Fragen an den Reformpapst aus Argentinien und seine "Public-Relations-Strategien" richtet: "Wird das Klappern des kirchlichen Apparats die Schlafenden wecken? Die Aufmerksamkeit der vielen auf die christliche Botschaft lenken?"
Das bezweifelt nicht nur Brandmüller. Dabei ist Franziskus rastlos im Einsatz, wie jemand, dem nicht viel Zeit bleibt für seinen Plan. Frühstückt nach der morgendlichen Messe mit den Gläubigen. Erledigt vormittags Protokolltermine mit Gänswein im Palast und widmet sich nach kurzer Mittagsruhe dem eigentlich revolutionären Teil seines Tagesablaufs: dem außerprotokollarischen Publikumsverkehr, den er sich an der kontrollwütigen Kurie vorbei mit Telefon, Stift und Notizbuch eigenhändig organisiert.
In diesen Stunden öffnen sich dann die Türen zu den päpstlichen Gemächern: für Missbrauchsopfer, Transsexuelle, bekennende Agnostiker. Außerdem für langjährige Vertraute sowie Bischöfe auf Pflichtbesuch im Vatikan, die der Papst "ans Lagerfeuer" lädt, wie er die gemeinsamen Beratungen nennt. Nicht alles, was da besprochen wird, bleibt geheim – dank gesprächiger Ordensbrüder dringt schon einmal durch, was Franziskus über dies und jenes im Vatikan denkt.
Kritiker klagen: Ein Papst sollte das letzte Wort haben, nicht das erstbeste. Plappern gehöre nicht zu seinen Aufgaben. Befürworter entgegnen: Franziskus suche den Dialog, schon das spreche für ihn.
Bezeichnend für den neuen Stil im Vatikan ist nicht der Verzicht auf die roten Schuhe und die hermelinverbrämte Mozetta. Maßgeblich ist die Abkehr vom strengen Regelwerk insgesamt. Da werden auf einmal Arbeitsgespräche mit hochrangigen Kurialen gestrichen. Da widmet sich dienstagvormittags Franziskus nicht der Predigt für die Generalaudienz, sondern tut, wonach ihm der Sinn steht. Und da wird in Albanien die vorbereitete, bereits übersetzte Rede abgebrochen, weil zwei Stalinismus-Opfer den Papst zu Tränen rühren.
Legt Franziskus sein Manuskript beiseite, macht sich der vatikanische Pressestab aufs Schlimmste gefasst. Dieser Papst halte alle in Atem, sagt ein ranghoher Kurialer: "Bei ihm kann man sich auch vorstellen, dass er Michelangelos Pietà verkauft und das Geld den Armen gibt."
Hat er es eilig, greift Bergoglio selbst zum Hörer. "Ich finde diesen unkomplizierten Umgang sehr positiv", sagt der mächtige Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch in seinem Empfangszimmer. Koch ist Präsident des päpstlichen Einheitsrats, dazu Mitglied in fünf Kongregationen und galt vor dem Konklave 2013 selbst als "papabile", als Papstanwärter.
Der bescheidene frühere Bischof von Basel mit dem silbernen Kreuz um den Hals trifft seinen obersten Dienstherrn regelmäßig, auch zum Essen oder bei einem Glas Wein. "Ich glaube durchaus", sagt Koch, "dass Franziskus ein klares Ziel hat, nämlich dass die Kirche missionarischer werden muss und nicht um sich selbst kreist." Fraglich sei allerdings, wie viel dieser Papst am Ende wirklich verändern könne: "Die Begeisterung über ihn ist groß, schaut man freilich auf die Kirchenaustritte in vielen Ländern, ist wohl kaum ein Franziskus-Effekt festzustellen."
Der Papst füllt die Plätze, aber nicht die Gotteshäuser und Priesterseminare, zumindest nicht in Europa. Noch ist unklar, wofür er steht – außer für eine Kirche, die ihre Schäfchen an den Rändern der Gesellschaft sucht. Entscheidende Weichenstellungen werden von der Bischofssynode im Oktober erwartet. Dann soll es einmal mehr um die Zukunft der Familie gehen, um den Umgang mit Homosexuellen und die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion. Im Kern des tobenden Richtungsstreits steht die Frage: Wer muss sich im 21. Jahrhundert auf wen zubewegen, der moderne Mensch auf die katholische Kirche samt ihren ehernen Geboten und Verboten? Oder die Kirche auf den Menschen und die vielfältigen Formen moderner Partnerschaft?
Im Palast der Heiligen Inquisition, in dem einst Galileo Galilei eingesperrt wurde, vertritt Kardinal Müller als Chef der Glaubenskongregation den festen Standpunkt: An Glaubensgrundsätzen, die in Schrift und Tradition, in Dogmen, Enzykliken und päpstlichen Schreiben festgelegt wurden, ist nicht zu rütteln. Selbst hochrangige Kleriker ließen sich inzwischen "von der säkularisierten Gesellschaft so blenden", dass sie wesentliche Lehren der Kirche aus den Augen verlören, warnte Müller vor Kurzem in einem Interview für ein polnisches Katholikenblatt.
Franziskus' Motto hingegen lautet: "Die Wirklichkeit steht über der Idee." Anstatt sich im Namen der reinen Lehre einzukapseln, sei es besser, "sich vom Heiligen Geist überraschen zu lassen".
In Fragen der Doktrin zeigt sich Franziskus allerdings als Befürworter der traditionellen Familie. Er sagt, er habe keine Lust, sich ständig mit "Abtreibung zu befassen, mit homosexuellen Ehen, mit Verhütungsmethoden". Er weiß aber auch: Es wird nicht reichen, den Richtungsstreit nur zu bemängeln zwischen "feindlicher Erstarrung" auf dem rechten und "zerstörerischem Gutmenschentum" auf dem linken Flügel.
Legt man die programmatische Lehrschrift "Evangelii gaudium" vom November 2013 zugrunde, dann setzt Franziskus im Wesentlichen auf die Freude an der Verkündigung des Evangeliums – und weniger auf die kompromisslose Einhaltung der Lehre. Es ist ein Ansatz, der vor allem einfache Gläubige und kirchenferne Beobachter begeistert, weniger die Würdenträger und Erbwalter der katholischen Kirche.
Für viele andere, vor allem für Deutsche, ist der Papst dennoch eine Enttäuschung: den Fortschrittlichen zu konservativ, den Konservativen zu unverbindlich.
"Ich glaube nicht, dass man vom päpstlichen Lehramt eine endgültige oder vollständige Aussage zu allen Fragen erwarten muss", schrieb Franziskus 2013 in "Evangelii gaudium". An anderer Stelle ermahnt er Priester, nicht "zehnmal über die Enthaltsamkeit und nur zwei- oder dreimal über die Liebe" zu sprechen. Und immer wieder geht es ihm um die Würde des Menschen und um das Recht auf Arbeit. Ein System, das viele von Lohn und Brot ausschließe, so schreibt er, sei unannehmbar: "Diese Wirtschaft tötet."
Schon die Wortwahl verrät, dass der Mann auf dem Stuhl Petri sich wenig mit sozialer Marktwirtschaft oder Sozialenzykliken der katholischen Kirche beschäftigt hat, mehr hingegen mit der Lage in lateinamerikanischen Armenvierteln. Als er zum Papst gewählt wurde, war Bergoglio 76 Jahre alt – und hatte bis dahin fast sein ganzes Leben in Argentinien verbracht. Vielleicht lässt sich daraus auch am besten erklären, warum dieser Papst so anders ist.
"Jorge, verändere dich nicht", diesen Entschluss habe er unmittelbar nach der Wahl in Rom gefasst, erzählte Bergoglio seiner Biografin Elisabetta Piqué. Die Gefahr, im neuen Amt die "alten Fehler" zu wiederholen, nehme er in Kauf. Ein Mann seines Alters mache sich lächerlich, wenn er versuche, sich neu zu erfinden. Und so verfährt er nun auch in Rom nach einem Modell, das auf seine Zeit in Argentinien zurückgeht: das Franziskus-Prinzip.
Schon als Jesuitenprovinzial in Argentinien traf Bergoglio nach eigenen Angaben "Entscheidungen auf sehr schroffe und persönliche Weise". Damals war er mit nur 36 Jahren zum ranghöchsten Jesuiten im Land ernannt worden. Sein straffes Regiment bewirkte, so gab es der Jesuitenpater Carlos Carranza zu Protokoll, dass trotz Bergoglios aufopferndem Einsatz viele "ihm und seiner Art, die Provinz zu führen", ablehnend begegneten.
Verbürgt ist, dass der spätere Papst 1986, in Zeiten "einer großen inneren Krise", wie er es nennt, in die Stadt Córdoba strafversetzt wurde. Die genauen Gründe blieben geheim. Von manch jesuitischem Ordensbruder, so berichtet ein anderer Zeitzeuge, wurde Bergoglio damals für verrückt gehalten. Man überwachte sogar seine Post und seine Telefonate.
Der Ruf, fromm und unbequem, aber schwer durchschaubar zu sein, blieb ihm erhalten: als Rektor einer theologischen Hochschule und als Erzbischof von Buenos Aires. Der argentinische Friedensnobelpreisträger Pérez Esquivel flehte noch 2005 öffentlich den Heiligen Geist an, der "zweideutige", politisch schwer zuzuordnende Bergoglio möge bitte nicht Papst werden. Acht Jahre später war es trotzdem so weit.
Seither verfolgt Bergoglio sein altes Prinzip an neuer Stelle: "Hagamos lío" – "stiften wir Verwirrung" – und vertraut darauf, dass die Prozesse, die er in Gang setzt, positive Veränderungen zur Folge haben werden. "Er weiß selbst nicht, wohin der Weg führt, er vertraut auf den Heiligen Geist", mutmaßt Vatikan-Sprecher Federico Lombardi. Für Franziskus zähle vor allem eine "Kirche in Bewegung".
Der konservative US-Kardinal Raymond Burke, Chef der obersten vatikanischen Gerichtsbarkeit, bekam diese Bewegung sehr deutlich zu spüren. Eine Woche nachdem er in einem Interview seine Kirche als "Schiff ohne Ruder" kritisiert hatte, schob Franziskus ihn auf einen Posten beim Malteserorden ab. Als wenig später publik wurde, auch der Kommandant der Schweizergarde werde entlassen, reagierten Vatikanisten entsetzt: "Das ist ja hier schlimmer als beim ,Islamischen Staat'", soll einer von ihnen gesagt haben.
Noch sind die Aufräumarbeiten im Vatikan längst nicht abgeschlossen, noch ist die grundlegende Kurienreform im Gange. Vorschläge dafür erarbeitet ein Gremium, dem auch der deutsche Kardinal Reinhard Marx angehört, Erzbischof von München und Freising. Für ihn wie für die anderen acht Mitglieder spricht aus Sicht von Franziskus: Sie kommen von außen, kannten den Vatikan kaum und stören nun als Fremdkörper das höfische Immunsystem.
Was Franziskus selbst von seiner Kurie hält, ist spätestens seit dem 22. Dezember bekannt. Das Donnerwetter, das sich da im Clemenssaal über den moiréeseidenen Scheitelkäppchen Dutzender Kardinäle entlud, aber auch über den dahinter kauernden Bischöfen, wäre in jedem normalen Betrieb als Misstrauensvotum gegen alle Führungskräfte gewertet worden.
Nicht so im Vatikan, wo Franziskus erst über "geistliche Versteinerung" und "existenzielle Schizophrenie" in der Kurie klagen durfte – um danach lächelnd die Runde zu machen und Ergebenheitsadressen der Gemaßregelten entgegenzunehmen. Und damit von all jenen, die ihn beim Konklave 2013 gewählt hatten, damit er mit harter Hand Ordnung schaffe.
Inzwischen aber nimmt das zornige Zischeln im Apparat zu. Auch niedere Kurienmitarbeiter beklagen fehlendes Feingefühl – ausgerechnet den Geringverdienern im Vatikan wurden vom Barmherzigkeit predigenden Papst die Überstundenzuschläge gestrichen. Sie müssen nun mit Gehältern um die tausend Euro über die Runden kommen.
Vergleichbare Beträge streichen von Franziskus engagierte Experten namhafter Beraterfirmen wie KPMG, Deloitte & Touche oder Ernst & Young in wenigen Stunden ein. Sie prüfen die Bilanzen der Vatikanbank IOR oder die Wirtschaftspläne des Heiligen Stuhls – mit Erfolg. Die auf mehrere Milliarden Euro geschätzten vatikanischen Finanzen und Besitzungen sind nun nicht mehr permanent im Visier der Staatsanwälte.
Auch das stößt bei Katholiken auf Unverständnis. Verfehlungen von Einzelnen aus der Vergangenheit, sagt ein deutscher Kleriker, rechtfertigten noch lange nicht, dass dieser Papst sein Personal beschimpfe: "Jeder Baum treibt falsche Triebe und muss beschnitten werden – aber gleich die Axt an den Stamm legen?"
"Franziskus ist nicht nur ein sehr freier Mensch, sondern eben auch ein brodelnder Vulkan", sagt der sizilianische Jesuitenpater Antonio Spadaro, einer der besten Papstkenner. Spadaro ist Chefredakteur der Jesuitenzeitschrift "Civiltà Cattolica", die seit Franziskus' Amtsantritt als inoffizielles Zentralorgan des Vatikans gilt.
2013 führte er das allererste Interview mit Bergoglio nach dessen Wahl. Schon damals, sagt Spadaro in seinem Büro in Rom, sei zu erkennen gewesen, dass dieser Mann "eher Hirte denn Ideologe" sei, "voller Einfälle" und trotzdem realistisch in Bezug auf die eigenen Möglichkeiten: "Ich glaube nicht, dass Franziskus ernsthaft erwartet, die Prozesse, die er angestoßen hat, auch zu Ende bringen zu können."
Die Frage, wohin die Kirche zu steuern sei, stehe für diesen Papst nicht im Vordergrund: "Gut möglich, dass er das nicht einmal selbst weiß." In gängige Denkschemata lasse sich einer wie Franziskus nicht pressen. "Er ist weder konservativ noch fortschrittlich, kein Ideologe, eher ein Radikaler im Wortsinn – einer, der nach der Wurzel sucht." Dass der Argentinier wie alle Jesuiten zu "unabgeschlossenem, offenem Denken" neige und deshalb als unberechenbar gelte, spreche nicht gegen ihn, sagt Spadaro lächelnd: "Auch Gott der Herr ist unberechenbar."
Franziskus ist frei von Angst, und er ist neugierig. Nur "seinen Schafen Löckchen zu drehen, anstatt andere Schafe zu suchen", wie er das nennt, das kommt für ihn nicht infrage, deshalb schleicht er sich immer wieder raus aus dem Vatikan. Und lässt sich im Ford Focus durchs weltliche Rom chauffieren. Beim ersten Mal rief er noch eigenhändig in der Kurie des Jesuitenordens an, um sich und seine Stippvisite anzukündigen. Am anderen Ende der Leitung war der Pförtner. Auf die Frage "Wer spricht?" antwortete Franziskus: "Der Papst." "Ja, und ich bin dann Napoleon", antwortete der Mann am Empfang und legte auf.
Inzwischen hat sich herumgesprochen, dass Franziskus viel unterwegs ist. Nach Auslandsreisen kniet er zum Dankesgebet in Santa Maria Maggiore nieder, in freien Stunden besucht er Gefängnisse. In der Suppenküche der Jesuiten war er bereits dreimal.
Die Jesuiten und ihre Besitzungen in Rom sind ein Stück Heimat für Bergoglio,
der zeitlebens ungern und so wenig wie möglich gereist ist. Heimatgefühle liefern in Rom, außer den Jesuiten, jene Menschen, denen der Papst seit Langem vertraut: sein Sekretär Fabian Pedacchio aus Buenos Aires, der mit Franziskus auf dem gleichen Flur lebt. Und Erzbischof Víctor Manuel Fernández, der in Moralfragen progressive Rektor der Päpstlichen Katholischen Universität Buenos Aires, der als maßgeblicher Berater des Papstes gilt und regelmäßig einfliegt.
Mit dem bekennend kapitalismuskritischen Erzbischof aus Honduras, Oscar Rodríguez Maradiaga, koordiniert ein weiterer Freund des Papstes den Kardinalsrat. Und der argentinische Jesuit Miguel Yáñez Molina ist in die sensible Kommission zum Schutz Minderjähriger entsandt worden – auch er ein Vertrauter Bergoglios seit 40 Jahren. Der brasilianische Bischof Erwin Kräutler schließlich wirkte maßgeblich an der demnächst erscheinenden Enzyklika zum Thema Ökologie mit.
Der Einfluss der lateinamerikanischen Kirche im Vatikan wächst. Einer Kirche, die vor allem in Fragen von Ehe und Familie andere Schwerpunkte setzen muss als die europäische, wie Bergoglio früh erkannte. Die tonangebenden Europäer und Nordamerikaner verlieren unter Franziskus an Macht, und das aus gutem Grund – mehr als die Hälfte der rund 1,3 Milliarden Katholiken lebt inzwischen auf der südlichen Erdhalbkugel, der Papst trägt dieser Entwicklung Rechnung, macht die Kirche internationaler. Im Februar wurden zum ersten Mal in der Geschichte des Vatikans Kardinäle aus Myanmar und Tonga ernannt.
In Deutschland setzt sich derweil der Niedergang des Katholizismus fort. Hat Bergoglio auf Glaubensfragen der modernen westlichen Welt am Ende genauso wenig Antworten wie sein Vorgänger Ratzinger? Erzbischof Gänswein gibt sich Mühe, in dieser Frage nicht parteiisch zu wirken. Franziskus, sagt er, verkaufe sich "medial sehr gut, er hat da einen siebten Sinn dafür". Er verfüge über das Talent, "Herz und Hirn anzusprechen". Aber das allein mache die Kirche, nach den Schlagzeilen über Kindesmissbrauch und schwarze Konten, nicht schlagartig wieder attraktiv.
Gänswein glaubt nicht daran, dass die Strahlkraft eines Einzelnen ausreiche, um einen Gesinnungswandel zu bewirken. Und er beklagt die Unterwerfung vieler Kollegen gegenüber diesem Papst der Bescheidenheit: "Da trauen sich doch jetzt viele allein schon aus schlechtem Gewissen nicht mehr zu widersprechen."
So, und nun muss er los – vom neuen Papst hinauf zum alten. Sieben Minuten Fußmarsch durch die Vatikanischen Gärten, 30 Höhenmeter, und schon ist er oben im Kloster Mater Ecclesiae.
Dort, bei Ratzinger, herrscht ein straffes Regiment. Mittagessen mit den Ordensschwestern um 13.30 Uhr, danach Spaziergang auf der Dachterrasse und Siesta. Anschließend widmet Gänswein sich noch einmal den Aufgaben beim neuen Papst. Zum Abendessen ist er gegen halb acht wieder beim alten Papst. Natürlich werde auch über Franziskus gesprochen, aber: "Was Benedikt XVI. über einzelne Entscheidungen oder Predigten denkt, weiß ich nicht – wir erörtern das sehr zurückhaltend."
Außer Gänswein, der in Benedikts Rücktrittspläne eingeweiht war, ahnte bis Anfang 2013 keiner, dass sich jemals zwei Päpste innerhalb der vatikanischen Mauern begegnen könnten; geschweige denn, dass einer davon dann ausgerechnet Bergoglio sein würde. Inzwischen aber sind die beiden durch das Schicksal aneinandergekettet – spätestens seit jenem Märztag des Jahres 2013, als Franziskus im Hubschrauber von einem Treffen mit Benedikt XVI. in Castel Gandolfo zurückkam, eine große Kiste im Gepäck. Darin lag der Untersuchungsbericht zu Vatileaks, Dokumente zu Korruption und Misswirtschaft im Umfeld des Heiligen Vaters, zu Intrigen und Schwulensaunen. Seither lastet das Vermächtnis des Altpapstes auf Franziskus.
Benedikt XVI. und Franziskus sehen sich gelegentlich, zum Essen oder zum Gedankenaustausch. Sie telefonieren, und sie schreiben einander Briefe. Berichte über Differenzen werden dementiert. Öffentlich spricht der Papst nur nett über seinen Vorgänger: Benedikt XVI. sei für ihn "wie ein Großvater im eigenen Haus".
Gerüchte über Ratzinger in der Rolle eines "Nebenpapstes", auch über gut getimte theologische Interventionen Benedikts, tauchen trotzdem immer wieder auf. "Alles frei erfunden", sagt Gänswein, "das wird gestreut von interessierten Kreisen." Die Unterschiede zwischen beiden Päpsten, sagen andere im Vatikan, seien wesentlich geringer, als es nach außen hin scheine. Auch Papst Benedikt XVI. predigte Bescheidenheit, aß Lasagne mit Obdachlosen und besuchte Gefängnisse. Doch dem Denker und Theoretiker aus Marktl am Inn half das nicht. Franziskus hingegen fliegen die Herzen entgegen.
Er hat vieles angestoßen, viel in Bewegung gesetzt. Er hat sich außenpolitisch mehr eingemischt, klarer positioniert als viele seiner Vorgänger, auch den Kampf um Transparenz in den vatikanischen Kassen führte er mit Erfolg. Umstritten ist seine bisherige Bilanz daher vor allem innerhalb der Weltkirche. Der Begeisterung von Millionen Gläubigen steht die zunehmende Feindseligkeit des katholischen Establishments gegenüber. Der wiederkehrende Vorwurf lautet: Franziskus plappere zu viel und mache zu wenig klar, wohin er die Kirche führen wolle.
Eines hat er sich bis heute erhalten: die Leichtigkeit, die Heiterkeit und die Vergnügtheit, mit der er sein Amt ausübt, mit der er Konventionen bricht und die Institution durcheinanderwirbelt, an deren Spitze er durch irgendeinen Zufall geraten zu sein scheint. Franziskus ist ein Antipapst, ein Papst wie keiner vor ihm. Er hat die Bosse der neapolitanischen Mafia für exkommuniziert erklärt, einfach so. Er tut Dinge, die für ihn eigentlich nicht vorgesehen sind. Er ruft ab und an Leute an: Obama, Putin, einfache Gläubige. Das alles hat etwas Revolutionäres – doch er ist kein Revolutionär. Dieser Papst ist ein Freigeist, wenn auch ein Konservativer, der an den Fundamenten der Kirche nur wenig verändern will und kann. Vielleicht lag darin von Anfang an das große Missverständnis: Die Nähe zu den Gläubigen, die Distanz zum Apparat bedeutet nicht unbedingt Distanz zu dessen Doktrin, zu dessen Dogmen.
2015 ist nun sein Schlüsseljahr. Am 8. Dezember, exakt 50 Jahre nach Abschluss des Zweiten Vatikanischen Konzils, wird ein außerordentliches Heiliges Jahr beginnen. Mit dieser Terminierung verdeutlicht Franziskus, dass er doch Reformer sein möchte. Dabei kämpft er gegen die Langsamkeit des Apparats. Denn um den Geist im Vatikan nachhaltig zu verändern, wären Jahre im Amt und viele Neuernennungen nötig. Zeit, die ihm vielleicht nicht mehr bleibt. Bisher hat Franziskus erst ein Viertel der wahlberechtigten Kardinäle selbst eingesetzt – 31 von 120.
Viel hängt nun davon ab, wie der Papst seine 18-Stunden-Tage weiterhin verkraftet. Franziskus ist 78, lebt seit Jahrzehnten ohne einen Teil des rechten Lungenflügels und kämpft mit Rückenschmerzen. Beim Aufstieg zum Altar vor dem Petersdom keucht er bisweilen erheblich. Immer wieder denkt Franziskus anscheinend ans Aufgeben und sagt sogar öffentlich, "dass mein Pontifikat kurz sein wird". In diesem Fall und wenn sonst nichts von ihm bleiben sollte, dann dies: dass die Kirche sich anders anfühlen kann, als jene dachten, die sie längst aufgegeben hatten.
"Morto un Papa, se ne fa un altro" – stirbt ein Papst, kommt der nächste –, heißt es in Rom, so schnoddrig wie gottergeben. Niemand dachte daran, dass es jemals zwei lebende Päpste geben könnte. Geschweige denn drei.
* Am 23. März 2013 in der päpstlichen Sommerresidenz in Castel Gandolfo.
Von Walter Mayr

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Katholiken:
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