23.05.2015

Schicksale Ein ganzer Mann

Ein Bauer und Wanderarbeiter erkrankt an einer Thrombose in den Beinen. Er macht sich auf die Reise durch die Hölle des chinesischen Gesundheitssystems. Niemand hilft ihm. Dann greift er zu einer Eisensäge. Von Bernhard Zand
Das Totenkleid für ihn ist längst gekauft, als sich Zheng Yanliang, 48 Jahre alt, Chinese aus der Provinz Hebei, mit letzter Kraft aus seinem Bett beugt und nach seinem Werkzeugkasten greift, 14. April 2012. Darin liegt eine Eisensäge, Zheng nimmt sie in die Hand. Er findet einen Rückenkratzer, dessen Griff er mit einem Tuch umwickelt und sich in den Mund steckt, um draufzubeißen. Er zögert nicht. Er hat nachgedacht über seine Möglichkeiten, ihm bleibt nur diese einzige, ungeheure, undenkbare. Zheng setzt die Säge an sein rechtes Bein, eine Handbreit unter seiner Hüfte, und beginnt zu sägen.
Das Leben des Arbeiters Zheng Yanliang, das 1966 begonnen hat und 2012 nur durch ein Wunder nicht endete, umspannt den gesamten Zeitraum der chinesischen Öffnung, des großen chinesischen Wirtschaftswunders. Zheng hat kraftvoll mit angepackt beim Hochgeschwindigkeitsumbau seiner Gesellschaft, als Bauer, als Wanderarbeiter, so wie Dutzende Millionen seiner Landsleute, in diesem Land, in dem der Fortschritt für die Massen alles ist und das Schicksal des Einzelnen nichts. Zhengs Geschichte zeigt, was passieren kann, wenn einer ins Straucheln gerät bei diesem gnadenlosen Wettlauf zum Wohlstand, wenn er stürzt und aus dem Rennen fällt. Wir wissen von seiner Geschichte nur deshalb, weil er, um zu überleben, etwas Unvorstellbares tat. Und weil es später Fotos davon gab. Von vielen Tausend anderen Chinesen, die auf der Strecke bleiben, während sie das eigene und das globale Bruttosozialprodukt steigern, wissen wir nichts.
Ein Zimmer in Peking. Zheng sitzt auf seinem Bett und will aufstehen. Ohne die Hilfe seiner Frau, Zhonghong, geht es nicht. "Zhonghong, gib mir den Lappen", sagt er. Sie reicht ihm ein dünnes, weißes Gazetuch. Er schiebt die beiden Hosenbeine hoch, blickt auf das, was fehlt, befühlt, was noch da ist. "Das Fleisch ist zu weich", sagt er, "zu wenig Kraft, zu wenig Muskel."
Er setzt sich auf das Tuch und wickelt es straff um den Stumpf. Dann presst er den Stumpf in die Prothesenschale, und seine Frau schraubt das Gebilde fest: ein Bein aus Kunststoff und Metall, in der Mitte ein Knie mit neun hydraulischen Gelenken, ein Unterschenkel, ein Fuß, der in einem orangefarbenen Nike-Schuh steckt.
Jetzt das linke Bein. Auch das verlor Zheng, später, als sein Name schon in chinesischen Zeitungen stand und die Ärzte ihn nicht mehr abweisen konnten, es wurde fachgerecht amputiert. Er bindet sich einen breiten Gurt um Hüfte und Bauch, der seinen Oberkörper stützt. Dann beugt sich Zhonghong zu ihrem Mann hinunter, umarmt ihn fest und hebt ihn hoch. Zheng schwankt. Dann steht er. Zheng Yanliang, der Unbesiegte, steht aufrecht da und lächelt. "Gib mir den Stock", sagt er zu seiner Frau.
Sieben Monate lang hat Zheng trainiert, um wieder stehen zu können. Sieben Monate lebte er mit seiner Frau in diesem kleinen Zimmer an dieser tosend lauten Ausfallstraße am Südrand von Peking, konnte nachts nicht schlafen und quälte sich tagsüber mit anderen Versehrten in einem Rehabilitationszentrum. Heute ist sein letzter Tag hier. Heute wird er sich gemeinsam mit seiner Frau auf die Heimreise machen, zurück in sein Dorf, das nur ein paar Stunden südwestlich der Hauptstadt liegt.
Zhengs Martyrium hat die Chinesen aufgewühlt. Es stand in den Zeitungen und wurde tausendfach im Internet geteilt. "Was ist da vorgefallen, dass er so etwas tun musste?", fragte ein Blogger. "Wo war unsere Regierung? Wo war das Rote Kreuz?", fragte ein anderer. "Gepriesen sei der Sozialismus", schrieb ein Dritter, mit bitterer Ironie. "Wer im Kapitalismus lebt, versteht ja gar nicht, wie gut es uns in China geht."
Viele haben Zhengs Geschichte zunächst keinen Glauben geschenkt. Doch sie ist wahr. Und sie lässt sich nicht mehr ignorieren. Inzwischen, sagt einer von Zhengs Betreuern, habe sich selbst Xi Jinping, Staatspräsident der Volksrepublik China und Generalsekretär der Kommunistischen Partei, nach dem Befinden dieses Patienten erkundigt, dieses einen von 1,3 Milliarden Menschen in seinem Land. Der Betreuer sagt: "Zheng Yanliang ist ein heikler Fall." Die Geschichte vom Mann, der sein eigenes Bein absägt, weil ihm nichts anderes übrig bleibt, ist ein politischer Störfall in China, weil sie zeigt, wie der Staat seine Bürger, wie das Gesundheitssystem seine Patienten in der größten Not alleinlässt.
Zhengs Heimfahrt in einem Minivan führt durch die Vorstädte von Peking, über den fünften und sechsten Autobahnring hinaus in die Industrieprovinz Hebei. Rechts donnern Kohlelaster und mit Baumaschinen beladene Sattelschlepper vorbei, links schwarze Limousinen. Und neben der Autobahn, dreimal so schnell, rasen die Hochgeschwindigkeitszüge in die anderen Provinzen.
Hebei ist halb so groß wie Deutschland, hat 70 Millionen Einwohner und produziert doppelt so viel Stahl wie die USA. Wer hier lebt, hat es eilig. Die Menschen sind damit beschäftigt, den bescheidenen Wohlstand zu mehren, den sie sich in den vergangenen 30 Jahren erarbeitet haben. Zeit zum Kranksein haben sie nicht. Geld, um gesund zu werden, auch nicht.
Zheng ist 10 Jahre alt, als Mao stirbt, und 15, als Chinas Wirtschaft zu einem großen Sprung ansetzt, der den Namen verdient. Als einziger Sohn unter vier Geschwistern hilft er auf dem Weizen- und Kornfeld mit, das seinem Vater von der Partei zugeteilt wurde. Weil die Familie nicht satt wird davon, heuert Zheng bei einem Bautrupp an. "Ich kenne diese Gegend gut", sagt er auf dem Beifahrersitz, als er am Stadtrand von Peking auf ein Meer aus Hochhäusern blickt. "Wir haben hier jahrelang Fundamente gegossen und Wohnblocks gebaut." Im Stadtzentrum sei er damals nie gewesen. Den Platz des Himmlischen Friedens habe er bis heute nicht gesehen.
Zehn Monate auf dem Bau, am Anfang für einen halben Euro pro Tag, dann zwei Monate daheim, so verläuft über Jahre sein Leben, ein Leben wie das von Millionen anderen Chinesen auch. Als er 1998 heiratet, gilt längst die Ein-Kind-Politik. Mehr als die eine Tochter, die Zhonghong ein Jahr darauf zur Welt bringt, hätte er sich ohnehin nicht leisten können. Später nimmt Zheng eine Stelle in einer der Ziegeleien an, deren Schlote in Hebei zu Hunderten in den Himmel ragen. Zheng brennt Ziegel, schleppt sie, fährt sie aus: für die Urbanisierung Chinas.
Pausen oder Urlaube sind nicht vorgesehen in einem solchen Leben. Zheng ist ein harter Arbeiter, kräftig, kerngesund. Er raucht und trinkt, aber nur so viel, wie er sich leisten kann, und wenn er ein paar Yuan übrig hat, spielt er mit den Nachbarn Poker. Einmal im Monat geht er mit ihnen essen. Die Küche von Hebei ist einfach, fett und unverwechselbar: Eselsuppe, Eselsülze, Eselfleisch, dazu Baijiu, der scharfe, 50-prozentige Hirseschnaps. Zheng hat sich vor der Abfahrt in Peking ein paar Flaschen davon besorgt, er will sie mit seinen Freunden trinken.
Über Lehmpisten, vorbei an leeren Feldern, geht es nach Dongzang, sein Dorf. Kein Mensch ist auf der Straße. Zhengs Frau sperrt das Eisengitter auf, im Hof liegt eine Ladung Maiskolben zum Trocknen aus. "In diesen Tonkrug", sagt sie und deutet in eine Ecke, "habe ich damals das Bein gesteckt." Denn am Tag, als Zheng Yanliang sein Bein absägte, rief er, als sein Werk vollendet war, seine Frau herbei und wies sie an, das tote Fleisch in einem Krug im Hof zu verwahren. Er wollte, dass es mit ihm beerdigt wird, wenn er stirbt. Inzwischen steckt auch das zweite Bein darin.
Ein Nachbar hat ihm, während er in Peking war, eine Rampe vor die Haustür betoniert, seine Frau schiebt ihn im Rollstuhl hinauf, dann rollt Zheng in das Zimmer hinein, in dem vor drei Jahren sein Unglück begann. Von hier aus brach er auf zu einer Tour der Qualen durch das chinesische Gesundheitssystem, legte dabei mehrere Hundert Kilometer zurück, wurde in mehreren Krankenhäusern von etlichen Ärzten untersucht, die alle die Gefahr erkannten, aber nichts unternahmen. Und hierher kehrte er schließlich zurück, unbehandelt, um zu sterben.
Zheng erinnert sich: "Es war der sechste Tag nach dem chinesischen Neujahrsfest, also der 28. Januar 2012. Ich saß auf diesem grünen Sofa hier und spielte mit ein paar Freunden Poker. Als ich aufstand, spürte ich plötzlich einen ungeheuren Schmerz an dieser Stelle." Er fasst sich an die Leiste.
Eine halbe Stunde später kann er seine Beine kaum noch bewegen. Es gibt keinen Arzt im Dorf, bloß eine Krankenstation mit einem Sanitäter. Zheng Kexin, der diensthabende Sanitäter, untersucht ihn.
Er ist auch jetzt, drei Jahre später, im Einsatz, vor seiner Station stehen die offenen Pritschenwagen, auf denen die Bauern und Arbeiter ihre Kranken und Verletzten bringen, in ein paar zerknüllte Decken eingehüllt. Nach jedem zweiten Satz, den der Sanitäter sagt, klopft es an der Tür, und ein Vater oder eine Mutter bittet ihn in das Zimmer nebenan, wo ihre kranken Kinder stöhnen. Natürlich erinnert der Sanitäter sich an den Patienten Zheng.
"Ich gab ihm ein Schmerzmittel und schickte ihn wieder nach Hause. Er gefiel mir nicht. Aber ich habe 20 bis 30 Patienten jeden Nachmittag. Wenn meine Frau nicht da ist, bin ich allein für fast 3000 Leute zuständig. Das Handy klingelt Tag und Nacht."
Zheng lässt sich nach Hause bringen, doch als seine Beine kalt, blass und fühllos werden und die Zehen blau anlaufen, setzen ihn die Freunde in ein Auto und rasen mit ihm in die Provinzstadt Baoding. Einen Rettungsdienst gibt es nicht auf dem Land. Zhengs Frau nimmt alles Geld mit, das sie finden kann, zum Neujahrsfest beschenken sich die Chinesen, das Ehepaar hat 3000 Yuan im Haus, knapp 400 Euro.
Die Universitätsklinik Hebei ist eines von drei großen Krankenhäusern in Baoding, mit 1500 Betten und mehr als 20 000 Operationen jährlich. Das Gebäude wirkt verwahrlost. Es beherbergt deutlich mehr Patienten, als es sollte. Im elften Stock, Allgemeine Chirurgie, wo Zheng an jenem Abend landet, liegen die Kranken in Betten auf dem Flur und auf Matten im Treppenhaus. Es riecht nach Zigaretten und nach Urin.
Um 23.10 Uhr nimmt ihn ein Notarzt auf und schickt ihn an die Chirurgen weiter. Zheng habe starke Schmerzen in beiden Beinen, heißt es in seiner Krankenakte, vor drei Monaten sei ihm der Blinddarm entnommen worden. "Sonst keine Auffälligkeiten." Man erstellt ein Blutbild, verabreicht Schmerzmittel.
Zhonghong sieht in dieser Nacht, wie sich die Unterschenkel ihres Mannes immer weiter verfärben, wie sich seine Füße grotesk nach außen drehen. Mehrmals schleppt sie ihren Mann zur Toilette. Am Morgen rollt man ihn zur Sonografie und zum Kernspintomografen. Dann folgt, endlich, die Diagnose: In beiden Beinen des Patienten, schreibt Dr. Li Riheng, haben sich arterielle Thrombosen gebildet, Zhengs Zustand sei "kompliziert und kritisch". Dennoch entlässt die Universitätsklinik Hebei den Patienten. Sie überweist ihn an das Militärkrankenhaus 301 in Peking.
Die Blutbahnen, die Zhengs Beine versorgen, sind verstopft, akuter Arterienverschluss. Rechtzeitig behandelt, bestehen gute Heilungschancen. "Verzögert sich ein Eingriff länger als zwölf Stunden", so steht es in der Fachliteratur, "droht der Verlust der Extremität."
Warum die Ärzte ihren Patienten trotz eindeutiger Diagnose nicht operieren, warum sie ihn 20 Stunden nach seiner Erkrankung ins 160 Kilometer entfernte Peking überweisen, versteht Zheng Yanliang nicht. Es ist auch nicht zu verstehen. Zwei Jahre später wird er sich mit dieser Frage an die Beschwerdestelle des Hospitals wenden. Die Beschwerde wird abgewiesen.
"Wozu wollen Sie das wissen?", fragt Dr. Zhang Aimin, 50, Oberarzt der Allgemeinen Chirurgie, als ihn der SPIEGEL mit derselben Frage konfrontiert. Ja, er erinnere sich an diesen Patienten. Sein Urteil: "Der Mann ist moralisch minderwertig. Er erzählt seine Geschichte nur herum, um Geld zu machen."
Zheng, vor Schmerzen immer wieder ohnmächtig, weist seine Frau in einem wachen Moment an, sich von Freunden 10 000 Yuan auszuleihen, knapp 1500 Euro. Zhonghong fährt mit ihrem Mann nach Peking, die Fahrt dauert vier Stunden.
Das Militärkrankenhaus 301 wird von der Volksbefreiungsarmee verwaltet und ist eines der größten und besten Krankenhäuser des Landes. Es hat über 4000 Betten und versorgt 3,8 Millionen ambulante und 110 000 stationäre Patienten pro Jahr. Die Klinik ist, wie auf ihrer Website steht, für die "medizinische Versorgung der Führer des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei, der Zentralen Militärkommission, des Generalstabs der Volksbefreiungsarmee und der in Peking stationierten Truppen zuständig". Sollte Chinas Präsident an einem arteriellen Beinverschluss leiden oder auch an einem harmloseren Gebrechen – man würde ihn in das Krankenhaus 301 bringen.
Hohe Kader werden im militärisch gesicherten VIP-Flügel behandelt, ambulante Patienten betreten das Krankenhaus über ein in Marmor, Glas und Chromstahl gehaltenes Entree, das auch als Abflughalle eines Großstadtflughafens dienen könnte. Zheng Yanliang ist ein Notfallpatient, der behandelnde Gefäßchirurg schickt ihn sofort in die Orthopädie weiter. Die Kollegen mögen bitte die Voraussetzungen für eine Amputation prüfen, gefäßchirurgisch sei das rechte Bein des Patienten nicht mehr zu retten. Zheng verbringt die Nacht mit Untersuchungen, dazwischen liegt er auf einer Trage im Flur der Notaufnahme. Ein Arzt nimmt seine Frau zur Seite und erklärt ihr, dass eine Amputation nur der erste Schritt einer langwierigen Behandlung sei, die sie, alles in allem, an die 300 000 Yuan kosten werde, 40 000 Euro. Eine Summe, die das Paar auch dann nicht aufbieten könnte, wenn es Haus und Hof verkaufte.
Außerdem, sagt der Arzt, sei eine Amputation im Augenblick noch nicht möglich, es müsse sich erst eine "klare Linie" in seinem Gewebe abzeichnen, unterhalb der das Bein abgetrennt werden könne. Wollten sie die Operation in Peking machen, sagt der Arzt, dann müssten sie jetzt ihr Deposit aufstocken. Die 10 000 Yuan vom Vorabend seien bereits aufgebraucht.
Zheng will nicht weg aus dem Militärkrankenhaus 301, Zheng will nicht sterben. Aber er hat keine Wahl. Er ist am Ende dessen angelangt, was das Gesundheitssystem ihm, einem Todkranken, an Hilfe zu bieten hat.
Um acht Uhr früh am nächsten Morgen entlässt eines der führenden Krankenhäuser Chinas den Patienten Zheng Yanliang. Der Kranke sei sich seiner Situation bewusst, schreibt der diensthabende Arzt in die Akte, doch er lehne es ab zu bleiben. Zheng sei "darauf hingewiesen worden, dass er die Konsequenzen zu tragen habe, falls die Behandlung verzögert wird". Für seine Nacht in Peking zahlt Zheng 11 000 Yuan, für die Ambulanz, die ihn nach Baoding zurückbringt, noch einmal 1800.
Die Partei kümmert sich um Wohlstand und um Wohnungen, um Jobs und Straßen und um Sicherheit. Um die Gesundheit seiner Bürger hat sich das boomende China lange nicht gekümmert. Mit der Privatisierung zu Beginn der wirtschaftlichen Öffnung Chinas brach das kommunistische Gesundheitswesen zusammen. Es hatte die Lebenserwartung der Chinesen von 35 auf 68 Jahre verdoppelt und die Kindersterblichkeit um vier Fünftel gesenkt – eine der wenigen bemerkenswerten Errungenschaften der Mao-Jahre.
Dann kam Deng Xiaoping, und die Chinesen wurden reicher. Viel gesünder wurden sie nicht. Nur Beamte und Staatsangestellte waren weiterhin versichert und versorgt, Bauern und Wanderarbeiter mussten sehen, wo sie blieben.
Wenn der Staat versagt, bleibt die Familie, die Verwandtschaft. Wer könnte helfen? Wer kennt wen? Zhonghong fällt ein Neffe ein, er ist Medizinstudent. Sie ruft ihn an. Der Neffe kennt einen Chirurgen in Baoding. Sie fahren hin.
Dr. Li, der Chirurg, empfängt das Ehepaar Zheng im Krankenhaus Nr. 252 in Baoding, jedoch als Privatmann. Er tut ihnen einen Gefallen. Es gibt kein Protokoll dieser Begegnung, nur die Version von Zheng und seiner Frau. Als der Spiegel Dr. Li telefonisch erreicht, bestreitet dieser, je von einem Patienten namens Zheng Yanliang gehört zu haben.
"Er sagte uns, dass er Yanliangs Krankheit nur aus der Literatur kennt", erinnert sich Zhengs Frau, "in der Praxis sei ihm so etwas noch nicht begegnet." Die Kollegen in Peking hätten recht, sagt er: Für eine Amputation sei es noch zu früh. Zhonghong fragt nach, ob man das Blutgerinnsel nicht irgendwie auflösen könne. Der Arzt verneint. Es sei zu spät. Wenn man gar nichts mache, habe Zheng vielleicht noch ein, zwei Wochen zu leben. Wenn man den Pfropfen auflöse und dessen Fragmente dann zum Herzen vordrängen, sei er sofort tot.
Zhonghong sagt: "Ich hatte zwei Tagen nicht mehr geschlafen. Wir hatten unser ganzes Geld ausgegeben. Wir hatten uns verschuldet. Trotzdem reichte das Geld nicht für eine Operation. Ich musste eine Entscheidung treffen. Ich sagte meinem Mann: ,Wir fahren nach Hause, du wirst gesund.'" Sie dachte, sie würde ihn zum Sterben heimbringen.
Februar 2012, Zheng liegt in seinem Bett, er kriegt Schmerzmittel, Tramadol, alle zwölf Stunden eine Spritze, dann alle vier, dann alle zwei. Nach drei Tagen fängt er an zu halluzinieren. Durch sein Zimmer fliegen Gespenster. Sein Bein wird jeden Tag schwärzer. Zhonghong legt ihm Windeln an, er braucht sie bald nicht mehr, weil er aufhört zu essen. Auch Wasser trinkt er nur noch, wenn seine Frau es ihm einflößt, die Mutter und die Schwiegermutter duldet er nicht am Bett. Zhonghong sitzt bei ihm und wartet darauf, dass er stirbt. Seine Schwester kommt vorbei, sie hat das Totenkleid gekauft. Hier könnte, hier müsste Zhengs Geschichte zu Ende sein.
Aber Zheng Yanliang stirbt nicht.
Nur sein Bein ist längst tot. Als er, nach elf Wochen im Dämmerzustand, eines Morgens plötzlich erwacht, spürt er keinen Schmerz mehr in seinem rechten Bein, 12. April 2012. Doch er riecht es. Der Verwesungsprozess hat eingesetzt. Zheng kann den Anblick nicht ertragen. Zwei Tage später bittet er seine Frau, ihm die Säge zu reichen, die im Werkzeugkasten unter dem Bett liegt, er sagt: "Hilf mir, das Bein abzusägen." Zhonghong weigert sich. Sie streiten sich. Sie stürmt aus dem Zimmer. Er ist allein. Er nimmt die Säge in die Hand. Es fließt kaum Blut. Der Knochen morsch, im Gewebe Madenbefall. Zheng beißt so kräftig auf das Holz zwischen seinen Zähnen, dass er sich einen Backenzahn ausbricht. Als seine Frau zurück ins Zimmer kommt und sieht, was ihr Mann getan hat, sinkt sie zusammen.
Ein schwerer Krankheitsfall wie der von Zheng Yanliang kann in China bis heute eine ganze Familie finanziell ruinieren. Nach der Jahrtausendwende hatten neun von zehn Chinesen keine Krankenversicherung, und während die Vermögen der städtischen Eliten wuchsen, blieben die Gehälter der Ärzte weit zurück. Unterbezahlt, überarbeitet und immer wieder Übergriffen durch hilflose und aggressive Patienten ausgesetzt, verzweifeln Chinas Ärzte an ihrem Beruf: Jeder Vierte leidet an einer Depression.
Die Partei bemüht sich. Anfang 2003 begann China, eine Krankenversicherung für die Landbevölkerung einzuführen. Bis 2020 soll die Zahl der Ärzte von 1,5 auf 2 pro 1000 Einwohner erhöht werden (Deutschland: 3,8). Offiziell sind inzwischen so gut wie alle Chinesen krankenversichert – eine Leistung, welche die Weltgesundheitsorganisation anerkennt. Doch das System ist gestaffelt: Patienten, die eine örtliche Krankenstation besuchen, bekommen 70 bis 80 Prozent ihrer Ausgaben ersetzt; in Bezirkskrankenhäusern sind es nur etwa 60, in modernen Kliniken wie dem Krankenhaus 301 in Peking im Schnitt nur 30 Prozent. Und wo immer ein Patient behandelt wird – er muss finanziell in Vorleistung treten.
Mit dem abgesägten Bein ist plötzlich auch der Tod aus dem Haus.
Zheng fängt wieder an zu essen. Zhonghong gießt Jod über die Wunde. Die Nachbarn, die das Sterbehaus seit Wochen nicht mehr betreten hatten, kommen wieder. Zheng erholt sich.
Auch hier könnte Zhengs Geschichte zu Ende sein, und die Welt hätte nichts von ihr erfahren. Es hätte so weitergehen können wie in den Monaten, die folgten. Ein chinesischer Bauer und Wanderarbeiter lebt als Schwerbehinderter in einem Dorf, seine Familie pflegt ihn so gut es geht, seine Schwester kauft einen Rollstuhl, er kriegt eine kleine Invalidenrente bewilligt, 129 Yuan pro Monat, knapp 20 Euro. Seine Tochter, statt zu studieren, nimmt eine Stelle in einer Schuhfabrik an, das Geld reicht trotzdem nicht. Er hätte noch viele Jahre so leben können, von einem Tag zum nächsten, in Armut. Vielleicht wäre er bald gestorben, an der Thrombose im anderen Bein, an seinen geschädigten Nieren, an einer Infektion. Dass es nicht so endete, ist ein weiteres Wunder in einem Leben ganz unten in China.
Denn Zheng gibt nicht auf. Und er hat Glück. Mehr als ein Jahr ist vergangen seit seiner Selbstamputation, als er im Sommer 2013 auf die Idee kommt, seine Geschichte einer Zeitung zu erzählen. Er kennt kaum Zeitungen, nicht einmal deren Namen. Er ruft bei der Auskunft an, lässt sich Titel und Nummern von Zeitungen aus Peking geben. Die Journalisten, die er erreicht, glauben ihm nicht. Einer rät ihm noch, es bei einem Lokalblatt zu versuchen, der "Baoding Evening News". Die schickt einen Reporter nach Dongzang, der macht Fotos und schreibt einen Bericht.
"Nun kamen sie alle", sagt Zheng.
Auch Dr. Han Bin kommt, Chef der Klinik Nr. 2 in Baoding, er sieht sich Zhengs linkes Bein an und will ihn sofort mitnehmen. Zheng sagt ihm, dass er sich den Eingriff nicht leisten könne. Der Arzt beruhigt ihn: "Darum kümmern wir uns." Sein linkes Bein wird amputiert. Zhonghong lässt es verpacken und steckt es zu dem anderen Bein in den Tonkrug auf dem Hof.
Einer der Journalisten stellt Zhengs Kontonummer ins Internet. Innerhalb weniger Tage gehen 320 000 Yuan an Spenden ein.
Im Frühjahr 2014 findet der Invalidenverein von Baoding ein Rehazentrum in Peking, das Zheng aufnimmt und ihm zwei Prothesen anfertigen lässt. Zheng teilt sich die Kosten mit dem Verein und dem Rehazentrum. Von den 320 000 Yuan Spendengeldern sind am Ende 18 000 übrig.
Wer ist der Schurke in Zheng Yanliangs Geschichte?
Zheng zuckt die Achseln. Ihm fällt nur eine Heldin ein. Seine Frau. "Ich war arm, als wir uns kennenlernten. Ich bin es immer noch. Sie hat mir sehr geholfen. Ich glaube, sie mag mich sehr."
Li Zhang, der Dorfchef, sagt: "Wir haben Zheng doch seine Invalidenrente besorgt, was hätten wir sonst noch tun können?"
Dou Dashun vom Kreisamt sagt: "Wenn ich an Zhengs Stelle gewesen wäre, ich hätte einfach auf meinen Tod gewartet. Ich hätte meiner Familie keinen Kummer gemacht und würde meinem Land nicht auf der Tasche liegen."
Dr. Xu Yongle, Gefäßchirurg am Krankenhaus 301 in Peking, der Zheng vor drei Jahren untersuchte und als Notfall zu den Orthopäden weiterschickte, sagt: "Wenn ein Patient am Ende zu Hause liegt und sich sein eigenes Bein absägt, dann stimmt in unserem System etwas nicht."
Zheng steht jetzt auf seine Krücken gestützt in seinem Haus und blickt durch das Fenster auf den Hof, auf den Tonkrug, in dem seine toten Beine stecken, oder das, was davon auf Erden übrig blieb, Staub und Knochen, Reliquien seiner selbst. Zhengs Beine sind ihm vorausgegangen, ins Jenseits, in das er ihnen nicht nachfolgen wollte und noch lange nicht will. Zheng Yanliang steht hier und lebt, ein ganzer Mann.
Von Zand, Bernhard

DER SPIEGEL 22/2015
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