23.05.2015

TerrorismusLiebeskummer und Massenmord

Der amerikanische Qaida-Experte Peter Bergen, 52, ü ber die gerade von der US-Regierung freigegebenen Privatdokumente von Osama Bin Laden
In seinen letzten Jahren war Osama Bin Laden ein Mann, der großes Interesse an seiner Familie zeigte – und zugleich kaltblütig fantastische Angriffspläne schmiedete. Das ist der Eindruck, der sich aus den jetzt freigegebenen Dokumenten aus Bin Ladens Versteck in Abbottabad ergibt, wo er im Mai 2011 getötet wurde. Die 103 Dokumente zeichnen ein komplexes, nuanciertes Porträt des einst meistgesuchten Mannes der Welt. In den Briefen an seine Söhne und Töchter erscheint Bin Laden als ein geliebter, bewunderter Vater, der in seine 20 Kinder geradezu vernarrt ist. In einem Brief an Khairiah, eine seiner Frauen, klingt er wie ein an Liebeskummer leidender Jüngling: "Wie lange habe ich deine Abreise aus Iran ersehnt." Er interessiert sich bis ins Detail für die Heiratspläne seines Sohns Khalid mit der Tochter eines getöteten Qaida-Kommandeurs. All das steht in krassem Gegensatz zu den Briefen, die Bin Laden an Qaida-Anführer schreibt. Darin fordert er Großangriffe auf US-Ziele und dringt darauf, dass die Qaida-Ableger im Nahen Osten aufhören sollten, ihre Zeit mit Angriffen auf die lokalen Regierungen zu verschwenden. Seine digitale Büchersammlung ist die eines eifrigen Lesers, er mag sowohl "Obamas Kriege" von Bob Woodward als auch Noam Chomsky. Bin Laden ist zudem ein akribischer Autor, viele Memos hat er bis zu 50-mal geändert. Er sorgt sich unter anderem um die unheilvollen Auswirkungen des Klimawandels auf die islamische Welt. Während er sich öffentlich nicht zum Arabischen Frühling äußert, verfasst er privat lange Analysen der Proteste, die er als "die wichtigsten Ereignisse" in der islamischen Welt "seit Jahrhunderten" sieht. Einige Dokumente geben einen Einblick in die innere Verfasstheit von al-Qaida: Sie erwähnen finanzielle Probleme sowie die Notwendigkeit von Sicherheitsmaßnahmen. So sollten die Kommunikation verschlüsselt und Reisen nur an "wolkigen Tagen" unternommen werden, wenn die Drohnen weniger effektiv seien. Es gibt sogar ein Bewerbungsformular für al-Qaida, das Standardfragen nach "Hobbys" enthält, aber auch weniger übliche wie: "Wen sollen wir im Fall eines Märtyrertods kontaktieren?"

DER SPIEGEL 22/2015
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