23.05.2015

LiteraturPlanet Deutschland

Autoren nichtdeutscher Herkunft schreiben die besten Bücher der deutschen Gegenwartsliteratur. Was verbindet sie? Wäre es nicht Zeit für eine neue Gruppe 47? Ein Besuch bei Deutschlands eingewanderten Autoren.
Was ist denn das für ein komischer Vogel? Krächzend fliegt ein Papagei über den Mikrodschungel im Blumencafé in Berlin-Prenzlauer Berg. Abbas Khider lässt sich nicht stören, reißt die Arme in die Luft, legt die Haare hinter die Ohren, deutet nach hier, nach da. Er erzählt in Windeseile die Geschichte seiner Flucht aus dem Irak, der plötzlichen Freiheit des Denkens und des Schreibens im Exil in Jordanien, in Ägypten, in Libyen, wie er irgendwann begann, auf Deutsch zu schreiben, und wie er jetzt in Kursen jungen Ägyptern in Kairo literarisches Schreiben beibringt, obwohl er es selbst nie gelernt hat und sich darüber zuvor eigentlich auch nie Gedanken gemacht hat.
Khider, 42, in Bagdad geboren, ist einer jener Schriftsteller nichtdeutscher Herkunft, die die deutsche Gegenwartsliteratur seit einigen Jahren bestimmen. Einer jener eingewanderten Autoren, die die überraschendsten und kraftvollsten deutschsprachigen Werke unserer Zeit geschrieben haben. Sie kommen aus Bosnien, Bulgarien, Georgien, aus der Ukraine und der Türkei, aus dem Irak oder aus Prag, ihre Muttersprache ist nicht Deutsch. Es ist die Sprache ihrer Literatur. Sie sind in die deutsche Literatur eingewandert. Und sie könnten heute so eine Kraft in der deutschen Literatur sein, wie es die Juden in Deutschland vor 1933 waren. Sie könnten so streitsüchtig und machtbewusst sein, wie die Autoren der Gruppe 47 es waren. Sind sie aber nicht. Sie sind anders, sie leben heute, in der Epoche der literarischen Vereinzelung, der Einzelkämpfer, Abschotter, Interessenvertreter des Ich.
Ist das wirklich so? Kann man es ändern? Will das jemand? Könnte man nicht heute wieder eine Gruppe bilden, in der radikal und rücksichtslos die literarischen, die politischen Fragen unserer Zeit besprochen werden? Hilft das nicht allen? Uns, den Lesern? Ihnen, den Schriftstellern? Im Kampf um Aufmerksamkeit? Um bessere Bücher, bessere Laune, mehr Gemeinschaftlichkeit? Ist es nicht verrückt, dass im heutigen Europa, in dem sich die Staaten wieder auf ihre nationalen Interessen besinnen und kein Politiker die europäische Idee als lohnende Utopie formuliert, die Schriftsteller mit ihren europäischen, ihren universellen Biografien diese Lücke nicht füllen? Oder füllen sie sie schon längst? Was sagen die Autoren selbst dazu? Eine kurze Reise durch die kleine deutsche Weltliteratur.
"Wir brauchen eine universelle Utopie und keine europäische", sagt Ilija Trojanow, 49, geboren in Sofia, geflohen über Jugoslawien und Italien, fand seine Familie 1971 in Deutschland Asyl, übersiedelte aber schon 1972 nach Kenia. Er hat die weltumspannendste Lebensgeschichte der deutschen Gegenwartsliteratur, der Roman "Der Weltensammler" (2006) machte ihn in der ganzen Welt bekannt. Trojanow hat gemeinsam mit Kolleginnen vor einiger Zeit den internationalen Schriftstelleraufruf gegen Massenüberwachung organisiert. "Ich weiß nicht, ob die Gruppe 47 je einen so internationalen und politisch präzisen Aufruf lanciert hat", sagt er. Trojanow hat den "Weltempfänger" gegründet, eine Initiative, die Weltliteratur in Deutschland bekannter machen soll, er lädt regelmäßig afrikanische Autoren nach Deutschland oder nach Wien ein, wo er lebt, um mit ihnen zu diskutieren. Zusammen mit den Autoren Navid Kermani und Carolin Emcke will er eine Flüchtlingsinitiative gründen. "Es ist Zeit für praktische und radikale Utopien", sagt er. "Und die Migrantenautoren sind natürlich aufgefordert, gerade beim Thema der Überwindung nationaler Grenzen und kultureller Ressentiments alternative, gelebte Visionen zu vermitteln."
Klingklangklong, Handy in der Sonne, Nino Haratischwili, gerade im Smart vorgefahren, Sonnenbrille, raucht im Wind vor dem Hamburger Café Westwind. "Ja, wer ist dran? – Oh, wirklich? Danke! Doch, das freut mich sehr. – Ja, mal sehen, ob ich da kann." Sie strahlt. Den Literaturpreis des Kulturkreises der deutschen Wirtschaft bekommt sie, hat sie eben erfahren. Mit dem Geld fährt sie in Urlaub oder so. Haratischwili, geboren 1983 in Tiflis, kam mit zwölf nach Deutschland. Im vergangenen Herbst erschien ihr über tausend Seiten dickes europäisches Epos "Das achte Leben (Für Brilka)", ein Familienroman über das vorige Jahrhundert, vom Balkon Europas, von Georgien, aus beobachtet und erzählt.
Jetzt sitzt sie hier im Wind, sagt trotzig, sie müsse gar nichts, als Autorin fremder Herkunft. Sie fühle sich auch gar nicht fremd. "Ich bin wie ihr", habe sie immer allen entgegnet, die ihr eine Außenseiterbiografie andichten wollten. Der Betrieb, die Erwartungshaltungen seien schrecklich, sagt sie. Die Erregung, mit der zum Beispiel gerade jeder von ihr "irgendwas zum Thema Flüchtlinge" fordere, sei grauenvoll. Da mitzumachen sei dekadenter und schlimmer, als die Klappe zu halten. "Die Maschine fordert Betroffenheit", Haratischwili verweigert sie.
Dabei habe sie durchaus eine "romantische Sehnsucht" nach einer Figur wie Günter Grass, und auch eine Gemeinschaft von Autoren fände sie schön. "Aber wir brauchen ein gemeinsames Vorhaben, eine Idee, eine Utopie." Die sehe sie gerade nicht. Oder: nur im Kleinen, wenn sie zum Beispiel die Lage in ihrem Herkunftsland beschreibt, den Backlash der Gesellschaft, die Schwulenfeindlichkeit, die alles dominierende Rolle der Kirchen im Land. Selbst mit Freunden in Georgien, mit denen sie glaubte alle Werte und Ideale zu teilen, komme es nun zu unlösbaren Konflikten, da über die Vorschriften der Religion nicht zu diskutieren sei. Sie überlegt, ein Festival zu organisieren, in Tiflis, vielleicht schon im nächsten Jahr.
Vor allem will sie es selbst machen, aus eigener Initiative. Als im vergangenen Jahr der Schriftsteller Feridun Zaimoglu auf der Website der "Zeit" gegen "Anekdotentäntchen" und ihre "Hasenfibeln" polemisiert hatte, schrieb Haratischwili zusammen mit Olga Grjasnowa und Lena Gorelik einen Gegenangriff: "Mit Brüsten heißt nicht ohne Hirn." "Das hat großen Spaß gemacht", sagt sie hinter ihrer Sonnenbrille und lacht. "Ein gemeinsames Projekt. Gemeinsames Schreiben. Vielleicht ein Anfang."
Schön. Gleich mal gegeneinander.
Feridun Zaimoglu, 50, im türkischen Bolu geboren, debütierte vor 20 Jahren mit seinen nachgedichteten Mitschriften von Einwandererbiografien "Kanak Sprak" und ist seitdem so etwas wie der Urvater der deutschen Immigrantenliteratur. Er kommt am Telefon sofort in Fahrt: "Die neuen Spießer sind die Interkulturellen", ruft er. Ihnen gehöre seine "ganze Abneigung". Zaimoglu sitzt in der Jury des Adelbert-von-Chamisso-Preises, eines deutschen Literaturpreises für Autoren nichtdeutscher Herkunft. "Ich sitze da sozusagen als exotische Cocktailkirsche", sagt er. Was er da lesen müsse, sei grauenvoll: "Es ist eine Gefühligkeit, die nicht Gefühl ist. Ein Furor, der nicht ungestüm ist. Man dichtet die eigene kleine Welt von den rüden Geistern der Realität ab", sagt er. "Mir geht es um die schöne, herrliche deutsche Sprache." Die "Ausländerprosa" könne ihm gestohlen bleiben. "Jeder dieser kosmopolitisch angehauchten Autoren schreibt von schönen Orten, als ob er die gegoogelt hätte. Also ich spür da nix."
Zaimoglu schimpft über "wohlmeinende Kritiker", die diese versammelte Harmlosigkeit verhübschten. Er sagt, Herkunft spiele überhaupt keine Rolle und dass er froh sei, zu keiner Schriftstellergruppe zu gehören. "Ich liebe diese schöne Dekadenz, diese wunderbare Art des Eskapismus. Das heißt ja nicht, dass man asozial ist", aber "mir fehlt da nichts". Ja, er gehe gern zu Schriftstellertreffen, rede mit denen, "Honorar cash auf die Kralle, und man sitzt und trinkt, das finde ich lustig".
Dann kommt Zaimoglu auf den Text zu sprechen, den er "Trotteltext des Jahres" nennt. Maxim Biller hatte im Februar vergangenen Jahres unter der Überschrift "Letzte Ausfahrt Uckermark" den Schriftstellern nichtdeutscher Herkunft übereifrige Integration und Anpassung vorgeworfen. Zaimoglu unterstellte er, sich wie ein Kollaborateur fühlen zu müssen. "Ich habe beim Lesen gedacht: Hat das ein Nazi geschrieben?", sagt Zaimoglu. Er kenne diese Argumentation sonst nur von Leuten der extremen Rechten: "Jeder bleibe in seinem Pferch! Warum? Ich bin jetzt 50 Jahre alt, davon habe ich 46 in Deutschland gelebt, ja, wie sollte ich mich denn da nicht angepasst haben? Ich lebe ja hier, und gerne! Das ist der Ton von Berlin-Mitte, von diesen Yuppie-Wilden. Das hat keine Substanz", erklärt Feridun Zaimoglu aus Kiel.
Und Maxim Biller? Der Text, den er da in der "Zeit" geschrieben hatte, enthält das ganze Biller-Missverständnis, das ihn immer begleitet. Es war eigentlich ein Sehnsuchtstext, der die Autoren nichtdeutscher Herkunft aufrütteln wollte und zusammenführen zu einer streitlustigen, literaturbesessenen Gruppe. Ja, eine Art jüdische Gruppe, die auch jene Nichtjuden mit hinzunimmt, die durch ihr Nicht-ganz-Dazugehören eben zu dieser Gruppe gehören. Aber Biller, Autor von Büchern wie "Bernsteintage", "Esra" und zuletzt "Im Kopf von Bruno Schulz", gelang es auch in diesem Text sofort, ungefähr alle vor den Kopf zu stoßen, anzugreifen, zu maßregeln, bis hin zu den Literaturkritikern der dritten Nach-Nazi-Generation, deren "repressive Toleranz" das Entstehen großer, widerständiger Literatur erschwere.
"Wie soll man mit Menschen diskutieren, die sofort beleidigt sind?", fragt er heute. Biller, der 1960 in Prag geboren wurde, mit den Sprachen Russisch und Tschechisch aufwuchs und erst nach der Flucht der Eltern nach Deutschland 1970 die neue Sprache lernte, beharrt immer noch auf seinem Außenseitertum, aber den Traum von der Schriftstellergruppe hat er aufgegeben: "Ich will mit all den Leuten nichts zu tun haben", sagt er. Und: "Kein Schriftsteller ist mein Freund."
Das Problem sei, so Biller, "wir haben niemanden, der uns versteht und missversteht". Und mit diesem "Wir" meint er "wir, die wir nicht von deutschen Eltern abstammen". "Wir brauchen Kritiker, die ihre eigene Welt so beschreiben, ohne sich anzupassen an deutsche Leser." Ein Kritiker wie Ijoma Mangold, Sohn eines Nigerianers, Literaturchef der "Zeit", habe "mehr Sinn für die eiskalte, technoide, ungestalte Weltsicht eines Ernst Jünger oder die Welt von Martin Mosebach als für die Wärme und Weltsicht von Abbas Khider. Wieso kämpft der nicht für uns?", fragt Biller. Das seien eben Streber und Überangepasste. Wie auch Zaimoglu: "Unvergessen, wie er für einen Fotografen mit Strickjacke vor den Gartenzwergen seiner Kieler Wohnung posierte. Wieso macht der das?"
Vielleicht, weil er möchte?
"Ein Autor ist kein Hofnarr seiner Biografie", schreibt Saša Stanišić, der 1978 im jugoslawischen Višegrad geboren wurde und mit 14 Jahren nach Heidelberg floh, als Antwort auf einige Fragen per Mail. "Von einem Komponisten, der in der Nähe einer Brücke geboren wurde, darf man nicht immer Symphonien über Karpfen erwarten", schreibt er. "Denn das Schöne an unserem Beruf ist, dass wir mit Recherchen und Sprache jede Welt betreten, beschreiben und erschaffen können und dürfen, egal aus welcher Welt wir selbst zufällig stammen." Stanišić debütierte 2006 mit dem in seiner Herkunftswelt spielenden Roman "Wie der Soldat das Grammofon reparierte", der sofort ein Welterfolg wurde, und veröffentlichte dann als nächsten Roman "Vor dem Fest", der in der Uckermark spielt, urdeutsches Gebiet. "Ist es ihm wichtiger, als Neudeutscher über Urdeutsche zu schreiben als über Leute wie sich selbst?", fragte Biller vor einem Jahr in seinem Text.
Man kann Stanišić' fröhliches Selbstbewusstsein am besten auf Twitter verfolgen. Dadaistisch und poetisch, sportlich und reisefreudig bedichtet er die Welt, wie er sie sieht und erleidet. "Ich würde voll gern Fußball weniger mögen", schrieb er nach der Niederlage des HSV am vorigen Samstag. Oder, offenbar den Rhein streifend: "Der 'deutschsprachigen Literatur' mangelt es an Ludwigshafen." Dann, ein paar Kilometer weiter, "Heidelberg!", gefolgt von einem Tweet mit Bild des Schlosses im Grün der Frühlingshügel und noch einmal: "Heidelberg!"
Er will sich von seiner Abstammung nichts vorschreiben lassen, kein Thema, keinen Ton, kein Personal, kein Temperament. "Aus dem Fremdsein allein entsteht kein guter Text." Und dass im Zeitalter der totalen Vernetzung, der subventionierten Autorentreffs in aller Welt weniger denn je ein gemeinschaftlicher, öffentlich hörbarer Dialog entsteht? "Die totale Vernetzung führt, so scheint mir, eher zu einer Fragmentierung unserer Wahrnehmung als zu ihrer Komplettierung. Man schließt sich zusammen zu themenspezifischen Communitys, sucht seinesgleichen in Fan- und Interessenforen. Der Versuch, die Welt zu begreifen, läuft über ihre Kompartimentierung." Und Literatur sei auch ein Teil davon. Er meine das gar nicht kulturpessimistisch oder netzfeindlich. Nur realistisch.
Frühstückssaal in einem Turiner Hotel, in dem früher die Fiat-Werke untergebracht waren, gleich neben dem Messegelände. Es ist Buchmesse, Schwerpunkt deutsche Literatur. Katja Petrowskaja, geboren in Kiew, lebt in Berlin, ist einer der Stars des Wochenendes. Ihr Debütroman "Vielleicht Esther", der vor einem Jahr auf Deutsch erschien, ist gerade auf Italienisch herausgekommen. Sie erzählt von zwei Herren, die bei der Buchpremiere so klug über ihr Buch geredet hatten, dass sie staunend und schweigend danebensaß. Eine Veranstaltung für Kinder am selben Tag mit Petrowskaja hatte die Begleiterin, die sie in die Halle brachte, mit den Worten beschrieben: "die Welt, wie Katja Petrowskaja sie sieht". Die Dichterin lacht. Es fällt ihr noch schwer, sich an diesen plötzlichen Größenwahn zu gewöhnen, der ihr, seit sie Schriftstellerin ist, zugeschrieben wird.
Aber jetzt im Gespräch wird sie ernst. Ob sie die Solidarität unter Schriftstellern angesichts der Lage in der Ukraine vermisst habe? "Vermisst ist ein eher mildes Wort dafür", sagt sie. "Es ist mir überhaupt nicht klar, warum die Menschen, die vermutlich Macht haben, und manche Literaten haben die Macht über die Menschen, überhaupt nichts tun dafür, dass die Vorgänge in der Ukraine aufgeklärt werden. Hat man nichts verstanden?"
Es war ein Bruch für sie. "Ich habe mich plötzlich nicht mehr europäisch gefühlt."
Aber die europäische, die literarische Utopie gibt es für sie nach wie vor: "Natürlich. Das ist die einzige Heimat, die uns nicht verrät. Wir bestehen aus den Büchern, die wir gelesen haben, viel mehr als aus unseren Biografien. Die konkrete Biografie ist eine Begrenzung, das Lesen eine endlose Öffnung."
Es ist wunderbar, mit Katja Petrowskaja über die Möglichkeiten der Literatur zu reden, über den Größenwahn der Aufklärung und über Literatur als "radikales Mittel gegen die Gefangenschaft durch die Ideologien". Es ist, als träte man in eine literarische Welt von heute ein. Wenn sie berichtet, wie sie das erste Mal nach Turin kam. Als Kind hatte sie immer und immer wieder ein Kinderbuch über das Grabtuch von Turin gelesen. Es war ein Märchen, natürlich aus Irgendwo. Irgendwann, Jahre später, sah sie einen Film über Nietzsche, "Das Turiner Pferd", darin kam auch das Grabtuch vor. Sie konnte es nicht glauben: Jesus, das Märchen, Nietzsche und die plötzliche Wirklichkeit. Sie versuchte, das alles zur Deckung zu bringen, um festzustellen, dass es sich natürlich niemals zur Deckung bringen lässt. Es bleibt immer dieser Rest. Religion. Glaube. Literatur.
Von der Erlangung der deutschen Sprache als Sprache ihrer Literatur spricht sie wie von einer Befreiung. "Es war ein Schritt ins Freie. Die Gründe sind nicht unbedingt fröhlich. Vielleicht ist es eine Methode, sich durch das andere zu finden oder das eigene und oft extreme Ich loszuwerden, weil du in dieser anderen Sprache nicht mehr du bist."
Katja Petrowskaja ist eine der wenigen eingewanderten Autoren, die zugeben, dass sie nicht ganz allein schreiben; die Journalistin Sieglinde Geisel hilft ihr, greift korrigierend ein. Ihr Tagebuch schreibt Petrowskaja dreisprachig. Deutsch, Englisch, Russisch. Es wäre toll, einen Roman über Osteuropa in den Neunzigerjahren auf "broken English", also in schlechtem Englisch, mit osteuropäischem Akzent zu schreiben, sagt sie. Die Sprache des Postkommunismus mit all seinen slawischen Elementen. "Das wäre schön, ich befürchte aber, es ist nicht meine Aufgabe. Und ich habe nicht die Kraft", sagt sie. Sie beneidet die Autoren, denen das Schreiben leichtzufallen scheint. Sie ringt buchstäblich mit jedem Wort. "Es wäre nun mutig, auf Russisch zu schreiben", sagt sie am Ende. "Sehr mutig. Ich weiß nicht, ob ich das wagen werde."
Zurück im Berliner Blumencafé unter tropischen Pflanzen. Der Ara fliegt und kräht. "Ich bin neidisch auf Heinrich Böll", sagt Abbas Khider. "Er war einer der Autoren, die die Welt verändert haben." Er erzählt von seinen Reisen zurück in die alte Heimat, seiner Flüchtlingsroute in umgekehrter Richtung. Erzählt vom Arabischen Frühling, von den Demonstrationen in Athen, in Spanien. "Das ist unsere Zeit", sagt er. "Ich muss da dabei sein. Die Welt wird sich ändern. Ich muss das miterleben." Er sieht aus dem Fenster auf die Straße, sagt, dass es immer zwei Geschichten gibt. Die der Machthaber und die der Literatur. "Wir haben eine Aufgabe. Und die wird nie enden."
Ist es das, was die Literatur der Immigranten in Deutschland prägt und was sie besonders macht? Die doppelte Optik der Zugewanderten, das Erlebnis des Auswanderns aus einer Sprachwelt in eine andere? Dieses Grundbewusstsein, dass es immer auch eine andere Geschichte gibt?
Eine Gruppe werden diese Autoren aber wohl niemals bilden. Obwohl, nach diesem Ausflug in ihre Welt: Es wäre schon großartig, die hier beschriebenen einmal in einem Saal zu versammeln. Das direkte Gespräch zu beginnen. Den Streit. Das Ringen um eine neue deutsche Literatur.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 22/2015
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