30.07.1984

Gegen Allah waren sie wehrlos

Von Kogelfranz, Siegfried

SPIEGEL-Redakteur Siegfried Kogelfranz über den Staat und den Krieg des Ajatollah Chomeini *

Gasmaskenausgabe. Zivilschutzfilter 68 83-7226-C steht auf dem Masken-Einsatz. Hersteller Dräger, Lübeck.

Eingepackt ist die Maske in einem grünen Beutel mit arabischen Schriftzeichen. Ein Major der iranischen Armee und ein Revolutionskrieger unbekannten Dienstranges drücken dem Frontbesucher das Schutzgerät in die Hand.

Ob es gebraucht wird? Ausgeschlossen ist das nicht in der Schilfsteppe um die Madschnun-Inseln, die "Inseln des Verrückten" in den Huweisa-Sümpfen östlich des Tigris, um die sich Iraner und Iraker im Februar eines der grausigsten Gemetzel des vierjährigen Golfkrieges lieferten.

Tausende sind damals in den Brackwassersümpfen verblutet, einer der trostlosesten Wüsteneien der Welt. 2700 Iraner wurden angeblich Opfer irakischer Giftgas-Einsätze. 80 waren sofort tot, die anderen siechen in Lazaretten dahin, die meisten unheilbar. Ihre vom Gas zerfressenen Gesichter klagen auf persischen Propagandabroschüren den Feind an.

Bei einem neuerlichen Gasangriff würde das Dräger-Gerät, verrät der Begleitoffizier, wohl auch nicht viel nützen: "Die Filter mögen gut für eure Städter sein, hier taugen sie nichts." So sind die Gasmasken, teuer auf dem internationalen Waffen-Graumarkt erstanden, wohl mehr für die Moral der Madschnun-Besatzer da als für tatsächlichen Schutz.

Denn Gas wollen die Iraker auf jeden Fall wieder einsetzen, falls die Iraner noch mal angreifen, "alles, was wir haben", drohte ein irakischer General.

Auf den Madschnun-Eilanden scheint es freilich nicht so, als wollten die Iraner den von ihrem Ajatollah so oft prophezeiten letzten Großangriff bald starten: zuwenig Truppen, zuwenig schweres Gerät, das zudem - Zwillingsflaks gut getarnt, eingegrabene Panzer mit großkalibrigen Kanonen - eher zur Verteidigung in Stellung gebracht scheint.

Die Iraner, die zunächst mit Schlauchbooten durchs Schilfmeer angriffen, dann, unbemerkt von den Irakern, einen 14 Kilometer langen Damm durch den Sumpf aufschütteten, schließlich noch eine lange Pontonbrücke bauten, sind auf dem Eiland offenbar erst mal so weit gekommen, wie sie wollten.

Etwa anderthalb Kilometer vom vordersten Befehlsbunker entfernt, in dem ein schnauzbärtiger Oberst befiehlt ("Nennen Sie mich Hussein"), glänzt in der Sonne bei mehr als 50 Grad Hitze ein geheimnisvoller Tümpel.

Das Wasser schimmert in einer metallischen Farbe zwischen Rosa und Violett unbeweglich wie flüssiges Blei. Ein paar zerbrochene Rohrleitungen führen von dem Teich weg, zerstörte Sandsack-Stellungen ringsum zeugen von schwerem Kampf. Es ist Öl, das unter dem Schilfsumpf so üppig liegt, daß es an manchen Stellen an die Oberfläche drängt.

Auf viele Millionen Barrel in Milliardenwert wird die Erdölblase unter dem Schilf geschätzt. Und wenn der zunehmend sinnlose Krieg, den wohl keine Seite mehr gewinnen kann, doch einmal endet, dann nicht zuletzt dank dieses Öllagers unter Sumpf und Schilf - Faustpfand der Iraner für ihre Forderung nach Kriegsentschädigung durch Irak.

Denn der Krieg mag eine Zeitlang durchaus nützlich gewesen sein für die islamische Revolution des Ajatollah Chomeini: Er einte das Volk gegen den äußeren Feind und beschäftigte die potentiell gefährliche Armee. Aber solange er weitergeht, jeden Monat über eine Milliarde Dollar verschlingt und Irans

Ölexport behindert, kann nicht viel laufen im Iran der Mullahs, der nicht nur vom einstigen Protz-Staat des Schahs Welten entfernt ist, sondern wohl auch von allen anderen Gemeinwesen dieser Erde.

Die Islamische Republik Iran ist heute ein Staat wie kein anderer: Sie entstand aus einer echten Revolution, die von der Masse des Volkes getragen wurde, und sie ist der wohl einzige wahre blockfreie Staat der Welt, dem beide Supermächte gleichermaßen als der Satan gelten.

Beides hat der Masse der Iraner - und nicht zuletzt ihrem ohnedies ganz von sich selbst überzeugten Führer - ein nationales Hochgefühl beschert, das sie jeden fühlen lassen: Sie haben aus eigener Kraft etwas völlig Neues geschaffen. Sie, die Iraner, so lange von fremden Mächten geknechtet, sind wieder wer, und es schert sie wenig, ob das Ausland gut oder schlecht über sie denkt; daß sie weltweit beachtet und gefürchtet werden, ist ihnen wichtig.

Dabei greifen sie, wie viele Revolutionäre vor ihnen, gleich nach den Sternen. Ihre Ideologie ist durchaus aggressiv. Die Islamische Republik ist ihnen der beispielhafte Gottesstaat, der folgerichtig auch keine definierten Grenzen hat, sondern sich nach dem Selbstverständnis der schiitischen Erlöser erst vollendet, wenn er eines Tages die ganze Welt umfaßt. Ein Tausendjähriges Reich auf islamisch - mit entsprechend schwülstigen Parolen.

"Oh, großer Ozean der Moslems, vernichte die Feinde der Menschheit", predigt der Ajatollah, der nichts dagegen hat, dem "Messias", dem legendären "verborgenen Imam" der Schia, gleichgestellt zu werden. Er erinnert seine verängstigten moslemischen Brüder jenseits des Golfs immer wieder daran, welche Macht sie hätten und - unter seiner Führung, versteht sich -, nützen sollten: "Es gibt fast eine Milliarde Moslems, und die haben die Lebensader der Weltwirtschaft in der Hand." Islam mit Feuer und Schwert und der ganzen Macht des Öls.

Der Präsident Sejjid Ali Chamenei, oberster Chef der Propagandisten des Gottesstaates, der Freitagsprediger in den Moscheen, die dem Volk die Richtlinien der Politik verkünden, beschwört die "islamische Utopie einer großen Gemeinschaft, die sich auf alle Rechtgläubigen dieser Welt ausbreiten wird".

Erreicht werden soll dieses hehre Ziel durch furchtloses Märtyrertum, denn "eine Nation, die aus Märtyrern besteht, kann nicht geknechtet werden", so eine Parole auf der wohl größten Baustelle des Iran.

Es ist "Behescht-i-Sahra", das Gräberfeld des Paradieses, der riesige Märtyrer-Friedhof südlich Teherans an der Straße zur heiligen Stadt Ghom.

Dort liegen bereits Zehntausende Revolutions- und Kriegsopfer begraben, entstehen eben die Grundmauern einer riesigen Moschee und ist Platz für weitere Hunderttausende Gräber vorbereitet. Dort wabert auch der für Fremde so abstoßende Blutbrunnen, aus dem ständig symbolhaft rotgefärbtes Wasser quillt.

Blut scheint überhaupt der Stoff zu sein, aus dem diese Revolution gemacht ist. Entgegen aller traditionellen islamischen Bilderfeindlichkeit sind Mauern, Zäune und Plakatwände vollgeklebt mit Märtyrerphotos, in Blut gerahmt, mit Bildern blutiger Leichenfetzen ermordeter Revolutionäre, Blutstropfen zieren die Grabbilder auf dem Friedhof und die alles beherrschenden Chomeini-Porträts.

Dabei sind die Märtyrer nach islamischem Glauben gar nicht tot. Sie sind vielmehr direkt ins Paradies eingegangen, wo sie in himmlischen Freuden weiterleben. Folgerichtig verdienen Hinterbliebene der Märtyrer auch keine Beileids-, sondern eine Glückwunsch-Botschaft und erhalten das Gehalt des ins Paradies berufenen Ernährers bis zu dessen Pensionsalter weiter.

Das revolutionäre Pathos, mit dem das Märtyrertum der im Kampf für die Revolution Gefallenen täglich stundenlang gerühmt wird, vor allem im Fernsehen, vertuscht freilich nur unvollkommen den trüben Alltag der Iraner. Er hat viele, die in dem Mullah-Aufstand auch eine soziale Revolution sahen, tief enttäuscht.

Denn fürs Volk und sein tägliches Brot hat sich seit den Tagen des Schah soviel gar nicht verändert. Das Nord-Süd-Gefälle, das Teheran schon immer zu einem Mikrokosmos der Welt - Entwicklung und Überfluß im Norden, Unterentwicklung und Elend im Süden - machte, teilt die Neun-Millionen-Stadt am Abhang des Elbrusgebirges noch immer.

Besuchen - gegen einen Eintritt von 300 Rial, immerhin zehn Mark zum amtlichen Kurs - dürfen die aus dem Süden heutzutage immerhin die ihnen früher verschlossene Pracht im Norden, sie sollen es sogar.

Der Saadabad-Palast, Sommersitz der Schahfamilie in einem märchenhaften Park ganz oben am Berghang, eigentlich fünf einzelne Paläste, wurde zum Museum erklärt - und nichts wurde verändert.

Nur vor dem Hauptpalast steht nicht mehr die überlebensgroße Bronzestatue des Schah-Vaters Resa. Ihn haben die Mullahs zu einem der seltsamsten Denkmäler der Welt zurechtgestutzt: Sie ließen nur die etwa mannshohen Stiefel mit Beinkleidern hinauf bis zum Schritt stehen.

Drinnen blieb die ganze alte Pracht erhalten. Auf zimmergroßen Seidenteppichen feinster Knüpfart und Möbeln - französisch, erklärt der Führer - ist alles für ein Bankett gerichtet, so als kämen gleich die Gäste. Meißener Porzellan

(deutsch, so der Führer), Kristallgläser (italienisch) - jeder fremde Satan kriegt sein Fett ab.

Die goldenen Armaturen am Bidet der Schahmutter werden ins Licht gerückt, geöffnete Schranktüren erlauben einen intimen Blick auf seidene Morgenmäntel und güldene Pantoffeln der Kaiserin Farah.

Und in allen Details wird gezeigt, wie sich die kaiserlichen Hoheiten so die Zeit vertrieben: mit Roulette, Jetons säuberlich geordnet, im Tee- oder Rauchzimmer, mit einer voluminösen Tonanlage unter dem altpersischen Spiegelmosaikzimmer des Schahvaters oder im Luxuskino der Schahmutter, 45 Klubsessel mit eingebauten Aschenbechern und Gläserablagen sowie einer gehämmerten Kupferwand als Vorhang.

Zwei Farbphotos zeigen - Gipfel der Frivolität - den Schah und Gemahlin, beide in Edelrocker-Kostüm, auf schweren Motorrädern.

All der Pracht werden triste Schwarzweißphotos entgegengestellt: vom Elend in den Slums Süd-Teherans, gekrümmte Pacht-Bauern bei archaischer Feldarbeit, erblindete Teppichknüpfer, rachitische Kinder, die in Müllbergen nach Eßbarem graben.

Beeindruckend, gewiß, "aber das ist noch immer so", murmelt der (inoffizielle) Begleiter.

In den mauerumsäumten Villen des Nordens mit ihren grünen Gärten und Swimming-pools wohnen noch immer die Reichen, soweit sie hiergeblieben und sich mit dem Regime arrangiert haben, oder arrivierte Mullah-Clans, die in die Häuser Geflüchteter einzogen (angeblich mit Miete aufs Sperrkonto, falls die Besitzer zurückkommen und sich nichts zuschulden kommen ließen).

Und sicher ist es nicht das Subproletariat des Südens, das die Hunderttausende von Autos fährt, die wie eh und je Teherans Straßen in ein tägliches Chaos verwandeln. Anderthalb Jahre muß ein Käufer auf einen hausgemachten "Paykan" warten, einen Mittelklassewagen mit britischer Technik der 50er Jahre. 900 Prozent Luxuszoll werden auf Import-Limousinen erhoben, so daß hubraumstarke Amerikaner, Jaguar oder Mercedes auf weit mehr als eine halbe Million Mark kommen - und doch gibt es sie zuhauf.

Noch mal fast den Preis des Wagens kostet - schwarz - die Plakette, die zur Fahrt in die stets verstopfte Innenstadt berechtigt, und doch scheinen fast alle sie zu haben.

Für Geld gibt es, wie früher, alles, auch strikt Verbotenes: statt des alkoholfreien "islamischen Biers" Selbstgebrautes aus Biomalz und Hefe - zum zehnfachen Preis; statt islamischer Cola den offiziell verdammten Wodka (aus Rosinen) - methylalkoholverdächtig und tausend Rial (33 Mark) teuer; statt Sprite schottischen Whisky original, die Flasche zu siebenhundert Mark.

Wenn's ums große Geld geht, ist es auch mit der strengen Moral mancher Mullahs nicht so weit her. Deshalb kanalisieren sie den Unmut, der sich bei den um die Früchte der Revolution Betrogenen zuweilen breitmacht, in Kundgebungen, die ihren Zielen dienen.

Da dürfen selbsternannte "Hisbollahis", Gottesdiener, oft halbstarke Jugendliche auf knatternden Motorrädern, Frauen drangsalieren, denen eine Haarlocke unter dem körperlangen Tschador oder dem zumindest vorgeschriebenen Kopftuch hervorlugt oder die ein Stück bloßen Armes oder Beines zeigen. Dafür gibt es offiziell gebilligte Prügel; besonders eifrige Fanatiker ritzen schon auch mal den nackten Unterarm eines Mannes mit Rasierklingen an.

Vergangenen Mittwoch, einem Feiertag zum Gedenken an einen besonders frommen Imam, demonstrierten mit Ermunterung des Regimes Zehntausende schwarzverhüllte Frauen aus Teherans

Süden, angefeuert von fahnenschwingenden Motorradrockern, gegen ihre sündigen Schwestern die "Mustakbarun" (Hochmütigen) aus dem feudalen Norden.

"Tod den Unbedeckten", riefen sie fäusteschwingend und meinten es offenbar auch so. Wenn der Ajatollah es befehle, sagte eine durchaus gebildete Demonstrantin (Mann, Bruder und zwei Söhne an der Front), würden sie in die Nordstadt gehen und die Frevlerinnen tatsächlich töten. Hexenverbrennung auf islamisch und Beispiel fanatischer Begeisterung für die eigene Unterdrückung.

Doch der Weg zu denen oben ist weit und steil: 20 Kilometer und 500 Höhenmeter. Und so bleiben die Reichen meist unter sich, bevölkern abends die teuren Restaurants, in denen der Chef mit - bei Revolutionären strikt verpönter - Krawatte sein Tschelo-Kabab, gegrilltes Kalbfleisch auf Reis mit Butter und Zwiebeln, anpreist und der Ajatollah, sonst überall in Farbe gegenwärtig, bloß als schwarzweißes Pflichtbild neben bunten Großdrucken von Alpen, Heide und Meer hängt.

Und nach wie vor schwärmen im glühheißen iranischen Sommer die Reichen in Massen nach Europa und Übersee aus. Zwar erlaubt ihnen die strenge Devisenkontrolle nur die Mitnahme eines kümmerlichen Taschengeldes, doch das schert sie wenig. Fast alle haben Verwandte unter den über drei Millionen Iranern im Ausland, und ein standesgemäßes Urlaubsgeld auf Auslandskonten läßt sich auch mühelos durch Rial-Schwarzgeschäfte über Firmen oder Ausländer besorgen - man muß eben nur sechsmal den offiziellen Kurs bezahlen.

Haupthindernis einer Ferienreise in die Alte oder Neue Welt sind daher weder Paß noch Geld, sondern die restriktive Visa-Erteilung der Besuchsländer, die in den iranischen Antragstellern oftmals heimliche Einwanderer vermuten.

Bei der deutschen Botschaft stehen oder liegen in diesen Sommernächten allemal 400 bis 500 Iraner Schlange (gute Plätze werden auf dem Schwarzmarkt gehandelt), aus räumlichen und Personalgründen können aber pro Tag nur maximal 200 Visa nach oft langwierigen Prozeduren ausgegeben werden.

Die Lufthansa hat zu drei Airbussen wöchentlich noch einen DC-10-Flug auf die Persien-Route gelegt und ist so gut wie immer ausgebucht; 70 Prozent der Passagiere sind Iraner.

Nicht reisen können jene, die unter der Inflation - offiziell nicht bekanntgegeben, aber auf 50 Prozent im Jahr geschätzt - am meisten leiden, weil sie von etwa tausend Mark im Monat leben müssen.

Die Armen und Arbeitslosen - etwa ein Viertel der Bevölkerung - erhalten, soweit sie den rechten Glauben zeigen, das Lebensnotwendigste über Bezugscheine, die freitags von den Mullahs in den Moscheen ausgegeben werden: Minimal-Rationen Reis, Fleisch, Zucker, Butter und Eier für Familien, ein Huhn im Monat, aber auch Zuteilungen von Kühlschränken oder Herden - doch all das reicht nicht.

Auf dem freien Markt sind die Preise für die Unterschicht unerschwinglich: ein Kilo Fleisch 800, ein Kilo Reis 500, ein Kilo Kartoffeln bis zu 400 Rial - offiziell entspricht eine Mark etwa 30 Rial. Ein Paar ausländischer Schuhe kostet so bald 500 Mark, ausländische Luxusgüter werden buchstäblich in Gold aufgewogen, das trotz des Krieges bei den Basar-Juwelieren nach wie vor in wohlgefüllten Schaufenstern glänzt.

Diese fortdauernde soziale Ungleichheit ist eine Quelle der Unzufriedenheit auch bei jenen, die der Revolution ideologisch ergeben sind, und darüber kommt es immer wieder zu Meinungsstreit auch innerhalb der Mullah-Elite, die keinesfalls ein monolithischer Priester-Block ist.

Dabei weiß keiner genau, wer wo steht: Parlamentspräsident Rafsandschani, wegen seiner scharfen Sprache im Ausland oft als unruhestiftender Fanatiker angesehen, zeigt sich im persönlichen Gespräch als geschickter, pragmatischer Politiker mit allen Attributen eines künftigen Führers. Er gehört einer der bekanntesten Großgrundbesitzerfamilien des Landes an, die beinahe ein Pistazien-Monopol besitzt. Staatspräsident Chamenei, im Ausland als gemäßigt

eingestuft, gilt im Lande selbst als Radikaler.

Doch daß die Mullahs, wer von ihnen auch immer an der Spitze steht, die Macht behalten, darüber herrscht unter Anhängern wie Gegnern der Islamischen Republik kaum ein Zweifel. Der Ajatollah Chomeini tritt - aus welchen Gründen immer - kaum noch auf: Er braucht es auch nicht mehr, so sicher steht das Regime da.

Jede organisierte Opposition ist physisch liquidiert oder vertrieben, seien es die ehemaligen Schah-Anhänger, die kommunistische Tudeh-Partei, die selbst von Moskau aufgegeben wurde, oder die linken Volksmudschahidins.

Die Macht ist fest in der Hand der bis in die Dörfer organisierten, insgesamt 180 000 Mullahs - eine totalitäre Ordnung, die sich auch ihre alles beherrschende Exekutive aufgebaut hat.

Die "Pasdaran", die Wächter der Revolution, haben heute als internes Elitekorps etwa 150 000 Mitglieder, mindestens nochmal soviel an der Front - für den Kampf, aber auch zur Kontrolle der Armee, die sich trotz der im jahrelangen zermürbenden Krieg bewiesenen Loyalität bei den Mullahs unbeliebt gemacht hat, weil sie die seit Jahresbeginn angekündigte letzte große Offensive bisher verweigerte: Die Armeeführung meint, ein Angriff hätte angesichts der überlegenen irakischen Feuerkraft kaum eine Chance.

Die Pasdaran sind unterdessen gut ausgebildet, gut bewaffnet, diszipliniert. Wenn sie in ihrem olivgrünen Drillich, Bart scheint Ehrensache, mit dem Emblem einer Maschinenpistole, die mit arabischen Schriftzeichen zu einem Gottessymbol verbunden ist, irgendwo auftauchen, weiß jeder, wer das Sagen hat.

Auch an der Front. Der Oberst auf den Madschnun-Inseln erklärt ungefragt, daß er den Befehl mit dem Pasdaran-Kommandeur des Abschnitts teile - und Auskünfte gibt er nur nach Zustimmung seines Revolutions-Kollegen. Was ein Offizier sagt, ist kein gültiger Befehl, solange nicht einer der Pasdaran seinen revolutionären Segen dazu gibt.

Die Pasdaran sind die Prätorianergarde der islamischen Revolution mit dem Sendungsbewußtsein von Gotteskriegern - und das ist nicht gering.

Unter dem graphisch einprägsamen Symbol der Islamischen Republik - das stilisierte Schriftzeichen für "Es gibt keinen Gott außer Gott" - spotten die Mullahs auf einem Spruchband am Saadabad-Palast über den Schah, der sich einst so allmächtig fühlte und den sie doch so leicht stürzten:

"Haben sie nicht die Erde bereist und gesehen, wie jene vor ihnen endeten? Sie waren noch weit mächtiger als jene, mit all ihrer Stärke und in ihren Burgen über dem Land. Aber Allah vernichtete sie wegen ihrer Sünden - und gegen Allah waren sie wehrlos."


DER SPIEGEL 31/1984
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