30.04.1984

ZEITGESCHICHTERechter Arm zittert

Die Stadt Passau verschwor sich gegen eine Schülerin, die einen Aufsatz schreiben wollte. Thema: Alltag im Nationalsozialismus. *
Zum Führer hatten die Bürger von Passau gewissermaßen ein nachbarschaftliches Verhältnis. Klein-Adolf wohnte mit seinen Eltern in der Kapuzinerstraße, Groß-Adolf wurde zum Ehrenbürger der Stadt ernannt. Eine eigens gepflanzte "Hitler-Eiche" sollte hoch und stark werden - wenn nur die Zeit gereicht hätte.
Passau jedenfalls, im südöstlichsten Winkel Deutschlands gelegen, war blitzschnell braun geworden, und blitzschnell wurde es nach dem Kriege auch schwarzrot-gold. Alte Kämpfer gehörten alsbald zur christlichen Partei. Ihr oberster Repräsentant, der NS-Bürgermeister, wurde als "Mitläufer" eingestuft. Die Vergangenheit schien bewältigt.
Nicht daß der nationalsozialistische Terror die kleine Stadt ausgespart hätte: Es hatte Judenpogrome, SA-Gewalt, Erschießungen gegeben. Mit der Stunde Null aber, beim Neubeginn, sollte alles vergessen sein - und bleiben.
35 Jahre lang ging das gut so. Bis die Schülerin Anja Rosmus-Wenninger, damals 20, im Herbst 1980 auf die Idee kam, einen Aufsatz zu schreiben. Sie war einem Aufruf des Bundespräsidenten gefolgt und hatte sich an dem Wettbewerb "Deutsche Geschichte" beteiligt. Mehrmals schon hatte die Gymnasiastin Aufsatz-Preise errungen, und der Passauer Oberbürgermeister hatte Anja dafür im Rathaus öffentlich belobigt.
Diesmal wählte sie sich das Thema "Widerstand und Verfolgung" im Dritten Reich, dargelegt am Beispiel der Stadt Passau. Präsident Karl Carstens, zumindest seinen Referenten, gefiel die Arbeit ausnehmend gut, das Präsidialamt schickte wieder eine Auszeichnung. Doch zu Hause, bei den Stadtoberen, kam das Werk gar nicht gut an. Es gab keine Ehrung, ganz im Gegenteil.
Die junge Geschichts-Forscherin wurde verklagt, eingeschüchtert, verleumdet und denunziert. CSU und SPD hielten NS-Dokumente unter Verschluß. Die städtischen Behörden sperrten die Archive. Anja, wie 13 000 andere Schüler bemüht, den "Veränderungen des
alltäglichen Lebens" in der Nazizeit nachzuspüren, hatte offenkundig zuviel herausgefunden. "Bis dahin", sagt sie heute, "kannte ich Passau nur als freundliche Stadt." Früher sei sie "ganz unreflektiert" gewesen und "konservativ gesonnen". Aber das habe sich "dann schnell geändert".
Von 300 angeschriebenen Passauer Zeitzeugen, die aus eigenem Erleben über die NS-Epoche berichten sollten, antworteten Anja nur knapp hundert, und die größtenteils mit Absagen: "Mei, mir ham so dahingelebt, mit da Politik hama uns ned so auskennt."
Hohe Parteifunktionäre von einst schickten freundliche Briefe mit lapidaren Informationen ("Der 1. Mai wurde der Tag der Arbeit"), andere sperrten sich: "In der Vergangenheit wühlen? Das ist eine Unverschämtheit." Amts- und Landgericht verweigerten jegliche Akteneinsicht; das Archiv des Bistums redete sich mit dem Hinweis heraus, die Dokumente seien "ungeordnet".
Als bekannt wurde, daß die akribische Amateur-Historikerin trotz aller Hemmnisse noch genügend Material aufgetan hatte und damit ein Buch füllen wolle, reagierten die Passauer spürbar schroffer. Eine Familie, die mit den NS-Machthabern glänzend klargekommen war und einem jüdischen Kaufmann bei der "Arisierung" den Besitz abgejagt hatte, drohte mit einer Klage wegen Geschäftsschädigung. Ein heimischer Verlag, der schon den Druck des Werkes zugesichert hatte, löste die Vereinbarung.
Buchautorin Rosmus-Wenninger, inzwischen Studentin, machte auf einer Uni-Veranstaltung zum 50. Jahrestag der Machtergreifung Hitlers einige Recherchenergebnisse vorab publik. Den ehemaligen Chefredakteur des "Passauer Bistumsblattes", Emil Janik, nannte sie den "braunen Emil", wie es ihr von vielen zugetragen worden war.
Der 1981 verstorbene Dompropst war mit nazifreundlichen Leitartikeln ("Keiner hat das Recht, in vaterlandsloser Gesinnung die Geschlossenheit dieser Front zu gefährden") Hitler zu Diensten gewesen und hatte noch 1977 bekundet, "nicht alles, was die Machthaber des Dritten Reiches unternahmen", sei "grundfalsch" gewesen.
Doch die Erinnerung an den "braunen Emil" störte eine gerade eingeleitete politische Heiligsprechung des Priesters. Auf einer kirchlichen Veranstaltung wurde Emil Janik als "herausragender Träger des Widerstandes" gefeiert, und jeder, der etwas anderes behaupte, so hieß es, sei ein "hundsgemeiner Verleumder".
Eine fromme Mithörerin trug das Wort vom "braunen Emil" Erwin Janik zu, einem Bruder des Geistlichen, der als Chefredakteur der "Passauer Neuen Presse" ("PNP") wirkt und in seinem Blatt gelegentlich scharfe Kommentare aus dem "Bayernkurier" und der "Deutschen Nationalzeitung" nachdruckte.
Erwin Janik sah das Andenken des Verstorbenen verunglimpft und stellte Strafantrag. Die "PNP" machte Stimmung gegen die Studentin, ein anonymer Anrufer drohte, Anja Rosmus-Wenningers Tochter zu entführen. Drei Fremde verfolgten die junge Frau quer durch die Stadt; ihr Anwalt gab kurz vor Prozeßbeginn sein Mandat zurück. Eingeschüchtert willigte die Autorin vor Gericht in einen Vergleich ein: Sie versprach, die Worte "brauner Emil" öffentlich nicht mehr zu benutzen.
Nach der Verhandlung vor dem Passauer Amtsgericht gestalteten sich die Nachforschungen noch schwieriger. Im Stadtarchiv waren alle Dokumente über Juden und Judenverfolgung verschwunden. Die Studentin erhielt zwar Einblick in sortierte Akten, ein 400-Seiten-Dossier über den NS-Bürgermeister Max Moosbauer und viele braune Spitzel blieb, gemäß Beschluß des Stadtrates, Verschlußsache. Die Akte enthält Hinweise auf die Zusammenarbeit zwischen Sicherheitsdienst (SD) und Passauer Klerus und, wie der Enkel des Bürgermeisters vermutet, "bestimmt interessante Einzelheiten über Parteigenossen, die noch leben und denen jetzt mehr als nur der rechte Arm zittert".
Weil die Amtsjuristen die Studentin mit immer neuen Auflagen abzuwimmeln versuchten, wollte Anja Rosmus-Wenninger die Archivbenutzung durch gerichtliches Urteil erzwingen. Die Stadtverwaltung Passau reichte beim Verwaltungsgericht in Regensburg nun ihrerseits Schriftsätze ein. Der Archivbenutzerin, wurde behauptet, fehle "die notwendige Verschwiegenheit", die Gewährleistung von Persönlichkeitsrechten Dritter sei nicht gesichert.
Der CSU-Stadtrat Franz Mader, 52, als Dekanatsassistent stets zur Stelle, wenn die Moral Beistand braucht, bot sich als Zeuge an. Er erinnerte sich "sehr deutlich" an eine Veranstaltung - die immerhin ein Jahr zurücklag - bei der Rosmus-Wenninger gewisse "Einzelheiten" über zwei Priester berichtet habe. Und diese Details könne sie nur aus vertraulichen städtischen Akten erfahren haben.
Die beiden Passauer Geistlichen hatten 1936 einen jüdischen Wäschehändler vor Gericht gebracht, weil der sie angeblich hypnotisiert hatte. Der Jude kam ins Gefängnis und blieb verschollen. Von den Priestern erhielt der eine das "Große Bundesverdienstkreuz", der andere lebt unter dem Ruf der Heiligkeit im Wallfahrtsort Altötting.
Mader, nebenberuflich auch Beobachter für Bistumsblatt und "PNP", hatte schon zuvor in einem Zeitungsartikel von einer "echten Verärgerung" über die Diskussionsteilnehmerin Rosmus-Wenninger berichtet, deren Verhalten während der Veranstaltung "wohl nicht ohne Reaktion der zuständigen Stellen wird bleiben können".
Während in Regensburg das Verfahren anhing, änderte der Passauer Rat
zweimal die Satzung für das Stadtarchiv. Von nun an konnten Archivbenutzer abgewiesen werden, wenn sie "nicht vertrauenswürdig" waren oder aber die "Interessen der Stadt Passau verletzt werden können". Ein neuer Passus regelte, daß grundsätzlich "Archivgut, das jünger als 50 Jahre ist, zur Einsichtnahme nicht freigegeben" wird. Örtliche Honoratioren, aus der Nazizeit belastet, waren damit vor unbequemen Nachforschungen weitgehend gesichert.
Zur selben Zeit, im Juni 1983, wies der Stadtrat 20 000 Mark einer Bürgerinitiative zurück, mit denen ein Denkmal für die Opfer des Nationalsozialismus errichtet werden sollte. Man habe ja, wehrte die mit absoluter Mehrheit regierende CSU-Fraktion die Schenkung ab, auf dem Friedhof bereits ein Kriegerdenkmal, das müsse genügen.
Anfang Februar schließlich begründeten die Verwaltungsrichter in Regensburg das Recht auf Einblick in die Passauer NS-Akten, wenn auch mit erheblichen Auflagen: Autorin Rosmus-Wenninger muß künftig Manuskripte vor Veröffentlichung der Stadtverwaltung vorlegen, zudem darf sie Namen und Titel der einstigen Nazi-Mitläufer nicht nennen.
Die Richter wählten den Kompromiß, vor einer grundsätzlichen Entscheidung drückten sie sich. Die rigorose Passauer Archivsatzung bleibt Rechtens, die Kommune kann auch weiterhin die Benutzung ihrer Archive durch Sperrfristen und Auflagen einschränken: NS-Verbrechen dürfen genannt, NS-Verbrecher müssen verschwiegen werden - eine pervertierte Form von Datenschutz.
Eine allgemeingültige, gesetzliche Regelung, welche Daten die Archive ihren Benutzern zu überlassen haben, gibt es in der Bundesrepublik bislang nicht. Archivgesetze der Länder und des Bundes, mit denen die Wissenschaftsfreiheit verankert werden soll, liegen seit Jahren als Entwürfe in den Ministerien.
Die neuen Bestimmungen des Datenschutzes, sagt Reinhard Heydenreuter, Rechtsreferent der staatlichen bayrischen Archivverwaltung in München, hätten viele Gemeinden verunsichert und dazu veranlaßt, überhaupt nichts mehr freizugeben. "Wobei die Datenschützer", so der Archivar, "in Wahrheit unsere besten Verbündeten sind." Diese befürchteten lediglich den Rückgriff der Verwaltung auf Archivakten, hätten aber gegen Archive als "Dienstleistungsunternehmen für die Wissenschaft" nichts einzuwenden. Heydenreuter: "Persönlichkeitsrechte haben zurückzustehen. Die geschichtliche Wahrheit hat Vorrang."
Unterdessen hat Anja Rosmus-Wenninger ihren erweiterten Aufsatz als Buch veröffentlicht, _(Anja Rosmus-Wenninger: "Widerstand und ) _(Verfolgung. Am Beispiel Passaus ) _(1933-1939". Andreas-Haller Verlag, ) _(Passau; 191 Seiten; 29,80 Mark. )
wurde in einem Vorwort vom ehemaligen Bundesverfassungsrichter Martin Hirsch für ihre "Sachkenntnis und demokratische Gesinnung" belobigt und arbeitet auch schon an einem neuen Werk, an der Geschichte der NSDAP in Passau - bis 1934.
So weit greifen die Aktenschutz-Bestimmungen nicht zurück, und das dürfte sich, im Kalkül der Stadtväter, noch als Versäumnis erweisen.
Rosmus-Wenninger: "Ich weiß schon zuviel. Verschiedene Honoratioren stellen sich heute mit weißen Westen dar und haben eine ganz besondere Vergangenheit. Das wird ein Schock für Passau." _(Mit NS-Bürgermeister Max Moosbauer (x). )
Anja Rosmus-Wenninger: "Widerstand und Verfolgung. Am Beispiel Passaus 1933-1939". Andreas-Haller Verlag, Passau; 191 Seiten; 29,80 Mark. Mit NS-Bürgermeister Max Moosbauer (x).

DER SPIEGEL 18/1984
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