03.12.1984

AUTOMOBILEMist gebaut

Eine Werkstatt bei Hamburg rüstet teure Limousinen mit allerlei Schnickschnack aus. Die Kunden sind vor allem reiche Araber. *
Das Auto, erkannte Christian Hahn, ist "unser Goldenes Kalb". "Warum", so fragte sich der Besitzer einer kleinen Auto-Reparaturwerkstatt am Stadtrand von Hamburg, "darf es dann nicht auch so aussehen?"
Hahn machte die Probe aufs Exempel - mit ungeahntem Erfolg. Inzwischen,
vier Jahre später, ist aus der kleinen Werkstatt eine der größten Automobil-Veredelungsfirmen Deutschlands geworden. Die Styling Garage Schenefeld (SGS) beschäftigt mehr als 60 Mitarbeiter und bringt es auf einen Umsatz von fast 30 Millionen Mark im Jahr. Der findige Chef wohnt inzwischen in Hamburgs feinster Wohngegend, an der Elbchaussee.
Als Junge war Hahn vom väterlichen Hof bei Cuxhaven ausgerissen und zur See gefahren. Jetzt, mit 32 Jahren, ist er mit sich zufrieden. "Mir ist eben", sagt Hahn, "zur richtigen Zeit genau das Richtige eingefallen."
Hahn sah Anfang der 80er Jahre, wie die Neureichen des Nahen Ostens sich mühten, ihre Petrodollars unter die Leute zu bringen. Sie kauften, was teuer war, denn nur das Teure versprach das ersehnte Prestige: Villen in Genf und Marbella, Privatjets, Hochseejachten - und vor allem Luxusautos.
Da konnte die Styling Garage in Schenefeld bei Hamburg Prächtiges bieten - Luxus ist Hahns Geschäft. Als "Auto-Couturier" (Hahn) baut er beispielsweise Deutschlands Spitzen-Limousine, das Modell 500 SEL von Daimler-Benz (Kaufpreis: ab 70 000 Mark), nach jedem Geschmack um. Das kostet dann ein Vielfaches des ursprünglichen Kaufpreises.
Das Auto wird in der Mitte auseinandergesägt und bis zu 80 Zentimeter verlängert. Es wird in allen erdenklichen Glitzerfarben lackiert, auf Wunsch werden sämtliche Chromteile, einschließlich Mercedes-Stern, mit einer Goldauflage von 24 Karat überzogen. Auch das Wageninnere stattet Hahn mit allem aus, was ein Scheich begehren kann, der schon alles hat. Ledersitze sind selbstverständlich, die Innenverkleidung ist aus Wurzel-Holz. Plüsch-Gardinen und eine Trennscheibe zwischen Fahrer und Fahrgastraum sowie eine Getränke-Bar und eine Eisbox machen das Gefährt wohnlich.
Dazu kommt allerlei technisches Gerät, von Telephon und Gegensprechanlage über Farbfernsehen und Video-Recorder bis zur 800-Watt-Stereoanlage und Personalcomputer mit angeschlossenem Drucker. Ein derart ausgestattetes Fahrzeug kann schon einmal 300 000 bis 400 000 Mark kosten.
Hahns bisher größter Auftrag kam vom Kronprinzen von Abu Dhabi. Für seine Hochzeitsgesellschaft bestellte der Prinz in Schenefeld 40 Daimler 500 SEL in allen Farben des Regenbogens. Geschätzter Gesamtwert: rund acht Millionen Mark.
Mehr als die Hälfte von Hahns Kunden kommt aus dem arabischen Raum. Die übrigen sind vor allem amerikanische Film- und Popstars, japanische Geschäftsleute und afrikanische Potentaten.
Deutsche Kunden hat die Styling Garage nur relativ wenige. Hahn, der für die Fahrt von Schenefeld nach Hause an die Elbchaussee selbst einen äußerlich dezenten Golf fährt, weiß auch warum: "Die Deutschen tragen ihren Reichtum nicht gern zur Schau, ein vergoldeter Mercedes gilt hier als ordinär."
Seiner internationalen Kundschaft kann Hahn einen weltweiten Service bieten. Streikt bei einem Scheich in Saudi-Arabien der Farbfernseher, läßt der SGS-Chef einen Techniker einfliegen. Hahn: "Das bin ich meinem Ruf schuldig."
Besonderen Service bietet er auch, wenn seine Kunden einmal nach Schenefeld kommen, um den Umbau ihres Fahrzeugs zu begutachten. "Wenn so ein Scheich hier ist", hat Hahn gelernt, "dann läßt er meistens auch die Sau raus." Da hilft Hahn dann ebenfalls - alles im Service mit drin.
So nimmt es kaum Wunder, daß Hahn es bisher "nie nötig hatte, Werbung zu machen". Wenn man gute Arbeit leiste, so der SGS-Chef, spreche sich das schnell rum. Er sei bei seinen Kunden für "absolute Perfektion bis ins kleinste Detail" bekannt.
Doch nichts ist perfekt in dieser Welt. Zwei Techniker, die bis vor kurzem für Hahn in leitender Stellung gearbeitet haben, erheben schwere Vorwürfe gegen ihren ehemaligen
Chef. Wer bei Hahn arbeite, so die beiden, der stehe "stets mit einem Bein im Gefängnis".
Angeblich veredele Hahn die Autos nur äußerlich. Mit Betriebstüchtigkeit und Fahrsicherheit der aufgemotzten Fahrzeuge nehme er es jedoch nicht so genau.
So verzichte Hahn, behaupten seine Ex-Mitarbeiter, beim Umbau von Mercedes-Fahrzeugen für Saudi-Arabien gern auf den vom Werk für heiße Länder angebotenen größeren Kühler. Um zu verhindern, daß die Motortemperatur-Anzeige dadurch in den kritischen Bereich gerät, sei bei SGS einfach ein elektrischer Widerstand eingebaut worden, der dem Kunden niedrigere Motor-Temperaturen vortäusche.
Auch bei der Bereifung, so die Ausgeschiedenen, zeige Hahn sich eigenwillig. Zahlreiche für Saudi-Arabien bestimmte Mercedes 500 SEL seien nicht mit den vom Werk für diesen Wagentyp vorgesehenen Hochgeschwindigkeitsreifen ausgerüstet worden.
Die Wagen hätten runderneuerte Reifen bekommen, deren Profil dem des Pirelli-P-7-Reifen zum Verwechseln ähnlich sehe. Die Billigware mit der Bezeichnung "Rado" koste Hahn angeblich noch nicht einmal halb soviel wie die Originale.
Die ehemaligen SGS-Techniker meinen auch zu wissen, daß viele Wagen gar nicht wie vorgesehen mit einem Anti-Blockier-System (ABS) ausgestattet seien. In mehrere Wagen für Saudi-Arabien hätte die Werkstatt lediglich eine Funktionsanzeige für ABS eingebaut.
Das sei alles Unfug, sagt Hahn. Richtig sei, daß sein saudiarabischer Großabnehmer Abdullah Balubaid sowohl die Manipulation der Motortemperatur-Anzeige als auch die minderwertigen Reifen gewollt habe - und der Kunde sei schließlich König.
Hahn: "Wir haben schon manchen Mist gebaut, aber noch nie jemanden betrogen."
Im übrigen könnten an Autos für arabische Länder, auch wenn diese mehrere hunderttausend Mark kosten, nicht "deutsche Maßstäbe" angelegt werden. Die für heimische Kunden umgerüsteten Wagen seien in Ordnung. Schließlich müßten ja alle in Deutschland verkauften Fahrzeuge den TÜV passieren.
Der Auto-Veredler befürchtet, daß seine beiden ehemaligen Techniker ihn "fertigmachen wollen". Ihre Beschuldigungen kommen Hahn jedenfalls gerade jetzt besonders ungelegen.
Das Geschäft mit den Scheichs nämlich läßt wegen der wirtschaftlichen Flaute in den Golf-Staaten seit Monaten spürbar nach. Hahn will deshalb verstärkt deutsche Kunden werben: Schon im kommenden Jahr sollen sie ein Viertel seines Umsatzes bringen.

DER SPIEGEL 49/1984
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