30.04.1984

Palm Springs - das Goldene Kaff

Von Sorge, Helmut

SPIEGEL-Redakteur Helmut Sorge über die Oase der Superreichen in Kalifornien *

Die Wimperntusche lief, einem schwarzen Rinnsal gleich, mit den Tränen zu jenem Mund, der eines Tages unzählige Männer faszinieren würde.

An jenem fernen Augusttag im Jahre 1947 war das junge Starlet Norma Jean Dougherty noch weit entfernt vom späteren Ruhm. Ihr Arbeitgeber, die 20th Century-Fox, hatte sie gerade aus ihrem Optionsvertrag entlassen. Und das nach nur einem Filmauftritt, einer Szene im Ruderboot, irgendwo im Hintergrund auf einem See.

Bruno Bernard, ein Photograph am Sunset Boulevard zu Hollywood, tröstete die schöne, schluchzende Arbeitslose: "Ich muß nach Palm Springs zu Aufnahmen, das wär' doch was für dich. Da sitzen viele Regisseure und Produzenten rum."

Norma Jean war bereit, selbst ohne Honorar. Am Swimming-pool des "Racquet Club" von Palm Springs posierte das "recht saftig gebaute Mädchen" (Bernard) im zweiteiligen Badeanzug.

Ihre hochhackigen Schuhe ließen die "ohnehin schon langen Beine noch länger erscheinen". Folge: "Die Männer", so Bernard, "wurden plötzlich munter." Besonders einer der Gentlemen, den Norma Jean zunächst als kleinen "Gartenzwerg" titulierte, mühte sich um ihre Gunst.

Norma Jeans Gefühle erwachten, als sie begriff, wer der Gockel am Swimming-pool tatsächlich war: Johnny Hyde, Filmagent und in jenen Tagen einer der einflußreichsten Männer im Filmgeschäft. Bruno war für sie "fortan nur noch Luft". Sie war, wußte der Lichtbildner, "bauernschlau". Und tatsächlich - Hyde aus Hollywood machte aus der arbeitsuchenden Norma Jean ein Sexsymbol: Marilyn Monroe.

Inzwischen ist Bruno Bernard 72 Jahre alt und weißhaarig, er kehrte dorthin zurück, "wo Marilyn ihren Anfang nahm" - in die Wüste bei Los Angeles. An seinem Swimming-pool in Palm Springs erzählt er seine Version ihrer Geschichte, schreibt er seine Memoiren, Erinnerungen auch an das Leben "im luxuriösesten Sandhaufen der Welt" ("The Washington Post"), den Bernard, der 1937 als Bruno Bernhard Sommerfeld vor den Nazis aus Deutschland flüchten mußte, erstmals 1939 betreten hatte.

Damals, erinnert er sich, war es ein "kleiner Kurort, ein Dorf in der kargen Wüste", in das sich alternde Hollywood-Stars zurückzogen, "weil sie Ruhe wollten". Bernard: "Es war ein Kaff."

Das ist es längst nicht mehr - Palm Springs, 150 Kilometer von Los Angeles entfernt gelegen, ist zu einer richtigen Stadt geworden und zählt etwa 35 000 Einwohner. Die harren auch dann noch in der Wüste aus, wenn die Temperaturen auf 40 Grad im Schatten steigen. In der Wintersaison, die bis zum Mai reicht, drängen sich gar 80 000 Menschen unter den Palmen. "Dramatisch, was sich hier ereignet hat", schwärmt Bürgermeister Frank Bogert, der seit 58 Jahren in der Wüste lebt: "Das gesamte Tal ist wie von einem Goldrausch erfaßt."

Gleich Goldgräbern um die Jahrhundertwende ziehen Grundstücksspekulanten, Baukonzerne, Warenhausketten und Hoteliers in das Coachella-Tal, das sich über rund 40 Kilometer von Palm Springs bis nach Indio, der selbsternannten "Dattel-Hauptstadt der Welt", erstreckt.

Ehedem verschlafene Wildwest-Örtchen wie Rancho Mirage, Indian Wells, Palm Desert, Cathedral City, Desert Hot Springs entwickeln sich zu luxuriösen Kleinstädten, und "wir wissen nicht", so Bürgermeister Frank Bogert, "wohin das uns alles noch führen wird".

Auf alle Fälle zu noch größerem Reichtum; denn in den neuen südkalifornischen Oasen siedeln Hunderte von Millionären.

Hinter den Mauern der Country Clubs treffen sich Prominente wie Ronald Reagan, Frank Sinatra und Ex-Präsident Gerald Ford. "Es ist", weiß die Society-Reporterin Allene Arthur vom "Desert Sun", "eine geschlossene Gesellschaft wie nirgendwo sonst in den USA."

Mehr als 50 Golf-Klubs sind hier entstanden. Ihre Namen klingen wie neue US-Autos der Spitzenklasse: "The Spring", "The Vintage", "Eldorado", "Thunderbird" oder "Morningside". Zehn Golfplätze liegen allein bei dem Ort Rancho Mirage, keiner ist der Öffentlichkeit zugänglich. Die Aufnahmegebühr

beträgt bis zu 100 000 Dollar.

Das "La Quinta Tennis and Golf Resort", rund 30 Kilometer östlich von Palm Springs gelegen, ließ 3000 Dattelpalmen umpflanzen, um Platz zu schaffen für eine Tennisanlage, die zum "Wimbledon Amerikas" entwickelt werden soll. Ein Stadion für 7500 Zuschauer wurde bereits in die Wüste gestellt.

130 Millionen Dollar kostet ein Hotelkomplex (einschließlich Golfanlage), den die Hotelkette Marriott im Coachella-Tal bauen läßt. In den Wüsten-Zeitungen ("Desert Sun", "Desert Sentinel", "Desert Post") werden Tausende von Eigentumswohnungen angeboten. Eli Birer, einer der umsatzstarken Makler von Palm Springs, hat eine 7,5 Millionen Dollar teure Residenz im Angebot. Der künftige Besitzer muß jährlich 85 000 Dollar Grundsteuer einkalkulieren.

"Die Rezession ist jetzt Geschichte", verkündete optimistisch das "Palm Springs Life"-Magazin, "neues Wachstum steht bevor." Amerikas Wirtschaftskrise, die Hochzinssätze, hatten die Immobilienhändler der Stadt vorübergehend in Depressionen gestürzt, und noch scheint Eli Birer "der Markt übersättigt".

Doch die reichen Pensionäre aus Chicago, Kansas City oder Winnipeg, die den grauen Wintertagen zu entkommen suchen und ihre Ersparnisse für ein Rentnerdasein in der Wüste investieren - sie "tauchen wieder auf" (Birer). Die Super-Reichen kauften auch während der Rezession.

Und so wird weitergebaut, werden künstlich Seen und Wasserfälle geschaffen, Grundsteine für Shopping-Center gelegt und sogar vergoldete "Schimmel"-Pianos aus Braunschweig importiert, die man in Palm Springs für 45 750 Dollar kaufen kann.

"Hier herrscht noch Pioniergeist, hier wird noch riskiert", glaubt Hermann Kassinger, der 1952 von Baden-Baden nach Kanada auswanderte und dort Millionen im Baugeschäft verdiente. Eigentlich wollte Kassinger im milden Wüstenklima "das Alter genießen". Statt dessen packte ihn eine südkalifornische "Krankheit", gegen die offenbar keine Medizin existiert: "das Baufieber".

Der Entrepreneur, der in seinem ersten kanadischen Jahr bei General Motors am Fließband stand, zahlte für ein unbebautes Grundstück in Palm Springs eine Million Dollar in bar. Darauf setzte er ein 16 Millionen Dollar teures Shopping-Center und dazu noch ein französisches Luxusrestaurant ("Gaston's"). "Man muß das Gefühl für Entwicklungen haben", so Kassinger, der überzeugt ist: "Hier geht es jetzt erst richtig los."

Dem Bürgermeister von Palm Springs hingegen waren die "alten, gemächlichen Tage von früher lieber". Er sattelt gern seine Pferde, setzt seinen Cowboyhut auf und reitet in die Berge, "weg von diesem ganzen Lärm". Er habe das "ganze Who's Who" in der Wüste getroffen, sagt er, selbst Albert Einstein sei ihm einmal über den Weg gelaufen. "Das, was wir hier jetzt erleben", sagt er resignierend, "nennt man wohl Fortschritt."

"Früher konnte Frank Sinatra noch durch Palm Springs bummeln", erinnert sich der Stadtchef, und "Clark Gable konnte in einem Restaurant ungestört seinen Kaffee trinken". Doch wenn ein Star "heute wagen würde, durch die Straßen zu ziehen, dann hätte er einen Bienenschwarm von Fans hinter sich".

Nicht allein wegen der milden Wintertemperaturen, sondern eben wegen der Stars, die Palm Springs in die Schlagzeilen und auf die Landkarte brachten, reisen Zehntausende in dieses Tal. Sie spazieren ziellos durch die Straßen und hoffen darauf, vielleicht den Palm-Springs-Bewohner Telly Savalas, den Fernsehpolizisten Kojak, leibhaftig zu erspähen, oder auch den Komiker Bob Hope, der außerhalb der Stadt an einem Berghang ein 10-Millionen-Dollar teures Haus bewohnt.

Irgendein Star muß es sein, Sekunden nur wollen sie ihn sehen. Im letzten Jahr ließen sich 10 000 Touristen mit Bussen der "Celebrity Tours" an jenen Villen vorbeifahren, in denen amerikanische Prominente einige Wochen im Jahr wohnen und wohnten.

Für einen Fahrpreis von zwölf Dollar erfahren sie: "Hier hat Elizabeth Taylor ihre Flitterwochen mit Mike Todd" verbracht. "Der rote Mercedes 450 SL in der Einfahrt gehört dem Komponisten Frederick Loewe, der 'My Fair Lady' schrieb."

"Ja, und nun kommen wir zu Elvis Presley", auch der habe in Palm Springs seine ersten Ehenächte verbracht. Die Kameras werden wie auf Kommando hochgerissen. Rufe des Entzückens, der vorübergehenden Skepsis: "Nein, wirklich, hier, genau hier?" Weiter geht's: "Und hier lebt Liberace", der diamantengeschmückte Kitsch-Pianist.

Einmal mehr das Gefühl, so nahe am Idol und, Sekunden später, wieder so

fern - der Bus hält nicht, um die Anrainer nicht zu belästigen.

Dem Besitzer der "Celebrity"-Busse, Fred Russ, ist "ein wenig wehmütig ums Herz". Die Stars rollen in ihren Limousinen zwar noch zu den Luxusrestaurants der Stadt, doch meist verbergen sie sich in der Wüste, in "Country Clubs" oder, wie Frank Sinatra, auf ihrem eigenen abgeschiedenen Anwesen. "Unsere Reichen", weiß die Klatsch-Reporterin Arthur, wollen "unter sich bleiben".

Uniformierte Wachen vor der Vintage-Siedlung, in der auch Gunther Sachs wohnt, oder vor dem "Sunrise Country Club", wo die Tennisspielerin Chris Evert ein Eigenheim besitzt, weisen unangemeldete Fremde zurück. Mit Fernsehkameras werden die Mauern beobachtet, die diese Luxus-Oasen umgeben.

In dieser feinen Feierabendwelt, urteilte die "New York Times", "trifft Ronald Reagan nicht viele Leute, die sich über zweistellige Arbeitslosenzahlen Sorgen machen". Seit seinem Einzug ins Weiße Haus verbringt der amerikanische Präsident das Neujahrsfest stets im erstklassigen Palm-Springs-Ambiente, im Anwesen seines Freundes, des Verlegers Walter Annenberg.

Einem "mittelalterlichen Fürsten" ("The New York Times") gleich, lebt Multimillionär Annenberg, der mit einer Pferdewettzeitung ("Daily Racing Form") und einer Fernsehillustrierten ("TV Guide") zu Reichtum kam, in seinem "Sunnylands".

Eine halbe Hundertschaft Bedienstete und Wachen sorgt für sein Wohlergehen. Annenbergs rosafarbene Marmor-Residenz birgt 150 Werke von Van Gogh, Gauguin, Renoir und Monet und die Skulptur "Der Kuß" von Rodin im turnhallengroßen Foyer. An einer Wand seiner Residenz hängt Bescheideneres: Weihnachtskarten, die ihm die Königinmutter aus England schickte (er war dort einmal US-Botschafter).

Königin Elizabeth II. besuchte den Verleger im Februar letzten Jahres auf seinem Besitz. Annenberg kutschierte die Hoheit - trotz des seltenen Regens an jenem Tag - zur Besichtigung im Golfkart über sein ausgedehntes Wüstenreich, zu dem ein eigener Golfplatz, ein Dutzend künstlich angelegter Seen und in die Wüste zwangsverlegte Enten gehören. Die Rasenflächen hier grün zu halten kostet viel - Annenbergs Wasserrechnung beträgt im Jahr etwa 10 000 Dollar.

Zur Annenberg-Clique zählt auch Spiro Agnew, der sich nach seiner Vertreibung aus dem Vizepräsidenten-Job (wegen Steuerhinterziehung) im Coachella-Tal ansiedelte. Agnew diniert bisweilen mit Frank Sinatra, der wiederum des öfteren Gast ist bei den Annenbergs. Zu deren Freunden zählt der Reifenfabrikant Leonard Firestone, ein Nachbar des Expräsidenten Gerald Ford.

Der wiederum sieht zuweilen Stephen Bechtel, einen Industriellen, in dessen Diensten Caspar Weinberger und George Shultz standen, bevor Ronald Reagan sie zu Ministern ernannte. Firestone und Annenberg gehören zu den frühen reichen Förderern des US-Präsidenten. "Man kennt sich hier eben", so Bürgermeister Bogert.

"Geld, nicht der Familienname" ("The New York Times"), ist in diesem Milieu Voraussetzung für gesellschaftliche Anerkennung. Erfolg wird an der Kreditwürdigkeit gemessen, die Damen tragen ihre Diamanten wie Orden.

Und dann gibt es da die Senioren der Mafia, die Abstand vom Rauschgift-Geschäft und Sonne gegen Rheuma suchen. Auf den Golfplätzen treffen sie - rein zufällig - mit Industriellen zusammen; oder sie plaudern auf Cocktailpartys mit Schönheitschirurgen und Unternehmerwitwen.

Diese wiederum lassen sich zu den Wüsten-Festen besonders gern von homosexuellen Dekorateuren oder Innenarchitekten begleiten, da zumindest sie die Meisterwerke zu schätzen wissen, die bei Annenbergs an den Wänden hängen.

Wohltätigkeitsveranstaltungen sind "in" - wenn Frank Sinatra etwa zugunsten des örtlichen Krankenhauses zum Diner bittet (das Gedeck pro Person für 1500 Dollar), dann "bleibt kein Platz frei", lobt der Bürgermeister die korrekte Gesinnung.

Doch über allem schwebt in der sirrenden Hitze die große Langeweile; und wenn die Aktienkurse im "Wall Street Journal" sowie die Klatschkolumne im "Desert Sun" ausgelesen sind, dann sehnt sich das reiche Wüstenvolk nach Neuem - selbst wenn es nur eine neue Speisekarte ist.

"Als hätte ich ein Heilmittel für Krebs entdeckt", schien es Mel Haber, nachdem er in Palm Springs in der ehedem luxuriösen Prominentenherberge "Ingleside Inn" ("Greta Garbo slept here") sein Restaurant namens "Melvyn's" eröffnet hatte: "Wir konnten uns vor Tischbestellungen kaum retten."

Haber selbst, inzwischen Besitzer von drei Rolls-Royces und zwei weiteren Lokalen, konnte sich die Popularität seines Restaurants nur dadurch erklären, "daß die Leute sich hier ungeheuer anöden". Sein erstes Geld hatte Haber noch mit dem Verkauf von Auto-Zubehör gemacht, beispielsweise Plastikhunden, die auf dem Rücksitz unentwegt mit dem Kopf wackeln. "Alles wollte ich, nur nicht Hotelier werden." Nun ist er es - "und die Kasse stimmt".

Zu seinen Gästen zählen Spielkasino-Besitzer aus Las Vegas, die mit der eigenen Boeing 707 in Palm Springs einschweben. Am Swimming-pool des "Ingleside Inn" stolpert bereits frühmorgens ein in kurze Hosen gekleideter Herr herum, der sich an einer Bloody Mary festzuhalten scheint und sein Haupt mit einem Strohhut bedeckt. Er ist der Besitzer des "Los Angeles Express", eines Football-Teams. Eben hat er einen Spieler für 45 Millionen Dollar unter Vertrag genommen - so viel, wie ein Interessent für das gesamte Team von "Bayern München" zu zahlen hätte, einschließlich des Managers und eines Teils des Stadions.

Die Piloten seiner Privatmaschine sitzen seit einer Stunde im Cockpit - abflugbereit. Der Chef hat sich vom Pool zu einem Rolls-Royce bemüht. Er will einen Scheck über 100 000 Dollar unterschreiben, eine Anzahlung für ein Haus, das er sich nicht einmal ansieht. Er sagt:

"Wenn es mir nicht gefällt, verkaufe ich es wieder."

Im Tal der Millionäre sind, wie sollte es anders sein, selbst die Indianer reich. Sie leben hier "wie nirgendwo sonst in den USA", weiß Indianer-Anwalt Art Bunce. Der Stamm, der sich "Agua Caliente Band of Cahulla Indians" nennt, zählt Millionäre in den eigenen Reihen. Der Grund: Ein Drittel des Baulandes im Zentrum von Palm Springs ist in roter Hand.

Die Vorsitzende des Stammesrates, Barbara Gonzales, 30, eine schmucke Dame im eleganten Kostüm, fährt im schwedischen Saab in das klimagekühlte Büro ihres Stammes in der Calle Encilia.

Frau Gonzales und ihre vier Ratskollegen vertreten insgesamt 252 Stammesbrüder und -schwestern. Gemeinsam entscheidet der Stamm, der seinen Rat demokratisch wählt, über die Indianerfriedhöfe, die vier Schluchten unweit von Palm Springs liegen und zum Reservat gehören, sowie die Einnahmen aus Heilquellen, die sie an das "Spa Hotel" verpachtet haben.

Indianer-Chefin Gonzales verfügt, wie andere Stammesmitglieder, über eigenen Grundbesitz. Allerdings will sie den nicht verkaufen. In den Bergen und Tälern um Palm Springs, "nirgendwo anders als hier begann für mein Volk die Entstehungsgeschichte der Menschheit".

Hunderte von Jahren haben ihre Vorfahren hier gelebt. Niemand hat sie vertrieben, "weil das Land nutzlos schien". Für die Wagenkutscher, die von den Goldgruben New Mexicos nach Los Angeles fuhren, waren die heißen Quellen, die "aguas calientes", nur ein Stopp unter anderen. 1923 noch wohnten eben 100 Menschen in Palm Springs.

Wie ein Schachbrett ist der Boden in und um Palm Springs vor Jahrzehnten von der Regierung aufgeteilt worden: Schwarzes Feld für die Roten, weißes Feld für die Weißen. Anspruch auf ein Grundstück hatten Indianer, die vor 1959 geboren wurden. Einige wählten Land in den Bergen, weil sie jagen wollten, andere mußten sich mit kargem Wüstengebiet zufriedengeben, eben die Flächen, die heute das Zentrum von Palm Springs ausmachen.

Zunächst zeigte kaum ein Bauunternehmer Interesse. Die Indianer durften ihr Land nur auf 25 Jahre verpachten. Der Stamm erhob Einspruch vor dem Kongreß und siegte. Fortan durften auch sie verkaufen, überdies erhielten die Indianer Erlaubnis, Pachtverträge über 66 und 99 Jahre abzuschließen.

Die Pachtgebühr beträgt acht bis zehn Prozent des Grundstückswertes, bei einer Million Dollar geschätztem Bodenpreis erhält der Indianer jährlich bis zu 100 000 Dollar - steuerfrei. Ein Nachbar des Bürgermeisters, der mit einer Weißen verheiratet ist, kassiert auf diese Weise jährlich 800 000 Dollar. Nahezu acht Millionen Dollar mußte die Stadt Palm Springs an die roten Bürger zahlen, um den Flugplatz ausbauen zu können.

Mehr noch: Die Indianer müssen sich den Gesetzen der Stadt nicht unterwerfen. Ihr Grundbesitz, selbst wenn sie ihn verpachten, gilt als Teil des Reservats. Theoretisch könnten sie in Palm Springs Wolkenkratzer errichten oder in ihrem Reservat, wie es andere, weniger reiche Stämme in der Nachbarschaft tun, Spielkasinos eröffnen. "Gott sei Dank", seufzt Bürgermeister Bogert, "sind unsere Indianer vernünftig."

Gegenwärtig verhandeln Immobilienmakler und Baukonzerne in Palm Springs wieder mit den reichen Roten. Auf einem der Indianergrundstücke inmitten der Stadt sollen ein Kongreßzentrum sowie ein Hotel errichtet werden. "Ein wenig unangenehm" (Gonzales) ist den Indianern schon, daß sie nun alle "als Rolls-Royce-Besitzer dargestellt werden". "Wir haben auch Stammesmitglieder, die ihr Geld selbst verdienen müssen."

Draußen, im Tal der Weißen, wollen sich Baukonzerne nun auch in die Berge vorarbeiten - gegen den Widerstand der Anrainer. "Die sind kaum noch zu bremsen", erkannte Palm-Springs-Planungschef John Mangione.

Denn selbst Wasser existiert im Überfluß - behaupten die Planer. Durch gigantische Leitungen werden Wasserreserven über Hunderte von Kilometern vom Colorado River in mehrere Auffangbecken bei Palm Springs geführt. Langsam sickert dieses Wasser in den Boden und füllt die unterirdischen natürlichen Wasservorräte wieder auf.

Ein unscheinbarer Widersacher freilich droht, die rasante Entwicklung des Coachella-Tals zu bremsen: der Fächerfußgecko. Er war, nach Ermittlungen der Naturschützer, von der Ausrottung bedroht. Die Regierung erklärte deshalb weite Flächen im Tal zum Gecko-Schutzgebiet - auch dort, wo die Planer schon Bauland abgesteckt hatten.

Der Photograph Bruno Bernard aber kann sein Palm Springs, in dem er Marilyn Monroe einst der Filmwelt offerierte, "kaum noch wiedererkennen". Sein Freund, der ehemalige Besitzer des "Racquet Club", dort, wo Marilyn Monroe posierte, siecht im hohen Alter dahin.

Im Klub, der nun ebenfalls Eigentumswohnungen und Bungalows anbietet, werden die alten Bernard-Photos wie in einem Museum ausgestellt. Man sieht: die junge Marilyn und Palm Springs, ehe die alten Reichen kamen.


DER SPIEGEL 18/1984
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