05.11.1984

Aids: „Die Bombe ist gelegt“

Die Seuche „Aids“ ist in der Bundesrepublik viel weiter verbreitet als bisher vermutet. Ein neu entwickelter Bluttest beweist: Jeder dritte Homosexuelle, jeder fünfte Drogensüchtige und mehrere tausend Bluterkranke sind mit dem Aids-Erreger infiziert. Mediziner erwarten eine Katastrophe: mindestens 10 000 Aids-Tote in den nächsten fünf Jahren. Und: Die Seuche bricht aus dem Schwulen-Getto aus. Auch Frauen sind gefährdet. *
Als es mit ihm zu Ende ging, wollte er die alten Freunde nicht mehr sehen. Seine letzten Tage verbrachte der junge Berliner Arzt Dr. Udo S. _(Name von der Redaktion geändert. )
im Gespräch mit einer 50jährigen mütterlichen Freundin. Sie stützte ihn, als er dem "KaDe-We" Lebewohl sagte; dort hat es ihm immer so gut gefallen.
Aus eigener Kraft konnte S. sich nicht mehr auf den Beinen halten. Er war, zwei Jahre nach Beginn der Krankheit, zum Skelett abgemagert. Nur notdürftig verbarg ein Seidenschal die geschwollenen Lymphknoten an seinem Hals. Als Arzt wußte er, daß es keine Rettung für ihn gab.
In der zweiten Oktoberwoche nahm Dr. med. Udo S. sich das Leben.
Seine Krankheit zum Tode war Aids, das "Acquired Immune Deficiency Syndrome", zu deutsch: "erworbener Mangel an Abwehrkraft". Die tödliche Schwäche hatte er sich in New York zugezogen. "Viel zu jung" sei er dahingegangen, schrieben Eltern und Geschwister in die Todesanzeige, und "nach langer schwerer Krankheit". Die Trauerfeier fand "im engsten Freundeskreis" statt, fernab von Berlin. Jede Aufmerksamkeit sollte vermieden werden.
Das Bundesgesundheitsamt nahm ihn in die Liste der Aids-Toten auf - als 45. deutsches Opfer.
In den nächsten Jahren, so ist zu fürchten, wird dieser Tod - "viel zu früh" und "nach langer schwerer Krankheit" - zur weitverbreiteten Chiffre werden: Aids ist im Begriff, Tausende von Deutschen zu töten.
Ein vom Bundesgesundheitsamt entwickelter neuer Bluttest läßt Schlimmes befürchten: Die Aids-Durchseuchung der Hauptrisiko-Gruppen - dazu zählen die männlichen Homosexuellen mit wechselnden Partnern ("promiske Homosexuelle"), die drogensüchtigen Fixer und die mit Blutpräparaten behandelten Bluter ("Hämophile") - ist viel weiter fortgeschritten, als es die Experten für möglich gehalten hatten.
Abwehrstoffe ("Antikörper") gegen den Aids-Erreger, ein Virus namens "HTL V-3", lassen sich derzeit in der Bundesrepublik nachweisen *___bei rund 20 Prozent der Süchtigen, die Drogen ____intravenös spritzen - darunter auch Frauen, _(Rechts unten im Bild: Maßstab für 100 ) _(Nanometer; 1 Nanometer (nm) = 1 ) _(millionstel Millimeter. ) *___bei rund 35 Prozent der promisken Homosexuellen und *___bei mehr als 60 Prozent der mit "Faktor ____VIII"-Blutkonzentraten dauernd behandelten Bluter.
Die Prozentzahlen sind von der Abteilung Virologie des Bundesgesundheitsamtes ermittelt worden. Ihr steht Professor Meinrad Koch, 54, vor, dem es gelungen ist, ein Nachweisverfahren für die Aids-Antikörper zu verbessern.
Seit Anfang September sind rund 1500 Blutproben untersucht worden. Kochs Fazit: "Aids ist eine Seuche", die derzeitige Situation sei vergleichbar mit dem ersten Auftreten der Syphilis nach der Entdeckung Amerikas (siehe SPIEGEL-Interview, Seite 104).
Andere Experten teilen diese Einschätzung. Frau Professor Johanna L''age-Stehr, die im Bundesgesundheitsamt die Aids-Erkrankungen zählt: "Die Seuche flacht nicht ab. Alle sechs Monate verdoppelt sich die Zahl der Erkrankten. Noch vor einem Jahr lag das Ansteckungsrisiko für einen Homosexuellen, der übers Wochenende in eine Sex-Sauna nach Berlin flog, bei 1:10, falls es bei einem Kontakt blieb. Jetzt ist es 1:3, denn jeder dritte Partner hat Aids-Viren im Blut. Doch bei einem Kontakt bleibt es sehr selten."
Einen "riesigen Eisberg" noch unentdeckter Aids-Erkrankungen ortet auch der angesehene Münchner Hygiene-Professor Friedrich Deinhardt. Schon jetzt, so ergänzt ihn Chefarzt Hans Dieter Pohle - er verfügt am Berliner Rudolf-Virchow-Krankenhaus über die größte Isolierstation für Aids-Kranke -, liege die Zahl der Aids-Infizierten in Deutschland "in der Größenordnung von hundert- bis zweihunderttausend".
Der amerikanische Professor Robert C. Gallo, unter den Aids-Experten die Nummer eins, schätzt, daß 98 Prozent aller Aids-Erkrankungen "noch unerkannt" sind. Für die USA, wo letzte Woche 6620 Aids-Fälle registriert waren (3089 der Erkrankten sind gestorben), hieße das: Es gibt mindestens eine Viertelmillion Aids-Infizierte.
Aids - "eine schreckenerregende und rätselvolle Krankheit", so umschrieb es das "Journal of the American Medical Association", das angesehenste Mediziner-Blatt der USA, in einem alarmierenden Kommentar Ende Oktober. "Solange nicht das medizinische Arsenal mit wirksamen prophylaktischen und therapeutischen Waffen ausgestattet werden kann, wird sich die Krankheit wahrscheinlich weiter ausbreiten." Die apokalyptische Vision - von der Öffentlichkeit noch kaum wahrgenommen, von Homosexuellen als unrealistisch geleugnet - hat auch die deutschen Blutspezialisten auf ihrem letzten Kongreß in Ulm nachhaltig aufgeschreckt. Dort trug Frau L''age-Stehr die neuesten Zahlen vor: *___In den USA werden jetzt jede Woche 130 bis 150 ____Aids-Neuerkrankungen registriert. *___Die Aids-Durchseuchung der Homosexuellen in deren ____Hochburg San Francisco hat 75 Prozent erreicht. *___Auf 85 Prozent ist die Aids-Durchseuchung der New ____Yorker Fixer angestiegen. *___Bis Ende nächsten Jahres wird es deshalb in den USA ____mindestens 10 000 Aids-Tote geben.
Hysterische Reaktionen bleiben da nicht aus. Bei einem Mordprozeß gegen einen 34jährigen, der an Aids erkrankt ist, erschienen Verteidiger und Justizbeamte mit Mundschutz und Handschuhen - nach gegenwärtigem Erkenntnisstand unsinnig, aber so geschehen vorletzte Woche in einem New Yorker Gericht.
Amerikanische Zahnärzte, so berichtete der Münchner Zahnmediziner Professor Guido Riess aus seiner Erfahrung an US-Kliniken, "haben furchtbare Angst, sich bei der Behandlung von Homosexuellen zu infizieren, und sind fast nicht zu bewegen, diese Patienten
chirurgisch zu behandeln". Erfahrungsgemäß gehe "öfter mal ein Stich durch den Handschuh", so daß der Operateur mit dem Blut des Patienten infiziert wird.
Die Entwicklung der Epidemie in Amerika, wo 1979 die ersten Aids-Erkrankungen unter Homosexuellen registriert wurden, eilt der deutschen Seuchensituation um drei Jahre voraus. Mit hohem Grad an Wahrscheinlichkeit läßt sich deshalb die Entwicklung auch für die Bundesrepublik vorausberechnen.
Trägt man, wie dies Frau L''age-Stehr getan hat, die Zahlen der an Aids Erkrankten und der daran Gestorbenen - getrennt für USA und Bundesrepublik - in ein Schaubild ein, so zeigt sich ein ununterbrochener, gradliniger Anstieg aller epidemiologischen Daten: Immer mehr Aids-Kranke, immer mehr Aids-Tote (siehe Graphik Seite 107).
Die deutsche Hochrechnung - 10 000 Aids-Tote bis zum Ende dieses Jahrzehnts - basiert auf der Annahme, "daß nichts Entscheidendes passiert" (L''age-Stehr). Soll heißen: Vorausgesetzt wird bei der Rechnung, daß die Hauptrisikogruppen weder freiwillig noch unter seuchenpolizeilichem Druck ihr Verhalten ändern und daß nicht schon in naher Zukunft Schutzimpfungen und Heilmittel entwickelt werden.
Bisher haben die Wissenschaftler in aller Welt nur bei der Aids-Diagnose Fortschritte erzielt. Eine Schutzimpfung oder ein Heilmittel sind hingegen nirgendwo in Sicht.
Das ist, angesichts der Natur des Krankheitserregers, auch kaum anders zu erwarten:
Das "HTL V-3"-Virus, Durchmesser 100 Nanometer = 0,0001 Millimeter, zeichnet sich durch besonders bösartige Eigenschaften aus. Es dringt zerstörerisch ausgerechnet in jene Körperzellen ein, die eigentlich der Abwehr von Krankheitserregern dienen. "Das ist so, als ob in einem brennenden Haus der gemeingefährliche Brandstifter von Zimmer zu Zimmer flitzt, um alle Feuerlöscher unbrauchbar zu machen," erläutert Professor Pohle.
Mit der Bekämpfung von Virus-Erkrankungen tut sich die Heilkunst erfahrungsgemäß besonders schwer. Nicht einmal der ganz gewöhnliche Schnupfen ist unter Kontrolle. Es gibt gegen ihn weder eine vorbeugende Impfung noch ein wirksames Heilmittel. Trotz großer Aufwendungen in Dutzenden von Forschungsstätten hat die Entwicklung eines Impfstoffes gegen die ansteckende Leberentzündung (Hepatitis) länger als zwanzig Jahre gedauert. Hepatitis und Aids weisen hinsichtlich ihrer Verbreitungsart viele Gemeinsamkeiten auf - nur ist Aids, wenn zum Schluß abgerechnet wird, sehr viel gefährlicher.
Bisher ist kein einziger Aids-Patient geheilt worden. Die als "gerettet" vorgestellten Patienten litten an anderen Infekten oder sind inzwischen alle schon tot. Fraglich ist nur, wie lang die Frist zwischen der zweifelsfreien Erkennung der Aids-Infektion und dem Tod bemessen ist: Sie schwankt zwischen einigen Wochen und mehreren Jahren.
Die Parallelität des Anstiegs der Erkrankungsziffern und die Zahl der Aids-Toten gilt den Seuchen-Experten in aller Welt als besonders
bedrohliches Phänomen: Selbst bei Pocken, Pest und Cholera, den mittelalterlichen Epidemien, ist eine vergleichbar hohe Todesrate nie beobachtet worden. Gänzlich unbehandelt überlebten die meisten Menschen eine Cholera-Infektion, an den Pocken starb, gleichfalls unbehandelt, nur jeder vierte Erkrankte, und auch die Pest ließ jeden zweiten am Leben. Beim Vergleich der Gefahren bleibt deshalb nur ein Trost: Die Aids-Infektion bekommt man nicht so leicht, weil sie nur durch Blutkontakte, nicht aber über die Luft oder Nahrungsmittel weitergegeben wird.
Noch ist fraglich, ob alle Patienten, in deren Blut Antikörper gegen das HTL V3-Virus nachgewiesen wurden, als Aidskrank oder potentiell Aids-krank zu gelten haben. Die Ärzte, auch Professor Koch, wollen sich (zumindest öffentlich) noch nicht festlegen. Rein theoretisch könnten solche Antikörper auch für eine überwundene Aids-Infektion sprechen, mithin Zeichen erworbener Widerstandskraft sein. Doch die körperlichen Untersuchungsbefunde sprechen dagegen. 96 Prozent der Patienten mit Aidspositiven Blutbefunden zeigen auch Aids-typische Krankheitszeichen.
Als verdächtig gelten insbesondere Lymphknotenschwellungen, die länger als zwei Monate andauern; Durchfälle über einen Zeitraum von mehr als sieben Tagen; ein mehr als zehnprozentiger Gewichtsverlust; Fieberschübe, Nachtschweiß und Leistungsabfall. Der Virus-Test gibt nur die letzte Gewißheit. Er ist ein raffiniert ausgeklügeltes, sehr zuverlässiges Untersuchungsverfahren.
Eine handgroße "Mikrotiterplatte", versehen mit 96 Vertiefungen, wird mit wenigen Millilitern Blutwasser ("Serum") des Patienten beschichtet und innerhalb von vier Stunden einem Dutzend Verfahrensschritten unterworfen, die Professor Koch demnächst in der britischen Ärztezeitschrift "Lancet" en detail erläutern wird. Enthält das Patientenserum die gesuchten HTL V-3-Antikörper ("Ak"), wird in den Vertiefungen der Untersuchungsplatte eine typische Braunfärbung sichtbar. Ihre photometrische Messung bestätigt die ärztliche Blickdiagnose: "Aids-Ak positiv".
"Das kann heißen", erläutert Professor Günter Landbeck, "der Mensch ist infiziert, die Aids-Bombe ist gelegt."
Landbeck ist Direktor der Abteilung für Blutgerinnungsforschung und Onkologie der Universitäts-Kinderklinik in Hamburg und gilt als einer der erfahrensten Bluter-Behandler. An dem Erbleiden erkranken ausschließlich Männer. Seit Anfang der siebziger Jahre werden diese Patienten mit gerinnungsfördernden, hochkonzentrierten "Faktor VIII"-Blutpräparaten behandelt. 90 Prozent dieser Präparate werden aus dem Aids-Land USA importiert. Die Gesamtzahl der westdeutschen Bluter beträgt rund 6000. Zwei Drittel von ihnen, rund 4000 Patienten, sind so schwer krank, daß sie fortlaufend mit Faktor-VIII-Präparaten behandelt werden müssen.
Landbeck und die anderen Hämophilie-Therapeuten hoffen, daß der Nachweis von Aids-Antikörpern bei mehr als 60 Prozent dieser Kranken sich als "belanglos" herausstellt. Die Blutreaktion, so Landbeck, könne ja auch Zeichen der Widerstandskraft, der "Resistenz gegen
Aids", sein. Dagegen spricht freilich eine längst nachgewiesene Besonderheit des Aids-Virus: Es läßt sich durch die Antikörper überhaupt nicht daran hindern, in gesunde Körperzellen einzudringen. Die HTL V-3-Antikörper sind nämlich nicht gegen die Hülle des Virus gerichtet - das wäre die biologische Voraussetzung für die Vernichtung des Aids-Erregers, bevor er das Abwehrsystem angreifen und zerstören kann -, sondern nur gegen dessen innere Strukturen.
Auch eine zweite Landbeck-Hoffnung halten erfahrene Virologen für wenig realistisch. Der Hämophilie-Therapeut wünscht sich, daß die Antikörperbildung von harmlosen Bruchteilen des gefährlichen, in den Präparaten aber bereits "kaputten" Erregers in Gang gesetzt worden ist. Auch dann wäre keine Gefahr. Nur: Spezialisten in Frankreich und den USA haben bei HTL V-3-positiven Patienten in neun von zehn Fällen nicht nur die Antikörper, sondern jeweils auch aktive, unzerstörte Aids-Viren im Blut nachgewiesen.
Bestätigt sich in den nächsten Monaten die schlimmste der drei Möglichkeiten - Infektion mit aktiven Aids-Viren -, hieße dies, daß in Deutschland rund 3000 Bluter an der Seuche erkranken würden. Noch wagt sich das kaum ein Mediziner vorzustellen: "Die Bluter", sagt ein Chefarzt, "sind doch völlig unschuldig an ihrem Schicksal. Und es sind so viele Kinder dabei ..."
Der jüngste vom BGA registrierte Aids-Tote ist ein 16jähriger Bluter.
Die "gewaltige Unruhe" und "sehr große Verunsicherung", die Landbeck unter den Hämophilie-Patienten beobachtet, ist mithin begründet. Dabei hat sich die Gefahr, zumindest für die Mediziner, seit 18 Monaten deutlich abgezeichnet - damals wurden in den USA die ersten Aids-Toten unter den Blutern registriert.
Die Mitteilung des positiven Aids-Befundes ruft bei den Erkrankten ganz unterschiedliche Reaktionen hervor. Neben tiefer Betroffenheit beobachten die Ärzte vor allem bei den promisken Homosexuellen häufig auch Zynismus: "Ich habe Aids von der Gesellschaft gekriegt, und der gebe ich''s zurück." Manche sind, wenn sie den Aids-Befund erhalten, schon am selben Abend wieder in der Sauna, im Backroom oder auf der "Liegewiese" im Hinterzimmer der Szene-Lokale sexuell aktiv: "Ehe ich den Löffel wegwerfe, will ich mein Leben leben."
Aids-positiven Patienten raten die Ärzte zu einem soliden Dasein: Die Kranken sollen kalorisch ausreichend essen, weil Unterernährung und das homosexuelle Schönheitsideal extremer Schlankheit die Widerstandskraft schwächen. Sie sollen sich vor zusätzlichen Infektionen hüten und werden überdies gebeten, ihre Sexualpartner zu unterrichten und, zwecks Bluttests, vorbeizuschicken. Zweimal wöchentlich halten Professor Koch und seine Mitarbeiter im Berliner Robert-Koch-Institut Sprechstunde. Auch in anderen Großstädten halten Uni-Kliniken und Tropeninstitute bereits Spezial-Aids-Sprechstunden ab.
Doch die Einhaltung der drei ärztlichen Gebote fällt den erkrankten Homosexuellen offenbar sehr schwer. Ihre Promiskuität übersteigt heterosexuelle Vorstellungen von Mehrverkehr: Viele bringen es auf hundert verschiedene Sexualpartner pro Jahr, manche auf tausend.
Stefan Reiss, 33, Rechtsanwalt in Berlin und Vorsitzender der "Aids-Hilfe", schätzt den Anteil der Homosexuellen, die "in ehelicher Treue leben", auf höchstens zwei Prozent. Vom Mehrverkehr wollen und können die meisten nicht lassen - deshalb bagatellisiert die Homo-Szene die Aids-Gefahr auf groteske Weise.
Mag auch die Durchseuchung in den Ballungsgebieten, also in den Großräumen Hamburg, Berlin, Köln/Bonn, Frankfurt und München, 30 Prozent schon überschritten haben, am promisken Abendspaß hat sich nichts geändert. Die meisten Sex-Klubs und Saunas sind weiterhin jeden Abend voll. Die "Homosexuelle Alternative (HALT)" aus München teilt frohgemut mit, daß "die ach so gescholtene sexuelle Freizügigkeit kaum geringer geworden" sei - und hält das für eine gute Nachricht.
"HALT" glaubt, wie fast alle Männerbünde gänzlich unbeeindruckt von den Erkrankungsziffern, an eine "rückläufige Tendenz" der Seuche. Daß die Gefahr nicht von der tödlich gefährlichen Krankheit, sondern von der Berichterstattung über sie ausgehe, ist ohnehin verbreiteter Glaube in der Homo-Szene. Als einzige Annäherung an die Wahrheit grassiert dort ein melancholischer Witz: Welcher von den folgenden vier Begriffen - Krebs, Aids, Eigentumswohnung, Tripper - paßt irgendwie nicht dazu? Richtige Antwort: Tripper, er ist das einzige, was man wieder los wird.
Völlig weggetaucht sind die deutschen Sexualmediziner, ein elitärer Zirkel meist homosexueller Ärzte. Im letzten Jahrzehnt waren sie stets zu einem erläuternden Wort über Lust und Laster bereit - Aids hat ihnen die Sprache verschlagen.
Nur die vier "schwulen Medizinmänner", die als Verfasser des Szene-Bestsellers "Sumpffieber" zeichnen, haben sich schon besonnen. _(Claus Henrich Coester, Jürgen Feldmann, ) _(H.R.S., Egon Scholtyssek: "Sumpffieber. ) _(Medizin für schwule Männer". Verlag rosa ) _(Winkel, Berlin; 184 Seiten; 14,80 Mark. )
Im Frühjahr 1983 agitierten sie noch fröhlich für die Promiskuität (SPIEGEL-Titel 23/1983). Daß der schnelle Wechsel von Mann zu Mann auch mal gefährlich werden könne, sei nur eine "Mutmaßung", die "jeglicher wissenschaftlichen Basis" entbehre, behaupteten sie damals. Jetzt wissen sie es besser. Coester & Co. empfehlen nunmehr - in einem "Nachtrag zu Sumpffieber" -, "die Anzahl der Partner auf ein Minimum zu beschränken" und davon "Abstand zu nehmen", mit "jemand, der krank scheint, zu schlafen".
Ob es gelingt, das promiske Sexualverhalten zu beeinflussen, wird wohl mit darüber entscheiden, wie weit die repressiven Maßnahmen der Staatsgewalt gehen werden (siehe SPIEGEL-Interview, Seite 117).
Daß eine zwangsweise Isolation der Aids-Verdächtigen und -Erkrankten, wie sie seit biblischen Zeiten bei Typhus,
Pocken, Pest und Cholera den Seuchenbekämpfern als wirkungsvollste Lösung galt, nicht in Frage kommt, darüber sind sich alle Seuchenspezialisten einig. Schon die Zahl der Betroffenen und die nötige Dauer der Quarantäne machen solche Überlegungen, auch wenn sie derzeit in vielen Amtsstuben angestellt werden, zu reinen Gedankenspielen.
Der Homo-Szene gelten sie trotzdem als Beweis dafür, daß jetzt die Schwulenhatz wie zu NS-Zeiten wieder richtig losgeht. Manchen liefert der Endzeit-Horror auch nur die wohlfeile Ausrede für den ohnehin feststehenden Vorsatz, "ordentlich einen draufzumachen", komme, was wolle.
Geradezu die Nachteile räumlicher Isolation belegt das Beispiel der Drogensüchtigen. Nur wenige von ihnen benutzen aus Dummheit oder Gefühlsduselei gemeinsam eine Nadel - so eine Frankfurter Aids-Patientin, die wegen ihrer "Sympathie für Amerika" den US-Partner ausdrücklich um die lebensgefährliche Geste bat. Die meisten Fixer greifen nur in der Stunde großer Not zur gemeinsamen Nadel, im Knast und in der Entziehungsklinik vor allem.
An diesen Stätten erwarten die Aids-Experten deshalb stetig steigende Durchseuchungszahlen, denn dort geht es naturgemäß nicht keusch und erfahrungsgemäß auch nicht clean zu. Schon jetzt sind die ersten Untersuchungsergebnisse bedrohlich genug: *___Im niedersächsischen Landeskrankenhaus Brauel, einer ____Fachklinik für jugendliche Drogenabhängige, hatten 15 ____von 61 untersuchten Patienten Antikörper gegen Aids im ____Blut - zehn der "Ak-positiven" Drogensüchtigen waren ____Mädchen. *___In einer Berliner Entziehungsstation sind sogar schon ____sieben von elf Fixern Aids-positiv - auch hier waren es ____mehrheitlich junge Mädchen.
Der Umstand, daß nun auch Frauen betroffen sind, gilt, was die mögliche Ausbreitung der Seuche betrifft, als besonders alarmierend. Wenn nämlich der Erreger als Vehikel erst die heterosexuelle Prostitution benutzt, steht ihm bald die Welt der braven Bürger offen.
Dabei gäbe es für den Aids-Erreger nicht einmal nur die Einbahnstraße der gewöhnlichen Prostitution. "Mehrverkehr" hat schließlich auch, wer nur zwei- oder dreimal im Jahr mit wechselnden Partnern Intimitäten tauscht, und sei es aus reiner Liebe.
Ins Getto von Minderheiten jedenfalls läßt sich HTL V-3 nicht einsperren. Schon deshalb nicht, weil auch die Bisexuellen für seine Verbreitung sorgen. Ihr Anteil steigt, vor allem unter den Studenten und in den großen Städten. Die kokette Ankündigung so mancher Nachwuchskraft - "Ich find'' Männerärsche schöner" - galt bisher als Zeichen kreativer Selbstentfaltung. Damit könnte es bald vorbei sein: Partner beiderlei Geschlechts zu lieben ist, wenn Aids grassiert, besonders riskant.
In die Kreise eingeschworener Lesben ist der Virus bisher nicht eingedrungen. Das liegt, vermuten die Experten, an deren vergleichsweise niedrigerer Promiskuität und daran, daß bei der lesbischen Liebe gewöhnlich kein Blut fließt.
Noch wiegen sich auch die staatstreuen Männer in Sicherheit. Mehrheitlich halten sie Aids für eine Krankheit der Randgruppen, ein Schicksal von Fixern und Schwulen, durch abartigen Lebenswandel gleichsam verdient.
Zwar wird die Seuche, prophezeien die Experten, sich ihre Opfer vor allem unter jenen wählen, die der Mehrheit durch abweichendes Verhalten ein ständiges Ärgernis sind. Doch die weitverbreitete Hoffnung, Aids werde nur die Schwulen, die Fixer und die Kriminellen ausrotten, ist eine fromme Illusion.
[Grafiktext]
"10 000 Tote bis Ende des Jahrzehnts" Die Entwicklung von Aids in den USA und der Bundesrepublik Aids-Fälle Aids-Tote Logarithmische Darstellung (Quelle: Bundesgesundheitsamt) USA Bundesrepublik Verschiebung um drei Jahre
[GrafiktextEnde]
Name von der Redaktion geändert. Rechts unten im Bild: Maßstab für 100 Nanometer; 1 Nanometer (nm) = 1 millionstel Millimeter. Claus Henrich Coester, Jürgen Feldmann, H.R.S., Egon Scholtyssek: "Sumpffieber. Medizin für schwule Männer". Verlag rosa Winkel, Berlin; 184 Seiten; 14,80 Mark.

DER SPIEGEL 45/1984
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