30.04.1984

„Der Weltenplan vollzieht sich unerbittlich“

Peter Brügge über die deutschen Anthroposophen (II): Versuch eines neuen Wirtschaftssystems *
Das Konto, von dem hier die Rede ist, wurde von 20 Anthroposophen bei der Commerzbank in Bochum eröffnet und sollte geführt werden nach den in Geldangelegenheiten bislang unerhörten Idealen "Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit". So war''s der Wille sämtlicher Zeichnungsberechtigter.
Jeder von ihnen bekam sein Unterkonto und die Möglichkeit, davon im Bedarfsfall auch über seine bisherigen Verhältnisse hinaus Gebrauch zu machen. Die Grundregel eines solchen Geldverkehrs mutet an wie ein Kinderspiel: Automatisch fließt ins große Gemeinschaftskonto, was jeder verdient, und jeder schöpft heraus, was er braucht; und die Bank macht jedes Minus, das beim einen entsteht, sogleich aus dem Haben der anderen glatt.
Das klingt nur so einfach. Denn, was braucht der Mensch? Woher soll er wissen, was er brauchen darf? Wie bald ersichtlich wurde, heben einige einen Bruchteil dessen ab, was sie überweisen. Bei anderen verhält es sich umgekehrt. Alle atmen tief durch und sagen dann frohgemut, so sei es recht. Sie wollen ein neues Gefühl für Geld einführen. Doch da hatte die Bankenaufsicht entschiedene Einwände. Die Commerzbank Bochum mußte das Gemeinschaftskonto auflösen und begann die Unterkonten wie normale Konten abzuwickeln.
Die Gemeinschaft gab nicht auf. Sie regelte den Konto-Ausgleich in eigener Buchführung von außen her. Damit hält sie das Experiment seit fünf Jahren am Leben. Nun hat sie 22 Mitglieder.
Ein neues Gefühl für Geld, das kostet einiges, was nicht unter Soll oder Haben steht. So muß gelernt werden, einigermaßen gelassen zur Kenntnis zu nehmen, wieviel sich die anderen genommen haben. Vorsätzlich unterdrücken die Teilnehmer und Teilgeber da ihre negativen Reflexe. Das fällt ihnen oft schwer.
Nicht nur mit dem Verdienten, vielmehr miteinander und mit sich selber möchten diese weltanschaulich einigen Bürgersleute anders verfahren. Und sie ertappen sich selber dabei, wie sie plötzlich bloß deswegen mehr als gewollt für sich in Anspruch nehmen, weil ihr Ego unberechenbar nach Selbstbedienung drängt. Der Umstand, daß sie einander nicht auch noch wie eine Wohngemeinschaft auf der Pelle sitzen, erleichtert ihnen die hilfreiche Introspektion. Die anderen halten sich mit Kritik zurück. Keiner will dem naheliegenden Gedanken nachgeben, dem Konto-Partner, den er vielleicht gerade in einem neuen Nadelstreifen-Anzug aus dem neuen Wagen steigen sah, könnte eine etwas schlichtere Lebensart anempfohlen werden. Dazu sehen sie in der Freiheit des Individuums einen zu erhabenen Wert.
Keinerlei Norm oder von außen verordnete Moral soll dessen geistiges Wachstum schnüren, keine Entwicklungsstufe dem Bewußtsein nur so abverlangt werden. Nicht nach Karl Marx und einem kollektiven Schrittmaß darf es hier gehen. Die Einkommens- oder, wie die Teilhaber selber es nennen, "Wirtschafts-Gemeinschaft" von Bochum richtet sich nach der Geldphilosophie Rudolf Steiners.
Anthroposophen sind sie nicht bloß, wo es sich um Geldsachen handelt. Nur
eine von den zehn Frauen mit Kontovollmacht ist schiere Hausfrau. Die übrigen leisten - für bescheidenes Entgelt - soziale oder pädagogische Arbeit in der Nachfolge Steiners. Die meisten der zwölf Männer entwerfen Modelle für die Planung und Finanzierung von Einrichtungen des biologisch-dynamischen Landbaus, von anthroposophischen Schulen und Produktionsstätten. Das mit dem Konto ist nur einer ihrer sozialen Versuche. Es sind Prokuristen der Anthroposophen-Bank GLS ("Gemeinschaft für Leihen und Schenken") unter ihnen, Manager, Rechtsanwälte, Steuerexperten, auch Lernende, die derlei werden wollen.
Die von der Commerzbank abgelehnte Bündelung der 22 Unterkonten zu einem kommunizierenden System des Ausgleichs von Haben und Soll besorgt nun Ingeborg Diederich, eine der Frauen aus der "Wirtschafts-Gemeinschaft" und von Beruf sogenannte "Agentin" für alternative Unternehmungen. Alarm zu schlagen hat sie erst, sobald Kontoüberziehungen die von ihr zu hütende Balance des Ganzen mit etwa 100 000 Mark ins Minus schwanken lassen. Dann wäre es wieder einmal Zeit für ein etwas intimeres Geldgespräch innerhalb der Gemeinschaft. Es müßte erneut in konzilianter Form nach Grenzwerten für die Bedürfnisse des einzelnen gesucht werden, stets mit einem Seitenblick auf die anthroposophische Maxime aus Rudolf Steiners "Philosophie der Freiheit": "Leben in der Liebe zum Handeln und Lebenlassen im Verständnisse des fremden Wollens."
Nicht an ausgemachte Verschwender, sondern an den Gemeinsinn wird dann in tadelloser Form appelliert. "Sollten wir nicht alle", sagt einer und hat die helle Güte in den Augen, "etwas mehr sparen?" Selbst mit ein bißchen Heuchelei ist es edles Bemühen. Auch Konsum gilt vielen Anthroposophen ja für ein Webmuster des jeweiligen Entwicklungsprozesses. In seiner planmäßigen Steuerung oder Bremsung sähen sie eine Sünde wider den im Konsumenten wohnenden Geist.
Genau besehen, war der Einbau von Bremsen aber eine Überlebensfrage der Bochumer Wirtschafts-Gemeinschaft. Gleich zu Anfang wurde auf einen Schlag der Preis für fünf neuerworbene Autos abgebucht. So etwas soll nicht sein. Ingeborg Diederich muß daher auch vor außergewöhnlichen Abbuchungen zu Rate gezogen werden. Jenseits so formaler Kontrolle wird innerliche Selbstregulierung angestrebt.
Die Bochumer wollten nicht auf einen Knalleffekt zutreiben wie eine Wirtschafts-Gemeinschaft niederländischer Anhänger Rudolf Steiners, die einem ihrer Mitglieder den Erwerb einer kleinen Motorjacht als Verbrauch hat durchgehen lassen. Daraufhin hätte sich dieser Anthroposoph vom gemeinsamen Konto beinahe eine zweite gekauft.
Egoismus, über dessen Vehemenz sich der einzelne keine rechten Vorstellungen gebildet hatte, wird beim Abschiednehmen vom überschaubaren eigenen Einkommen lebendig. Derlei Facetten charakterlicher Entwicklung werfen auch ungutes Licht in solche Konto-Koalitionen, die es mittlerweile zu Dutzenden gibt. Unsere Bochumer Gruppe hat nur den Anfang gemacht und vereinigt in sich die meisten Besitzbürger.
Unter Anthroposophen (und nicht nur unter ihnen) vergrößert sich generell das Verlangen nach praktikabler Abwendung von rein materialistischen Handlungsweisen. Angesichts apokalyptischer Perspektiven von Privat- und Staatskapitalismus wollen viele noch einmal die Realisierbarkeit dessen erproben, was Rudolf Steiner noch im Kaiserreich als "Soziales Hauptgesetz" anbot: _____" Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden " _____" Menschen ist um so größer, je weniger der einzelne die " _____" Erträgnisse seiner Arbeit für sich beansprucht, das " _____" heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine " _____" Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse " _____" nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen " _____" der anderen befriedigt werden. "
Solcher Abkehr vom egoistischen Lohn-Leistungs-Prinzip huldigen heute in Abstufungen die Mitwirkenden anthroposophischer
Schulen, Sozialeinrichtungen, Werkstätten, Landgemeinschaften. Nirgendwo jedoch wird jener Kernsatz der Steinerschen Soziallehre so vielfältig transformiert wie in Bochum.
Wilhelm Ernst Barkhoff, ein von Steiners Gedanken ersichtlich weißgeglühter Steueranwalt und Gemeinnützigkeits-Experte aus Bochum, hat diesen Kreis mit seinem Mut zum vielleicht lebenslänglichen Verzicht aufs Selbstverdiente mitgerissen. Seine drei Junior-Partner, sämtlich Familienväter, stiegen mit ein. Was immer einer aus dieser Anwalts-Sozietät am Bochumer Husemann-Platz an Honoraren berechnen mag, es geht in den Gemeinschaftstopf. Zuvor wird es einzeln versteuert. So eine Kontogemeinschaft genießt beim Fiskus einer Leistungsgemeinschaft naturgemäß keine Vergünstigungen. Die Betroffenen haben einen Bonus für ihre experimentelle Brüderlichkeit auch gar nicht erwartet.
Schon eher nimmt sie wunder, was alles in ihnen selbst sich querlegt. Das Ego kriecht, manchmal sieht es aus, als wolle es umkehren. So bricht aus einer der Frauen beim Anblick einer anderen vom Konto-Kreis die Frage hervor: "Wieso braucht denn die schon wieder ''nen neuen Mantel?" Andere bedrückt, was ihnen Zinsen bringt. Frau Diederich besitzt etliche Häuser, von denen sie ab und an eins für anthroposophische Zwecke drangibt; überdies gehört ihr ein florierender Eisengroßhandel. Immer neu ringt sie mit dem von ihr empfundenen Anspruch, daran die geringer Bemittelten stärker teilhaben zu lassen.
Über das Arbeitseinkommen hinaus Privatvermögen zur Disposition zu stellen, darauf hatte die Gemeinschafts-Regel sich gar nicht erstreckt. Also disponiert die Kontohüterin über den Löwenanteil ihrer Revenuen noch so souverän, daß ihr das ein bißchen mißfällt. Dem Bankprokuristen Rolf Kerler, der sich vom selben Konto ausschließlich nährt, hat sie aus ihrem Vermögen zu Hausbesitz verholfen. Doch wie ein selbstverständlicher Vermögensausgleich läuft so etwas denn doch nicht ab.
Keiner verbindet mit dem Gemeinschaftstopf die Hoffnung auf eine schnelle Metamorphose des tiefersitzenden Eigentumsbegriffes. "Unser Verhalten", sagt Kerler, "ändert sich nur sehr allmählich." Auf die Frage, wieviel er verdient, kommt''s spontan: "5400 brutto", als ginge ihn die Summe noch etwas an.
Ihr Experiment besteht aus den wirtschaftlichen Fakten und dem Vertrauen auf den guten Willen aller Teilnehmer. Von einem regen Meinungsaustausch ist es keineswegs begleitet. "Man verbalisiert nicht alles", sagt Barkhoffs Sozius Ingo Krampen. Falls sich jemand vom gemeinsamen Konto einen Überschuß an freundschaftlichen Gefühlen erhofft haben sollte, hätte der fehlkalkuliert.
Und entgegengesetzte Regungen? Unmut über ökonomische Bocksprünge der jeweils anderen? Derlei Emotionen sind zumindest unerwünscht. Es obsiege, sagt Krampen, immer wieder "irgendwo der Gedanke, ach, vielleicht lerne ich den doch ertragen, vielleicht sehe ich selber das bald neu".
Geduld hat Vorrang. Analyse könnte schaden. Zum Höheren entwickeln kann und muß sich alles: der andere, man selber, der Kontogemeinschaftssinn. Anthroposophen fühlen sich stets auf dem Anstieg, warten, daß der Blick sich weitet. Wie schleppend auch immer - Veränderungen sind in ihnen allen vorgegangen. Ingo Krampen beschreibt es: "Es beeinflußt zwar keiner den anderen moralisch, wie und was er ausgeben soll. Wir könnten immer noch in der Düsseldorfer Altstadt groß ausgehen. Aber was man sich auch leistet, immer hat man jetzt die anderen mit im Bewußtsein."
Damit sich das in rechnerisch verläßlichen Größen niederschlägt, wurde vereinbart, zehn Prozent aller Einkünfte regelmäßig zu sparen. Das hat schon deshalb Sinn, weil sie - obschon der einzelne jederzeit kündigen kann - in diesem Konto-Bund doch etwas fürs Leben, ja sogar bereits für die nächste Generation erblicken. Einige von ihnen können nicht mit einer Rente rechnen. Deren Alterssicherheit sollen alle anderen und das Vertrauen aller in alle garantieren. Und für die Ausbildung sämtlicher Kinder muß der Gemeinschaftstopf gleichfalls herhalten.
Berufliche Unabhängigkeit soll er erzeugen, nicht Trägheit. Ein Mitglied, der Bochumer Industrie-Manager Albert Fink, quittierte seinen lukrativen Job und widmete sich nun völlig dem Entwurf eines alternativen Wirtschaftssystems im Sinne Steiners. Dafür wird weniger bezahlt. Die bloße Existenz gemeinschaftlicher Finanzen, glaubt Fink, habe ihm diesen Übergang erleichtert.
Ein Sohn Finks zählt zu denen, die auf Kosten der Gemeinschaft bereits studieren. Später wurde dem jungen Mann angeboten, selber Mitglied mit Vollmacht über das Konto zu werden, das ihn bislang finanziert hat. Er schlug das erst einmal aus. Vorerst verlangte es ihn nach einem eigenen Guthaben. Nach kurzem Ausflug in die finanzielle Vereinzelung schloß er sich den Alten dann doch an.
Bürgerlichen Anstrich hat das zweifellos, von der Motivation bis zum Stil des Verzichts und der Zuversicht in Geldfragen. Die Älteren in der Gemeinschaft - Frau Diederich ist dafür Beispiel - verfügen über Immobilienbesitz und haben begonnen, sich von ihm zugunsten der Jüngeren zu trennen. Sie möchten damit ein Muster für die Erfüllung des anerkannt leeren Artikels 14 Grundgesetz schaffen, wonach "Eigentum verpflichtet". Die Jungen, insbesondere die Anwälte, kneten dazu immer neue, übereinander hinausführende Modell-Verträge.
Sehr viel schneller, als Rudolf Steiners geheimnisträchtiges Werk in ihre Köpfe und Gemüter Eingang zu finden vermag, reift darin sein organischer Eigentumsbegriff, den zu praktizieren es sie drängt. Die älteren Teilnehmer des Wandlungsversuchs haben längst alle aus privatem Vermögen zugeschossen. Alle zusammen haben sie dann zur Übung in Bochum-Wattenscheid ein Mietshaus gekauft.
Damit wähnen sie sich ein Schrittchen weiter in ihrem Wandel des Privaten: Erstens können die Erwerber alle mit gleichem Anspruch ins Grundbuch, egal, wieviel sie beigesteuert haben. Zweitens sollen diejenigen von ihnen, die mit ihren Frauen und Kindern als Bewohner von dem Haus Besitz ergreifen durften, nämlich Wilhelm Ernst Barkhoffs drei junge Anwaltspartner, auf die Wahrnehmung aller althergebrachten Eigentümerrechte verzichten.
Das entspräche der Wunschvorstellung dieser bürgerlichen Utopisten von einem entgifteten Eigentumsrecht: Gesplittet soll es werden zwischen Nutzern und Haltern. Grund und Häuser sind für sie keine willkürlich häufbare Vermögensmasse. Bei ihrem Entwurf haben die Nutzer das Haus für sich wie Besitz, solange sie es bewohnen, und müssen es entsprechend pflegen. Verkaufen, beleihen oder vererben dürften es nur die Halter, doch einzig im Sinne einer Gemeinnützigkeit, die Spekulation oder sonstigen Mißbrauch ausschließt.
Die Nutzer leisten eine Nutzungsentschädigung, wenn sie können. Sie mündet in einen Fonds, der alsbald ähnliches Wohnungseigentum für andere finanziert. Tatsächlich zahlen die drei Anwälte jetzt, was der ortsüblichen Miete entspricht. Theoretisch könnten sie sich mit einer Mark im Monat aus der Affäre ziehen. Ihre Verträge, immer am Rande des geltenden Rechts, sind noch immer Spielmaterial. Ausgenommen Anthroposophen, könnten die keinen Zeitgenossen zuverlässig festlegen. Anthroposophen hingegen bräuchten vielleicht gar keine Verträge, ginge es nicht um dieses Fahnden nach neuen, höheren Formen: nach Eigentums-Metamorphose. "Noch tappen wir im dunkeln", scherzt einer, "wie jemand, der nach einer vielleicht gar nicht vorhandenen Katze sucht und ruft: ich habe sie!"
Einige aus der Kontogemeinschaft wollten deswegen bloß finanziell, nicht
im Grundbuch dabei sein. Nach gewissenhaftem Zaudern haben sich 12 von 22 da eintragen lassen, darunter kurioserweise allerdings die Bewohner, die doch bloß Nutzungsrecht beanspruchen wollen: jene jungen Anwälte also, aus deren Köpfen das alles entsprungen war. So widersprüchlich reagieren in Fragen des alten Habens vermeintliche Repräsentanten eines neuen Seins, wenn es zum Schwur kommt.
Bisher ist es keinem geglückt, bis ins letzte trennscharf und rechtswirksam ihren voraneilenden Eigentumsbegriff in Paragraphen zu kleiden. Selbst die bloße Beschreibung dessen, worauf sie hinauswollen, leidet unter dem Mangel an verwendbaren Begriffen. Das alte, im römischen Recht verwurzelte Eigentumsdenken hat auch die Sprache besetzt. "Es muß", sagt der Alternativ-Manager Albert Fink, "eine Art Vertrauensrecht gefunden werden ... ein bewegliches Recht."
Dem einzelnen wollen sie das Zusammenraffen von Immobilien unmöglich machen. Undurchsichtigen Institutionen wie dem Staat oder anonymen Kollektiven trauen sie als Steiner-Leser natürlich ebensowenig. Dem einzelnen das Gehäuse für seine eigene angstfreie Entfaltung zu sichern - nicht weniger, nicht mehr -, erscheint ihnen ein System aufeinander bezogener Teilhaber und Treuhänder am ehesten tauglich.
Mit Immobilien möchten sie es halten wie mit ihrem Verdienst. Die Einbahnstraße der Selbstversorgung wünschen sie zu verlassen. "Es ist ja doch die paradoxe Situation", sagt Albert Fink, "daß wir erst verstehen, was wir tun, wenn wir es tun." Um Tun wie Verstehen gleichermaßen bemüht, hat die Kontogemeinschaft ihre Sachwalterin Ingeborg Diederich angewiesen, nun auch noch fünf Prozent aller in ihre Buchführung mündenden Haben-Beträge automatisch auf den neuen gemeinsamen Wohnbau-Fonds zu übertragen.
Mit dem, was damit gebaut werden kann, möchten sie auf die nächsthöhere Stufe kommen. Da sind sie auf ihre noch ungeborenen Ideen gespannt. "Nimmt man alte Leute rein?" fangen sie jetzt an nachzudenken, "oder vielleicht Behinderte?" Albert Fink hat eine maßlose Perspektive: "Alles, was staatliche Sozialarbeit ist, muß zurück in den privaten Bereich." So ein verbal mächtiger Anlauf tut immer wieder not, wenn am Ende wenigstens kleine Veränderungssprünge gelingen sollen. Mitunter ermuntert einer von ihnen ferne Gesinnungsfreunde zu experimentellen Wagnissen, bei welchen sie selber in ihrer reformerischen Springprozession noch nicht so recht gelandet sind.
Erst muß der Bewerber begreifen: Viel, vielleicht sogar Enormes wird von seiner Mitarbeit erwartet. Dann soll er die mit seinem Leben und dem der Seinen verbundenen Kosten nennen. Daraus ergibt sich, was man ihm wird zahlen müssen. So werden unter Anthroposophen Gehälter heute ausgehandelt.
Ähnlich gilt das für Stipendien aus Stiftungen, mit denen rund 150 Studierende an den pädagogischen Seminaren der deutschen Waldorf-Bewegung, an der anthroposophischen "Alanus"-Kunsthochschule bei Bonn oder den Lehrstätten für Eurythmie, nicht selten unter der Ebene von Bafög, geschwisterlich auskommen. Mit gewählten Vertrauensleuten wird der Monatswechsel vereinbart. Wer gejobbt oder geerbt hat, erstattet freien Willens Geld zurück. Die Unterrichtsstätten werden oft von ihren Studenten gratis instand gehalten.
Menschliche Leistung, da sind sie alle bereit, Rudolf Steiner zu folgen, ist keine Ware, sondern eigentlich unbezahlbar. Für andere wird sie vollbracht. Einer vom anderen sollen die Leute leben, sonst, hat Steiner prophezeit, würden auf Dauer nur "Elend und Not" erzeugt. Geld gibt es zur Befriedigung der Bedürfnisse, nicht als Arbeitsentgelt.
Wieder sind wir beim Sozialen Hauptgesetz. "Für die Mitmenschen arbeiten und ein gewisses Einkommen zu erzielen", das sind danach "zwei voneinander ganz getrennte Dinge". Daraus erwuchs das Ritual einer Bedürfnisbestimmung außerhalb jeglicher Tarifordnung, das sich ausbreitet, wo die wachsende Gefolgschaft Steiners ihre Kräfte vereint.
Nichts weist darauf hin, daß diese Besoldungsreform den Arbeitswillen herabsetzt. In Waldorfschulen, anthroposophischen
Krankenhäusern oder den neuerdings eigenen Geldinstituten der Bewegung, in Forschungslaboratorien oder in biodynamischen Gärtnereien begegnen wir einem entsprechend ausgeprägten Typus von edel Überarbeiteten, die sich zu ihren kargen Einkünften in genüßlicher Offenheit bekennen.
Aber das Soziale Hauptgesetz ist kein Dogma. Annahmepflicht verbindet sich in Wahrheit nur mit einem der anthroposophischen Leitmotive: Eigener Einsicht zu folgen sei des freien Menschen einziger Imperativ.
Das öffnet ein weites Feld für Deutungen und Dissonanzen, insbesondere in der Einkommensfrage. "Info 3", eine anthroposophische Zeitschrift für kritische Alternative und Grüne in Frankfurt, erschrickt ein bißchen über die neuerlichen Sprungversuche einer von Steiner abgeleiteten Geldumwertung. Auszuhalten sei eine Kontogemeinschaft Bochumer Machart auf die Dauer bloß bei uneingeschränkter Nächstenliebe, mahnt das Blatt. "Den anderen in seinem ganzen Wunsch- und Triebleben in sich auferstehen zu lassen", heiße es da, "sich so mit ihm zu identifizieren, daß man seinen Handlungen genauso tolerant gegenübersteht ... wie den eigenen." Fazit: Das ist was für Heilige oder Scheinheilige.
Manche lassen vorsorglich von sich hören, daß sie das nicht bringen würden. Szene aus dem Rudolf-Steiner-Haus in Stuttgart, Uhlandshöhe, wo 1919 die erste Waldorfschule in einem Cafehaus entstand: Frank Teichmann, der Leiter eines anthroposophischen Studienseminars, und Heten Wilkens, der Geschäftsführer der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland, räsonieren über dieses schleichende Ansinnen, ein rechter Anthroposoph hätte seinen Geldbedarf zu definieren. Wilkens ist ein Nachfahre Bremer Großbürger, und sein Weg zu Steiner hat mit einer Verwundung im Krieg begonnen, bei der er das vorübergehende Abheben seiner Seele aus dem Leib glorios erfahren haben will. Der Geldfrage entzieht er sich wie einem Knebelungsversuch. "Frage mich niemand nach meinen Bedürfnissen", entrüstet er sich, "sonst brauche ich nämlich 30 000 Mark im Monat!" (Mit einem knappen Sechstel davon begnügt er sich in Wahrheit.) Teichmann stimmt zu. Er, der noch ein bißchen weniger bezieht, fabuliert: Sein Bedarf bewege sich um die 50 000 im Monat. Zwei Weltreisen pro Jahr habe er eigentlich nötig.
An der Fähigkeit zu gelassenem Zurückstecken, an einem Maß für Bescheidung mangelt es den beiden nicht. Was sie verteidigen, ist der nach ihrer Meinung mit dem eigenen Einkommen vorerst noch untrennbar verbundene Vorzug abgeschirmter Selbstverwaltung. Unter gar keinen Umständen, schwört Wilkens, würde er sich einem Topf wie dem Bochumer anschließen. Ihm kommt das um Jahrhunderte zu früh. "Die Bedürfnisfrage", das ist seine derzeitige Quintessenz aus Steiner, "mündet in Heuchelei und Unfrieden." Dafür sprechen nach seiner Meinung okkulte Zusammenhänge, wie sie sich dem geistig weiterschweifenden Anthroposophen auch durch Meditation erschließen: "Noch leben wir im Zeitalter des Egoismus! Vorverlegte Brüderlichkeit enthält Sprengstoff!"
Den Beobachter anthroposophischer Sozialreformen darf es nicht verwirren, wenn ein in Steiners Geistes- wie Sozialwissenschaft höher Klimmender einen Zusammenhang zwischen Lohntüte und Weltenplan in Erwägung zieht. Diese Lehre beabsichtigt, anders als die von Marx, eine Umwälzung mit Transzendenz. In ihr existiert nichts vordergründig Vollziehbares, wozu es nicht auch Perspektiven ins Unerfaßliche gäbe.
Kalendersprüche für ungetrübten Geldgenuß sind da zwar keinesfalls herauszupicken. Trotzdem verstehen Senioren der Anthroposophie mit Steinerscher Geistigkeit ein vor allem standesgemäßes Leben völlig zu vereinbaren: Bio-Bauern, die sich bei ihrer Bodenbehandlung demütig allen von Steiner erdachten Mühen unterwerfen, ziehen häufig Steiners Eigentumsidealen unerschüttert das Erbhof-Denken vor. Der Elektro-Magnat Peter von Siemens hat bei seiner Unternehmer-Praxis auch nicht das Soziale Hauptgesetz im Auge behalten. Statt dessen, das bescheinigt ihm "Info 3", hat er "wie ein Nikolaus mit einem Sack voller Geschenke" mit "Geldspenden, Rabatten oder abgeschriebenen Büromöbeln" zahlreiche _(In Stuttgart, Uhlandshöhe. )
anthroposophische Einrichtungen bedacht.
Der Münchner Anthroposoph Walter Beck, einer der wenigen noch vitalen Kursanten Steiners aus dessen letzten Lebensjahren, mehrte sein Vermögen mit dem Bau von Waldorfschulen und anderer an Steiner orientierter Architektur. Seinen Beitrag für die Sache sieht er darin, mitunter günstig Grundstücke für die Steiner-Gesellschaft besorgt und, ungeachtet der normfremden Details, "Anthroposophisches" gegen normales Honorar gebaut zu haben.
Als Beispiel für eine seinen Idealen entsprechende Vermögensumschichtung erwähnt er lobend die von ihm geschaffenen Eigentumswohnungen in besten Gegenden Münchens. Fürst Johannes von Thurn und Taxis, sagt er, habe davon eine für sich genommen.
Mag sein, daß anthroposophische Praxis dieser Güte die studentischen Rebellen der sechziger Jahre dazu anregte, an entsprechende Hauswände zu schmieren: "Steiner - das ist auch so einer."
Auf ihrer weiteren Suche nach Sinn und Lebensordnung wechselten viele aus der damaligen Studentenbewegung von Marx zu Steiner über, willens, sich bei ihm Anleitungen zum Handeln herauszuschreiben - speziell wo es ums Geld ging. Was linken Kommunen beim Umgang mit ihren Kassen überhaupt nicht gelingen wollte, entwickelt sich in großen Lebensgemeinschaften anthroposophischer Sozialarbeiter weitgehend fieberfrei zu einem Dauerzustand: Aller Einkommen dient aller Auskommen.
So nördlich vom Bodensee in Lehenhof, Hermannsberg oder Brachenreuthe, Dorfgründungen der anthroposophischen Camphill-Bewegung, in denen an die zweihundert geistig Behinderte mit etwa halb so vielen Gesunden in Familiengemeinschaften leben. Zwar verfügen hier die Behinderten noch alle über eigenes Geld. So erzwingen es die Gesetzes-Automatik ihrer Entmündigung und der dazugehörige Taschengeld-Tarif der öffentlichen Hand. Die sogenannten Unversehrten überantworten sich mehr und mehr dem Sozialen Hauptgesetz.
Niemals dürfe einer, steht es dort, "die Früchte seiner eigenen Arbeit für sich selber in Anspruch nehmen". Die müßten "möglichst ohne Rest der Gesamtheit zugute kommen". Denn, so Steiner, "wenn ein Mensch für einen anderen arbeitet, dann muß er in diesem anderen den Grund zu seiner Arbeit finden, und wenn jemand für die Gesamtheit arbeiten soll, dann muß er den Wert, die Wesenheit und Bedeutung dieser Gesamtheit empfinden".
Die Räte der Dorfgemeinschaften haben das in ihre Satzung genommen, der sich in diesem Punkte keiner unbedingt beugen muß. Heilpädagogen, Lehrer, Landwirte, Handwerker, selbst Ärzte überweisen ihr laufendes Einkommen auf ein Gemeinschaftskonto.
In Lehenhof verfügt jeder, der dem zustimmt, bei einer nahe gelegenen Sparkasse über ein eigenes Unterkonto mit jährlichem Kredit-Limit und erhält fortan nur Auszüge, die ihm Soll-Beträge melden: die eigenen Abhebungen. So mag er sich selbst zu diszipliniertem Ausgeben erziehen.
Der Begriff "Haben" ist verschwunden. Alle Einkünfte, ausgenommen die aus eigenem Vermögen, fließen dem Sammelkonto zu, das die Sparkasse nicht verzinst. Abgerechnet wird alles am Jahresende. Dann werden die auf den Unterkonten aufgelaufenen Soll-Beträge aus dem gemeinsamen Plus gedeckt. Drei von der Wirtschaftsgemeinschaft gewählte Vertrauenspersonen haben freilich bis dahin die Ausgaben unter Kontrolle zu halten und kommentieren die oft sprunghaften Unregelmäßigkeiten bei der Sollerzeugung in regelmäßigen Gemeinschaftssitzungen mit kernigen Ermahnungen. Sogar zu Kreditrestriktionen sind sie fähig.
Schon 30 Kilometer weiter, in Brachenreuthe, läuft die Prozedur völlig anders ab: Da gibt es überhaupt keine mit Personen verknüpfte Buchführung mehr. Die erst einmal vereinigten Einkünfte werden aufgeteilt auf wieder gemeinsame "Sonderkonten" für "Persönliche Bedürfnisse", die "Ausbildung der Kinder" oder für "Ausgaben im Zusammenhang mit der Anthroposophie". Von denen zehren alle namenlos. Allerdings, nach dem Urbild der von emigrierten deutschen Anthroposophen 1939 in Schottland gegründeten ersten Camphill-Dörfer, hütet ein von der Gesamtheit bestellter "Steward" die Konto-Balance.
Nur jeder zehnte von 30 Mitarbeitern Brachenreuthes spielte vorläufig nicht mit. Im viel größeren Lehenhof leben sämtliche 36 festen Mitarbeiter (mit 43 Kindern) von Soll-Konten der Wirtschaftsgemeinschaft. Noch einmal so viele, und das sind vor allem die jüngeren Helfer, bleiben draußen. Für sie ist das Dorf in der Regel nur Durchgangs- und Ausbildungsstation. Von Zeit zu Zeit richtet die Wirtschafts-Gemeinschaft für frisch angesiedelte Dauerbewohner eine separate Übungskasse ein.
Ist es schon kein Armutsgelöbnis, was hier angestrebt wird, so kostet es doch Überwindung - und Nerven. Zermürbende Grundsatzdebatten allerdings wie unter Linken oder auch Grünen entzünden sich nicht. Dafür gäbe es keine kollektive Richtschnur. Das Ich ist letzte Instanz. Und falls einen wieder nach eigenem Lohn verlangt - auch gut.
"Es ist manchmal wichtig, den eigenen Egoismus zu erfahren", sagte mir ein alter Werkmeister. Gerade hatte er am eigenen Sohn beobachtet, wie das jählings wieder aufbricht. Der ist ein Kunstschmied aus Lehenhof und wurde dort erwachsen. Nun hatte er geheiratet; eine Töpferin aus dem Dorf. Mit ihr wünschte er anders zu leben. "Ganz
privatistisch" nannte es sein Vater und meinte, das werde sich geben. Der Junge müsse sich wohl bloß beweisen, "daß er selber eine Familie ernähren kann".
Gereiftere Familienväter, darunter einer mit sechs Kindern, haben dieses Verlangen in der Wirtschafts-Gemeinschaft vergessen. Benötigt eins der Kinder zur Entfaltung seines musikalischen Talents eine Klarinette für 10 000 Mark, dann hat sich mit diesem Problem die Gesamtheit zu befassen - und abzufinden. In einer Gemeinde, die sich kein einziges Fernsehgerät genehmigt, war für derartige kulturelle Erfordernisse allemal Geld und Einsicht vorhanden. Später freilich wird der geförderte Klarinettist der Gemeinschaft sein Instrument wohl abstottern müssen.
Anders als bei den Freunden in Bochum minimiert sich im Dorf der Abstand vom Nächsten und seinen Anschaffungen. Das schließt aus, daß individuelle Eigenarten sich erst über Kontozahlen offenbaren. Geredet wird schon zuvor. Trotzdem kommt es immer wieder zu verdrießlich sprunghaftem Anstieg der roten Zahlen. Von einer bereits ausreichend verinnerlichten Selbstregulierung kann noch lange nicht die Rede sein.
Im Grunde verlangt es das Menschenbild dieser Anthroposophen, sich auch in ihren Bedürfnissen ein bißchen voneinander zu unterscheiden. Der eine fährt Audi 100, der andere R 4. So weit dürfen die Spielräume schon sein. Wo brüderlich entnommen wird, verlieren Gegenstände ihren Statuswert. Außerdem wird für jedes neue Auto gleich eine Fahrgemeinschaft rekrutiert.
Das sind Experimente, wie sie sonst keiner durchhält: Verteilungsmodelle eines Mikrokosmos, der sich von der Besessenheit des großen Ganzen absondert - handelnd und ziemlich schweigsam. Auch einige von links kommende Steiner-Leser winken da ärgerlich ab. Das, sagen sie, sei der falsche Kurs. Sie beanstanden an solchen Übungen nicht den Zeitpunkt; ihnen mißfällt deren an Noahs Arche erinnernde Begrenztheit.
Energisch behauptet Wilfried Heidt, ein steinerisch angewandelter Soziologe aus dem Berliner Otto-Suhr-Institut, dem Verfasser des Sozialen Hauptgesetzes hätten nicht Versuche in der Nußschale vorgeschwebt. Der müsse einfach größere Zusammenhänge im Sinn gehabt haben. "Heute würden wir sagen", so wendet das Heidt, "ordnungspolitisch hat er''s gemeint, gesamtgesellschaftlich, nicht einfach als Anweisung zum Gutsein."
Gemeinsam mit dem Kunst-Prediger Joseph Beuys, einer Produktions-Gemeinschaft Hamburger Computertechniker und anderen aus dem sogenannten "Achberger Kreis" hat er deshalb etwas eingefädelt, was angeblich ein bißchen höher ansetzt: den Verbund von zwei Dutzend sehr unterschiedlichen Winzig-Unternehmen zur Stiftung "Dritter Weg".
Nein, sie haben sich dem Sozialen Hauptgesetz nicht buchstäblich gebeugt. Im weiteren Sinne Steiners wollen sie vielmehr der Freiheit des Geisteslebens dienen. Mit ihren Mitteln leisten sie den Grünen Forschungshilfe. So haben sie ein Rechtsgutachten über die Aussicht finanziert, die Bundesrepublik per Volksentscheid zu kurieren.
In den fünf Jahren seines Bestehens, heißt es, habe der Verbund solchen Zwecken insgesamt 600 000 Mark gewidmet. Abgemacht wurde das jeweils in den regelmäßigen Konferenzen von drei Dutzend dabei Gleichheit übenden Firmendelegierten. Denn aus den Überschüssen der angeschlossenen Firmen stammt das Geld.
Die erwähnten Software-Macher, ein aufblühender Garnhandel, alternative Teestuben oder das von den Grünen bevorzugte ehemalige Yoga-Hotel "Humboldt-Haus" in Achberg erwirtschaften das vorwiegend. Ein paar Forschungs-Grüppchen, ein Alternativ-Verlag oder die Freie Universität des Joseph Beuys steuern eher Verbales bei. Alles in allem erwarten sie voneinander Brüderlichkeit.
Damit glauben sie, der wahren Zielrichtung jener Dreigliederung gerecht zu werden, die Rudolf Steiner der gesamten Industriegesellschaft zur Rettung empfohlen hatte, eben dieser vielgedeuteten Trias: Freiheit im Geistesleben, Gleichheit
vor Staat und Recht, Brüderlichkeit in der Wirtschaft.
Zur Brüderlichkeit, finden sie, gehöre völliges Vertrauen. Vorwiegend mündlich werden deshalb voreinander Geschäftsberichte erstattet. Alle halten sie auch so für wahr. Kontogemeinschaft mögen sie nicht sein, weder als Unternehmer noch als Gehaltsempfänger. Die Einkünfte bleiben privat, was auch immer darüber bei Steiner stehen mag. Allerdings: Bescheidene Einkünfte müssen es sein. Im bundesdeutschen Brutto-Durchschnittsgehalt sehen die vom Dritten Weg die Grenze nach oben. So gebiete das, sagt Wilfried Heidt, "unsere Einsicht in die Probleme der übrigen Welt".
Überzeugte Steiner-Leser wissen, welche Art Bewegung heilsam wäre für ihr Geld. Sie ihm zu verordnen fällt ihnen trotzdem schwer. Blindlings, wie die Fütterung eines Opferstocks, kann das sich nicht vollziehen. Einen eigenen Weg gilt es für Geld wie Geist zu verfolgen.
In Bochum widmet sich eine "Gemeinnützige Treuhandstelle" dem Vollzug entsprechender Schenkungen. Manche zahlen dort langsam eine Dotation an, für die sie einen Zweck erst ausmachen müssen. Einer schenkte 20 000 Mark und verlangte, davon müsse erst einmal sein eigener Sohn ein Darlehen zum Studieren kriegen. Zurückzahlen soll der das nicht dem Vater. Die Treuhandstelle erwartet das Geld. Sie kann es später immer wieder anderen Studenten geben.
Einer schenkt ein Haus. Das Haus ist vermietet. Die Miete will er weiter für sich. Nach einer Weile gesteht er sich ein, wie wenig er sie nötig hat. Soll er nun einfach darauf verzichten? Nein, er macht aus der Miete eine neue Schenkung. Deren anthroposophischen Zweck möchte er selbst regelmäßig angeben: Jahr für Jahr vielleicht einen anderen.
Es gibt Fabrikanten, die übersenden der Treuhandstelle plötzlich einen siebenstelligen Schuldschein. Das versperrt ihnen den Rückweg in den vertrauten Egoismus. Die auf dem Schein garantierten Schuld-Zinsen widmen sie, solange sie nur können, selber einer ihnen gerade zusagenden Gemeinnützlichkeit.
Hundert solcher Posten haben sich in Bochum angesammelt, daneben Geld und Revenuen Dutzender anthroposophischer Vereinigungen, die diese Treuhandstelle vor zwei Jahrzehnten gemeinsam begründet haben. Hier liegt ein Hort anthroposophischer Vermögenspolitik: rund 60 Millionen Mark. Die Hälfte davon besteht aus Schenkungen Alfred Rexroths, eines Hydraulik-Herstellers aus Lohr am Main, der als Geber einst mit einem Millionen-Schuldschein angefangen hatte. Als er, wie die Anthroposophen sagen, "über die Schwelle ging", vererbte er ihnen seine sämtlichen Industriebeteiligungen.
Nur an Vereinigungen von verbürgter Gemeinnützigkeit darf das den Bochumer Treuhändern anvertraute Geld verliehen werden. Solche Vereine heißt es oft erst einmal zu gründen. Den Treuhändern liegt besonders am Erwerb oder, wie sie es nennen, "Freikauf" von Bauerngütern. Damit sich die erwünschte Gemeinnützigkeit da einstellt, muß sich zur anthroposophischen Agrikultur ein pädagogisches oder therapeutisches Vorhaben gesellen.
So entstehen vom Bodensee bis nach Holstein Landbau-Lehrstätten und Lebensgemeinschaften mit geistig Behinderten. Das füllt verlassene Höfe mit stadtflüchtigen Sinnsuchern, jungen Bio-Bauern, seelisch Kranken und clean gewordenen Junkies.
Kaum ist so ein Millionen-Darlehen heraus, da trommeln die von der Treuhandstelle schon wieder Geldgeber zusammen. Eine Gemeinschaft zahlungswilliger Sympathisanten sollen die bilden und, jeder zu kleinen Teilen, die Last eines vollzogenen Freikaufs auf sich nehmen. Es wird angeregt, daß jeder auf eine eventuelle Verzinsung seiner paar tausend Mark einem weiteren guten Zweck zuliebe verzichtet. Mit dem zu ihr zurückfließenden Geld kann die Treuhandstelle weiter Land freikaufen.
Nur, es ist nicht getan mit den Millionen für Höfe und Land. Ehe dort die Arbeit überhaupt anfangen kann, muß noch Geld her für den Einkauf von Vieh, Saatgut, Maschinen. Und das wiederholt sich alsbald. Für die Bochumer Geld-Verwalter - sie sind uns in diesem Kapitel bereits als Kontogemeinschaft begegnet - war das ein Ansporn, neben der Treuhandstelle Banken zu gründen.
Die eine heißt "Gemeinnützige Kredit-Garantie-Genossenschaft" (GKG). Die zweite nannten sie "GLS-Gemeinschaftsbank" oder "Gemeinschaft für Leihen und Schenken". Die führt sogar Sparguthaben mit, auf Wunsch, marktgerechter Verzinsung. Unter ihren 4300 Sparern schätzt sie besonders jene, denen es wichtig ist, daß ihr Geld gleich samt Zinsen für "sozial erwünschte" Vorhaben arbeitet. Die Bank selber ist ja ein genossenschaftliches Vorhaben, an dem sich 5300 Mitglieder in kleinen Tranchen beteiligen, notfalls zum Nachschießen verpflichtet. Also winken viele Kunden bei der Frage nach der von ihnen erwarteten Rendite selbstlos ab, während die Banker ihren Ehrgeiz darein setzen, Geld möglichst nur gegen Verwaltungsgebühr zu verleihen.
Leihen und Schenken gehen ineinander über. Dieser Steiner-Kapitalismus hat für Wertpapiere wenig übrig, weicht Gewinnen wie Verlusten aus und expandiert trotzdem kräftig: 1983 belief sich das Geschäftsvolumen der Anthroposophen-Banken von Bochum auf rund 86 Millionen Mark (1982: 73 Millionen). Allein die GLS verfügt über reichlich 60 Millionen Mark Spareinlagen (1982: 49,5 Millionen). Grüne und Anhänger der Friedensbewegung übertrugen zunehmend ihre Guthaben von den Banken eines sie erschreckenden Wirtschaftssystems auf die Bochumer. "Marktgerechte" Sparzinsen könnten freilich auch die nicht garantieren, ohne Geld bei anderen Banken zu parken.
Diese Bank verlangt von ihren Kreditnehmern meist keinerlei "dingliche Sicherheit". Sie kann das, solange die _(Stall des Dottenfelderhofs. )
Kreditnehmer überwiegend anthroposophische Gruppen sind. Unter anderen stehen 175 Waldorf-Schulvereine, Kindergarten- und Jugend-Initiativen, 59 Landbau-Vereine, 83 Heilstätten und 31 alternative Handelsorganisationen bei der GLS in der Kreide.
Sie zieht dem Alleinschuldner "Leihgemeinschaften" vor. Im Kreditgeschäft, ausnahmsweise, vertrauen selbst Anthroposophen eher einem Kollektiv (von allerdings persönlich Haftenden). Das gilt fürs Geldnehmen wie fürs Geldgeben. Bochumer Rezept ist es, um ein kreditwürdiges Projekt eilends eine "Darlehens-Gemeinschaft" zu flechten und den einzelnen Darlehensgeber möglichst gleich noch zur Mitsprache zu berechtigen.
Das Wirtschaften in "Demeter"-Betrieben wie dem Dottenfelderhof bei Frankfurt oder dem "freigekauften" Schepershof bei Wuppertal wird so kreditiert - von Leuten aus der Stadt meist, die sich plötzlich, Aug'' in Aug'' mit Bio-Bauern, für Anbau wie Vermarktung zu interessieren haben. Was da durchschlägt, ist ein Rezept: Geld wird Heil- und Bindemittel; es soll sich nur nirgendwo festsetzen.
Darlehens-Gemeinschaften, mal etliche Hundertschaften stark, dann wieder bloß ein Grüppchen, finanzieren Werkstätten und Fuhrunternehmen, doch ebensogut Vorhaben, die einzig geistigen Nutzen versprechen. Sie ermöglichen die Überbrückung der oft schwindelerregenden Finanzierungslücken beim Bau neuer Waldorfschulen, für den weithin die Regel gilt, daß ein Schulverein sein gerade nicht benötigtes Guthaben einem anderen zur Verfügung stellt, der gerade nach Geld jappt. Jeder borgt jedem. Darauf kann jeder bauen.
Und können sie nicht borgen, so können sie immer noch bürgen. Die GLS bündelt die Bürgschaften. So, indem sie viele sind, können Rudolf Steiners Leser mit ihren verbürgten Tausendern, die sie nur notfalls drangeben müssen, Millionenkredite bewegen. "Geld", schwärmt Albert Fink, "ist etwas ungeheuer Flüssiges, das alles durchdringt." Die heute herrschenden Vorstellungen davon hinkten nur verhängnisvoll weit hinter den heilsamen Möglichkeiten her.
Steiners philosophische Maximierung des "Ich" trifft sich günstig mit den bedeutend naiveren Sonntags-Eingebungen sinnsuchender Kapitalisten. Manche lassen sich dabei ihren patriarchalischen Egoismus durchsonnen. Sie verwenden sich und ihr Geld für seine Reformideen. Nur in ihren Firmen kommen sie damit nicht weiter.
Steiner ergebene Unternehmens-Patriarchen wie der Turbinen-Bauer Hanns Voith aus Heidenheim an der Brenz oder der Nürnberger Bleistift-Fabrikant Rudolf Kreutzer (Staedtler Mars) konnten zwar Erben und enge Mitarbeiter für die
Anthroposophie gewinnen. Sie konnten entsprechenden Stiftungen ihre Gewinne oder sogar ihre Geschäftsanteile widmen.
Doch außer einer Beimengung von Waldorf-Pädagogik in der Lehrlingsausbildung und gewissen Verzierungen des Betriebsklimas findet sich heute in der Praxis so großer Firmen nichts, worin sich wahrer Steiner niederschlüge.
Zu "seelischem Austausch" werden in Nürnberg regelmäßig Abteilungsleiter und Meister der Firma "Staedtler Mars GmbH" eingeladen; zu einem Gespräch über "Lebenskrisen und Lebenschancen" die Programmierer. Eine Weile erfuhren Arbeiter und Angestellte des Schreibwaren-Riesen auf Wunsch eine Anleitung zum Malen oder zu ersten Übungen in Eurythmie. Vertreter müssen sich darin trainieren, ans Wohl des Abnehmers etwas inniger zu denken als an die Rendite des Erzeugers. Der Bleistift, mit dem sie sich das aufschreiben, trägt die Inschrift: "Konsequent aufs Positive reagieren."
Dem Betriebsrat zeigt der Geschäftsführer und Anthroposoph Kurt Ebert freien Willens, was die Firma Staedtler Mars und er verdienen. Er spricht von "gläsernen Taschen" und von seiner "offenen Tür" und macht kein Hehl daraus, daß Arbeiter sich scheuen, durch letztere hereinzutreten. Eher schon schließen die sich feierabends einem für alle Fragen offenen Gesprächskreis des Hauses an. Dort reden sie allerdings viel lieber über Frühverrentung als über Rudolf Steiner.
Firmenrechtlich ist das ehemalige Familienunternehmen mit seinen 3200 Beschäftigten und einem Jahresumsatz von 360 Millionen Mark längst unlösbar mit der Anthroposophie verwoben, Generator einer Stiftung, die deren Zielen dient. Das ändert nichts an Eberts Fazit: "Aus meiner Sicht gibt es keinen einzigen anthroposophischen Betrieb."
Das ist wahr. Und die berühmte "Weleda AG" macht keine Ausnahme, obwohl sie ihre Heil- und Pflegemittel nach Steiners Natur-Einsichten gewinnt und ihre Aktien den Auguren der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach gehören. Weitab vom Sozialen Hauptgesetz zahlt die unter dem Namen einer germanischen Heilspriesterin international florierende Firma ihren Mitarbeitern 13 Gehälter und - bei 80 Millionen Mark Gesamtumsatz im Jahr - sogar Gewinnbeteiligung. Die staffelt sich nach einer Gehaltshierarchie, welche Geschäftsführern höchstens das Siebenfache des Mindestlohns zuweist.
Steiner in homöopathischer Dosierung. Das macht einen netten Arbeitgeber mehr, nichts weiter. Dem Beschäftigten steht für seine Mittagspause ein eigener Liegestuhl zu und fürs Büro eine Farbe nach Wahl. Vorgesetzte gibt es, keine Vorzimmer; einen Mitarbeiterrat, keinen Betriebsrat; eine gewisse Mitsprache, aber gewiß keine Mitbestimmung.
Und die Preise werden gestaltet wie anderswo auch.
Brüderliches Wirtschaften, verflochten gar mit einem "freien Geistesleben" und einem, wie Steiner doch meinte, die "Gesamtheit" erfüllenden Geist, das hat sich in den Bereichen der Industrie einfach nicht ausbreiten wollen. Die von Rudolf Steiner selber unter solcher Zielsetzung 1920 mitbegründete Stuttgarter Aktiengesellschaft "Der Kommende Tag" ist der bislang einzige Versuch einer solchen Konstruktion geblieben.
Steiner, der zwanzig Jahre zuvor in der "Arbeiterbildungsschule" doziert hatte, erreichte, im Gegensatz zu allen seinen Anhängern seither, immerhin das Ohr des Proletariats. Dennoch: "Der Kommende Tag" ging unter, und kein Arbeiter weinte ihm nach.
Die Urzelle der Weleda hatte dazugehört und vorübergehend die Stuttgarter Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria, deren Direktor Emil Molt für die Kinder seiner 1500 Mitarbeiter die erste Schule nach Steiners Intentionen finanziert hat.
Zu jenem an der Inflation und seinen Unternehmern gescheiterten Verbund eine neue Variante zu knüpfen, juckt es die Bochumer Gemeinschafts-Banker offenbar in den Fingern. Eine dazu verwendbare Holding zu schaffen, hatte ihnen der Spender Alfred Rexroth geholfen und ihr den Namen "Neuguß" gegeben. Damit verwalten sie sein industrielles Erbe sowie die ihnen von noch lebenden Anthroposophen überantwortete gutgehende kleine Kaltenkirchener Wachsfabrik "Stockmar"; die wiederum beliefert anthroposophische Einrichtungen in aller Welt.
Insbesondere aber hält die Neuguß einen 50-Prozent-Anteil an der hessischen Glashütte "Süssmuth", der ersten und einzigen von ihren Arbeitern in Selbstverwaltung genommenen Fabrik der Bundesrepublik.
Die 1970 errichtete Arbeiter-Gesellschaft geriet in hoffnungslose Geldnot. Allein die Anthroposophen waren bereit, da einzusteigen - mit einer halben Million zunächst und der vagen Hoffnung, der Geist des "Kommenden Tags" werde vielleicht wiederkehren.
Von 250 auf 125 Arbeitsplätze ist das Unternehmen abgemagert. Aber auch die seien auf Dauer nur dann zu erhalten, so predigt nun Albert Fink im Namen der Neuguß, wenn die Einstellung zur Arbeit und zum Lohn sich völlig wandle. Die Neuguß wolle einfach nicht weiter zuschießen.
In den Glasbläsern soll die Bereitschaft für ein alternatives Modell wachgeredet werden. Eines zum Überleben, eines, bei dem sich das Einkommen und die Arbeit, siehe Steiner, voneinander lösen. Fink spricht von dem Plan, die Glashütte krisensicher und heilend mit einer biodynamischen Landwirtschaft zu verbinden sowie mit Werkstätten für Autoreparatur und Kunsthandwerk.
Er, der selber in einer Einkommensgemeinschaft zufrieden lebt, empfiehlt sie nun dringend den Arbeitern. So ließen sich die unvermeidlichen Lohnunterschiede zwischen Bauernarbeit und Fabrikarbeit familiär ausgleichen, findet er. Es wäre dann leichter, von der eingefahrenen Arbeitszeit herunterzukommen und Arbeit wie Geld vernünftig unter alle aufzuteilen.
Die Glasarbeiter haben sich gerade noch dazu verstanden, in der Nähe die Tochterfirma "Wilhelmsthal" zu eröffnen, wo nun Glaskunst und Teppichweberei gepflegt werden - eine Art Handwerkshof. 15 Arbeitsplätze hat das gebracht. Vom Tariflohn wird nicht abgewichen. Das wären Visionen einer Brüderlichkeit, für die, sagt vorsichtig der Arbeiter-Chef Ulrich Oskar Kriwet, "in der Glashütte erst noch viel Bildungsarbeit geleistet werden müßte".
Zu guter Letzt jedenfalls haben die Anthroposophen von der Neuguß noch einmal fast eine halbe Million zubuttern müssen, ohne damit auch nur das Geringste im Sinne Steiners zu bewirken. Die Glasbläser haben schon gemerkt: So einen Betrieb einfach fallen zu lassen, das vertrüge sich schlecht mit den Idealen der Rechner aus Bochum.
Im nächsten Heft
Waldorfschule, die neue Bürgerinitiative - Meditation und Kampf im Lehrerkollegium - Stärken und Gefahren einer Reform-Pädagogik - Erziehung für eine andere Gesellschaft
In Stuttgart, Uhlandshöhe. Stall des Dottenfelderhofs.
Von Brügge, Peter

DER SPIEGEL 18/1984
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