30.01.1984

„Entehrend für die ganze Armee“

Der Fall Fritsch-Blomberg 1938 / Von SPIEGEL-Redakteur Heinz Höhne *
Der empörte General stürzte ins Zimmer und verlangte, dem Belastungszeugen gegenübergestellt zu werden. Er wollte "das Schwein" endlich sehen, das ihn der Homosexualität beschuldigte.
Im nächsten Augenblick prallten die beiden Männer aufeinander. "Das ist er", schrie der Gauner, den der Regierungschef persönlich herbeibeordert hatte, und der General rief nicht weniger aufgeregt, bei seinem Ehrenwort als Offizier könne er erklären: "Den Herrn kenne ich nicht!"
Doch der Oberbefehlshaber mochte sich nicht mit dem Ehrenwort seines Generals begnügen. Sein engster Mitarbeiter hatte ihm ohnehin gleich nach der Gegenüberstellung der beiden Kontrahenten mit triumphierender Stimme erklärt: "Er war es, er war es!" Zudem hatte sich der OB längst entschlossen, den ihm lästig gewordenen General zu verabschieden. Anderntags erhielt der General die knappe Weisung des Oberbefehlshabers, sofort seinen Rücktritt einzureichen und möglichst "unauffällig" abzutreten. Er wolle dann auch, ließ der Mächtige wissen, dafür sorgen, daß von der Affäre nie mehr die Rede sein würde.
Szenen aus der Affäre Kießling? Mitnichten. Sie gehören zu den dramatischen Höhepunkten jener historischen Doppelaffäre des Januar 1938, der der angeblich homosexuelle Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch, Oberbefehlshaber des Heeres, und der Reichskriegsminister Werner von Blomberg zum Opfer fielen - und mit ihnen die noch relativ unabhängige Wehrmachtführung des Dritten Reiches.
Es ist dieser Fall Fritsch, der manche fatale Ähnlichkeit mit der Kießling-Affäre aufweist: Hier wie dort ein Oberbefehlshaber, der einen der Homosexualität beschuldigten Offizier in den Ruhestand zwingen will; eine schlampig arbeitende Ermittlungsbehörde, matt reagierende Militärs und ein paar couragierte Männer, die einen General so rüde nicht abgehalftert sehen wollen.
So nützlich Vergleiche dieser Art sein mögen - bei derartigen Ausflügen in die Zeitgeschichte ist Vorsicht geboten. Schon hat sich die öffentliche Diskussion mit den nun einmal üblichen Überzeichnungen und Verkürzungen des Fritsch-Falls bemächtigt: Für die einen ist er "der entscheidende Staatsstreich der Gestapo" ("Die Zeit"), für andere eine Sammlung von "Ungeschicklichkeiten, die damals den Generaloberst von Fritsch ruiniert haben" (Gerd Schmückle).
Mit so schlichten Formeln verbaut man sich nur den Zugang zum Verständnis der Fritsch-Krise. Die Gestapo, die immerhin zeitweilig an die Stichhaltigkeit ihres Fritsch-Materials glaubte, handelte nicht aus eigenem Antrieb, und den ganzen Fall brachten ohnehin Kripo-Beamte ins Rollen, die - Ironie der Zeitgeschichte - die Wehrmachtführung vor deren Gegenspielern schützen wollten.
Begonnen hatte das alles mit einer seltsam lapidaren Notiz, die am 13. Januar 1938 im "Völkischen Beobachter", dem Zentralorgan des NS-Regimes, erschienen war: _____" Der Reichskriegsminister Generalfeldmarschall von " _____" Blomberg hat sich am Mittwoch, dem 12. Januar, mit " _____" Fräulein Gruhn vermählt. Der Führer und Generaloberst " _____" Göring waren Trauzeugen. "
Manchem Offizier fiel auf, daß die Hochzeitszeremonie im Reichskriegsministerium nur eine knappe Stunde gedauert hatte und die Hochzeiter sofort auf eine Reise gegangen waren. Das gab Anlaß zu der Vermutung, daß mit der neuen Frau von Blomberg wohl nicht sonderlich viel Staat zu machen sei.
Wie wenig sie zu einem preußischdeutschen Feldmarschall paßte, entdeckte der Kriminalrat Hellmuth Müller, der im Reichskriminalpolizeiamt in Berlin die Erkennungsdienstzentrale leitete. Es war eine folgenreiche Entdeckung: Müllers Fund stürzte die Wehrmacht in die schwerste Krise ihrer Geschichte und trug ungewollt dazu bei, Hitlers Alleinherrschaft in Deutschland noch mehr zu perfektionieren.
Das war am Vormittag des 24. Januar 1938: Müllers Sekretär, der Kriminalassistent Richard Burkert, brachte ihm gerade einen jener vertraulichen Briefe herein, die das Dezernat für Sittlichkeitsverbrechen
von Zeit zu Zeit herüberschickte. Darin steckten pornographische Aufnahmen, die Müller zu Archivzwecken reproduzieren lassen sollte.
Müller wollte die Aufnahmen schon beiseite legen, da meinte Burkert, der Kriminalrat möge sich doch einmal die eine Frau genauer anschauen, die auf sechs Photos zu sehen war. Müller sah einen blonden Bubikopf, einen nackten, wohlproportionierten Frauenkörper, etwa 1,75 Meter groß und nur mit einer Perlenkette bekleidet. Auf der Rückseite der Bilder stand der Name der Frau: "Gruhn, Luise Margarethe."
Der Name kam Müller bekannt vor, er hatte ihn vor kurzem gelesen, konnte sich jedoch nicht mehr an den Zusammenhang erinnern. Seine Neugierde war aber geweckt. Er nahm ein Bild an sich und ging zu dem Kriminalkommissar Henning, der in Müllers Zentrale die Zehnfingerabdrucksammlung leitete. Sie sahen die Namensregisterkartei durch und stießen auf den Namen Gruhn, der gleich auf einer Doppelkarte prangte.
Müller wußte später noch ganz genau: "Besagte Dame war zwei- oder dreimal in unserer Sammlung vertreten: erkennungsdienstlich wegen öffentlicher Aufforderung zur Unzucht und wegen Beischlafdiebstahls behandelt." Müller ließ daraufhin den Leiter des Einwohnermeldeamtes, Regierungsrat Mesch, feststellen, wer Luise Margarethe Gruhn sei.
"Als Mesch den Namen hörte", berichtet Müller, "grinste er mich an und zeigte mir ein Blatt, das er aus einem Stahlkasten hervorholte: Es war die Meldekarte des Generalfeldmarschalls von Blomberg." Auf einmal wußte auch Müller wieder, weshalb ihm der Name Gruhn so bekannt vorgekommen war. Selbst dem unpolitischen Beamten dämmerte, daß er durch Zufall auf eine Zeitbombe von unvorstellbarer Sprengkraft gestoßen war: der oberste Soldat des Deutschen Reiches, der engste militärische Berater Hitlers - verheiratet mit einer vorbestraften "Lebedame"!
Die Frau war freilich keineswegs die "Dirne", als die sie in eine unkundige Nachkriegs-Literatur eingegangen ist. Sie wurde auch nicht, wie noch jüngst zu lesen war, in fünf großstädtischen Sittenkarteien geführt, und der Massagesalon in Neukölln, den ihre Mutter besessen haben soll, ist ebenso Legende wie der falsche Vorname Eva, der ihr selbst von einigen Historikern noch heute zugeschrieben wird.
Luise Margarethe Gruhn, geboren 1913, Tochter ehemaliger Bediensteter im Königlichen Schloß in Berlin, war einmal unter dem Verdacht des Diebstahls verhaftet gewesen (die Tat konnte ihr nicht nachgewiesen werden) und hatte Modell zu Pornoaufnahmen gestanden, die ihr Freund, ein Tschechoslowake namens Heinrich Löwinger, zum Stückpreis von 80 Pfennig an Berliner Bahnhöfen verkaufte, bis die Polizei intervenierte.
Mehr war nicht, aber dem Kriminalrat Müller genügte das schon, um seinen Chef, den Reichskriminaldirektor und SS-Sturmbannführer Arthur Nebe, zu alarmieren.
Nebe sprang auf, beugte sich über die Photos und ließ sich ebensoschnell "mit bleichem Gesicht" (so Müller) in seinen Sessel zurückfallen. "Mensch, Kamerad Müller", sagte der Kripochef, "und dieser Frau hat der Führer die Hand geküßt!"
Nebe hatte nicht übel Lust, die vor ihm liegenden Photos und Karteikarten einfach verschwinden zu lassen, denn er wußte nur allzugut, wie sehr dieses Material - geriet es in falsche Hände - den Führern der Wehrmacht gefährlich werden konnte.
Der Nationalsozialist Nebe, damals auf dem Höhepunkt seiner Karriere, machte sich längst keine Illusionen mehr über das Regime, zu dessen Errichtung er selbst als Führer einer Arbeitsgemeinschaft nationalsozialistischer Polizeibeamter beigetragen hatte; die schrankenlose Herrschaft der SS im Polizeiapparat stieß ihn ebenso ab wie das totalitäre Gängelungssystem der Führerdiktatur.
Doch Vorsicht hielt ihn davon ab, das Gruhn-Material zu beseitigen - zu viele wußten schon davon. Wem aber sollte er das Material anvertrauen? Das Dienstreglement schrieb vor, den Fall an den nächsthöheren Vorgesetzten abzugeben, aber das war im Fall Nebes gerade der Mann, der die Akte um keinen Preis sehen durfte: Reinhard Heydrich, der Chef der Sicherheitspolizei und des SD. Der würde nicht zögern, das Material im lautlosen Kompetenzkampf zwischen SS und Wehrmacht einzusetzen und die militärische Führung damit zu erpressen.
In seiner Verlegenheit wandte sich Nebe an den Hausherrn, unter dessen Dach das Reichskriminalpolizeiamt damals noch residierte: den Polizeipräsidenten Wolf-Heinrich Graf von Helldorf. Der Altnationalsozialist und SA-Obergruppenführer Helldorf, ein parteiinterner Gegner der SS, beobachtete ähnlich wie Nebe, was ihn die Entartung des Nationalsozialismus zu einem "undeutschen" Cäsarentum dünkte; auch er meinte, Heydrich und der SS-Chef Heinrich Himmler dürften auf keinen Fall von
dem Skandal erfahren, die Wehrmachtführung müsse sofort gewarnt werden.
Wie aber an die Wehrmachtspitze herantreten? Man konnte nicht einfach Blomberg das fatale Material zuschicken. Da erinnerte sich Helldorf, in der Wochenendausgabe der "Deutschen Allgemeinen Zeitung" eine Anzeige gelesen zu haben, in der General der Artillerie Wilhelm Keitel die Verlobung seines Sohns Karl-Heinz mit der Feldmarschallstochter Dorothee von Blomberg bekanntgegeben hatte.
Keitel, der engste Mitarbeiter Blombergs - das schien der geeignete Mann, den gefährdeten Kriegsminister und die Wehrmachtführung zu alarmieren.
Helldorf fuhr ins Kriegsministerium und ließ sich bei Keitel melden. Er holte die Meldekarte der Gruhn mit deren Photo aus einer Aktentasche und fragte Keitel, ob er ihm bestätigen könne, daß das Gesicht auf dem Photo mit jenem der neuen Frau von Blomberg identisch sei. Keitel konnte es nicht, und das hatte einen einfachen Grund: Er war der Frau nie begegnet.
Der Polizeipräsident gab seiner Stimme plötzlich einen drängenden Ton: Er bitte, das Photo dem Generalfeldmarschall sofort vorzulegen. Der noch immer ahnungslose Keitel ließ sich telephonisch mit dem Ministerbüro verbinden, doch Blomberg antwortete nicht - er war am Wochenende nach Eberswalde gereist, um den Nachlaß seiner verstorbenen Mutter zu ordnen. Helldorf blieb nichts anderes übrig, als Keitel alles zu sagen.
Entsetzt hörte Keitel, was auf die Wehrmachtführung zukam; hilflos klammerte er sich an seinen Schreibtisch und wußte nicht, was zu tun war. Ihm fiel nichts Besseres als die Forderung ein, die Unterlagen zu vernichten, doch er ließ rasch wieder davon ab, als ihm Helldorf erklärte, dieser Ausweg sei nicht mehr beschreitbar. Eine andere Lösung aber fand der General nicht. Ihm kam nicht einen Augenblick lang der Gedanke, die Abgabe der Polizeiakte an das Reichskriegsministerium zu verlangen.
Selbst nach dem Weggang des Polizeipräsidenten mochte sich Keitel, ängstlich, opportunistisch und versponnen in seine Welt der Kommandostrukturen und Mobilmachungspläne, zu keiner Aktion aufraffen. Er warnte auch jetzt nicht den in Eberswalde erreichbaren Blomberg, ja er verschaffte sich nicht einmal Gewißheit über Helldorfs Enthüllungen.
Ein Anruf bei der Abwehrabteilung hätte genügt, Fahnder zu einer Personenfeststellung ausschwärmen zu lassen. Binnen einer Stunde wäre von der Abwehr geklärt worden, welches Fräulein Gruhn den Generalfeldmarschall geheiratet hatte. Das Berliner Telephonbuch führte nur vier weibliche Gruhns auf, die beiden entscheidenden Personen wohnten in der Nähe des Kriegsministeriums und die hätte man befragen können: Luise Margarethe Gruhn in der Eisenacher Straße 118, ihre Mutter in der Emser Straße 40.
Doch statt dessen hatte Keitel seinem Besucher einen Rat gegeben, der die Wehrmachtführung nun ganz in die Schußlinie ihrer Gegner brachte. Der General hatte Helldorf empfohlen, den Trauzeugen Göring aufzusuchen, der schließlich wissen müsse, wie die neue Ehefrau des Generalfeldmarschalls aussehe. So wichtig war Keitel dieser Rat erschienen, daß er es noch selber übernommen hatte, Göring im Reichsluftfahrtministerium anzurufen und ihm den Besuch des Polizeipräsidenten anzukündigen.
Keine innere Stimme warnte ihn davor, den nach Himmler und Heydrich wohl ungeeignetsten Krisenhelfer ins Spiel zu bringen: Hermann Göring, zweitstärkster Mann des Regimes und Oberbefehlshaber der Luftwaffe, gierte wie kaum ein anderer nach dem Posten des Reichskriegsministers.
Der Besuch Helldorfs lieferte Göring eine gefährliche Trumpfkarte, stark genug, ihn das Spiel um die Blomberg-Nachfolge wagen zu lassen. Denn er erkannte mit einem Blick, daß der Skandal unaufhaltsam und Blomberg als Kriegsminister erledigt war; der strenge Sittenkodex des preußisch-deutschen Militärs würde den diskreditierten Blomberg nicht einen Tag länger an der Spitze der Wehrmacht dulden.
Wer zog dann ins Kriegsministerium ein? Kein anderer als Generaloberst Werner Freiherr von Fritsch, Oberbefehlshaber des Heeres und respektiertester Offizier des Reiches.
Das aber wollte Göring auf alle Fälle verhindern, und er wußte auch schon, wie sich Fritschs Ernennung hintertreiben ließ. Göring war bekannt, daß im Geheimen Staatspolizeiamt noch die Abschriften einer alten Vernehmungsakte lagen, in der es um die Aussage eines vorbestraften Erpressers ging, Fritsch sei ein Homosexueller, der sich am Rande eines Berliner Bahnhofs mit einem Strichjungen abgegeben habe.
Die Affäre reichte zurück in den Mai 1936, zu dem Vernehmungsrichter des Berliner Amtsgerichts im Polizeipräsidium. Gerichtsassessor Ernst verhörte damals einen alten Dauergast Berliner Gerichte und Gefängnisse, den Arbeiter Otto Schmidt.
Ernst las das Vorstrafenregister: Otto Schmidt, 29 Jahre alt, 1921/22 dreimal wegen Diebstahls zu Gefängnisstrafen von je zwei Wochen, drei Wochen und 30 Tagen verurteilt, 1924 vier Monate Gefängnis wegen Diebstahls, 1927 einen Monat wegen Unterschlagung, 1928 vier Monate wegen Erpressung und noch im gleichen Jahr sechs Monate wegen räuberischer Erpressung, 1929 zwei Wochen wegen Betrugs.
1935 war Schmidt von der Kriminalpolizei unter dem Verdacht neuer Erpressungen aufgegriffen worden. Vor dem Kriminalassistenten Justus, seinem ersten Vernehmer, hatte der Ganove ein paar kleine Erpressungen zugegeben, größere Taten aber abgestritten. So war Schmidt schließlich in das Büro des Vernehmungsrichters gelangt.
Dem Gerichtsassessor Ernst aber gelang es, Schmidt die Zunge zu lösen. Der Gauner öffnete plötzlich die Schleusen seiner Beredsamkeit und schwatzte munter darauflos; viele Menschen, ja "Hunderte" _(Mit den SS-Führern Werner Lorenz (l.) ) _(und Karl Wolff. )
und oft auch prominente darunter, wollte er erpreßt haben. Meist seien es Homosexuelle gewesen, die er in flagranti ertappt habe.
Und er nannte Namen. Da sei der Rechtsanwalt Rüdiger Graf von der Goltz, Sohn des Baltikum-Freikorpsführers, gewesen und der Potsdamer Polizeipräsident SS-Standartenführer Graf von Wedell und der Staatssekretär (und spätere Reichswirtschaftsminister) Walther Funk und auch ein "General Fritsch". Ernst hakte ein: Welcher Fritsch? Doch Schmidt wollte nicht mit der Sprache heraus.
Aus dem ordinären Erpresserfall war eine hochpolitische Homosexuellen-Affäre geworden; solche Affären gehörten in den Kompetenzbereich der "Reichszentrale für die Bekämpfung der Homosexualität", die im Geheimen Staatspolizeiamt saß und von dem Kriminalrat Josef Meisinger, einem der rüdesten Gestapo-Funktionäre, geleitet wurde.
Meisinger las die Akte und stolperte ebenfalls über den Namen Fritsch. Sollte das der Oberbefehlshaber des Heeres sein, jener Generaloberst von Fritsch, die heimliche Hoffnung der konservativen Opposition in Deutschland, erklärter Feind aller Versuche der SS, mit einer eigenen Truppe das Waffenmonopol der Wehrmacht zu brechen? Meisinger ließ sich den Häftling Schmidt kommen und ihn durch den Hauptmann der Schutzpolizei Häusserer vernehmen.
Am 8. (oder 9.) Juli legte Häusserer dem Häftling eine von Meisinger präparierte Sammlung von Photos vor, aus der sich Schmidt das Konterfei mit den höchsten Titeln herauspickte. Kriminalrat Meisinger, Verfechter kriminalistischer Holzhammermethoden, hatte unter jedes Bild Namen und Amtstitel des Abgebildeten gesetzt. Als Schmidt las: "Generaloberst Freiherr von Fritsch, Oberbefehlshaber des Heeres", sagte er: "Das ist er."
Dann gab er zu Protokoll:
An einem Novemberabend des Jahres 1933 habe er in der Vorhalle des Wannseebahnhofs Berlin einen Mann beobachtet, der so gekleidet gewesen sei: dunkler Mantel mit braunem Pelzkragen, dunkler Hut, weißer Schal und ein Monokel im Gesicht. Der Mann habe zusammen mit dem Strichjungen Martin Weingärtner, genannt "Bayern-Seppl", die Bahnhofshalle verlassen und sei in die dunkle, der Reichsbahn gehörende Privatstraße gegangen. Dort habe er, Schmidt, einen gleichgeschlechtlichen Akt zwischen den beiden beobachtet.
Nach einer Weile, so erzählte Schmidt weiter, sei der Herr zurückgekehrt und habe sich zu dem nahe gelegenen Ringbahnhof am Potsdamer Platz begeben; dort habe er, Schmidt, dem Herrn alles auf den Kopf zugesagt und sich als "Kriminalkommissar Kröger" vorgestellt. Der Herr habe gesagt, er sei der General von Fritsch, und das habe er durch einen Ausweis bewiesen; auf der breiten Seite des Ausweises sei rechts oben der Name "von Fritsch" deutlich zu lesen gewesen.
Es sei dann über das Erpressungsgeld verhandelt worden; der Herr habe ihm gesagt, er möge ihn nicht unglücklich machen, auf ein paar tausend Mark komme es ihm nicht an, allerdings habe er nur 100 Mark bei sich. Sie seien zusammen nach Lichterfelde gefahren, wo der Herr in dem Haus Ferdinandstraße 21 verschwunden sei. Nach zehn Minuten habe der Herr ihm 500 Mark in die Hand gedrückt und ihm außerdem 1000 Mark für den nächsten Tag versprochen.
Auch dieses Geld habe er, Schmidt, erhalten, und wiederum seien ihm weitere 1000 Mark in Aussicht gestellt worden. Die habe er Mitte Januar 1934 im 2.-Klasse-Wartesaal des S-Bahnhofs Lichterfelde-Ost in Empfang genommen - diesmal in Begleitung eines Freundes, des Arbeiters Heiter, genannt "Bucker", den er dem Erpreßten als seinen Chef vorgestellt habe. Dem Heiter habe er, Schmidt, 500 Mark abgelassen.
Soweit die Aussage von Otto Schmidt Anfang Juli 1936. Meisinger triumphierte: Ein Zufall hatte ihm eine tödliche Waffe gegen den Heeres-OB von Fritsch in die Hand gespielt, mit der er, Josef Meisinger, die Führer der SS von einem ihrer gefährlichsten Gegner befreien konnte.
Meisinger trieb den Fall weiter voran. Im August steuerte Schmidt, von dem Kriminalsekretär Löffner erneut vernommen, immer weitere Details zu seiner Erzählung bei, am 20. bestätigte auch Komplice Heiter die Schmidt-Story. Für Meisinger gab es keinen Zweifel mehr: Schmidts General von Fritsch war
der verhaßte Generaloberst Freiherr von Fritsch.
Sofort meldete Meisinger den glücklichen Fund seinen Oberen, und alsbald machte sich Himmler auf, seinem Führer die Entdeckung zu enthüllen. Doch in der Reichskanzlei harrte seiner eine Enttäuschung.
Hitler warf einen flüchtigen Blick in das acht Seiten starke Vernehmungsprotokoll und befahl, "diesen Dreck" zu verbrennen. Der Militärtechniker von Fritsch, von dem Hitler einmal gesagt hatte, er "liebe" ihn, war dem Aufrüstungsfanatiker viel zu unentbehrlich, als daß er ihn wegen einer solchen Lappalie opfern wollte.
Himmlers Unglück wollte, daß er die Fritsch-Akte dem Diktator zu einer Zeit vorlegte, da Hitler seinem Heeres-OB noch "mit achtungsvoller Zurückhaltung begegnete, ihn im großen und ganzen in Selbständigkeit wirken ließ und sich der unmittelbaren Kritik an der Heerführung enthielt", wie Hitlers Wehrmachtsadjutant, der damalige Oberst Friedrich Hoßbach, bezeugt.
Der SS-Chef mußte eine jener Abfuhren einstecken, die Hitler damals jedem bereitete, der die Wehrmacht und ihre Generale kritisierte. "Dann kommt aber vielleicht", erklärte Hitler einmal dem Generaladmiral Boehm, "einer von der Partei und sagt mir: ''Alles gut und schön, mein Führer, aber der General Soundso spricht und arbeitet gegen Sie!'' Dann sage ich: ''Das glaube ich nicht!'' Und wenn dann der andere sagt: ''Ich bringe Ihnen aber schriftliche Beweise, mein Führer!'', dann zerreiße ich den Wisch, denn mein Glaube an die Wehrmacht ist unerschütterlich."
Auch Himmler und Heydrich mußten ihren "Wisch" zerreißen. Heydrich ließ die Akte Fritsch vernichten, zuvor trug er freilich Sorge, daß eine Teilabschrift angefertigt wurde. Vermutlich erwartete er, den Fall doch noch eines Tages hochspielen zu können. Der Tag kam schneller, als selbst er gehofft hatte.
Denn inzwischen hatte sich in der Reichskanzlei eine Szene abgespielt, die zu den entscheidenden Wendepunkten in der Geschichte des nationalsozialistischen Regimes gehört: Am Nachmittag des 5. November 1937 war Hitler bewußt geworden, daß ihm Fritsch und der Kriegsminister von Blomberg nur noch zögernd und bremsend auf dem Weg in die immer waghalsigere Abenteuerpolitik folgen würden.
Hitler hatte sechs Männern seiner engsten Umgebung (neben von Fritsch, von Blomberg, Göring und Hoßbach dem Marine-Oberbefehlshaber Raeder und dem Reichsaußenminister Freiherrn von Neurath) Zukunftspläne enthüllt, die er für so wichtig hielt, daß er sie, wie sich Hoßbach nachher aufschrieb, "als politisches Testament" betrachtet wissen wollte. Kernpunkt: Bis spätestens 1943 müsse Deutschland gewaltsam seinen Lebensraum erweitert haben, müßten Österreich und die Tschechoslowakei in deutschem Besitz sein.
Die Soldaten von Blomberg und von Fritsch erhoben Bedenken, freilich nur solche militärtechnischer Art: Die tschechoslowakischen Befestigungen an der Grenze seien äußerst schwer zu nehmen, man müsse selbst im Falle eines französisch-italienischen Krieges mit einem starken Heer Frankreichs an der deutschen Westgrenze rechnen, ein Krieg lasse sich nur führen, wenn die Neutralität Englands und Frankreichs sichergestellt sei.
"Die Diskussion nahm zeitweilig sehr scharfe Formen an, vor allem in einer Auseinandersetzung zwischen Blomberg und Fritsch einerseits und Göring andererseits, an der Hitler sich vorwiegend als aufmerksamer Zuhörer beteiligte", notierte Hoßbach.
Hitler hatte genug gehört, um sich eine Meinung zu bilden. Mit solchen Militärs konnte der Start in die kriegerische Risikozone nationalsozialistischer Außenpolitik nur zu einem Fehlstart werden. Hitlers Verhältnis zu seinen führenden Militärs kühlte sich ab.
Das machte sich nun Göring zunutze, als er am 24. Januar 1938 von Blombergs Fehltritt erfuhr. Sofort handelte er. Als einstiger Gestapo-Gründer besaß er noch genügend Einfluß in der Prinz-Albrecht-Straße, dem Sitz der Gestapo-Zentrale, um interessierte Beamte anzuspornen, mit Hilfe der erhaltenen Abschriften die Fritsch-Akte zu rekonstruieren.
So hatte Göring alles in die Wege geleitet und konnte am Abend in die Reichskanzlei fahren, um die große Krise auszulösen. Nicht ohne schauspielerisches Talent wußte er unter den Adjutanten und Ministern, die auf Hitlers Rückkehr von einer Wochenendvisite in Süddeutschland warteten, das Gefühl drohenden Unheils zu erzeugen.
Schnaufend und klagend lief Göring herum, jeder bekam zu hören, immer müsse er dem Führer die unangenehmen Nachrichten bringen. "Was hat er denn?" fragte Hitler-Adjutant Fritz Wiedemann den Göring-Adjutanten Bodenschatz. Darauf Görings Mann: "Blomberg muß gehen." Wiedemann glaubte nicht richtig gehört zu haben. Bodenschatz: "Ich sage dir doch, Blomberg muß gehen, er hat eine Hure geheiratet."
Kurz darauf erschien Hitler, sofort verschwand Göring mit seinem Führer in dessen Arbeitszimmer.
In dramatischen Worten setzte er Hitler ins Bild, die Photos der mitgebrachten Gruhn-Akte illustrierten drastisch seine Geschichte. Auch über Fritschs angebliche Homosexualität machte Göring erste Andeutungen und kündigte vermutlich die Gestapo-Akte an, die am nächsten Morgen auf Hitlers Schreibtisch lag.
Hitler war schockiert, doch lange hielt sein Zorn über die vermeintliche Unmoral seiner Spitzenmilitärs nicht an. Schon bald witterte er instinktsicher die Chance, mit einem Hieb die ganze Führung der Wehrmacht zu entmachten und sich selber an die Spitze zu setzen.
Im nächsten Heft
Die Krise spitzt sich zu: Hitlers Plan, Fritsch lautlos abzuschieben, mißlingt - die Wehrmacht erzwingt eine kriegsrichterliche Untersuchung _(Bei einem Besuch des Hohenzollernmuseums ) _(in Berlin, 1935. )
Mit den SS-Führern Werner Lorenz (l.) und Karl Wolff. Bei einem Besuch des Hohenzollernmuseums in Berlin, 1935.
Von Heinz Höhne

DER SPIEGEL 5/1984
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