05.11.1984

ARBEITSRECHT

Meuterer raus

Den ersten Spielerstreik im deutschen Berufsfußball gab es beim 1. FC Nürnberg. Sechs Spieler wurden fristlos entlassen. *

Wir sind erleichtert, wir sind richtig stolz auf uns selbst", sagte Gerd Schmelzer, Präsident des ruhmreichen 1. FC Nürnberg. Dann verriet er den Grund zur Freude: "Die Mannschaft ist unterwegs zum Spiel nach Aachen." Dort verlor sie letzten Freitag zwar mit 1:2 gegen Alemannia, doch Schmelzer wertete die Niederlage wie einen Sieg.

Tagelang hatte es so ausgesehen, als bekäme der Klub für das Punktspiel in der 2. Bundesliga gar keine Mannschaft von elf Spielern zusammen. Fünf der 19 Spieler hatten sich geweigert, unter Trainer Heinz Höher ("So etwas habe ich noch nie erlebt, nicht einmal in Griechenland") zu arbeiten. Zehn weitere Spieler schlossen sich dem Streik an.

In den Nürnberger Tageszeitungen hatten sie ihre Trainerschelte veröffentlicht. Unregelmäßiges Trainingsprogramm, unklare taktische Anweisungen und zynische Spielerkritik warfen sie Höher vor.

Die Kluboberen reagierten auf die erste Spielverweigerung im deutschen Fußball harsch. Manager Manfred Müller jagte die Rebellen "durch den Wald, um sie zur Einsicht zu bringen" - vergebens.

Da beantragte der Nürnberger Vorstand beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) die Einleitung eines Verfahrens mit dem Ziel, den Streikenden die Lizenz auf Lebenszeit zu entziehen. Die fristlose Kündigung und ein Hausverbot des 1. FC Nürnberg kam den "Meuterern", so Vizepräsident Sven Oberhauf, schon vorher ins Haus.

"Das ist ja ein Berufsverbot", fluchte der kräftige Abwehrspieler Horst Weyerich. "Das wird für den Club teuer", drohte Stürmer Stefan Lottermann.

Doch auf der Mitgliederversammlung, 460 von mehr als 6000 Mitgliedern waren anwesend, stimmte die Mehrheit dem Rausschmiß der "Lumpen und Zigeuner" zu. "Meuterer raus", riefen sie.

Auch den Stars wie dem früheren Nationaltorwart Rudi Kargus und dem ehemaligen Münchner Bayern-Verteidiger Udo Horsmann kündigten die Klubmitglieder an, daß sie kein Verein in Deutschland jemals wieder engagieren würde. Die Verdammung fiel so hart aus, daß ein Streiker, Thomas Brunner, 22, Reue zeigte und sich entschuldigte, ebenso neun Sympathisanten.

Die anderen nahmen sich den in Fußballstreitigkeiten erfahrenen Rechtsanwalt Dr. Peter Pierer von Esch Marloffstein, wie die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG) geraten hatte.

Der Rausschmiß der renitenten Spieler dürfte kaum einer Überprüfung durch die Arbeitsgerichte standhalten. Die Gewerkschaft sieht das Grundrecht auf Meinungsfreiheit verletzt, da der Protest, so DAG-Referent Günter Ploß, "keineswegs in verleumderischer Weise an die Öffentlichkeit getragen wurde, sondern eine Art Hilfeschrei war".

Für die sechs Spieler formulierte ihr Anwalt noch Ende letzter Woche die

Kündigungsschutzklagen. Vor dem Arbeitsgericht, da ist der Advokat siegessicher, "wird der Verein den schwerwiegenden Einschnitt nicht rechtfertigen können".

Der Streit geht darum, ob die öffentliche Kritik der Spieler und ihr Trainingsboykott Grund genug für eine fristlose Kündigung sind. Der sogenannte Maulkorberlaß, den der DFB in die Lizenzspielerverträge eingebaut hat, verpflichtet die Fußballer zwar zu strikter Schweigsamkeit: Interviews "bedürfen der vorherigen Zustimmung des Vereins", und "Äußerungen gegenüber außenstehenden Personen über innere Vereinsangelegenheiten, über den Spiel- und Trainingsbetrieb insbesondere, sind zu unterlassen".

Das Sprechverbot, das einer Entmündigung gleichkommt, widerspricht aber gefestigter Rechtsmeinung. Nach Ansicht des Bundesarbeitsgerichts (BAG) muß dem Arbeitnehmer ein Kernbereich von Meinungsfreiheit erhalten bleiben. Die Grenzen sind da, wo Beschäftigte "bewußt wahrheitswidrige Behauptungen über den Arbeitgeber aufstellen" und dadurch "den Betriebsfrieden stören".

Vor öffentlicher Kritik, so lautet ein weiterer BAG-Grundsatz, sei auch stets erst der "innerbetriebliche Weg" zur Beilegung eines Streits zu gehen. Das hatten die Klubspieler angeblich versucht, doch weder Trainer noch Vorstand wollten sie hören.

Auch das einmalige Fernbleiben vom Training kann die fristlose Kündigung kaum stützen. Die Arbeitsverweigerung muß schon, so urteilt das BAG, "beharrlich" sein. Was die Spieler veranstalteten, so ihr Rechtsanwalt Pierer, "war doch nur eine Art Warnstreik".

Der schnelle Rauswurf, ohne die Spieler wie üblich im Arbeitsleben abzumahnen, erinnert den Anwalt an Zeiten, "als man Untertanen noch zu blindem Gehorsam verdammen konnte".

Beim DFB warten die Funktionäre wie immer in Fällen von Rechtsstreitigkeiten ab. "Die anderen europäischen Fußballverbände beneiden uns um unser Lizenzspielerstatut", sagt DFB-Präsident Hermann Neuberger.

Der 1. FC Nürnberg, so Präsident Schmelzer, "denkt jetzt nur noch nach vorn, ohne die Rebellen". Geschäftstüchtig boten andere Bundesligaklubs den Nürnbergern schon Spieler an, die sie selber nicht mehr haben wollen, zu günstigen Preisen. Schmelzer: "Wir brauchen jetzt Männer, die zum Club stehen."

Eins hat der Spielerkrach schon bewirkt. Auf der Mitgliederversammlung, wo fast zwei Stunden lang über die Aussteiger und Verräter geschimpft worden war, ging der Hinweis, daß der Stand der Verbindlichkeiten über zwei Millionen Mark liegt, ohne Kommentar unter.


DER SPIEGEL 45/1984
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