30.07.1984

TATORTDas ganze Gesocks

Schimanski, der Kommissar aus Duisburg und Unruhestifter der „Tatort“-Reihe, hat wieder Anstoß erregt. *
Die deutschen "Tatort"-Kommissare sind längst müde. Und ihre Zuschauer sind es auch. Die einst attraktive Krimireihe, die Eigenarten und Dialekte deutscher ARD-Hochburgen mit kriminalistischem Spürsinn und originellen Kommissar-Besetzungen (wie Gustl Bayrhammer) verband, versandet mehr und mehr in trister Routine:
Immer die gleichen Eifersuchtsverbrechen in feinen Villenvororten, immer die abgründigen jungen Leute in abgründigen Lokalen, auch "Discos" genannt, wo es um "Stoff" oder "Hasch" geht, und immer die redlich-griesgrämigen Kommissare, die alle Zufall heißen und ebenso eifrig beamtenbewußt Spesen sparen wie sie ihre Schauspielerei auf Sparflamme halten.
Kein Wunder, daß das Interesse an den hausbackenen Storys erlahmte. Der "Tatort" wurde Dutzendware, glich mehr und mehr den ZDF-Serials "Derrick" und "Der Alte".
Anders bei Schimanski, dem Duisburher Schmuddel-Kommissar (Götz George), der sich durchs Revier pennt und prügelt, bei dem Duisburg kein Luftkurort und der Rhein eine Kloake ist.
Natürlich sind die Konflikte wenigstens ab und an aus dem Leben gegriffen statt an den Haaren herbeigezogen. Und so nimmt auch, regelmäßig, wenn das Duo Schimanski-Thanner (den besonneneren Gegen- und Ergänzungstyp zu George spielt Eberhard Feik) unter Rockern, Schwarzhändlern und Umweltverschmutzern auftritt, immer jemand heftig übel. Nach "Zweierlei Blut", in der vorigen Woche, war es wieder soweit.
"Rocker, Proleten, Punker, Ausländer, Arbeitslose", sprach da ein Polizeibeamter in Uniform und meinte, "all das Gesocks" hätte beim deutschen Fußball nichts zu suchen - wie die Leute so reden. Schimanski, ausgebeulte Windjacke, weist den Trümpel von der "Trachtengruppe" zurecht, der Satz diente also eher toleranter Pädagogik. "Bild" aber meldete im Sommerloch: "Millionen Zuschauer sind empört".
Der von "Bild" zitierte "Günter L. (43)" verwahrte sich: Er sei zwar arbeitslos, "aber doch deshalb kein Gesocks". Punker und Proleten kamen nicht zu Wort. Polizisten aber nahmen gleich im Rudel Anstoß. Weil Schimanski, von Götz George als eine Art aufgeschwemmter Jürgen Hingsen dargestellt, sich sinnlos besäuft, forderte einer, als wäre Schimanski echt pensionsberechtigt, ein "Disziplinarverfahren".
Da der TV-Schmuddelbulle erst zusammengeschlagen und nackt auf den Anstoßpunkt des Duisburger Wedau-Stadions gelegt wird und dort den fetten Ober-Rocker im Rückspiel ebenfalls zum Striptease zwingt - deshalb empörte sich in "Bild" Bremens Polizeipräsident Ernst Diekmann: "Geschmacklos, ekelerregend, undenkbar". WDR-Verwaltungsratsvorsitzender Theodor Schwefer will "Zweierlei Blut" bei der nächsten Sitzung "zur Sprache bringen".
Im Gerede ist Schimanski-George seit dem ersten Auftritt im Sommer 1981. Polizisten bemäkelten am TV-Kommissar Umgangsformen und Disziplinlosigkeit. Der "Maulheld für Miezen" störte, weil die Schimanski-"Tatorte" in atmosphärisch dicht und filmisch ehrgeizig (Regie: Hajo Gies) gedrehten Folgen das Milieu im Revier (erste Folge: "Duisburg-Ruhrort") schilderten.
"Der Ruhrpott kocht", titelte schon nach der ersten Folge "Bild am Sonntag". Und Deutschlands größter Binnenhafen, der mit jeder Schmuddel-Serie das Prädikat "Bad Duisburg" in immer weitere Ferne entschwinden sah, ließ am Dienstag nach Schimanski eilig beruhigend verkünden, daß Duisburg in der Kriminalstatistik einen eher bescheidenen 38. Platz halte. Die "Neue Ruhr-Zeitung" wurde da deutlicher. Sie forderte: "Werft den Prügel-Kommissar aus dem Programm!"
Die Chancen dazu stehen, gottlob, gering wie eh und je. Denn weil Macho _(Götz George, Thanner-Darsteller Eberhard ) _(Feik. )
Götz George, eine Art deutscher Tom Selleck, im Vergleich zu seinen abgestandenen TV-Kollegen über Sex- und Publikumsappeal verfügt, weil die Dialoge schnoddrig und rotzig sind - kurzum, weil das Volk doch nicht so tümlich ist, wie Schimanski-Feinde meinen: deshalb bringt es der Windjacken-Bulle immer wieder auf knapp 20 Millionen Zuschauer. Und die meinen auch noch, daß da wenigstens ein Schimmer Ruhrpott-Realität im Krimispiel aufscheint.
Das hat am besten die Geschäftswelt begriffen. Bei Karstadt werden ausgebeulte Schimanski-Windjacken angeboten, wattiert, 120 Mark.
Götz George, Thanner-Darsteller Eberhard Feik.

DER SPIEGEL 31/1984
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