30.01.1984

VERBRECHENRoter Fiat

Mit viel Glück und guter Zusammenarbeit deckten Kriminalisten aus Italien, Ungarn und Griechenland einen Kunstraub in Budapest auf - den bislang größten im Ostblock. *
Der große Coup war wider Erwarten ein Kinderspiel.
Über ein Baugerüst, zur Fassadenerneuerung aufgestellt, stiegen am Abend des 5. November vorigen Jahres Diebe in den zweiten Stock des Museums für Bildende Künste am Budapester Heldenplatz ein. In aller Ruhe schnitten sie sieben Gemälde italienischer Meister aus ihren Prunkrahmen und entkamen unentdeckt in der Dunkelheit.
Das Museum, ein neoklassizistischer Bau aus der Zeit der Jahrhundertwende, besitzt mit über hundert Bildern alter Meister aus Italien eine der bedeutendsten Sammlungen in Europa. Nur wenige Räume vom Tatort entfernt hängt zudem eine größere Sammlung von Werken El Grecos und Goyas.
Gleichwohl hatte die staatliche Museumsverwaltung versäumt, ihre Schätze (Versicherungswert: 28 Millionen Dollar) entsprechend zu schützen. Im Budapester Museum gibt es keine Alarmanlage - und keine Nachtaufsicht.
Die Beute der Einsteiger: Zwei Gemälde von Raffael (1483 bis 1520), darunter ein um 1505 auf Holz gemaltes weltberühmtes Madonnenbild, das die Kunstgeschichte als "Madonna Esterhazy" ausweist, weil es zum Familienbesitz der ungarischen Adelsfamilie Esterhazy gehörte, die es 1871 für 1,1 Millionen Gold-Forint an das Museum verkaufte.
Zur Beute gehörten auch zwei Bilder des Venezianers Tintoretto (1518 bis 1594) und die Stücke "Maria mit den sechs Heiligen" und "Heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten" von der Hand des Malers Giovanni Battista Tiepolo (1696 bis 1770).
Die sieben Gemälde, alle im kleinen Format, sind international registriert und im Kunsthandel bekannt. Kripo und Kunstexperten vermuteten, daß die Tat nur von einem exzentrischen Privatsammler angestiftet oder ausgeführt worden sein konnte. Späte Einsichten allemal; erst zwölf Stunden nach der Tat hatte sich die Budapester Polizei zu einer Großfahndung entschlossen.
Damit war die Chance, den "Kunstraub des Jahrhunderts" - so die "Budapester Rundschau" - schnell aufzuklären oder den Räubern ihre Beute wieder abzujagen, denkbar gering; die Budapester Polizei konnte ihre Hoffnungen nur auf den Kommissar Zufall setzen.
Der half. Zuerst fand Polizeioberst Istvan Merges im ausgeräumten Museumssaal einen in Italien gekauften Schraubenzieher. Wenig später tauchte im Wehr eines Industriekanals ein Jutesack mit dem Aufdruck einer italienischen Malzexportfirma auf. Merges bat die italienische Polizei über Interpol um Amtshilfe.
Die fischte alsbald aus ihrem Fahndungscomputer die Namen zweier einschlägiger Profis: Graziano Iori und Ivano Scianti gehörten zu den noch flüchtigen Mitgliedern einer italienischen Bande, die im Januar 1983 die Villa eines Kunstsammlers bei Modena überfallen und dabei den Nachtwächter erschossen hatte. Beide - so italienische Polizeispitzel in der Szene - hätten sich in ein Ostblockland abgesetzt und seien am Kunst- und Goldschmuggel von Ost nach West beteiligt.
Bei der Listenkontrolle von Ein- und Ausreisen ausländischer Kraftfahrzeuge in der fraglichen Tatzeit stießen die ungarischen Behörden zwar nicht auf das Gangster-Duo, dafür aber auf den Italiener Giacomo Morini aus Reggio Emilia, der wenige Stunden nach dem Raub Ungarn mit einem roten Fiat Ritmo in Richtung Jugoslawien verlassen hatte.
Morini, so fanden nun wieder die Italiener heraus, gehörte zum Freundeskreis der gesuchten Verbrecher Iori und Scianti, der sich regelmäßig in einer Bar "Mirabello" in Reggio Emilia traf. Den roten Fiat, ermittelte die Autofirma schnell über ihren Hauscomputer, hatte die Werksvertretung im griechischen Küstenstädtchen Itea, nahe Delphi, erst kürzlich repariert - im Auftrag Morinis.
Nun war es für die ebenfalls um Amtshilfe gebetene griechische Polizei nicht mehr schwer festzustellen, daß Morini am 7. November vorigen Jahres - zwei Tage nach dem Raub von Budapest - in Itea im Hotel "Galini" (Ruhe) abgestiegen war und mehrfach mit Italien und Rumänien telephoniert hatte.
Außerdem trieben die Polizisten einen Taxifahrer auf, der Morini am gleichen Tag zum Haus des Oliven-Großhändlers Efthymios Moskochlaidis, 55, chauffiert hatte. Der Grieche, ein Dollar-Millionär ("König der Oliven"), besitzt mehrere Firmen.
Inzwischen war auch der Kommissar Merges in Budapest fündig geworden. Bei der Routinefahndung nach einem als vermißt gemeldeten 16jährigen Mädchen stieß die Budapester Polizei auf einen Hinweis: Die Vermißte sei in letzter Zeit häufig in Gesellschaft von Italienern gesehen worden.
Anfang Dezember wurde Katalin Jonas, Sprachschülerin für Italienisch, gefunden. Noch ehe die Polizei sie gründlich befragen konnte, gestand sie alles:
Sie sei schon Mitte Oktober von Iori und Scianti in einer Budapester Bar angesprochen worden und habe in deren Auftrag den Kontakt zu einem arbeitslosen Ungarn und einem Gemüsehändler hergestellt. Den Museums-Bruch geplant und ausgeführt hätten dann sieben Personen: neben dem italienischen Gangster-Duo und ihren ungarischen Komplizen zählten Morini und dessen Landsmann Carmine Palmesi zur Bande.
Nach dem Einbruch - so das Mädchen - wurden die Gemälde im roten Fiat von Morini versteckt, der mit der wertvollen Konterbande noch in derselben Nacht über den Grenzübergang Letenye nach Jugoslawien fuhr. Das von Raffael gemalte Bild "Bildnis eines jungen Mannes" blieb als Pfand bei den ungarischen Mittätern und sollte erst nach Zahlung des ausgemachten Honorars in Höhe von 20 000 Dollar ausgeliefert werden.
Eine Woche nach dem Mädchen Katalin wurden auch die ungarischen Komplizen - der Arbeitslose und der Gemüsehändler - in der Kleinstadt Törökbalit verhaftet. Das Raffael-Bild hatten die Diebe am Stadtrand in der Nähe einer Müllkippe vergraben.
Anfang Januar faßten Kunstraub-Spezialisten der Carabinieri den Fiatfahrer Morini. Er gestand den Einbruch - und brachte als angeblichen Auftraggeber den nicht mehr unbekannten Olivengroßhändler Moskochlaidis aus Griechenland ins Spiel: Der habe für 50 000 Dollar die Bilder bestellt. Nun wurde in Athen ermittelt.
Der reiche Verdächtige hatte vorerst gute Nerven und mächtige Freunde. Trotz Morinis Aussage und Indizien konnte die griechische Polizei den Millionär nicht überführen - wie griechische Zeitungen vermuteten, "auf einen Wink von ganz oben". Nach den ersten Vernehmungen konnte Efthymios Moskochlaidis sogar ungehindert auf eine Auslandsreise gehen - nach Bukarest, wohin der Kunsträuber Giacomo Morini zwei Tage nach dem Einbruch telephoniert hatte.
Dabei hatte sich der reiche Kaufmann durch seine vorgeschobene Ignoranz verdächtig gemacht: Auf die Frage nach dem Bild von Raffael behauptete er, den Namen des Malers zum erstenmal zu hören, obgleich zu seinem Firmenimperium auch ein Kunstverlag gehört. Sein Bruder Yannis, der in New York eine Firma für Olivenöl betreibt, ist dort, welch Zufall, als Kunstkenner bekannt.
Die griechischen Ermittlungen blieben stecken - aber nicht lange: Vorletzten Freitag meldete sich am Telephon der Gendarmerie von Aegion auf dem Peloponnes anonym ein Mann, der in vorgetäuscht falschem Griechisch mitteilte: "Die Karte von Budapest befindet sich im Museum der Klosterkirche der Jungfrau Maria von Trypiti."
Eine nur scheinbar sinnlose Information; gemeint sein konnte nur die Klosterkirche in der Nähe von Aegion - einer Kleinstadt, die mit Itea, Wohnsitz des verdächtigen Olivengroßhändlers, durch eine Pendelfähre verbunden ist.
Die noch im Morgengrauen befohlene Suche in der Kirche brachte erst nichts ein - bis ein Gärtner im Klostergarten einen abgegriffenen Plastikkoffer entdeckte. Inhalt: die gesuchten sechs Gemälde.
Ganz so gut, wie von der stolzen griechischen Polizei gemeldet, soll der Zustand der Meisterwerke nach ihrer Odyssee nicht mehr sein. Die nach Griechenland gereiste Budapester Museumsdirektorin Klara Gales beklagte vielmehr "schreckliche Schäden".
Am vorigen Dienstag, vier Tage nach dem sensationellen Fund, leitete der Staatsanwalt für die Itea-Region Strafverfahren gegen Moskochlaidis wegen des dringenden Verdachts der Mittäterschaft und gegen einen seiner Angestellten wegen Hehlerei ein.
Der Moskochlaidis-Bruder Yannis in New York ist seit einer Woche unauffindbar. Auskunft seines Büros: Der Chef sei auf einer wichtigen Reise in Europa.
Noch eine Spur ist offen: Die in Italien gesuchten Kunstraubspezialisten Scianti und Iori, höchstwahrscheinlich die Chefs der Budapester Bande, haben sich vermutlich nach Südamerika absetzen können. Sie sollen für ihren mißlungenen Coup 50 000 Dollar kassiert haben. "Ein miserabler Preis", moniert die italienische Zeitung "Il Messaggero", "wenn man den unschätzbaren Wert der Bilder bedenkt." _(Am vorletzten Freitag in der ) _(griechischen Kleinstadt Aegion. )
Am vorletzten Freitag in der griechischen Kleinstadt Aegion.

DER SPIEGEL 5/1984
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