01.10.1984

Herzlich willkommen in Hollyroth

Augenschein in den „Heimat“-Dörfern des Hunsrück *
Carsten Koppke, der CDU-Verbandsbürgermeister von Kirchberg, hört links und rechts der Hunsrück-Höhenstraße "immer nur Negatives heraus", wenn "die Leute hier" über die TV-Serie "Heimat" reden: "Die sehen sich nur als Tölpel, Trottel und Hinterwäldler dargestellt", meint der gebürtige Niedersachse.
Wolfram Wagner, Lehrer in Kirchberg, glaubt eher, daß es noch einmal so kommt, wie es ihm sein Freund Edgar Reitz prophezeit hat: "Man wird stolz sein, vom Hunsrück zu kommen."
"Alles stimmt ganz genau", sagen die alten Leute und meinen zum Beispiel die rekonstruierten Weißbinder-Muster an den Zimmerwänden im Film. "Wir haben zwei Jahre gut verdient", heißt es in Woppenroth. Hier haben Hunderte als Garderobieren, Fahrer, Wirtsleute, Statisten ihr Schnittchen gemacht.
Das Echo in "Schabbach" nach den ersten Folgen? Lehrerin Elfriede Wagner fiel die Prüderie der Mitbürger auf: "Beim zweiten Teil mußten gleich die Kinder ins Bett", und in der Schule sagten morgens die Achtkläßler, das sei ja "der reinste Porno" gewesen.
Aufgeklärtere Hunsrücker, die bei einer Sondervorführung im WDR schon alle Folgen gesehen haben, munkeln, der umtriebige CDU-Landtagsabgeordnete Walter Mallmann werde wohl bald "beim Sender Rabatz machen". Denn die Christenpartei kommt in den späteren "Heimat"-Folgen eher schlecht weg, von einem ihrer Vertreter heißt es: "Erst bei der SS, dann Ortsbauernführer, dann in die CDU eingetreten und dann noch Versuchsgut für die BASF."
Woppenroth nahe der B 421 hieß nach einer juxigen Ersten-Mai-Nacht auf dem Straßenschild am Dorfeingang "Hollyroth", und die Filmleute haben das Wortspiel inzwischen zum Titel einer Erinnerungsschallplatte für alle Mitwirkenden gemacht. Der Stein mit der Aufschrift "Made in Germany", zu sehen im Serienvorspann, steht in natura heute vor der Viehwaage - ein Memorial, denn alle erinnern sich wohl, wie monatelang Traktoren und Melkmaschinen aus Rücksicht auf die Tonaufnahmen schweigen mußten.
"Schabbach", der Wohnort der Simons und Wiegands im Film, ist Woppenroth, aber auch Rohrbach, Gehlweiler, Maitzborn oder Schlierschied und so fort.
"Und hier haben die Damen mit dem Hermännchen gewirtschaftet", sagt die Bäuerin Gertrud Scherer (Bürgermeistersfrau Martha Wiegand im Film), wenn sie in Rohrbach die Tatorte des Intimlebens von Schabbach vorführt: Klärchens und Hermännchens Liebeslager auf dem Speicher des leerstehenden Elternhauses oder die "Schloofstu" vom Straßenbau-Ingenieur Wohlleben.
Scherers, deren Schieferhaus-Fassade schon in Helmut Käutners altem "Schinderhannes"-Film das "Gasthaus zum grünen Baum" abgab, leben heute im Bungalow gegenüber. Den leeren Altbau hatten sie nun für die Innenaufnahmen bei den Simons vermietet - Schmiede und Hof von außen stehen im Nachbarort Gehlweiler.
Staunend hat Bäuerin Scherer verfolgt, wie Filmausstatter Franz Bauer aus dem Heimatmuseum in Sobernheim gußeiserne Pfannen "un all de Kram" in das Rohrbacher Schieferhaus, in die Küche mit dem Balken schleppte. Nur ganz am Rande bekamen Familie und Nachbarn mit, wie da unterm Dach sündiges Dorf inszeniert wurde: "Die hon uns owe gar nit ringelosse, wie die gedreht hon, nur unne in de Kich warn mer als debei."
Im Sommer 1979 bezog Edgar Reitz, Sohn eines Uhrmachers, Enkel eines Schmieds aus Morbach, in einer Blockhütte in Woppenroth Quartier, schräg gegenüber dem Gasthaus "Bauernstube" von Rudi und Martha Molz. Ein Jahr lang saß Reitz mit dem Drehbuchautor Peter Steinbach dort in Klausur, fuhr herum, recherchierte, etwa eine alte Mordaffäre, und ließ sich von Molz und den anderen Bauern Geschichten aus den Dörfern erzählen. Molz entdeckte viel später erst, daß aus seinen Erinnerungen an die Heimkehr aus dem Zweiten Weltkrieg die Anfangsszene des großen Drehbuchs geworden war.
Auch eine Beerdigungsszene im Schlußteil der Serie ist nicht frei erfunden: der Platzregen, die Flucht der Trauergesellschaft unter die Hausdächer, der einsame Sarg auf der Dorfstraße im Gewitter - das alles ist vor zwölf Jahren bei einem Begräbnis in Woppenroth genauso gewesen.
Im September 1980 meldete sich Produktionsleiterin Inge Richter bei Lehrer Wagner, der seit 1975 in Kirchberg einer Theatergruppe vorsteht. Fünfzig Darsteller aus der hiesigen Gegend und ein paar hundert Statisten, so hieß das Ansinnen der Reitz-Truppe, sollten von April 1981 an "bereitgestellt werden". Als am 30. April 1981 zum "großen
Hunsrück-Projekt" die erste Klappe fiel, verzeichnete die Chronik der Theatergruppe Kirchberg: "Die meisten Mitglieder spielen mit."
Wagner und seine Frau, die Souffleuse der Heimatbühne, waren bei den Dreharbeiten oft die Dolmetscher zwischen Profis und Laien. Es wurde "wunderbar viel gesoffen", schwelgt Frau Elfriede. Reitz habe die Laien-Mitspieler "durch Zuwendung geöffnet", erinnert sich Pädagoge Wagner, "sich gleichsam in die Leute reingebeugt", die "Originale dieser Landschaft interessant gemacht".
Da war Willi Burger, der Dorfschmied aus Nannhausen, der den alten Mathias Simon spielt. Er hatte gerade die eigene Frau beerdigt, als er die Rolle annahm. Er sagte Reitz zu, "die Arbeite in der Schmied zu mache", aber "für das Spreche holt euch en andere". Burger erzählte später: "Don hon se gesagt, ach, du hast nit viel zu schwätze, das kannste auch noch mache. Un do sin ich do so rinkomme. Ich han nit geglaubt, daß ich so oft drankäm un auch spreche müßt."
Burger heizte die Esse beim Hufschmiedkollegen Peter Roos in Gehlweiler wieder an, der 1958 seine Werkstatt "wegen der neuen Gummibereifung" geschlossen hatte. Als die Filmleute anrückten und am Haus die neumodischen Eternit-Platten vom Fachwerk rissen, war Roos gerade gestorben. Auch Willi Burger hat das Ende der Dreharbeiten nicht mehr erlebt.
Einer der jüngsten Dörfler, Alexander Scholz, Darsteller des einäugigen Scharfschützen Hänschen, klagte noch lang, daß das zugeklebte Auge nach jedem Drehtag "noch stundenlang unglaublich gejuckt hat". Alexander war 13, als die Filmarbeit begann, und mit 14 machte er seine erste Steuererklärung über 2800 Mark, denn jeder Drehtag hatte ihm inzwischen 100 Mark eingebracht. Um Kopfeslänge gewachsen, lebt er jetzt als Austauschschüler in den USA und feiert demnächst seinen 17. Geburtstag - in Dallas.
Als die Rentnerin Gertrud Bredel, 64, Dienstag letzter Woche in Bad Kreuznach einkaufte, kam plötzlich eine fremde junge Frau auf sie zu und überreichte ihr drei Rosen. Sagte dazu nur: "Und meine Glückwünsche für Ihre schauspielerische Leistung."
Auf der Bühne der Volkshochschule Bad Kreuznach war die begeisterte Laienspielerin von der "dicken Pompanne" bis zur Marthe im "Zerbrochenen Krug" schon in vielen Rollen zu sehen. Seit aber "Heimat" gesendet wird, merkt Gertrud Bredel, Darstellerin der Mutter Katharina, "daß die Leute auf der Straße mich irgendwie angucken".
Ihre Dachwohnung am Stadtrand von Bad Kreuznach, nur durch eine Kletterpartie über zwei steile Treppen zu erreichen, ist zur Anlaufstelle von Reportern geworden. Vom "Stern" war einer da, von "Hörzu", von der "Welt am Sonntag". Letzten Mittwoch sendete "Radio Luxemburg" ein Telephoninterview mit ihr, in der Post fand die Rentnerin Autogrammwünsche.
Gertrud Bredel erträgt den plötzlichen Ruhm mit Fassung. Ihr Alltag hat sich nicht verändert. Ihr Ehemann ist als Soldat in Rußland verschollen; den einzigen Sohn, im September 1945 geboren, hat sie allein großgezogen; seit er verheiratet ist, lebt sie allein. Nach wie vor probt sie zweimal wöchentlich mit dem Kirchenchor, fährt zu Besorgungen mit dem Fahrrad in die Stadt, trifft sich abends mit Freunden von der Laienspielgruppe oder sitzt vor dem Fernseher, am liebsten bei "verfilmten Theaterstücken". Vor den Dreharbeiten zu "Heimat" ist sie "nie aus Kreuznach rausgekommen, nie in Urlaub gefahren".
Zu einer Kinovorführung in Berlin, wo die "Heimat"-Schauspieler dem Publikum vorgestellt wurden, bestieg Gertrud Bredel erstmals ein Flugzeug, in Venedig, wo sie als Gast an den Filmfestspielen teilnahm, wohnte sie zum erstenmal in ihrem Leben in einem Hotel. Als dann die Filmleute nach einer "Heimat"-Vorführung den Laiendarstellern aus Rheinland-Pfalz minutenlang stehend applaudierten, war sie "ergriffen und stolz, das ist wahr".
Dabei hatte sie bei dem "Heimat"-Film "eigentlich nur aus Neugier" mitgemacht und "weil ich nicht wußte, daß die Rolle so groß wird". Ihre 55 anstrengenden Drehtage empfindet die Kreuznacherin im nachhinein nicht als Arbeit: "Wir hatten Freude daran, wir verstanden uns gut." Nicht einmal die Gage, sagt sie, war ihr wirklich wichtig - sie hätte "auch umsonst gespielt".
Wie schön war in Woppenroth das Filmfest, als am 30. Oktober 1982 nach fast 300 Drehtagen die letzte Klappe fiel. Anderntags wurde "der Edgar Reitz fünfzig, und wir haben getanzt, daß sich die Balken bogen" (Elfriede Wagner). Schlimm aber war dann vor ein paar Wochen, wie trocken die Luft in Köln war, als der WDR einer Busladung von Hunsrücker Mitwirkenden in zwei Tagen "Heimat" am Stück zeigte: Es gab kein Bier im ganzen Sender, weder zwischendurch noch danach.
Wie der plötzliche Ruhm von "Schabbach" für den Fremdenverkehr zu nutzen wäre, ist, so meint Verbandsbürgermeister Koppke, "für den Kreistag ein Thema". Und von der Friedensbewegung kam die Anregung, die Serie doch bis in die jüngste Zeit hinein zu verlängern - bis zu den Wochen im letzten Herbst, als in Wüschheim im Hunsrück damit begonnen wurde, die Cruise Missiles zu installieren.

DER SPIEGEL 40/1984
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