11.06.1984

AUSTRALIENSchwarze Wolke

Die Briten hielten Atomtests 1953 in der australischen Maralinga-Wüste geheim. Ahnungslose Ureinwohner starben an Fallout-Folgen. *
Schwarzer Nebel rollte auf das Nomaden-Lager der Eingeborenen zu. Es stank bestialisch. "Die Alten des Stammes gruben Löcher in die Sanddünen, und wir legten uns hinein", erzählt Yami Lester, Angehöriger der Pitjantjatjara und heute Direktor des Entwicklungs-Instituts für Aborigines, Ureinwohner in Alice Springs.
Fünf Tage später begann das große Sterben. Manche Aborigines spuckten nur noch grünen Brei. Ihre Augen entzündeten sich, das Trinkwasser schmeckte seltsam, und die Kehlen blieben rauh und trocken. "Die Hunde liefen den Sterbenden hinterher und warteten, bis sie tot zu Boden sanken", erinnert sich ein Zeuge, "dann fraßen sie die Leichen." Zwölf Aborigines der Gruppe von Wallatina im australischen Busch kamen um. Yami Lester überlebte, er ist seither erblindet.
Die schwarze Wolke war nicht "Mamu", der böse Geist, wie die Aborigines geglaubt hatten, sondern der radioaktive Fallout einer britischen Atombombenexplosion im Oktober 1953 in der südaustralischen Wüste. Erst jetzt, 31 Jahre nach Beginn der britischen Versuche auf dem Gelände ihres Commonwealth-Partners Australien, erfährt die Öffentlichkeit, was sich damals in der Wüste abgespielt hat.
Stets protestierten australische Regierungen lautstark, wenn die Franzosen Atomversuche vor ihrer Haustür in der Südsee veranstalteten. Die sozialistischen Gewerkschaften drohten Paris 1983 sogar mit einem Uran-Lieferstopp aus den australischen Minen. Die Presse sorgte sich um die Opfer der US-Testserien auf dem Bikini-Atoll - nur über die möglichen Folgen der britischen Nuklearexperimente im eigenen Land herrschte verdächtiges Schweigen.
Dabei hatte es genügend Alarmzeichen gegeben. Die Bomben-Versuche in den fünfziger Jahren hatte die damalige liberale Regierung unter Premier Robert Menzies zu verantworten. 1979 legten die australischen Behörden mit Hilfe britischer Unterlagen den sogenannten Pearce-Report vor, der Hinweise auf eine mögliche radioaktive Verseuchung von Eingeborenengebieten enthielt. Aber weder die damalige liberale Regierung Fraser noch die Labor-Abgeordneten auf der Oppositionsbank interessierten sich dafür.
Im Mai 1980 behauptete ein Beamter vom Gesundheitsdienst für Aborigines in Alice Springs, daß damals mindestens dreißig Eingeborene an den Folgen des radioaktiven Fallouts gestorben wären
und die Krebsrate sich in manchen ihrer Siedlungen verdoppelt hätte.
Doch das Thema blieb tabu. Noch im September 1983 ließ die Regierung, inzwischen von Labor-Premier Bob Hawke geführt, einen Report der nationalen Strahlenschutz-Kommission verbreiten, demzufolge bisher kein einziger Australier durch die englischen Atomversuche geschädigt und das Krebsrisiko für alle Beteiligten "nahezu Null" sei.
Nach den neuesten Enthüllungen wirkt diese Studie eher makaber. Die britische Regierung hat vor einigen Monaten ehemals geheime Dokumente freigegeben, die zeigen, wie wenig die Engländer sich um Sicherheit scherten und wie sie ihre eigenen Soldaten als Versuchskaninchen mißbrauchten.
Auch die Vorsorge für die Aborigines, die eigentlichen Bewohner des Testgebietes, war mangelhaft. Zwei Sicherheitsbeamte sollten in dem Hunderte von Quadratkilometer großen Wüstengebiet die gefährdeten Eingeborenen aufspüren und evakuieren. Für Aborigines, die nicht lesen und schreiben können, hatten die ebenfalls aufgestellten Warntafeln keine Bedeutung. Niemand konnte kontrollieren, ob nicht einige der ersten Australier noch Jahre später in radioaktiv verseuchten Gebieten umherzogen.
Erst jetzt erfuhr die Bevölkerung von ihrem eigenen Verteidigungsminister, daß außer britischen und neuseeländischen Soldaten auch 9000 ihrer Landsleute an den Tests teilgenommen und daß 1300 von ihnen "tatsächlich oder potentiell" der radioaktiven Strahlung ausgesetzt waren, manche nur 1,6 Kilometer vom Explosionsort entfernt. Besonders schmutzig war der "Mosaic G 2"-Test im Juni 1956; eine 60 Kilotonnen-Explosion verstreute Fallout über ganz Australien.
Ziel der britischen Versuche waren nicht nur waffentechnische Erkenntnisse. Die Atomtester wollten ihre Mannschaften auch zur Tapferkeit vor der Bombe erziehen. "Nach der Detonation führten wir die Soldaten in das radioaktive Gebiet, um ihnen zu beweisen, daß sie so eine Zone betreten können, ohne daß ihnen die Hoden abfallen", erinnert sich John Morosi, heute Leiter des Strahlenlabors in Melbourne.
"Uns wurde befohlen, ins Freie zu gehen, die Augen zu schließen und die Hände vors Gesicht zu halten", so der frühere Marineoffizier Frank Bietzelt, 56. "Bei der Explosion sah ich jeden Knochen in meinen Händen, wie in einem Röntgenbild. Viele meiner Kameraden sind bisher an Krebs gestorben."
Australische Flugzeugbesatzungen flogen ihre Maschinen durch radioaktive Wolken. Angeblich trugen die Soldaten Schutzkleidung, aber Ex-Pilot Colin Bird, 58, sagt: "Wir hatten nur die normalen Fliegeranzüge angezogen. Heute habe ich Ohren- und Halskrebs."
Die Naivität der Offiziere und Mannschaften war grenzenlos. Unteroffizier William Jones setzte sich kurz nach der Detonation in einen Panzer, an dem die Wirkungen der Druck- und Hitzewellen geprüft werden sollten. Zwei Tage lang hielt er neben dem verseuchten Fahrzeug Wache. Er starb 1966, nur 13 Jahre nach den Tests, an Rückenmarkkrebs. Seine Witwe ist eine der wenigen, die eine Hinterbliebenenrente vom Verteidigungsministerium durchfechten konnte.
Viele Maralinga-Veteranen sind vom australischen Geheimdienst davor gewarnt worden, Einzelheiten publik zu machen. Auch der ehemalige Luftwaffentechniker John Philip Burke, 63, erhielt in den letzten Jahren ein Dutzend anonymer Anrufe, die ihn einschüchtern sollten. Doch Burke hatte nichts mehr zu verlieren. Ende April 1984, wenige Tage bevor er an Magenkrebs starb - einem Leiden, das er auf seine Maralinga-Zeit zurückführte -, schockte er die Australier mit seinem Geständnis: Obwohl die Briten in Australien angeblich nur bis 1957 experimentierten, habe er selbst 1963 drei geheime Tests miterlebt.
Nachdem auch der Ministerpräsident des Bundesstaates Südaustralien, John Bannon, Aufklärung von Canberra und London verlangte, trat das britische Verteidigungsministerium die Flucht nach vorn an: 1963 seien nur "sehr kleine, sehr begrenzte" Versuche durchgeführt worden, "um die Sicherheit von Atombomben" zu prüfen. Auch der Umkreis der Explosionen sei eher "in Metern denn in Kilometern" zu messen.
Harmlos waren die Versuche wohl dennoch nicht. Burke entdeckte damals an einem Kraterrand vier tote Aborigines, die seiner Meinung an Strahlenverseuchung gestorben waren. Außerdem sah er mißgestaltete Kaninchen und Känguruhs im Testgelände. Seither plagten den Techniker Gewissensbisse, denn er wußte, daß an zwanzig Stellen dicht unter der sandigen Oberfläche radioaktive Abfälle vergraben wurden, die noch heute gefährlich sein könnten.
Vor wenigen Monaten erst hatte die Regierung von Südaustralien den damals evakuierten Ureinwohnern ihren Besitztitel auf die Maralinga-Wüste zurückgegeben. Doch die haben nun Angst vor ihrer alten Heimat. "Man kann die Aborigines vor diesen Stellen, wo das Zeug 50 000 Jahre lang strahlt, gar nicht schützen", sorgte sich Burke; sie einfach zurückkehren zu lassen, so der Luftwaffentechniker kurz vor seinem Tod, wäre glatter Mord. _(Testort Taranaki. Am 9. Oktober 1957 ) _(explodierte eine britische Atomwaffe in ) _(einem Test an dieser Stelle. )
Testort Taranaki. Am 9. Oktober 1957 explodierte eine britische Atomwaffe in einem Test an dieser Stelle.

DER SPIEGEL 24/1984
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