07.01.1985

GRÜNEMythos der Edda

Die Berliner Grünen haben, zwei Monate vor der Lokalwahl, Braune in ihren Reihen aufgespürt. *
Der Berliner Geza von Nemenyi ist ein vielbeschäftigter Mann. Der Hobby-Religionswissenschaftler gibt das Verkündungsblatt einer "Heidnischen Gemeinschaft" heraus, forscht nach der Lage germanischer Heiligtümer in der Stadt und versammelt Anhänger um einen angeblichen Opferstein am Ufer des Tegeler Sees. Zugleich amtiert Nemenyi als Vorstandsmitglied im Berliner Landesverband der Grünen.
Womöglich nicht mehr lange: Grüne Parteifreunde haben des Forschers germanische Neigungen untersucht und ein Parteiausschlußverfahren wegen Rechtsabweichung beantragt.
Der Fall Nemenyi erschüttert derzeit nicht nur den Landesverband, sondern bewegt auch den Bundesverband der Grünen. Meldungen über "braune Schafe" ("Frankfurter Rundschau") in ihren Reihen treffen die Öko-Partei zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt - zwei Monate vor der Berliner Wahl und wenige Tage nachdem israelische Parlamentarier, ähnlich wie Unionschristen, westdeutsche Grüne mit Faschisten verglichen haben.
Alarmiert durch eine ihnen zugespielte Liste angeblicher Neonazis unter den Grünen, waren schon am Samstag vor Silvester Emissäre der Bundespartei in Berlin angerückt, um die Verdächtigten zu durchleuchten. Im Hinterzimmer einer Wilmersdorfer Kneipe befragten die Bundes-Grünen führende Berliner Grüne über neun Parteifreunde, denen nachgesagt worden war, Verbindung zu rechten Gruppierungen wie der Wiking-Jugend, der Mun-Sekte oder den Jungen Nationaldemokraten zu pflegen.
Das Ergebnis schien eindeutig: Per Telegramm baten die Bonner Grünen ihren Landesverband wenig später, auf die geplante Teilnahme an der Wahl zu zwei Bezirksparlamenten zu verzichten.
Die Berliner Grünen meldeten gleichwohl am Silvestertag - dem letztmöglichen Termin für die Abgabe der Wahlunterlagen - beim Landeswahlleiter ihre Kandidatur an. Allerdings, behauptet der Grünen-Landesvorsitzende Hubert Bjarsch, habe ihn das Telegramm aus Bonn nicht rechtzeitig erreicht, "weil ich nicht zu Hause war".
So werden am 10. März - ein parteipolitisches Kuriosum - in Berlin gleich zwei grüne Gliederungen zur Wahl antreten, die sich beide als Landesverband der Öko-Partei verstehen: *___Die linke Alternative Liste (AL), die 3000 Mitglieder ____zählt, neun Mandate im Abgeordnetenhaus hält und eines ____ihrer Mitglieder in die Bundestagsfraktion der Grünen ____entsandt hat, wird von der Bundespartei "politisch wie ____ein Landesverband" (Bundesvorsitzender Lucas Beckmann) ____behandelt; *___die rechtslastigen Berliner Grünen, die auf knapp 150 ____Mitglieder geschrumpft sind und zu deren jüngster ____"Mitglieder-Vollversammlung" nur rund 30 ____Stimmberechtigte erschienen, sind politisch nahezu ____bedeutungslos, fungieren aber formal noch als ____Berlin-Vertretung der Bundes-Grünen.
Ein Teil der Nazi-Verdächtigungen, offenbar als Munition im grünen Grabenkrieg verwendet, ließ sich vorerst nicht erhärten. So bestritt Berlins Grünen-Geschäftsführer Bernd Menz eine ihm angelastete Mitgliedschaft bei der "Außerparlamentarischen Mitarbeit", die im letzten Bundestagswahlkampf für "Volkssozialismus" eingetreten war.
Ein weiterer Belasteter, Frank Zabel, war zwar letztes Jahr als Mitglied der neonazistischen "Deutschen Arbeiterjugend" zu 1500 Mark Geldstrafe verurteilt worden, ist aber bereits im Dezember aus dem Grünen-Landesverband
ausgetreten. Drei Hauptverdächtigte blieben: neben Geza von Nemenyi dessen Bruder Andor sowie Michael Pflanz, Vorsitzender des Berliner Schiedsgerichts der Grünen. Als Zeuge im Verfahren gegen Zabel hatte Pflanz auf die Richterfrage, ob er Mitglied einer Neonazi-Vereinigung sei, die Antwort verweigert; letzte Woche trat Pflanz aus dem Grünen-Verband aus.
Der grüne Kultforscher Geza von Nemenyi, der wie sein Bruder jede Verbindung zu Neonazis bestreitet, edierte Schrifttum mit Titeln wie "Germanische Feste" und "Runenweissagung". Schiedsgerichtsvorsitzender Pflanz erklärte in dem Umweltblatt "Luft-Zeitung" den Berlinern, woher der Weihnachtsbaum kommt - aus dem "religiösen Mythos der Edda (Yggdrasil)".
Die Bundes-Grünen halten das Berliner Runen-Geraune schlicht für parteischädigend - schon weil es Erinnerungen an frühere Fälle weckt, in denen Grüne durch mangelnde Sensibilität für Braunes von sich reden machten.
So verzichtete der grüne Bundestagsabgeordnete Werner Vogel 1983 auf sein Mandat, als herausgekommen war, daß die nordrhein-westfälischen Grünen ihn in Kenntnis seiner NS-Vergangenheit nominiert hatten. In Rheinland-Pfalz nahm sich 1982 der grüne Landesvorständler Peter Keuer das Leben, nachdem ihm Parteifreunde enge Kontakte zu Neofaschisten nachgesagt hatten.
Attraktiv für rechte Unterwanderer sind die Grünen schon seit langem. Westdeutsche "Nationalrevolutionäre", eine Gruppierung, die mit linkem Vokabular rechtes Gedankengut verbreitet, gaben 1980 in ihrem Organ "Neue Zeit" die Parole aus: "Rein in die Grünen, Einfluß nehmen, ein Aktivist kann viele Zaudernde mitreißen."
In Baden-Württemberg setzten die Grünen schon 1982 eine Untersuchungskommission zum Thema "Rechtsextreme Unterwanderung" ein, die klären sollte, warum die Alternativen so anfällig sind für braune Gesinnung. Fazit: Es gebe eine "konzeptionelle Nähe" bestimmter Positionen von links und rechts. Insbesondere "naiv-ökologische und neofaschistische Vorstellungen" könnten "konvergieren".

DER SPIEGEL 2/1985
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