05.11.1984

MEDIZINRosig und gesund Amerikanische Ärzte haben einem Baby ein

Affenherz eingepflanzt. Kritiker sagen: „Von Frankenstein nicht weit entfernt.“ *
Als die kleine Patientin aus dem Operationssaal des Universitätskrankenhauses von Loma Linda geschoben wurde, umarmten sich die Ärzte, manche hatten Tränen in den Augen. "Ein überwältigendes Gefühl von Erfolg und Dankbarkeit überkam das ganze Team", erinnerte sich die Medizinerin Sandra Nehlsen-Cannarella.
In einer fünfstündigen Operation hatte, am Freitag vorletzter Woche, der amerikanische Chirurg Leonard Bailey einem 14 Tage alten Mädchen das Herz eines acht Monate alten Pavians eingepflanzt. "Baby Fae", wie das Kind genannt wird, war mit einer zu kleinen und nicht funktionsfähigen linken Herzkammer zur Welt gekommen. "Ohne die Transplantation wäre die Kleine gestorben", verteidigte Bailey den aufsehenerregenden und umstrittenen Eingriff.
Das pflaumengroße Pavianherz (80 Schläge pro Minute) versehe "anstandslos seinen Dienst", der Allgemeinzustand des Siebenmonats-Kindes (Gewicht: 2300 Gramm) sei "überraschend gut", verkündete am Mittwoch letzter Woche ein Sprecher des Universitätskrankenhauses von Loma Linda (US-Staat Kalifornien). "Vor der Operation war mein Kind ganz blaß", erzählte die Mutter, "jetzt sieht es rosig und gesund aus."
Nicht ohne Hysterie freilich, jedenfalls mit leisem Schaudern, vernahm die Öffentlichkeit die Meldung über die Herztransplantation von Affe auf Baby. Trotz aller Fortschrittszuversicht, die sonst den Vormarsch der medizinischen Wissenschaftler begleitet - diesmal wurden Zweifel und Proteste laut.
"Eine Wiederholung des Sündenfalls", eiferten religiöse Gruppen gegen die "Xenotransplantation"; _(Von griech. xenos = fremd. )
Tierschützer protestierten vor dem Klinikgebäude mit Plakaten gegen "dies unerhörte Verbrechen an der Kreatur"; eher am Menschen orientierte Gegner der Affenherz-Verpflanzung wiesen, der Wahrheit schon näher, auf Transparenten darauf hin: "Doktor Bailey, Sie verlängern das Leiden eines Kindes."
Die Überlebenschancen des Babys sind in der Tat gering: Noch nie in der Geschichte der Herztransplantation ist einem Neugeborenen ein fremdes Herz überpflanzt worden, noch nie hat ein Kleinkind eine Herztransplantation überlebt; erst dreimal haben Chirurgen versucht, den Pumpmuskel eines Primaten in die Brusthöhle von (erwachsenen) Patienten einzusetzen - alle starben. "Was da in Loma Linda gemacht wurde, ist ein Experiment", so der amerikanische Herzchirurg Dr. Nevin Katz.
Zusätzlich ins Kreuzfeuer der Kritik geriet Bailey, nachdem er zugegeben hatte, daß ein passendes menschliches Säuglingsherz verfügbar gewesen wäre. "Wir haben nicht nach einem menschlichen Organ
gesucht", bekannte er, "wir wollten ja eine Xenotransplantation machen."
Sieben Jahre lang habe er auf dieses Ziel hingearbeitet, 160 Lämmern habe er zu Forschungszwecken Ziegenherzen eingepflanzt, das gesamte Projekt hätten er und sein Team aus eigener Tasche finanziert, "einsam" sei er gewesen und bei "den Kollegen verlacht", seine Forschungsergebnisse seien kaum veröffentlicht worden - "nun war es Zeit zu handeln". Von solchem mentalen Zuschnitt sind entweder verbitterte Spinner oder einzelgängerische Genies.
Die meisten Herzspezialisten freilich hoffen darauf, daß der Stromstoß, mit dem Baby Faes neues Herz in Gang gesetzt wurde, gleichsam der zündende Funke für die Weiterentwicklung der Xenotransplantation werden möge.
Denn seit die Erfolgsquote der Herzverpflanzung von Mensch zu Mensch - dank des seit zwei Jahren verfügbaren Medikaments Cyclosporin A zur Bekämpfung der Abstoßreaktion - drastisch gestiegen ist, vergrößert sich die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage: Allein in der Bundesrepublik warten 20 000 Todgeweihte auf ein neues Herz.
Der einzige Ausweg aus dem Dilemma scheint den Medizinern - das Kunstherz ist noch in weiter Ferne - der Zugriff auf die "lebende Organbank" der Affen. "Wir sollten grundsätzlich an diese Möglichkeit für die fernere Zukunft denken", so Professor Niels Bleese, Chef des Herzzentrums an der Hamburger Universitätsklinik Eppendorf.
Schon 1967 hatte der Transplantationspionier Christiaan Barnard die Vision vom Affen als Ersatzteillieferanten für den Menschen: In spätestens 20 Jahren werde es "ganze Herden von Spendertieren geben", prophezeite er, Gorillas, Orang-Utans, ja sogar Schweine eigneten sich vorzüglich als Organspender. Unterschiedliche Proportionen seien dabei kein Problem: "Es wird nicht schwierig sein, ein Schwein genau von der Größe des Menschen zu züchten."
Tatsächlich jedoch empfingen, ganz entgegen Barnards kühner Zukunftsschau, in den letzten 20 Jahren nur drei Menschen ein Affenherz: *___1964 transplantierte der Chirurg James Hardy vom ____Medical Center der Universität Mississippi einem ____68jährigen Mann den Pumpmuskel eines Schimpansen - der ____Patient blieb auf dem Operationstisch. *___Gleich zweimal pflanzte Barnard (im Jahre 1977) ein ____Affenherz in eine Menschenbrust, der eine Patient starb ____nach vier Stunden, der andere nach dreieinhalb Tagen.
Nicht nur die geringe Aussicht auf Erfolg, vor allem die feindselige Reaktion der Öffentlichkeit - wie sie nun auch Operateur Bailey erfahren mußte - hielt Barnard von weiteren Tier-Mensch-Transplantationen ab. Denn dieser Eingriff rührt an Tabus, die Theologen und Laien, Dichter und Ärzte bis heute um das vermeintliche Lebenszentrum des Menschen aufgerichtet haben.
Seit Menschengedenken war der pulsierende Fleischklumpen hinter dem Brustbein (Leistung: 0,003 PS; Fördermenge: 10 000 Liter pro Tag) von Mythen und Magie umwoben. Seit Aristoteles - und bis hin zu Adolf Sommerauer, dem Pfarrer der Nation - gilt das Herz als Sitz der Seele. Die Römer machten es zum Quell der Weissagung, die Minnesänger zum Symbol der Liebe, Millionen Christen beten das Herz Jesu an (für die Transplantation von Tiergeweben definierte die katholische Kirche gleichwohl nur ein einziges Tabu: "Die Übertragung tierischer Sexualdrüsen auf Menschen ist als unsittlich zu verwerfen").
Wenn ein Affenherz im menschlichen Rippenkäfig schlage, sei dies "die Grenze,
die uns die Natur gesetzt hat", mahnte der Heidelberger Internist Gotthard Schettler. Volkstümlicher formulierte (auf die Frage: "Würden Sie sich ein Affenherz einpflanzen lassen?") eine 68jährige "Bild"-Leserin die atavistischen Gefühle gegenüber Tier-Mensch-Transplantationen: "Nein, das ist mir alles nicht weit von Frankenstein entfernt."
"Bei dieser Operation", entgegnete die Ärztin Nehlsen-Cannerella den Kritikern, "handelt es sich um den größten und längst fälligen Fortschritt auf unserem Gebiet."
So ganz davon überzeugt allerdings scheinen die Experten in Loma Linda offenbar nicht mehr zu sein: Falls die Immunreaktion des Organismus gegen das fremde Herz, die erfahrungsgemäß zwischen dem siebten und zehnten Tag nach der Operation am heftigsten auftritt, mit Medikamenten nicht mehr in den Griff zu bekommen sei, wollen die Chirurgen Baby Fae ein neues Herz einsetzen - diesmal jedoch ein menschliches. "Ein Pavianherz wäre nunmehr die zweite Wahl", so Dr. David Hinshaw, Chirurg im Transplantations-Team.
Ende letzter Woche jedoch ging es Baby Fae noch gut. Die Kleine gab die ersten Laute von sich, alle vier Stunden bekam sie das Fläschchen mit normaler Babynahrung und kräftigen Zusätzen. "Sie macht alles", so Operateur Bailey, "was ein gesundes Kind auch tun würde."
Von griech. xenos = fremd.

DER SPIEGEL 45/1984
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 45/1984
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

MEDIZIN:
Rosig und gesund Amerikanische Ärzte haben einem Baby ein

  • LKW außer Kontrolle: Rettung in letzter Sekunde
  • Showeinlage auf Premierenfeiern: Wenn Aquaman den Haka tanzt
  • Videoanalyse: Was das Votum für May bedeutet
  • Älteste Fallschirmspringerin der Welt: 102-Jährige wagt den Absprung