04.02.1985

Terrorismus: Hier spricht die RAF

Die RAF schießt wieder. Nach einer Welle von Brand- und Bombenanschlägen auf Nato-Einrichtungen traten die Terroristen am Freitag letzter Woche als Killer in Aktion - wie einst bei den Anschlägen auf Buback, Ponto, Schleyer. Die neue RAF-Generation gibt den Fahndern "enorme Probleme" auf. *

Der Mann, auf den die Maschinenpistole gerichtet war, saß gefesselt auf einem Stuhl. Der einzeln abgefeuerte Schuß traf ihn von hinten in den Kopf - eindeutig, was da beabsichtigt war: eine Hinrichtung.

Schon die Tatausführung machte klar, wer am Freitag morgen vergangener Woche in Gauting bei München am Werke war.

Die Täter kamen gegen 7.20 Uhr, es war noch schummrig, in der Wessobrunner Straße war kaum Verkehr. Vor der Garage des Einfamilienhauses, Nr. 3, parkte eine blaue Mercedes-Limousine. Das Kfz-Kennzeichen M - TU 5300 verriet den Besitzer: Dr. Ernst Zimmermann, 55, Vorsitzender der Geschäftsführung der Motoren- und Turbinen-Union (MTU) und Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luftfahrt-, Raumfahrt- und Ausrüstungsindustrie (BDLI).

Kurz bevor der Firmenchef, wie jeden Morgen, zu seiner Zentrale in München-Allach aufbrechen wollte, klingelte es. Am schmiedeeisernen Gartentor stand eine junge Frau, blaß und von schmächtiger Statur: Sie habe einen persönlichen Brief zu überbringen. Ingrid Zimmermann öffnete per Knopfdruck das Gartentor und gleichzeitig die Haustür. Die Botin, bekleidet mit einem dreiviertellangen Popelinmantel, trat näher, wedelte mit einem Briefkuvert und verlangte, deutlich schwäbelnd, Dr. Zimmermann persönlich für eine "Empfangsbestätigung".

Zimmermann war sogleich zur Stelle. Doch noch während die drei im Windfang zwischen Tür und Angel standen, sprang ein junger Mann hinzu, Trenchcoat, schlank, angeblich zirka 25 Jahre alt, 1,70 Meter groß, auf dem Kopf eine rot-gelb-grüne Wollmütze, im Gesicht einen auffälligen Leberfleck - und in den Händen die Maschinenpistole. Der _(Mit Wirtschaftsstaatssekretär Martin ) _(Grüner vor einem MTU-Triebwerk. )

Mann drängte das Ehepaar in die Diele des Bungalows. Unterstützt von der vermeintlichen Briefbotin fesselte er die Zimmermanns mit einem Hanfseil. Während Ingrid Zimmermann, den Mund mit Klebeband verschlossen, in der Diele liegenblieb, zerrten die Täter ihren Mann ins Schlafzimmer, setzten ihn auf einen Stuhl und feuerten. Der Schwerverletzte lebte nur noch bis zum Abend.

Bei diesem Tathergang war es nur eine Frage von Stunden, bis sich die Terroristen der "Roten Armee Fraktion" zum Anschlag bekennen würden. Ein anonymer Anrufer beim Lokalblatt "Gautinger Anzeiger" bestätigte, was zu erwarten war: "Hier ist die RAF. Wir haben eine wichtige Mitteilung. Das Kommando Patrick O''Hara übernimmt die Verantwortung für den Anschlag auf den BDLI-Präsidenten und Chef von MTU Ernst Zimmermann. Die westeuropäische Guerilla erschüttert das imperialistische System."

Die Bezüge waren klar: Ernst Zimmermann entsprach exakt dem Feindbild der Terroristen, die ihren "antiimperialistischen Kampf" gegen Nato und Rüstungsfirmen führen wollen. Und der Hinweis auf den irischen Terroristen Patrick O''Hara, der im Mai 1981 im Belfaster Maze-Gefängnis nach Hungerstreik gestorben war, stellte den Zusammenhang zwischen RAF draußen (schießend: im Untergrund) und RAF drinnen (hungernd im Knast) her.

An der Authentizität der Botschaft war nicht zu zweifeln. Auch der Brief, den die RAF-Täterin dem Opfer Zimmermann aushändigen wollte, trug den handschriftlichen Absender: P. O''Hara.

Nun ist Irland auch in Bayern. Nach einer Welle von Brand- und Bombenanschlägen gegen Nato-Einrichtungen, Industrieanlagen und Kraftwerke knüpften die Terroristen mit der Tat von Gauting dort an, wo sie Ende der siebziger Jahre aufgehört hatten: Anschläge auf Leib und Leben, Mord.

Wie am 10. November 1974, als sie den Berliner Kammergerichtspräsidenten Günter von Drenkmann im Flur seiner Wohnung erschossen - einen Tag nachdem der Terrorist Holger Meins in der rheinland-pfälzischen Haftanstalt Wittlich im Hunger-Koma gestorben war. Auch damals hieß die Hungerdevise: "Aus Schwäche Stärke machen."

Wie am 30. Juli 1977, als sie Jürgen Ponto, den Chef der Dresdner Bank, in seiner Oberurseler Villa mit fünf großkalibrigen Projektilen erschossen; eine davon, abgefeuert unmittelbar an der rechten Schläfe, schlug ihm ein faustgroßes Stück Hirn aus dem Schädel. Auch das war "ein Fangschuß", wie ein BKA-Ermittler damals sagte. Und eine aktuelle Parallele drängte sich letzte Woche geradezu auf: zum Anschlag der französischen "Action directe" auf General Rene Audran am 25. Januar 1985 bei Paris - ebensowenig wie Zimmermann eine öffentliche Symbolfigur, aber gleichwohl eine Schlüsselfigur für die militärische Rüstung in Frankreich.

Es mag so absurd klingen wie ehedem, als Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin dem "Schweinesystem den Krieg" erklärten: Die neuen Terroristen sehen sich in ebendieser Tradition - nur haben sie sich, im Bündnis mit gleichgesinnten Anarchos im benachbarten Ausland (siehe Kasten Seite 20), die Feinde noch eine Nummer größer herausgesucht: Nato, Westeuropäische Union, die gesamte Rüstung des Westens.

Die Zielperson Zimmermann stand einem Industrieunternehmen vor, das das Triebwerk für das "Tornado" - Kampfflugzeug herstellt und den Motor für den "Leopard"-Panzer. Aber längst hat die MTU (Jahresumsatz: rund 2,2 Milliarden Mark) den zivilen Anteil ihrer Produktion ausgeweitet: Sie baut Triebwerkteile für das europäische Gemeinschaftsflugzeug Airbus, zugleich auch für Boeing in Amerika. MTU, je zur Hälfte im Besitz von Daimler-Benz und MAN, ist der sechstgrößte Flugmotorenhersteller des Westens.

Als MTU-Chef Zimmermann am Freitagabend seinen Verletzungen erlag, in seinem Schädel steckte ein Hohlkopfprojektil, flimmerten über die Mattscheiben die neuesten Fahndungsphotos, Phantombilder zuerst, dann Photos von einem seit langem gesuchten RAF-Mann, Werner-Bernhard Lotze, und von einer Anarcho-Novizin namens Barbara Meyer.

Die Fahndungsbilder, die Straßensperren in München, die Politikerentrüstung landauf, landab - es war wie in den Hochzeiten des Terrorismus in der Bundesrepublik, und es war doch nicht so.

Der wichtigste Unterschied: Die Betroffenheit bei Bürgern wie Politikern ging diesmal nicht einher mit Hysterie - und sei es auch nur, weil die Union, die früher die regierenden Sozialliberalen wegen vermeintlich lascher Sicherheitspolitik fortwährend angiftete, nun von der Regierungsseite her mit dem Phänomen fertig werden muß. Typisch war die häufig bemühte Floskel vom "Aufflackern" (so auch Innenminister Zimmermann) des westdeutschen Terrorismus - so als sei er, trotz Gauting, schon am Erlöschen.

Das täuscht. Viele Anzeichen sprechen dafür, daß die terroristischen Aktivitäten wieder zunehmen werden - auch wenn Heribert Hellenbroich, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, eine Woche vor dem Attentat von Gauting noch mutmaßte, "daß irgendwie die Zeiten bei der RAF vorbei sind".

So konnte es lange Zeit scheinen. Schließlich ist die Gründergeneration der Baader und Meinhof längst tot, die Nachfolgegeneration der Klar und Mohnhaupt hochsicher verwahrt in westdeutschen Haftanstalten. Die RAF-Reste _(Links: Zimmermann-Pkw mit dem ) _(Kennzeichen M-TU 5300. )

hatten, abgesehen von einem Anschlag auf den US-General Frederick Kroesen im September 1981, seit den späten siebziger Jahren kaum mehr mit gezielten Attentaten wie einst auf Buback, Ponto oder Schleyer von sich reden gemacht.

Fahnder urteilten schon vor drei Jahren, nun habe die RAF "keine Köpfe, keine Logistik, kein Konzept" mehr. Zudem hatte sich die RAF politisch isoliert, sogar in der Szene; es fanden sich kaum noch Unterstützer, die sich als "Legale" zu Handlangern der Kommandos machen ließen. Ihren Traumvorstellungen von einer Revolution war keine Massenbasis zu verschaffen, schon gar nicht mit dem Politchinesisch der RAF-Texte.

"Seit 1977", rechnete vor kurzem noch Hamburgs Verfassungsschutzchef Christian Lochte zurück, "hat die RAF nur noch Niederlagen erlitten." Die Mißerfolge trugen dazu bei, daß der Terrorgruppe, die zunehmend mit sich selbst beschäftigt war, Ende der siebziger Jahre die kriminelle Kraft ausging.

Gesellschaftlicher Protest wurde mittlerweile von anderen Gruppen artikuliert, von den "Neuen sozialen Bewegungen" - Ökologiebewegung und Friedensbewegung, Frauenbewegung und Dritte-Welt-Bewegung. Ihr Credo war die Gewaltlosigkeit, ihre Hymne hieß: "Weiches Wasser bricht den Stein."

In demselben Maße freilich, wie die hochmögenden Wünsche scheiterten - Pershings wurden aufgestellt, Buschhaus ging ans Netz -, veränderte sich auch an den Rändern der Protestszene die Einstellung zur Gewalttätigkeit.

Schon 1981 hatte Klaus Gerosa vom Deutschen Naturschutz-Ring gewarnt, daß sich über kurz oder lang eine "Öko-Guerilla" in West deutschland formieren werde: "Es gibt Leute", so Gerosa, "die haben die Schnauze so gestrichen voll, daß sie verdeckt arbeiten wollen, nach dem Motto: Wenn eh schon alles über den Jordan geht, können wir auch noch eins draufgeben." Denkbar sei, mahnten Öko-Experten damals, daß "eine Art Grüne Armee Fraktion" entstehe.

Mittlerweile ist es soweit, daß kaum eine Woche vergeht, in der militante Tier-, Natur- und Umweltschützer nicht irgendwo - wie jüngst am Kernkraftwerk Krümmel - Hochspannungsmasten sprengen oder Baufahrzeuge anzünden, Bahngleise blockieren oder Versuchstiere befreien. Am selben Tag, da in Gauting der Anschlag auf den Manager Zimmermann verübt wurde, ging an einem Stuttgarter Wasserwerk eine Ladung hoch.

Nachdem sich die Anti-Raketen-Kampagne als Fehlschlag erwiesen hat, gibt sich auch die westdeutsche Friedensbewegung nicht mehr nur friedlich. Rüstungsgegner blockieren nun immer wieder mal Schienenstränge, auf denen Munitionszüge rollen; die Übergänge zwischen Blockade und Sabotage verschwimmen.

Und auch in der Frauenbewegung gilt Gewalt mehr und mehr als Mittel alternativer Politik. In Berlin etwa haben Staatsschützer "feministische Rollkommandos" ausgemacht, die - Motto: "Gegen Macker und Sexisten" - Kneipen und Peep-Shows demolieren und sich zu Buttersäure-Anschlägen auf angeblich frauenfeindliche Frauenärzte, Artikelschreiber und "Oberultraschweine" bekennen.

Ein inflationärer Gebrauch des Wortes Widerstand hat dazu beigetragen, die Gewaltbereitschaft in der Alternativ-Szene zu erhöhen. Im Parteiorgan "Die Grünen" beispielsweise durfte schon im November 1981 ein Rechtsanwalt Alfred Schmidt auf anderthalb Zeitungsseiten die Auffassung darlegen, die Bundesregierung sei "durch Unterlassen" dafür mitverantwortlich, daß "dem Menschen Katastrophen bisher unbekannten Ausmaßes" drohten. Weil es daher "um die Grundlagen der Existenz, sogar für die Art" Homo sapiens, gehe, sei "jetzt" der Zeitpunkt gekommen, das im Grundgesetz verbürgte Widerstandsrecht zu nutzen, und "jede Widerstandsmaßnahme" erlaubt, selbst der "Einsatz von Waffen, auch schwerer Waffen".

Solche Rechtfertigungsversuche haben dazu beigetragen, daß die - Ende der siebziger Jahre noch völlig isolierten - RAF-Anarchisten seit einiger Zeit wieder mit begrenztem Zuspruch für ihre Gewalt-Strategie rechnen können. Zugleich ist, seit statt einer einzigen politisch motivierten Gruppe eine Vielzahl von Tätern verschiedenster Motivation bomben und zündeln, die Arbeit der Fahnder schwieriger geworden. "Unsere Erkenntnislage", klagt ein hoher westdeutscher Verfassungsschützer, "war selten so schlecht."

Daran änderte sich zunächst auch nichts, als die Terroristen am 4. Dezember zu verwirklichen begannen, was Fahndern als "Drei-Phasen-Konzept" erscheint: Es begann mit Hungerstreiks von rund 30 RAF-Häftlingen und setzte sich fort mit Sprengstoffanschlägen auf Behördengebäude, Firmen und Militäreinrichtungen wie die Nato-Schule in Oberammergau, bis der gezielte Mordanschlag auf Zimmermann letzte Woche die dritte Phase einleitete. Mit dem Hungerstreik, den Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar am Abend des Attentat-Tages von Gauting abbrachen, hatten die "Gefangenen aus der RAF", wie sie sich selber nennen, zweierlei im Sinn gehabt: Zum einen wollten sie ihre Anhängerschaft mobilisieren, zum anderen für sich selber Rechte und Haftbedingungen wie "Kriegsgefangene" erzwingen,

vor allem die Zusammenlegung zur gemeinsamen RAF-Haft.

Die "utopischen Forderungen von zur Selbsttötung entschlossenen Fanatikern" (Chefankläger Rebmann) waren wohlkalkuliert. Das Ziel der Hungerstreikenden ist bereits in einem Text beschrieben worden, der 1982 bei der Festnahme von Brigitte Mohnhaupt in die Hände der Polizei geriet: "Materielle Haftbedingungen, in denen politische Gefangene als gefangene Revolutionäre zusammenleben und arbeiten, den Kampf darin weiterentwickeln können".

Daß sich die inhaftierten Terroristen von ihrem Hungerstreik eine Mobilisierung der Freunde in Freiheit versprechen, hatte die RAF ebenfalls vor längerer Zeit in einem Papier notiert, das im Sommer letzten Jahres entdeckt wurde: "Die praktische Vorstellung, die wir am besten finden, ist, daß wir - die Front draußen - die Offensive beginnen mit den Angriffen gegen die Infrastruktur ihrer Militärmaschine und daß dann die Gefangenen ihren Angriff - HS - machen."

Auch in der Phase des Hungerstreiks, in der RAF-Sprache "HS", fanden die Fahnder keinen konkreten Hinweis auf die Zielpersonen künftiger Anschläge. "Die draußen machen", vermutet ein Verfassungsschützer, "nicht mehr nur das, was die drinnen wollen."

Im klaren sind sich die Ermittler seit dem Beginn der Anschlagsserie Ende letzten Jahres nur, daß "alle Thesen vom Ende der RAF irrig" sind: "Wie die Stehaufmännchen" hätten, so ein Fahnder, mittlerweile "neue Figuren bei der RAF die verlorene Logistik ersetzt".

Trotz der "Verluste der vergangenen Jahre", meint Alexander Prechtel, Sprecher der Bundesanwaltschaft, sei "die RAF noch immer massenhaft im Besitz von Waffen, Munition, Geld, gefälschten Ausweisen und Papieren".

Die Suche nach Tätern und Unterstützern führt in ein schier undurchdringliches Geflecht, zu dem Gruppen mit sogenannter antiimperialistischer Motivation ("Antiimpis") ebenso zählen wie Anti-Atom-Bomber, militante "Autonome" oder die "Revolutionären Zellen", die in ihrem Bemühen, "das ganze Schweinesystem zu kippen", schon seit langem mit der RAF konkurrieren.

Wie so häufig war es ein Zufall, der den Fahndern wenigstens grobe Vorstellungen vermittelte, mit wem sie es zu tun bekommen würden und was da womöglich zu erwarten sei. Er spielte am 2. Juli letzten Jahres in der Berger Straße 344 zu Frankfurt-Bornheim, 2. Stock.

In der "Tagesschau" war gerade von der Anklage gegen den Grafen Lambsdorff die Rede gewesen, da vernahm der Frankfurter Elektromeister Eduard Glowka, 60, aus dem Nebenzimmer ein Geräusch, "wie wenn in meinem Schlafzimmer ein Stuhl umfiele".

Eine schmächtige Blondine klingelte bald darauf an der Flurtür, gab sich als

Hüterin der "Katzen oben drüber" aus und sprach von einem "umgekippten Eimer Wasser". Frage der Fremden: "Sickert bei Ihnen was durch?"

Wasser an der Decke war nicht zu sehen, doch der Elektriker wollte, nachdem die Frau gegangen war, "nun doch mal genau wissen", was im Nebenzimmer passiert war. In der Decke sah er ein Loch, im Linoleumboden darunter steckte ein Projektil. Zudem wußte jeder im Haus, daß die Nachbarin von oben "doch seit Wochen verreist" war.

Der Mieter rief eine Funkstreife, die Verstärkung herbeiholte, als es an dem Schuß durch die Decke nichts mehr zu deuteln gab. Knapp zwei Stunden später splitterte oben, im dritten Stock, eine Flurtürscheibe. Sieben Mann, Frankfurter Schutz- und Kriminalpolizisten, drangen in die Wohnung ein.

Drei Männer und drei Frauen, teils schon im Neglige, flüchteten in den hinteren Raum der verwinkelten Altbauwohnung, warfen sich zwischen Flohmarkt-Antiquitäten auf den Boden und ergaben sich. "Es ist merkwürdig", kommentierten anderntags Fahnder vom BKA, "daß es da kein Blutbad gegeben hat." Denn festgenommen wurde so en passant ein ganzer Trupp aus der RAF, der sich oben bei einer ahnungslosen Wohnungsinhaberin, die im Ausland weilte, eingenistet hatte.

Die Gruppe war mit russischen Handgranaten, Zündzeitverzögerern im Streichholzschachtelformat und sechs Pistolen sowie einem Revolver vom Typ Smith & Wesson, .357 Magnum, ausgerüstet. Das Arsenal stammte teils von demselben schweizerischen Händler, bei dem sich einst der mutmaßliche Buback-Attentäter Günter Sonnenberg munitioniert hatte.

Sichergestellt wurden "jede Menge Geldscheine" aus einem Bankraub und ein Wust von Strategie- und anderen Papieren - wieder mal "ein Pharaonengrab", wie der frühere BKA-Chef Horst Herold zu sagen pflegte.

Besonders hilfreich war der Fund von Frankfurt den Fahndern zunächst allerdings nicht. Auswerter im BKA und in den Verfassungsschutzämtern konnten dem Material, das mehrere Asservaten-Ordner füllt, nichts Konkretes entnehmen.

Die RAF-Archivare hatten - zig Periodika ausgewertet, Tageszeitungen, Waffenfachblätter und Militärzeitschriften. Das Material, darunter auch von Hand beschriebene Notizzettel, enthielt Tausende von möglichen Anschlagzielen, sortiert nach Themen, Personen und Städten.

In einer Sammlung mit der Deckblatt-Aufschrift "BRD-Frankreich" fanden sich Ausschnitte über militärtechnisches Teamwork zwischen den beiden Staaten. Angestrichen waren Namen von deutschen und französischen Unternehmen und Managern, meist in Artikeln der Fachzeitschrift "Wehrtechnik". Daß darunter auch eine Zusammenstellung französischer Waffenexportfirmen und Hinweise auf MTU und Zimmermann waren, schien nichts Besonderes zu bedeuten.

In den vergangenen Wochen lichtete sich das Dunkel. Denn erst vor dem Hintergrund der jüngsten Anschlagserie wurde eine Strategie erkennbar, wie sie bislang nur in Filmen der Sorte Doktor Mabuse vorkam.

"Die RAF", bringt ein Staatsschützer den Wahnwitz der westdeutschen Rotarmisten auf einen Nenner, "hat der EG den Krieg erklärt." Operationsgebiet der ersten Offensive, davon gehen die Ermittler nun aus, sind Frankreich und die Bundesrepublik. Getroffen werden sollen zuerst jene Manager in Verteidigungsministerien und Waffenfirmen, die an der Planung von Luft- und Weltraumwaffen mitwirken.

Das zeichnete sich erstmals grob in einem Papier ab (Titel: "Für die Einheit der Revolutionäre in Westeuropa"), das die RAF und die anarchistische französische "Action directe" am 15. Januar in Paris an Nachrichtenagenturen verteilten. Darin kündigten die Terrororganisationen ein "historisches Projekt" an: Dem "imperialistischen Versuch", Westeuropa zum "harten Block zusammenzuschweißen" und in die Nato zu integrieren, müsse mit "Angriffen gegen die multinationalen Strukturen der Nato, gegen Basen und Strategen" begegnet werden.

Daß der verquaste Text mehr war als eines der seit Jahren bekannten RAF-Positionspapiere, wurde fünf Tage später deutlich, als der Terrorist Johannes Thimme, 28, in Stuttgart-Vaihingen "von einer Bombe atomisiert" (Bundesanwaltssprecher Prechtel) wurde.

Thimme wollte das Gebäude Schulze-Delitzsch-Straße 28 sprengen, in dem das Rechenzentrum einer Baufirma untergebracht ist, wo der Bombenleger aber noch etwas anderes vermutete: die "Deutsche Forschungs- und Versuchsanstalt für Luft- und Raumfahrt" (DFVLR).

Der Terrorist hatte sich geirrt, das in Frankfurt beschlagnahmte RAF-Archiv, in dem die Raumfahrt-Anstalt registriert war, hatte versagt. Die DFVLR war schon vor Monaten umgezogen, nur das Firmenschild am Eingang täuschte noch den Sitz des Unternehmens vor.

Die Anschläge auf den französischen General Audran und den Münchner MTU-Chef Zimmermann fügen sich ebenfalls in die RAF-Strategie. Die Täter von Paris verwiesen in einem Bekennerbrief auf die "politisch-ökonomischmilitärische Achse Paris-Bonn" und begründeten den Mord: Audran sei "verantwortlich" gewesen "für die Konzeption der Programme für Rüstungskooperation, ihre industrielle Realisierung und ihre Kommerzialisierung".

Das paßt zum Thema der RAF-Stoffsammlung "BRD-Frankreich" - und auch zu den Stichworten: Audran war zuständig für Rüstungsbetriebe, deren Beschreibung im Frankfurter Archiv gleich hinter einer Meldung über MTU-Chef Zimmermann abgeheftet war.

Daß die Attentate auf Audran und Zimmermann zusammengehören, ist für _(RAF-Häftling Lutz Taufer vor der ) _(Medizinischen Hochschule Hannover. )

westdeutsche Terroristenfahnder "eindeutig". Und sie leiten aus den Anschlägen von Paris, Gauting und Stuttgart-Vaihingen her, "daß die RAF eine Offensive neuer Qualität eröffnet hat".

"Die RAF", so die Analyse eines Verfassungsschützers, habe "früher nur Ziele der allerobersten Ebene angegriffen". Den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth etwa hielten sie noch 1980 in einer "Kommandoerklärung" als Opfer für zu unbedeutend: "Späth schon gar nicht."

Doch nun ist das Kaliber der RAF-Zielpersonen kleiner geworden, und damit steigt die Zahl der potentiellen Opfer. "Vom Typ Schleyer", so ein Fahnder, "gab es vielleicht zehn Leute. Aber die sie sich jetzt aussuchen, davon gibt es mindestens tausend."

Typisch der Fall Zimmermann. Das Haus des Managers, ein weißer Bungalow, liegt in einer schmalen Seitenstraße am Waldrand. Womöglich bereitete das Täter-Duo den Anschlag in unmittelbarer Nähe des Tatortes vor. Direkt neben dem Grundstück der Zimmermanns steht ein Rohbau, an dem in der Winterpause nicht gearbeitet wurde. Von dort aus, vermuten Ermittler, spähten die Killer oder ihre Helfer genau aus, wann der Manager zur Arbeit in sein Unternehmen fuhr und nach Hause zurückkehrte.

Um das Objekt voll abzusichern, hätten Videokameras installiert und Beamte im Schichtdienst eingesetzt werden müssen - was gewiß angeordnet worden wäre, wenn die bayrische Polizei aus den Hinweisen des Bundeskriminalamtes, das den Fund in der Berger Straße von Frankfurt ausgewertet hatte, die richtigen Schlüsse gezogen hätte.

Weil mit der Popularität der Ermordeten auch die politische Symbolkraft der Anschläge sinkt, fürchten Fahnder nun, daß sich die Anzahl der Attentate erhöht - für westdeutsche Sicherheitsbehörden _(Oben: am 25. Januar 1985; ) _(unten: am 19. Dezember 1984. )

ein kaum lösbares Problem. "Schon wenn wir nur jene Leute schützen sollten", sagt ein Staatsschützer, "die in den in Frankfurt beschlagnahmten Papieren auftauchen, müßten wir aus Personalmangel passen."

Weitere Mordanschläge schließen Staatsschützer denn auch nicht aus, und sie wissen auch, wie einer von ihnen es ausdrückt, daß sie "es schwerer haben werden als früher". Die Unberechenbarkeit der Gewaltszene, die derzeit allenthalben ausfasert, stellt die Polizei "vor enorme Probleme".

Schon die Fahndung nach den Attentätern von Gauting machte das deutlich. Tatspuren gab es kaum, Fingerabdrücke der Täter, beispielsweise am Klebeband, konnten nicht gesichert werden. Einziger Anhaltspunkt war eine Beschreibung des Mordschützen und seiner Komplizin, die Frau Zimmermann kurz nach der Tat abgab.

Das bayrische Landeskriminalamt ließ aufgrund dieser Angaben die Phantombilder zeichnen, die das Fernsehen später ausstrahlte. BKA-Experten zeigten sich von der Qualität der Porträts "erschüttert": "Nichtssagende Kinderbildchen wie in der Schülerzeitung". Ungenützt blieb das hochgerüstete Personen-Identifizierungs-System des BKA, das Zeugenhinweise über das Aussehen von Tätern "weitaus aussagekräftiger umsetzt als ein Hobby-Zeichner in der Provinz".

Uneins waren die Fahnder in der Frage, auf wen die Personenbeschreibung der Tatzeugin Zimmermann zutreffe. Einige Ermittler meinten, die Schilderung des MP-Schützen erinnere in mehreren Punkten - Größe, Alter, Körperbau - an den gesuchten Terroristen Eckehard Freiherr von Sekkendorff-Gudent, und die Gautinger Botin könnte die ebenfalls auf der Fahndungsliste stehende Eva Haule-Frimpong sein.

Per Fernsehen wurde dann aber nach zwei anderen Verdächtigen gefahndet: nach der 28jährigen Barbara Meyer, geborene Metzger, aus Stuttgart, Ehefrau des mutmaßlichen Terroristen Horst-Ludwig Meyer, und nach dem 32jährigen Werner-Bernhard Lotze, der den Ermittlungsbehörden aufgefallen war, nachdem die Fahnder seine Fingerabdrücke 1977 in einer konspirativen Wohnung gefunden hatten, und der nach der Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer im Herbst 1977 Erpresserbriefe transportiert haben soll.

Der Sprecher der Bundesanwaltschaft legte am Freitagabend in einer offiziellen Erklärung Wert auf die Feststellung, daß seine Behörde keinerlei Täterhinweise auf irgendeine Person abgegeben habe; auch das Landeskriminalamt mochte sich auf die Identität von Meyer/Lotze nicht mehr festlegen.

Daß es RAF-Täter waren, die in Gauting mordeten, bezweifelte kein Fahnder mehr.

Mit Wirtschaftsstaatssekretär Martin Grüner vor einem MTU-Triebwerk. Links: Zimmermann-Pkw mit dem Kennzeichen M-TU 5300. RAF-Häftling Lutz Taufer vor der Medizinischen Hochschule Hannover. Oben: am 25. Januar 1985; unten: am 19. Dezember 1984.

DER SPIEGEL 6/1985
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