04.03.1985

Große Koalition

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Mit einer Drohung hat die CDU/CSU-FDP-Koalition die SPD dazu bewogen, der vorzeitigen Beerdigung des Flick-Ausschusses zuzustimmen. Nachdem am vergangenen Donnerstag der Ausschuß-Vorsitzende Manfred Langner (CDU) einen Zwischenbericht gegeben hatte, bestand Einigkeit, daß auf jeden Fall Konzernchef Friedrich Karl Flick und sein ehemaliger Gesellschafter Günter Max Paefgen noch einmal erscheinen sollten.
Die SPD erklärte, sie wolle auch CSU-Chef Franz Josef Strauß und FDP-Außenminister Hans-Dietrich Genscher noch einmal sehen. Im Gegenzug brachte die Union Willy Brandt und Helmut Schmidt als Zeugen ins Spiel. Damit war die SPD noch einverstanden. Am Freitagmorgen aber legte die CDU nach: Wenn die SPD auf Strauß und Genscher bestünde, müßten noch vor der nordrheinwestfälischen Landtagswahl Ministerpräsident Johannes Rau und andere Spitzengenossen vor das Tribunal treten. Da gaben die Sozis auf.
Die Kumpanei der Etablierten bewahrt unter anderen Juliane Weber, langjährige Vertraute von Helmut Kohl, vor einer peinlichen Befragung. Der Grüne Otto Schily hatte beantragt, Frau Weber zu laden, weil er glaubt, die heutige Regierungsdirektorin im Bundeskanzleramt könnte am 6. Dezember 1977 für Kohl jene 30 000 Mark transportiert haben, deren Verbleib unaufgeklärt ist. Schily stützt seine Vermutung auf eine bislang unbekannte Aktennotiz: Für den 6. Dezember 1977 war Frau Weber beim damaligen Flick-Manager Eberhard von Brauchitsch (v.B.) angesagt: "Frau Weber/Sekret. Dr. Kohl fragt an, ob es Ihnen recht ist, wenn Sie (sic!) morgen, Dienstag, 6. 12., gegen 16 Uhr bei Ihnen kurz vorbeikommt."
Unter gleichem Datum notierte Flick-Buchhalter Rudolf Diehl: "v.B. wg. Kohl 30 000." Brauchitsch entnahm an diesem Nikolaustag 60 000 Mark in bar aus der Dispositionskasse des Konzerns. Auf der Rückseite der Quittung heißt es: "30 Ko". Kohl vor dem Ausschuß: "Die 30 000 Mark sind bei uns nicht eingegangen."

DER SPIEGEL 10/1985
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