07.01.1985

FILMEin Kampf um Paris, Texas

Warum der neue Wenders-Film erst jetzt in die deutschen Kinos kommt *
29. September 1983
Als Gemeinschaftsproduktion von Wim Wenders' Road Movies (Geschäftsführer: Chris Sievernich), der Pro-ject Filmproduktion (einer Tochterfirma des Filmverlags der Autoren), des Pariser Argos-Films, des Londoner (TV-)Channel 4 und des WDR beginnt Wim Wenders in Texas mit den Dreharbeiten.
Der Verleihvertrag ist vom Filmverlag am 5. August und von Road Movies am 19. September 1983 unterschrieben worden. Erste Überlegungen sehen vor, "Paris, Texas" ähnlich auszuwerten wie den vorangegangenen Film von Wim Wenders, "Der Stand der Dinge".
23. Mai 1984
Der "aufwühlendste Film der letzten zehn Jahre" ("Le Monde") erhält die Goldene Palme, den Hauptpreis des Internationalen Festivals von Cannes. Bis auf wenige Ausnahmen ("Le Figaro": "Man langweilt sich") reagiert die Presse nach einem insgesamt enttäuschenden Festivalprogramm hymnisch: Für die "Süddeutsche Zeitung" ist Wenders "der zur Zeit beste Regisseur der Welt".
4. Juli 1984
Nach dem Erfolg von Cannes wird die ursprüngliche Verleihplanung modifiziert. Road Movies legt ein Konzept vor, dem der Filmverlag zustimmt: Der Film soll am 28. September 1984 mit 40 Kopien in den deutschen Kinos starten, in der zweiten Woche sollen weitere 20 Kopien eingesetzt werden.
16. Juli 1984
Road Movies rückt von dieser Vereinbarung ab und fordert ein Verleihkonzept mit über 80 Kopien. Zuvor ist von Road Movies eine Beteiligung an den Auslandserlösen verlangt worden.
2. August 1984
Road Movies kündigt den Verleihvertrag mit der begründung, es sei noch "kein vernünftiges Verleihkonzept vorgelegt" worden, der Film müsse in weit mehr Theatern gezeigt werden und dürfe "nicht in Schuhkarton-Kinos laufen". Der Filmverlag stellt fest, die Kündigung sei einseitig und gegenstandslos.
7. August 1984
Die Pro-ject Film erwirkt als einer der fünf beteiligten Produzenten beim Berliner Landgericht eine Einstweilige Verfügung gegen Road Movies. Darin wird der Wenders-Firma untersagt, über die Verleihrechte an "Paris, Texas" zu bestimmen, sowie "Erklärungen abzugeben, die den Bestand und die Fortführung des mit dem Filmverlag der Autoren geschlossenen Verleihvertrages zum Gegenstand haben" - eine Entscheidung, die als "Maulkorb" für Wenders heftige Kritik in den Feuilletons auslöst.
7./8. August 1984
Der Regisseur Hark Bohm (wie auch Wenders Mitgesellschafter des Filmverlags) erarbeitet mit dem ehemaligen Filmverlags- und heutigen SPIEGEL-Geschäftsführer Matthias Ginsberg einen Kompromißvorschlag. Die "Zeit" faßt zusammen: "Wim Wenders und die Leute von Road Movies übernehmen die Öffentlichkeitsarbeit für 'Paris, Texas'. Der Filmverlag als ausführender Verleih übernimmt die Liste der von Wim Wenders gewünschten Kinos als Handlungsanweisung und begründet, wenn Kinos nicht zur Verfügung stehen. Der Start wird verschoben auf November oder Januar. Die Anteile am Erlös sind einvernehmlich zu regeln."
10. August 1984
Im ZDF-Kulturmagazin "Aspekte" wird ein Gespräch mit Wim Wenders wegen der Berliner Gerichtsentscheidung ohne Ton ausgestrahlt. In einem Zeitungsinterview erklärt SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein als Mehrheitsgesellschafter des Filmverlags: "Die Verfügung war richtig, man muß sich auch in dieser Branche darauf berufen können, daß Verträge gültig sind." Aber auch: "Vielleicht war die Filmverlag-Geschäftsführung ein wenig unflexibel."
11. August 1984
In der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erscheint eine Stellungnahme von Rudolf Augstein. Auszug: "Es geht, da der Filmverlag nicht nur Verleiher, sondern auch Mitproduzent ist, um den Produzentenanteil der Auslandsrechte. Nach Cannes, nachdem feststand, daß der Film ein Erfolg wurde, zumindest ein Erfolg im Auslandsverkauf, hat Sievernich zuerst das 'Problem', es war ja keins, der Auslandsbeteiligung aufgeworfen. Erst nachdem beide hier aufgelaufen waren, 'forderten' beide eine Million Kinogänger und 80 Startkopien. Besucher werden hinfort demnach 'angefordert'."
14. August 1984
Auf Antrag beider Parteien hebt das Landgericht Berlin die "Maulkorb"-Passage seiner einstweiligen Verfügung auf, bestätigt allerdings den Kern seiner Entscheidung: Road Movies darf über die Verleihrechte an "Paris, Texas" nicht verfügen.
16. August 1984
Wenders beantragt eine einstweilige Verfügung gegen den Startplan des Filmverlags, sie wird am 29. August abgelehnt.
18./19. September 1984
Mehrere deutsche Zeitungen melden, der Filmverlag wolle die Verleihrechte für bis zu 800 000 Mark verkaufen. Der Filmverlag und Rudolf Augstein dementieren, bestätigen aber, daß nach einer einvernehmlichen Lösung gesucht werde: Wenn eine Einigung mit Wenders anders nicht möglich sei, könne Road Movies über die Verleihrechte verfügen. Voraussetzung sei jedoch, daß Road Movies die Verleihgarantie von 200 000 Mark an den Filmverlag zurückzahle und dessen bisher angelaufene Kosten übernehme. Deren Höhe bleibt strittig.
23. Oktober 1984
Road Movies teilt mit, der Filmverlag der Autoren und Wenders seien sich
über den Verkauf der Verleihrechte an den Berliner Verleih Tobis Filmkunst einig geworden. Tobis bestätigt, den Wenders-Film am 11. Januar 1985 in 110 deutschen und österreichischen Kinos starten zu wollen. Ein Vertrag über den Verkauf wird vom Filmverlag der Autoren nicht unterzeichnet.
24. Oktober 1984
Auf den Filmfestspielen von Hof hat "Paris, Texas" seine deutsche Erstaufführung in englischer Fassung.
16. November 1984
Nach dem Filmstart in den USA (die Twentieth Century Fox hat eine Million Dollar für die Verleihrechte gezahlt) wird "Paris, Texas" als "überästhetisierte Schnulze" ("Newsweek") verrissen. Im Gegensatz dazu wird der Film in London, vor allem aber in Paris enthusiastisch gefeiert. In wenigen Wochen hat er in Frankreich anderthalb Millionen Zuschauer.
23. November 1984
Der Filmverlag der Autoren erklärt, eine Einigung mit Tobis sei nicht zustande gekommen, zum drittenmal habe ein Gericht zugunsten des Filmverlags entschieden, und er wolle den Film am 11. Januar in die Kinos bringen.
25. November 1984
Wim Wenders schreibt in einem "Offenen Brief an die deutsche Presse": "Wenn es nun aber so ist, daß es mir mit rechtlichen Mitteln nicht mehr möglich ist, den Film 'Paris, Texas' rechtzeitig beim Filmverlag herauszulösen und durch die Tobis Filmkunst verleihen zu lassen, ... dann möchte ich alle Beteiligten und auch die Presse bitten, 'Paris, Texas' wieder als den Film zu sehen, der er ist, und nicht als Skandalobjekt."
Tobis geht nach wie vor "davon aus, daß wir den Film starten. Sollte der Filmverlag weiter versuchen, das zu verhindern, werden wir uns gerichtliche Schritte überlegen".
27. November 1984
Road-Movies-Prokurist Chris Sievernich behauptet in einem Rundfunkinterview, der neuerliche Streit um "Paris, Texas" sei Ergebnis einer Vernichtungsstrategie Augsteins.
28. November 1984
In einem "Offenen Brief an Wim Wenders" bitten ihn seine drei Kollegen und Mitgesellschafter Hark Bohm, Uwe Brandner und Hans W. Geissendörfer, "dafür Sorge zu tragen, daß Deine Mitarbeiter die Presse nicht weiter so unsachlich und falsch informieren". Und weiter: "Du weißt so gut wie wir, daß der Filmfan Augstein weder Dich ruinieren möchte noch Deinen Film vernichten will ... Er hat Deine Filme immer geliebt und sich Deinen Freund genannt ... Wir bitten Dich, den Filmverlag jetzt doch noch so zu unterstützen, daß Deinen Film möglichst viele Zuschauer sehen können."
13. Dezember 1984
Eine von Wim Wenders beantragte einstweilige Verfügung, die dem Filmverlag eine geplante Pressevorführung von "Paris, Texas" untersagen sollte, wird abgelehnt.
14. Dezember 1984
Die "Süddeutsche Zeitung" erscheint mit einer Sonderseite, auf der Regisseur und Mehrheitsgesellschafter ihre Positionen noch einmal ausführlich darstellen. Augstein: "Ich denke nicht daran, mir die Kopeken von einem Gehilfen des Genies aus der Tasche ziehen zu lassen. Meine letzte 'Mäzenatentat' wird sein, daß der Film von Wim Wenders leben soll." Wenders: "Es ging uns nie ums Geld ... Der einzige (!) Punkt, an dem wir nicht mit uns handeln lassen wollten, war der vom Filmverlag geforderte 'bedingungslose' Austritt des Gesellschafters Wenders aus der Firma."
Die angekündigte Pressevorführung findet im Hamburger Holi-Kino statt. Wim Wenders ist anwesend und wiederholt seinen Protest gegen die Politik des Filmverlags. Zum erstenmal ist eine deutsche Fassung von "Paris, Texas" zu sehen - allerdings eine, die der Regisseur nicht autorisiert hat. ZDF-"Aspekte" über diesen Kino-Vormittag: "Diese für den Start in der Bundesrepublik so wichtige Pressevorführung schadet dem Film möglicherweise mehr als das heillose juristische Durcheinander. Die Kopie ist unter anderem zu dunkel und teilweise verstümmelt."
Wenders, der parallel zur Kino-Präsentation zu einer Pressekonferenz ins Hamburger Interconti-Hotel geladen hat, protestiert gegen die technische Qualität der gezeigten Kopie und veröffentlicht eine Erklärung: "Die drei Gesellschafter Uwe Brandner, Hans W. Geissendörfer und Wim Wenders stellen ihre Gesellschafteranteile, die sie seit Gründung des Filmverlags innehaben, zur Verfügung. Sie sehen sich zu diesem Schritt gezwungen, nicht nur wegen der skandalösen Vorgänge um 'Paris, Texas', sondern auch wegen des unakzeptablen Verleihprogramms von 1985 und wegen der Art und Weise, wie der Filmverlag der Autoren sich seit einiger Zeit intern und extern präsentiert."
Wim Wenders kündigt an, es werde keine weiteren gerichtlichen Auseinandersetzungen mehr geben.
17. Dezember 1984
Wenders droht mit einer Klage gegen den Filmverlag und fordert drei Millionen Mark Schadensersatz wegen der mangelhaften Hamburger Vorführung.
20. Dezember 1984
Wim Wenders erwirkt eine einstweilige Verfügung, die es dem Kopierwerk Geyer verbietet, Kopien von "Paris, Texas" herzustellen, die nicht von Wenders genehmigt worden sind.
21. Dezember 1984
Wim Winders kündigt den Verleihvertrag mit dem Filmverlag der Autoren nochmals und fristlos.
4. Januar 1985
Der Filmverlag der Autoren bestätigt seine Absicht, "Paris, Texas" am 11. Januar in 65 deutschen Kinos zu starten. Wim Wenders erklärt, die Filmverlag-Kopien nicht blockieren zu wollen.

DER SPIEGEL 2/1985
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