04.03.1985

VERKEHRSUNFÄLLENatürlicher Tod

Jedes Jahr gibt es weit mehr Opfer im Straßenverkehr, als die Statistik aufführt. *
Werner Dollinger wollte endlich auch mal was Positives vermelden. Die Zahl der Todesfälle im Straßenverkehr, berichtete der Verkehrsminister, sei 1984 auf 10 186 (Vorjahr: 11 732) zurückgegangen.
Zu dieser "erfreulichen und ermutigenden Entwicklung", reklamierte der Christsoziale, habe seine Politik beigetragen: Seit Gurtmuffel mit Buße belegt würden, schnallten sich mehr Fahrer an als zuvor. Auch seien die Autos sicherer geworden. Und schließlich habe die Diskussion über das Waldsterben dazu geführt, daß Kilometerfresser behutsamer aufs Gaspedal drückten.
Der Minister schönt, wie einige seiner Vorgänger auch, die Statistik. Die zählt als Unfalltote nur jene Verunglückten auf, die innerhalb von 30 Tagen nach einem Crash sterben. Aufwendige Intensivmedizin in den Kliniken und besser ausgerüstete Unfallrettungsdienste aber sorgen dafür, daß immer mehr Schwerverletzte wenn schon nicht überleben, so doch zumindest die 30-Tage-Frist überstehen.
Das haben der Münsteraner Verkehrsmediziner Bernd Brinkmann und der Hamburger Privatdozent Klaus Püschel in einer Pilotstudie schon vor Jahren festgestellt: 1980 waren aus diesem Grund 20 Prozent der Verkehrstoten in Hamburg nicht registriert.
Die Verkehrsmediziner wiesen mit vergleichenden Untersuchungen in Schleswig-Holstein und Ostwestfalen zudem nach, daß zehn Prozent aller tödlichen Verkehrsunfälle selbst dann nicht aufgeführt wurden, wenn die Opfer binnen eines Monats starben. Viele Ärzte beachteten nicht den Zusammenhang des Todes mit dem Unfall. Auch gingen "bei der behördlichen Erfassung und Weitermeldung Todesfälle verloren".
Die Polizei nämlich berichtet über die Unfälle nicht direkt dem Wiesbadener Bundesamt, sondern den Landesämtern für Statistik. Die rechnen die Zahlen erst mal zusammen und geben sie dann nach Wiesbaden weiter. Stirbt ein Schwerverletzter innerhalb der 30-Tage-Frist, dann muß die Klinik dem Landesamt nachträglich den Todesfall melden.
Oft aber kommt gar keine Nachricht mehr vom Hospital. Viele Ärzte neigten
dazu, weiß Michael Staak vom Rechtsmedizinischen Institut der Universität Köln, bei Unfall-Patienten einen natürlichen Tod zu diagnostizieren: zum Beispiel, wenn ein älterer Verletzter nach einigen Wochen im Krankenhausbett an Lungenentzündung sterbe. Kreislaufzusammenbrüche mit Todesfolge würden oft nicht auf den Unfall zurückgeführt.
Auch am Ort des Geschehens sind viele Ärzte schnell mit der Diagnose "natürlicher Tod" bei der Hand. So steht auf dem Leichenschauschein als Todesursache häufig "Herzinfarkt", wenn auf den ersten Blick äußere Verletzungen des Opfers nicht zu erkennen sind. Staak: "Ohne Obduktion ist ein Herzinfarkt aber gar nicht festzustellen."
Der Kölner Experte schlägt daher vor, die Formulare für Totenscheine zu ändern. Künftig müsse von den Ärzten verlangt werden, ihre Diagnose genau zu begründen. Außerdem sollten sie vermerken, daß sie eine Obduktion für erforderlich halten. Nur bei einer Leichenöffnung, so das Argument, könne mit verläßlicher Sicherheit die Todesursache festgestellt werden.
Noch weiter geht der Heidelberger Oberstaatsanwalt Holger Preisendanz. Während andere Strafverfolger fürchten, ihnen würden noch mehr Fälle aufgehalst, fordert er: Ärzte müßten schon dann eine Obduktion anordnen, wenn "fremdes Verschulden in Betracht kommt".
Damit wäre, sekundiert Staak, auch den Angehörigen gedient. Sie scheuen, aus Pietät, oft vor einer Obduktion zurück. Später fehlen ihnen dann verläßliche Angaben, wenn sie sich mit den Versicherungen herumschlagen.
Für die Statistik empfiehlt Staak ein neues Verfahren. Nicht mehr jeder einzelne Unfall solle aufgelistet werden; weit besser sei es, Schwerpunktuntersuchungen über Unfälle in vergleichbaren Orten anzustellen und die Resultate dann hochzurechnen. Staak: "Dann würde die Statistik genauer, und in der Unfallforschung wären wir einen großen Schritt weiter."

DER SPIEGEL 10/1985
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